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In der Zeitung erschienen

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Keiner wird gewinnen

Mittwoch, den 24. September 2014
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Das Comedyduo Emmi und Herr Willnowsky tritt viermal im ausverkauften Theater in Kremmen auf

MAZ Oranienburg, 24.9.2014

KREMMEN
Fast wären Emmi und Herr Willnowsky am Montag nicht pünktlich in Kremmen angekommen. Irgendwo bei Velten stoppte der Zug aus Berlin und fuhr plötzlich wieder zurück. Das Comedyduo musste in Hennigsdorf abgeholt werden.
Viermal präsentieren die beiden im Theater „Tiefste Provinz“ ihr neues Programm „Keiner wird gewinnen“, und viermal ist es ausverkauft. Heute und morgen Abend stehen sie erneut auf der Bühne, um sich gegenseitig mehr oder weniger liebgemeinte Unverschämtheiten um die Ohren zu hauen. „Das Liebesleben von Kuschelmäuschen und mir ist nicht zum Besten bestellt“, sagt sie, woraufhin er sagt: „Sie ist zu dick!“ Willnowsky über seine Frau: „Meine Frau hört nachts Stimmen aus dem Kühlschrank. Vom Käse, von der Wurst und vom Kuchen. Nur der Salat sagt nie etwas.“

Mehr als zwei Stunden werfen sich die beiden die verbalen Bälle zu, wobei Willnowsky die eher derben Späße von sich gibt, während Emmi versucht, die Contenance zu halten – was ihr nicht immer gelingt.
Zwischendurch suchen sie für den Theaterleiter eine „Tagesabschlussgefährtin“ und fragen Tina aus Schwante in dem Zusammenhang, ob sie Single ist und ein Eigenheim besitzt. Das Publikum wird die ganze Zeit über liebevoll ins Programm integriert – und wenn mal ein Zuschauer aufs Klo muss, dann warten Emmi und Herr Willnowsky schon mal auf der Bühne, bis sie weitermachen können und der Klogänger mit Szenenapplaus zurückgegrüßt wird.

„Das Schöne in Kremmen ist, dass hier eine besonders angenehme Atmosphäre herrscht“, sagte Christoph Dompke, alias Emmi, am Montagabend nach der Kremmener Premiere. „Die Brandenburger haben einen guten Humor“, ergänzte Christian Willner, alias Valentin Willnowsky. „Da gibt es kaum Berührungsängste, auch bei derben Pointen, das ist toll.“
Seit 18 Jahren sind die beiden als Emmi und Herr Willnowsky unterwegs. Etwa 20 Minuten vor dem Auftritt geschieht die Verwandlung von Herrn Dompke in Frau Emmi. „Das Make-up ist ja relativ einfach.“
Ihr Programm bietet mit Absicht viel Raum für Improvisation. „Die Reihenfolge der Lieder steht fest, die Gags dazwischen sind variabel“, so Dompke. Kein Abend gleicht also dem anderen.

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Gerichtsbericht: Zehn Monate Haft auf Bewährung für Uwe K.

Mittwoch, den 17. September 2014
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Urteil im Kremmener Erntehelferprozess: Die vier Angeklagten sind für schuldig befunden worden. Opfer bekommen Geld.

MAZ Oranienburg, 17.9.2014

STAFFELDE
Nach drei Verhandlungstagen sind vor dem Amtsgericht Oranienburg gestern die Urteile gegen die vier Männer gesprochen worden, die im Mai 2013 in Staffelde zwei polnische Erntehelfer geschlagen und körperlich misshandelt haben.

Wegen schwerer Körperverletzung und Freiheitsberaubung ist der Haupttäter, der 51-jährige Uwe K. aus Staffelde, zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Er muss zudem eine Geldstrafe in Höhe von 750 Euro an „Ärzte ohne Grenzen“ zahlen. Für seinen Sohn Ralf K. lautete das Urteil acht Monate auf Bewährung und 500 Euro für die Oranienburger Behindertenwerkstatt St.Johannesberg. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Die anderen beiden Männer haben eine mildere Strafe wegen Freiheitsberaubung bekommen. Sie waren an den Misshandlungen nicht direkt beteiligt. GeraldB., der jüngere Sohn von Uwe K., muss 600 Euro an das Veltener Seniorenzentrum St. Elisabeth zahlen und erhielt eine Verwarnung. Benjamin J., ein Freund der Familie, muss Tagessätze in Höhe von insgesamt 1200 Euro zahlen.

Nur Uwe K. hatte mündlich vor Gericht ausgesagt, die Tat zugegeben und um Verzeihung gebeten. Alle vier Angeklagten zusammen haben als Täter-Opfer-Ausgleich zudem je 2000 Euro an die beiden Geschädigten gezahlt und sich in schriftlicher Form entschuldigt. Für das Gericht unter dem Vorsitz von Katrin Arbandt sorgte diese Vereinbarung am gestrigen Nachmittag für mildernde Umstände beim Strafmaß.

Am 13. Mai 2013 liefen gegen 17 Uhr drei Helfer des Kremmener Spargelhofes von einem Feld bei Flatow zu Fuß zu ihrer Unterkunft. Auf einem Waldweg sind sie von mehreren Männern angehalten worden. Zuvor hatte Ralf K. per Handy seinen Vater informiert, schließlich ist am selben Morgen auf einem Grundstück in Staffelde eingebrochen worden. K. vermutete, dass es sich um die Gesuchten handelte. Da die Saisonarbeiter kaum Deutsch verstehen, wussten sie nicht, worum es geht und wollten flüchten. Sie dachten, sie befinden sich widerrechtlich auf einem Privatgrundstück. Einer der Erntehelfer konnte flüchten. Die anderen beiden Männer wurden gejagt, geschlagen, zu Boden gerissen und getreten. Später sind ihnen die Beine gefesselt worden. Sie mussten in ein Auto steigen. Die Opfer hatten, so sagten sie es in ihrer Vernehmung, zeitweise Todesangst. Uwe K. wollte die aus seiner Sicht Verdächtigen zur Gegenüberstellung auf den Hof fahren, wo sie angeblich den Einbruch verübt haben sollen. Dort sind die polnischen Männer mit den Armen an eine Palette gefesselt worden. Erst ein Verantwortlicher vom Spargelhof rief per Telefon die Polizei.

Richterin Arbandt legte auf die Feststellung Wert, dass die Tat der Männer aus Staffelde auch dann falsch gewesen wäre, wenn die Erntehelfer tatsächlich die Einbrecher gewesen wären. Ein Anspruch auf das Jedermann-Festnahmerecht sei zudem abwegig, da man neun Stunden nach der Tat nicht davon sprechen könne, die möglichen Täter seien auf frischer Tat ertappt worden. Auch eine nur vage Vermutung reiche dafür nicht aus. Sie bezeichnete die Tat als „völlig überflüssig und überzogen“.
Zwar habe dieser Fall von Selbstjustiz, da waren sich alle einig, nichts mit einer rechtsradikalen Tat zu tun, aber Piotr Duber, der Anwalt der Opfer, warf den Begriff der Fremdenfeindlichkeit in den Raum – mit Betonung auf „fremd“. Es sei falsch, alles Fremde zunächst negativ zu sehen.

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Der Countdown läuft: Sonntag schrillt der Wahlwecker

Donnerstag, den 11. September 2014
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Acht Jugendliche aus ganz Brandenburg klären über Politik auf. Die Tour führte durch Oberhavel.

MAZ Oranienburg, 11.9.2014

OBERHAVEL
Der Wecker klingelt! Spätestens am Sonntag, wenn um 8 Uhr in Brandenburg die Wahllokale öffnen. Es ist Landtagswahl und eine Gruppe mit acht Jugendlichen hat es sich zum Ziel gesetzt, dass die Wahlbeteiligung hoch wird. „Hauptsache, sie fällt nicht
unter 50 Prozent, so wie in Sachsen neulich“, sagt Maximilian Genz. Der 20-Jährige aus Schwanebeck (Barnim) gehört zum Wahlwecker-Team, das in den vergangenen
zwei Wochen – und noch bis Sonntag – durch ganz Brandenburg reist, um die Leute zu wecken, insbesondere aber junge Leute. Am vergangenen Wochenende
war es in Oberhavel unterwegs. Im Jugendklub „T-Point“ in Leegebruch verbrachte es zwei Nächte.

Zum Wahlwecker-Team – Motto: „Aufwachen! Wählen gehen!“ – gehören acht junge Leute, darunter auch Josephin Bär (18) aus Glienicke, die unter anderen vom Landesschülerrat, vom Jugendpresseverband und vom Potsdamer Stadtjugendring kommen.
„Wir fahren mit unserem Bus zu öffentlichen Plätzen“, erzählt Thi Ngoc Truc Nguyen (18) aus Werder (Potsdam-Mittelmark). „Wir treffen uns mit Politikern aus der
Region, sprechen Jugendliche an, machen Videos, Fotos und schreiben einen Blog.“ Auf der Internetseite www.wahlwecker-tour.de sowie auf Facebook schreiben sie jeden
Tag über ihre Erlebnisse.

Erstmals dürfen bei der Landtagswahl Jugendliche schon ab 16 wählen gehen. „Das finde ich richtig“, sagt Josephin Bär. „Und eigentlich ist ja die Frage: Warum
erst ab 16?“
Gerade an Oberschulen hätten viele Schüler noch nicht gewusst, dass sie wählen dürfen, berichtet Wahlwecker-Teammitglied Thi Ngoc Truc Nguyen. „An den Gymnasien sieht das schon anders aus“, ergänzt sie.
Gleichzeitig kritisiert die Gruppe aber auch, dass sich Politiker immer weniger für die wahren Belange der Jugendlichen interessieren. Die Spitzenkandidaten würden sich dafür keine Zeit nehmen. „Es gibt Politiker, die sehr offen sind, andere aber gar nicht“,
sagt Josephin Bär. „Da läuft was schief in der Kommunikation.“
Allein das Wort „Jugendklub“ komme in vielen Wahlprogrammen gar nicht vor. „Es geht um Bildung, um Fachkräftemangel“, sagt Josephin. „Alles wichtige Themen, aber die jungen Leute kann man dafür nun mal nicht begeistern, auch wenn sie davon betroffen
sind.“ Im Wahlkampf würden die Jugendlichen meist vergessen.

Auch diesem Missstand will das Team entgegenwirken. In Oberhavel besuchten die
Wahlwecker-Leute das „Fest derFarben“ in Hennigsdorf. „Das hat Spaß gemacht“, sagt Josephin Bär. Danach traf sich ein Teil der Gruppe mit dem Glienicker Ortschronisten
Joachim Kullmann. Dabei ging es vor allem um die DDR-Geschichte des Ortes. Glienicke
ist bekannt für den „Entenschnabel“, die ehemals verwinkelte Grenze zu West-Berlin. „Die Unfreiheit in der DDR verbunden mit der heutigen Wahlfreiheit – ein
wichtiger Zusammenhang, sagt Josephin Bär. In Schwante waren sie am Sonnabend im Jugenddorf beim Kreiserntefest und beim Zwiebelkuchenfest auf dem Dorfanger.
Auch die Kulturmeile in Leegebruch steuerten sie an.

„Wir sind mit der Resonanz sehr zufrieden“, sagt Thi Ngoc Truc Nguyen. In Dallgow-Döberitz (Havelland) sind sie vom einem Team der ZDF-Kindernachrichtensendung
„Logo“ begleitet worden. Auf Facebook haben sie mehr als 600 Fans.
Am Sonntagabend treffen sie sich in Potsdam zur Wahlparty.
Eine Empfehlung für eine bestimmte Partei geben die Wahlwecker übrigens nicht. „Unsere Devise lautet: Geh’ demokratisch wählen!“, sagt Josephin Bär.

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Ab November ist die Straße frei

Mittwoch, den 10. September 2014
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Baustelle am Autobahndreieck Havelland: Restarbeiten laufen. Wolfslake bekommt Lärmschutzwand.

MAZ Oranienburg, 10.9.2014

OBERHAVEL
Noch ist das Autobahndreieck Havelland eine Großbaustelle. Bis November soll alles fertig und sollen die Fahrbahnen, Rampen und Brücken befahrbar sein. Rechtzeitig vor der Landtagswahl schaute sich Brandenburgs Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) den Stand der Arbeiten am Knotenpunkt von A24 und Berliner Ring an.

“ir haben es mit einer der wichtigsten Verkehrsachsen zu tun“, so Vogelsänger. Es handele sich um den Beginn des sechsstreifigen Ausbaus der Autobahnen A10 und A24 zwischen dem Dreieck Barnim und Neuruppin. Für den Abschnitt rund um das Dreieck Havelland bis zur Anschlussstelle Kremmen belaufen sich die Kosten auf 52 Millionen Euro. Das Land Brandenburg trägt 15 Prozent für Planungskosten, der Rest kommt vom Bund und der Europäischen Union.

Die Bauzeit blieb mit 27 Monaten im Plan. „Für eine Großbaustelle ist das eine geringe Bauzeit“, sagte Catrin Lange vom Landesbetrieb Straßenwesen. Abgesehen von kurzen Sperrungen lief der Verkehr weiter. „Staus und Unfälle haben sich in Grenzen gehalten“, so Lange weiter.
Vier neue Brücken sind gebaut worden. Damit insbesondere Lastkraftwagen vor Unfällen geschützt sind, befinden sich auf den Brücken besonders stabile Leitplanken. Das Dreieck hat nach dem Umbau eine völlig neue Struktur, die Autofahrer mussten sich in den vergangenen Monaten an neue Wege gewöhnen. Nicht ganz zufrieden ist Catrin Lange vom Landesbetrieb mit der Fahrbahnqualität. In einigen Abschnitten weisen die neuen Trassen Bodenwellen auf. Teilweise ist dort schon nachgebessert worden.

Einiges ist bis November noch in Arbeit: Nahe Wolfslake entsteht gerade ein Lärmschutzwall, um die Anwohner zu schützen. Zwischen dem Anschluss Kremmen und dem Dreieck muss noch die Fahrbahn fertiggestellt werden.
Neu an der Strecke ist ein Relief mit dem Berliner Bären. Steinmetze aus Belzig arbeiten derzeit daran. Das kleine Bauwerk entsteht vor der Brücke bei Staffelde, über die die B273 führt. Hintergrund: Die jeweils letzte Brücke vor dem Berliner Ring ist auf den Autobahnen zur Hauptstadt speziell gekennzeichnet – durch eine „Bärenbrücke“ mit dem dort dargestellten Berliner Wappentier. Die A24 ist die letzte Autobahn, bei der es das noch nicht gab.

Wann es im weiteren Autobahnverlauf in Richtung Dreieck Barnim weitergeht, ist noch unklar. Bis Sommer 2015 wird auf dem Berlin zugehörigen Teilstück zwischen Pankow und Barnim gebaut. Für die Abschnitte im Bereich Oberkrämer, Birkenwerder und Mühlenbeck stehen noch keine Termine fest.Dort laufen laut Catrin Lange Klagen gegen das Planfeststellungsverfahren. „Wir haben noch kein Baurecht.“ Anders liegt der Fall bei der A24 zwischen Kremmen und Neuruppin. Dort mangelt es an entsprechenden finanziellen Mitteln.

Pläne gibt es unterdessen auch für die Tankstelle Wolfslake auf dem westlichen Berliner Ring. Zwischen dem Kreuz Berlin-Spandau und Potsdam-Nord ist eine neue Rastanlage geplant, genaue Zeitpläne gibt es auch dort noch nicht. Werden sie umgesetzt, soll die Wolfslaker Anlage jedoch geschlossen werden.

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Für Heimweh blieb gar keine Zeit

Donnerstag, den 4. September 2014
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Lasse Gawande (16) aus Velten reiste sechs Wochen auf einem Schiff

MAZ Oranienburg, 4.9.2014

VELTEN
Sechs Wochen auf hoher See. Da bekommt jeder erst mal Muffensausen: Was mache ich denn da so lange? Lasse Gawande (16) aus Velten ist in seinen Sommerferien ganz und gar nicht langweilig geworden – trotz oder eher gerade wegen der sechs Wochen auf hoher See. Lasse war mit dem Containerschiff „Düsseldorf-Express“ unterwegs nach Nordamerika.

Der Verband der deutschen Reeder bietet ein Ferienfahrerprogramm an. Schüler ab 16 Jahren bekommen die Möglichkeit, den Alltag an Bord kennenzulernen – und natürlich dort auch zu arbeiten. Für Lasse war und ist das ein echter Traum. „Wir sind oft in Travemünde an der Ostsee“, erzählt er. „Da habe ich schon oft die großen Fähren vorbeifahren sehen.“ Es ist sein Berufswunsch, auf einem Schiff zu arbeiten, am liebsten später mal als Kapitän. „Mein Opa ist auch zur See gefahren.“ Die sechs Wochen im Sommer waren für ihn gewissermaßen die Probezeit. Zum Beispiel der Wellengang: Wie übersteht er größere Stürme auf dem Meer? Zumindest diese Frage blieb unbeantwortet: Auf seiner Fahrt herrschte meistens Windstille.

Die Reise startete in Bremerhaven und führte über Frankreich nach Veracruz in Mexiko, weiter nach Houston, New Orleans und Charleston. Dann über den Ozean zurück nach Southampton, Antwerpen und nach Bremerhaven.
„Der erste Tag war noch ein bisschen stressig“, erzählt Lasse. Da musste vor allem noch der Proviant einsortiert werden. Die Uhr, das hat er bald gemerkt, war an Bord sehr wichtig. „Ich trage sonst nie eine Armbanduhr“, so der Veltener. Für ihn gab es um 7.30 Uhr Frühstück, um 8 Uhr begann die Arbeit an Bord. „Ich musste zum Beispiel zweimal am Tag die Temperatur der Kühlcontainer ablesen.“ Auch hat er an der Maschine gearbeitet, den Verdampfer entrostet oder die Fahrstuhltüren geputzt. Außerdem musste der junge Seemann ein Rettungsmänover fotografieren. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, die Seekarten zu aktualisieren. „In der Nordsee gibt es immer wieder neue Windparks, die müssen eingezeichnet werden.“ Viele der Arbeiten waren mit Dreck verbunden. „Ich fand das aber nicht so schlimm.“ Der Großteil seiner Arbeiten haben ihm großen Spaß gemacht, wie er erzählt.
Um 10 Uhr stand die erste Pause auf dem Programm: Tee trinken. Zwischen 12 und 13 Uhr gab es das Mittagessen. „Wir hatten sehr strenge Essenszeiten“, so der 16-Jährige. „Aber ohne diese Ordnung geht es nicht.“ Sein Arbeitstag dauerte bis 15.30 Uhr, der Rest der 24-köpfigen Crew hatte zwei Stunden länger zu tun. „Abends war ich meist auf der Brücke, ich musste auch ein Logbuch führen.“ Ein Teil der Besatzung traf sich abends an der Bar, zu erzählen oder zu feiern gab es immer etwas.
Sonntags war Kirche. Allerdings hat das vormittägliche Zusammentreffen an der Bar mit der Kirche an sich nichts zu tun. „Das heißt nur so und ich weiß gar nicht, warum“, sagt Lasse und lächelt.

Heimweh? „Dafür hatte ich gar keine Zeit.“ Lasse Gawande grinst ein wenig. Denn Landgänge hatte er natürlich auch noch. „Unser Kapitän hat einen Besuch im Houston-Space-Center organisiert.“ Die mexikanische Stadt Veracruz fand er am besten. „Das Lebensgefühl dort ist ein ganz anderes.“
Inzwischen hat die Schule wieder begonnen, nächstes Jahr will er am Hedwig-Bollhagen-Gymnasium sein Abitur machen, dann möchte er eine Ausbildung zum nautischen Offiziersassistenten beginnen. In einigen Jahren ist er dann vielleicht schon „Kapitän Gawande“.

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Wie im wilden Westen

Dienstag, den 2. September 2014
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Gestern begann der Erntehelfer-Prozess: Vier Männer haben in Kremmen Selbstjustiz verübt

MAZ Oranienburg, 2.9.2014

KREMMEN
Der Fall von Selbstjustiz hatte in Kremmen und weit darüber hinaus für großes Aufsehen gesorgt. Gestern begann am Oranienburger Amtsgericht der Prozess gegen vier Männer aus Staffelde sowie aus Lüchfeld bei Neuruppin. Ihnen wird vorgeworfen, am 13.Mai 2013 in Kremmen zwei polnische Erntehelfer misshandelt und gewaltsam festgehalten zu haben.

Gegen 17 Uhr liefen drei Helfer des Kremmener Spargelhofes von einem Feld bei Flatow zu Fuß in Richtung Unterkunft. Auf einem Waldweg nahe der Kuhsiedlung zwischen Charlottenau und Orion sind sie von mehreren Männern angehalten worden. Da die Saisonarbeiter kaum Deutsch verstehen, wussten sie nicht, worum es geht und wollten flüchten. Einem von ihnen gelang das, die anderen beiden Männer, so die Anklage, wurden geschlagen, zu Boden gerissen und getreten. Später sind ihnen die Beine gefesselt worden. Sie sollten in ein Auto steigen, dazu sind sie dann gezwungen worden.
Uwe K. (51), seine Söhne (26 und 21 Jahre) und ein Freund der Familie (22) wollten die Erntehelfer auf einen Hof an der Neuruppiner Straße bringen. Dort hatten am Vormittag drei Männer versucht, in ein Haus einzubrechen. Die drei Polen hielten sie für die Tatverdächtigen. Auf dem Hof von Gudrun S. sind die Erntehelfer von Uwe K. mit den Armen an eine Europalette gefesselt worden.

Während die drei jungen Angeklagten gestern schwiegen, machte Uwe K. eine umfassende Aussage. Im Großen und Ganzen bestätigte er den Tathergang. Nach dessen Angaben sei es sein Ziel gewesen, die aus seiner Sicht Verdächtigen anzusprechen und zu befragen. Dass die Männer flüchten wollten, sahen er und seine Jungs als Indiz dafür an, dass sie den Einbruchsversuch am Vormittag verübt haben könnten. Die Polizei habe er aber nicht gerufen, erzählte er weiter. Auf recht unbekümmerte Weise berichtete er von der Gewalttat. „Die Ausmaße habe ich da noch nicht erkannt“, sagte Uwe K. gestern.
Richterin Katrin Arbandt sagte, sie habe den Eindruck, K. vertrete den Standpunkt, nichts falsch gemacht zu haben. Der berichtete daraufhin, dass er sich am Tag danach bei den beiden Erntehelfern entschuldigt habe. Klar ist unterdessen, dass die beiden Geschädigten Grzegorz M. und Leszek M. mit dem Einbruch nichts zu tun hatten. Ermittlungen haben das ergeben.
Bis heute scheinen sich aber die Vorurteile zu halten. Die Tochter der Hofbesitzerin beschreibt ihre Beobachtung der an der Palette gefesselten Männer so: „Mein Eindruck war, dass die wussten, warum die da waren.“ Dass die Männer Angst gehabt hätten, sei ihr nicht aufgefallen. Und ganz allgemein: „Das war schon wie der wilde Westen.“

Wie grausam die Tat aber war, offenbarte sich, als Grzegorz M. und Leszek M. erzählten, wie sie die Ereignisse erlebt haben. Für sie sei vollkommen unklar gewesen, was die Männer von ihnen gewollt haben. „Wir hatten Angst, sie würden uns im Wald umbringen“, sagte Leszek M. „Werden wir hier erhängt?“, fragten sie sich. Es sei eine extrem schmerzhafte Erfahrung gewesen.
Morgen wird der Prozess fortgesetzt.

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Voll im Leben

Donnerstag, den 28. August 2014
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Erika Kaatsch feiert heute ihren 80. Geburtstag. Seit sechs Jahrzehnten lebt sie in Vehlefanz.

VEHLEFANZ
Lauter Unterlagen. Und alle wichtig. Erika Kaatsch sitzt im Versammlungsraum des „Hauses der Generationen“. Sie sortiert. Die nächste Sitzung des Ortsbeirates steht vor der Tür, da muss alles vorbereitet sein. Und nicht nur das: Sie ist Ortsvorsteherin von Vehlefanz, sitzt im Gemeinderat, ist Chefin des Seniorenbeirates und kümmert sich mit um das Kreiserntefest. „Es gibt auch mal einen Tag, wo ich sage: Das ist mein Tag.“ Erika Kaatsch lächelt. „Da trödele ich auch mal, ganz ohne Druck.“ Kaum vorstellbar.
Heute feiert sie ihren 80. Geburtstag – und steht voll im Leben. „Ich fühle mich noch fit“, sagt sie. Obwohl: Ein bisschen Respekt vor dieser Zahl, vor dem Alter, hat sie schon. „Man muss inzwischen auch mal Nein sagen können.“ Was ihr schwer fällt. Sie hat gute Gene, sagt sie, und man müsse sich immer Ziele setzen. Seit gut 20 Jahren engagiert sie sich in der lokalen Politik. Nach dem Aus der Konsumgenossenschaft, für die sie bis Ende 1993 arbeitete, suchte sie sich ein neues Betätigungsfeld. „Ich bin zur Gemeinde gegangen und habe gesagt, wenn es Arbeit gibt, nehme ich sie an.“ Es gab und gibt Arbeit für sie – bis heute.

60 Jahre lang lebt sie schon in Vehlefanz. Geboren wurde sie am 28. August 1934 auf einem großen Bauernhof bei Posen im heutigen Polen. „Als Kind ging es mir gut, wir hatten eine große Wirtschaft.“ Bis zum 19. Januar 1945. Ein echter Schicksalstag. „Die russische Front war durchgebrochen, wir mussten unsere Heimat verlassen.“ Mit Pferd und Wagen, aber ohne Ziel machte sich die Familie auf Richtung Westen. Der Vater fehlte, er musste in den Krieg ziehen – und kehrte auch nicht mehr zurück. „Am Anfang haben wir gedacht, wie müssen nur über den nächsten kleinen Fluss.“
Dem war nicht so. Bei minus 15 Grad reisten sie in den Berliner Raum. Sie landeten in Börnicke im Havelland. Eine harte Zeit, die Familie – Erikas Mutter mit fünf Kindern – kam auf einem Bauernhof unter. „Wir hatten kaum etwas. Es ging ums nackte Überleben.“ Aber die Leute, bei denen sie lebten, waren nett und die Mutter hatte auf dem Hof Arbeit. „Ich glaube, wenn mein Vater aus dem Krieg zurückgekommen wäre, dann wäre mein Leben ganz anders verlaufen“, sagte sie heute. „Er hätte uns wieder eine Existenz aufgebaut. Meine Mutter konnte das nicht.“
Nach der 8. Klasse begann sie eine Lehre beim Konsum. Sie wurde Verkaufsstellenleiterin in Grünefeld. „Oft haben die Lebensmittel nicht gereicht“, erinnert sie sich. 1956 lernte sie ihren Mann Helmut kennen. „Seine Cousine war meine Freundin.“ Erika Kaatsch schmunzelt. Ein Jahr später haben sie geheiratet.
In den 70ern machte sie ein Fernstudium zur Ökonompädagogin und wurde in Oranienburg Ausbildungsleiterin in der Konsumgenossenschaft, später war sie Mitglied im Kreisvorstand beim Konsum.

Das Jahr nach der Wende brachte den nächsten Schicksalsschlag. 1990 starb ihr Mann Helmut an Lungenkrebs. Ihre Familie war es, die sie wieder aufrichtete. „Sie gibt mir Kraft, auch heute noch.“ Und Erika Kaatsch hat noch viel Kraft. Oft ist sie mit ihrem Auto unterwegs. Sie besucht ihren Sohn in Strausberg oder reist zu ihrem Elternhaus nach Polen.
Wenn das neue altersgerechte Wohnheim in Vehlefanz mal fertig ist, dann will Erika Kaatsch ein wenig kürzer treten. Ihre Aktivitäten von hundert auf null zurückschrauben kann und will sie aber nicht. Denn eines kann sie dauerhaft nicht: nichts tun.