RT liest

Bücher, Bücher, Bücher

RT liest

Susanne Fischer: Wolkenkönigin

Donnerstag, den 25. April 2019

Eigentlich heißt sie Corinna. In der Schule wurde sie oft Corry genannt, und ein paar Jungs machten daraus “Currywurst”. Und das ging ihr dann doch zu weit.
Aber jetzt ist sie auf einer neuen Schule. Sie musste mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder Jona mal wieder umziehen.
Sie sagt, sie führen ein Klapp-Leben. Denn die ständigen Umzüge der kleinen Familie sorgen dafür, dass sie sich gar nicht mal richtig einleben können. Ihr Vater lebt nicht mehr mit ihrer Mutter zusammen, er hat jetzt eine neue Familie am Stadtrand. Das macht es nicht unbedingt leichter.
Es passiert einfach, aber in der Schule nennt sie sich Marie. Was sie nicht ahnt: Dieser Name ist bei einigen in der Schule mit einer dunklen Vergangenheit versehen. Und die holt sie auch bald wieder ein, und Marie gerät mit ihnen in schwierige Situationen.

Susanne Fischer gelingt es in “Wolkenkönigin” ganz gut, sich in die Gefühlswelt eines Teeniemädchens einzufühlen. Wenn sie erzählt, wie sich sich fühlt in der neuen Wohnung und in der neuen Schule, dann kann man das gut nachvollziehen.
Sie lernt nach und nach auch neue Leute kennen, und zwei Jungs geraten näher in ihr Blickfeld. Da gibt es dann auch tatsächlich sehr schöne Momente in diesem Jugendroman, wenn Corinna mit Nico oder Marc abhängt. Eine Atmosphäre, die Susanne Fischer gut einfängt.
Am Ende aber vollzieht die Geschichte einen merkwürdigen Wandel, dann wird aus dem Roman eine ziemlich Crimestory, die zudem seltsam oberflächlich ist. Da beginnt man plötzlich, Absätze zu überlesen.

Susanne Fischer: Wolkenkönigin
Rowohlt Rotfuchs, 224 Seiten
5/10

Hits: 38

RT liest

Siina Tiuraniemi: Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad

Donnerstag, den 18. April 2019

Miska hat von seiner Mutter einen Auftrag bekommen: Er soll seine ältere Verwandte Birgitta im Pflegeheim besuchen – und ihr Blumen bringen.
Er hasst es von Anfang an. Widerwillig geht er aber doch zu ihr, um schnell festzustellen, dass Birgitta Blumen nicht besonders mag. Und irgendwie auch nicht sehr erfreut ist, Miska zu sehen. Andererseits: Er soll ihr doch bitte Schnaps bringen. Den hat er nicht, aber einen Joint, den er ihr dalässt.
Da macht ihm Birgitta ein Angebot. Wenn er öfter kommt, dann bekommt er ihr Erbe. Das will er zwar nicht, er willig dennoch ein. Das bringt Miskas Mitbewohner Ville auf die Palme…

Der Roman der finnischen Autorin Siina Tiuraniemi heißt eigentlich “Blumen für Birgitta”. Das war dem dtv-Verlag offenbar zu langweilig, und so gab er dem Roman den knalligen Titel “Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad”. Das wirkt, der Titel macht neugierig, auch wenn es letztlich nicht so wirklich um eine Frischluftvergiftung geht.
“Zum Schreien lustig” ist der Roman auch nicht, wie der dtv in der Inhaltsangabe verspricht. Aber dennoch lesenswert. Witzige Momente gibt es in der Tat, aber die Geschichte geht durchaus tiefer. Denn Miska muss sich nicht nur seiner Aufgabe stellen und sich mit Krankheiten auseinandersetzen. Es geht auch um kleine Gaunereien, um Freundschaft und irgendwie auch um Liebe.
Siina Tiuraniemi gewährt einen kleinen Einblick in ein Pflegeheim und sorgt dafür, dass sich ein junger Mann, der so vor sich hinlebt, endlich mal echte Gedanken über die wichtigen Themen des Lebens macht. Nun gut, wenn auch erst später…
Das liest sich gut, man kommt recht schnell in die Geschichte rein. Zwischendurch hängt sie zwar ein wenig durch, es gibt eingeschobene Storys, die man auch überlesen kann, aber im letzten Drittel wird es durchaus emotional.

Siina Tiuraniemi: Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad
dtv premium, 366 Seiten
7/10

Hits: 118

RT liest

Sarah Kuttner: Kurt

Montag, den 15. April 2019
Tags: , , ,

Ein großer Schritt für Lena und ihren Freund Kurt. In der Nähe von Oranienburg haben sie sich ein Grundstück mit Haus gekauft. Raus aus Berlin. Und näher zu Kurts Sohn aus erster Ehe: Kurt will Kurt nahe sein. Der wohnt nämlich mit seiner Mutter im Nachbarort Lehnitz, und von Berlin aus konnte sich der Vater kaum um seinen Sohn kümmern. Jede zweite Woche soll der kleine Kurt nun bei den beiden leben. Sie richten sich ein, es scheint alles gut zu werden.
Aber dann stirbt Kurt. Der Junge fällt in der Kita vom Klettergerüst. Keiner hat schuld. Es passiert einfach.
Eine Welle der Trauer erfasst die Patchworkfamilie, und Lena weiß nicht genau, wie sie damit umgehen soll. Ihr Freund lässt sich kaum trösten, er lässt sie nicht an sich ran.
Kann die Beziehung diese Trauer überleben?

In ihrem vierten Roman widmet sich Sarah Kuttner der Trauer. Wie umgehen mit dem Schmerz? Dabei geht es auch darum, wie man umgeht mit dem Schmerz anderer, nahestehender Menschen. Auf ergreifende Art und Weise schildert Kuttner wie das Paar zurecht kommt oder eben nicht zurecht kommt.
Sarah Kuttner hat eine wunderschöne Weise, Alltag zu erzählen. Liest man die ersten Kapitel bekommt man einen Eindruck vom Familienleben. Wie sie erzählt, wie sie die Dialoge aufschrieb, all das ist toll. Wahrhaftig und unaufgeregt.
Sie hat tatsächlich ein Grundstück bei Oranienburg, sie kennt die Gegend gut. Deshalb wird sie in diesem Roman erstaunlich detailliert beschrieben. Wir fahren mit Lena durch Oranienburg, zum Wandlitzsee, nach Rummelsburg in Berlin. Kommt in der Verfilmung, die natürlich auch dort spielen muss, sicher gut.
Den Tod des Jungen erzählt sie fast beiläufig. Passiert eben. Das kommt erschreckend, man bekommt eine Gänsehaut. Die Trauer danach ist gut beobachtet. Die Angst, die leise Verzweiflung springt einem regelrecht entgegen. Man fühlt und fiebert mit, man kämpft immer wieder mit den Tränen.
“Kurt” ist liebevoll, gefühlvoll, hat aber auch eine fröhliche und leichte Alltagsbeschreibung, die später ins Traurige abgleitet. “Kurt” geht unter die Haut.

Sarah Kuttner: Kurt
S.Fischer, 240 Seiten
9/10

Hits: 129

RT liest

Juli Zeh: Unterleuten

Donnerstag, den 4. April 2019

Irgendwo in der Ostprignitz in Brandenburg. Eigentlich ist der kleine Ort Unterleuten eine Idylle, irgendwo im Nirgendwo. Die Leute haben ihre Macken, manchmal gibt es Zoff, aber sie kommen miteinander klar.
Bis zur Gemeindevertretersitzung im Märkischen Landmann. Keiner weiß, worum es gehen soll. Es ist ein großes Geheimnis. In der Sitzung kommt es dann zum Knall: Ein Investor will am Ortskern einen Windpark erreichen. Zehn Windräder sollen es werden.
Alle fragen sich nun natürlich, auf wessem Grund die Dinger eigentlich errichtet werden sollen – wer ist der- oder diejenige, der oder die davon profitiert?
Es brechen alte Streitigkeiten wieder auf, und Ereignisse werden wieder ans Licht gezerrt, die längst vergessen waren.

“Unterleuten” könnte überall sein. Zumindest an vielen Stellen in Ostdeutschland. Denn die Autorin Juli Zeh, die selbst im Havelland lebt, hat sich in ihrem Roman damit beschäftigt, wie die Befindlichkeiten 20 Jahre nach der Wende sind. Die Geschichte spielt um Sommer 2010.
Das Buch hat ganz starke Momente. Wenn Juli Zeh in ihr Dorfuniversum eintaucht und die viele dort lebenden Menschen vorstellt, dann ist das durchaus fesselnd. Den Höhepunkt erreicht die Geschichte bei der Versammlung in der Dorfgaststätte, als die Windräder-Zukunft bekannt wird. Wie die Autorin da das Geschehnis beschreibt, ist toll.
Allerdings: Der Roman hat mehr als 600 Seiten, und diese Überlänge muss immer irgendwie gerechtfertigt sein. Aber auch “Unterleuten” hat leider Überlängen. An vielen Stellen hätte gerafft und gekürzt werden können, da überfliegt man schon mal stellenweise die Zeilen und Seiten.

Juli Zeh: Unterleuten
btb Verlag, 643 Seiten
6/10

Hits: 145

RT liest

RT Zapper: Wir sind empört! Sex, Politik und andere Skandale. Und wie das Fernsehen sie noch ein bisschen schlimmer macht – Kolumnen 2016 bis 2018

Donnerstag, den 4. April 2019
Tags: , , , , ,

(1) -> 12.6.2016

Das Fernsehen könnte so gut sein. Wenn es nicht so oft so schlecht wäre.
Wie war das eigentlich, als das ZDF aus Versehen einen Horrorfilm im Kinderprogramm sendete? Und als Jan Böhmermann wegen seines Erdogan-Zoffs plötzlich in der Tagesschau war? Als wir über den Nachbarn Boateng diskutierten? Und die Reporter plötzlich inmitten der G20-Krawalle in Hamburg standen?
Masturbierende Promis im Big-Brother-Haus, ein lieblos durch die Meere gleitendes Traumschiff und Nachrichten im Breaking-News-Modus. Es waren drei aufregende Medienjahre.

Nach dem 20-Jahre-Überblick kommt nun das zweite Buch mit weiteren Medienkolumnen von RT Zapper. Es sind 230 Texte aus den Jahren 2016 bis 2018.
Es geht um Fernsehskandale, um tolle Sendungen, um Sendungen zum Vergessen, um denkwürdige Augenblicke und darum, wie Themen von den Medien zunehmend skandalisiert werden. Und natürlich, wie Populisten das ausnutzen.
Diese 230 Texte sind auch so was wie ein Rückblick auf drei Medienjahre.

RT Zapper: Wir sind empört! Sex, Politik und andere Skandale. Und wie das Fernsehen sie noch ein bisschen schlimmer macht – Kolumnen 2016 bis 2018
Books on Demand, 312 Seiten
10000/10

Hits: 128

RT liest

Martin Sonneborn: Herr Sonneborn geht nach Brüssel – Abenteuer im Europaparlament

Dienstag, den 2. April 2019
Tags:

184.709. Das ist eine wichtige Zahl, die man kennen muss, wenn man das neue Buch von Martin Sonneborn liest. So viele Leute haben nämlich 2014 das Kreuz bei der Partei “Die Partei” gemacht. Das sind 0,6 Prozent der abgegebenen Stimmen, und das reichte für einen Sitz im Europaparlament.
Seitdem ist Martin Sonneborn Abgeordneter in eben jenem Europaparlament.
Nun könnte man sagen: Die Partei ist doch sowieso nur Satire und Reklame für das “Titanic”-Magazin. Ein wenig stimmt das vielleicht auch. Aber völlig abseits der Satire sorgt Martin Sonneborn auch immer wieder dafür, dass der Finger in die europäischen Wunden gelegt wird.

Über seine erste Legislatur in Brüssel (und Strasburg), über die “Abenteuer im Europaparlament” hat Martin Sonneborn nun ein Buch herausgegeben.
Auf sehr unterhaltsame Weise schildert er, was im Parlament abgeht, und was nicht. Wie er sich im Plenium mit den Neonazis abgeben muss, wie die deutschen Abgeordneten versuchen, eine größere Hürde einzuführen, damit kleine Parteien nicht mehr ins Parlament einziehen. Sonneborn berichtet über Martin Chulz, der später nach Deutschland abgeschoben und dort nicht Kanzler wird. Wir erfahren, wie alten Hasen wie Elmar Brocken (Brok) gerne mal zu cholerischen Anfällen neigen. Wie Beatrix von Strolch von der AfD oder Udo Voigt (NPD) auch noch da sind und wie überhaupt der manchmal etwas merkwürdige Alltag vonstattengeht.

Nun könnte man auch zu diesem Buch sagen: Satire! Aber nein, das ist es nicht. Sonneborn schildert relativ genau, was ihn stört. Die Momente, die ihm Freude machen, die Augenblicke, wo er in der Tat merkwürdig-lustige Reden hält und wie die alten Hasen auf ihn reagieren.
Das ist sehr erhellend. Auf kurzweilige Art demontiert Sonneborn dieses Parlament. Gleichzeitig ist es aber ein Plädoyer, es doch bitte endlich mal besser zu machen.
Deshalb ist dieses Buch durchaus auch eine Wahlwerbung für Die Partei.

Martin Sonneborn: Herr Sonneborn geht nach Brüssel – Abenteuer im Europaparlament
Kiepenheuer & Witsch, 427 Seiten
8/10

Hits: 149

RT liest

Karl-Dietmar Plentz / Andrea Specht: Der Brotmacher – Bäcker. Beter. Unternehmer.

Donnerstag, den 14. März 2019
Tags: , , , ,

An Karl-Dietmar Plentz kommt man in Oberhavel kaum vorbei. Die Filialen seiner Bäckerei sind u.a. in Oranienburg, Kremmen und Velten. In Schwante steht die große Backstube, dort schlägt das Herz des Unternehmens.
Aber der Bäckermeister tritt nicht nur dort in Erscheinung. ER ist in der Lokalpolitik tätig, er engagiert sich in der Region und ist bekennender Christ.
Davon erzählt er nun auch in einem Buch.
Plentz ist immer wieder zu Vorträgen eingeladen, dort erzählt er über sein Unternehmen und wie sich das mit seinem Glauben vereinbaren lässt. Immer wieder ist er gefragt worden, ob man diese Vorträge irgendwo nachlesen könne. Schließlich ist er auch von einem Verlag angesprochen worden. Die Idee eines Buches war geboren.
Gemeinsam mit der Berliner Autorin und Lektorin Andrea Specht hat Plentz 2018 viele gemeinsame Stunden verbracht. Sie haben sich über sein Leben unterhalten, er hat Anekdoten und seine Geschichte dargelegt. Sie hat das in seinen Worten in Buchform gebracht. Nun ist “Der Brotmacher” im christlichen Brunnen-Verlag erschienen. Untertitel: “Bäcker. Beter. Unternehmer.”

Das Buch spielt auf mehreren Ebenen. Plentz berichtet von seiner Jugendzeit, als er mit Freunden am Mühlensee in Vehlefanz so etwas wie Bomben gebaut hat, die dann auch tatsächlich detonierten. Das hat für ordentlich Ärger gesorgt. Das Muttersöhnchen – er ist zu Hause nie ausgezogen, die Familie blieb in Schwante bis zum Tod der Eltern immer beisammen – erzählt davon, wie er als Christ in der DDR zurecht kam. So weigerte er sich während des Kriegsdienstes zu schießen – und kam irgendwie damit durch. Viel erzählt er von seiner Familie, wie er seine Frau kennengelernt hat, wie sich das Leben mit seinen Kindern gestaltet. Plentz legt aber auch dar, wie sein Bäckerunternehmen das wurde, was es jetzt ist. Welche Kämpfe zu gewinnen waren und welche Konzepte dahinterstehen.

Wer Plentz nur als Bäcker und örtlichen Wohltäter kennt, wird in seinem Buch viel Neues über ihn erfahren. Erstaunlich offen erzählt er aus seinem Leben. Der Leser bekommt mit, welchen unglaublichen Zusammenhalt es in dieser Familie gibt. Aber auch, dass in jeglicher Hinsicht sehr viel Arbeit dahintersteckt. Arbeit, um diese Familie zusammenzuhalten, um das Unternehmen zu führen. Ein bisschen schade ist, dass gegen Ende eher nur noch eine Aufzählung verschiedener PR-Konzepte erfolgt.
Dass Karl-Dietmar Plentz tiefgläubig ist, ist keine Neuigkeit. Erstaunlich ist mitunter, wie weit dieser Glauben geht. In fast jedem der Kapitel spielt Gott eine Rolle. Es ist immer Gott, der, so sagt es Plentz, in sein Leben eingreift, es beeinflusst, es steuert und der ihm Hinweise gibt. Das kann man nicht kritisieren, es ist ein nicht veränderbarer Lebensstil. Als Außenstehender ist die Umfänglichkeit des Glaubens aber mitunter befremdlich. So wird im Buch erzählt, dass es Probleme beim Umbau der Veltener Filiale gab, die fast zum Projekt-Aus führten. Mitglieder des christlichen Unternehmerkreises trafen sich daraufhin dort zum beten, es wurde Gott geweiht. Kurz danach sei plötzlich der Brief gekommen, der das Projekt-Aus abwendete. Gottes Tat. Es ist einer der Uijuijui-Momente.
Auch erscheinen einige der familiären Erzählungen hin und wieder ein wenig zu intim. Andererseits drückt sich Plentz sehr blumig aus als vom einem Fehler die Rede ist, die fast zur Scheidung mit seiner Frau geführt habe. Aber auch da sei Gott zur Stelle gewesen.
Darauf muss und kann man sich jedoch einlassen. Auch wenn diese Erzählung einer sehr christlichen Lebensweise mitunter befremdlich erscheint – es macht das Buch nicht zu einem schlechten Buch. Nur weil man einiges merkwürdig findet und für sich selbst ablehnt, ist es dennoch interessant zu lesen. Letztlich ist es genau das, was es im Titel verspricht.

Karl-Dietmar Plentz / Andrea Specht: Der Brotmacher – Bäcker. Beter. Unternehmer.
Brunnen, 208 Seiten
7/10

Hits: 179