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Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Freitag, den 17. November 2017

Stirbt jemand, dann ist es Brauch, im Raum, in dem der Verstorbene liegt, das Fenster zu öffnen. Damit die Seele aus dem Körper und aus dem Raum schweben kann.

Karla wird sterben. Der Krebs schreitet in ihrem Körper unerbittlich voran. Und eigentlich will sie niemanden mehr um sich haben. Dann aber bekommt sie es mit Fred zu tun. Fred ist Sterbebegleiter und macht das ehrenamtlich im Auftrag eines Hospizes. Karla ist sein erster “Fall”. Sie lassen sich dennoch aufeinander ein, aber es ist schwierig. Karla stellt die Bedingungen. Sie nähern sich so nah an, dass Fred sie bittet, bei ihm und seinem Sohn Weihnachten zu feiern.
Das aber geht schief – weil Fred die Schatten von Karlas Vergangenheit nicht ruhen lässt. Der Eingriff erschüttert die Beziehung sehr. Dann ist da aber noch Phil. Freds 13-jähriger Sohn besucht Karla ebenfalls regelmäßig, um Fotos zu digitalisieren.

Susann Pásztor erzählt in ihrem Roman “Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster” vom Leben und vom Sterben. Von der Sterbenden und denen, die sich um sie kümmern.
Die verschiedenen Kapitel sind aus den verschiedenen Blickwinkeln der Protagonisten geschrieben, und das macht es spannend. Denn alle erleben diese Geschichte auf ihre Weise. Fred, der in seiner neuen Aufgabe eine Chance sieht. Phil, der verschlossen ist und durch Karla erwachsen wird. Fred und Phil, die irgendwie zueinander finden müssen. Aber auch Karla und ihr Innenleben, die Freude, der Mut, aber auch das Loslassen.
Viel Gefühl, ohne pathetisch zu sein, leicht und locker und doch absolut relevant.

Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
Kiepenheuer & Witsch, 286 Seiten
9/10

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Johannes Groschupf: Lost Boy

Montag, den 13. November 2017

Hamburg, Hauptbahnhof. Lennart steigt aus dem Zug, es ist früher Morgen, er läuft durch den Bahnhof – und er weiß nicht, wie er dorthin gekommen ist. Er weiß auch nicht, warum er dort ist. Er weiß auch nicht, was vorher passiert ist. Auch nicht, wer ihn in den Zug gesetzt hat. Er weiß nicht mal, wer er ist, wie er heißt.
Hamburg wird für einige Wochen seine Heimat. Er arbeitet auf dem Fischmarkt und lernt Jule kennen.
Die Erinnerungen kommen nach und nach wieder – und bald ist klar: Sie müssen nach Berlin fahren. Gemeinsam mit Jule reist er zurück in die Hauptstadt. Die Spur führt in eine geheimnisvolle Clubszene, zu Sounds mit schnellen Rhythmen. Der Trip wird für die beiden gefährlicher, als sie anfangs ahnen.

“Lost Boy” heißt der spannende und kurzweilige Roman von Johannes Groschupf. Seine größte Qualität sind seine Handlungsorte, die wunderbare Kulissen darstellen: der Hamburger Hafen, die Berliner Clubs, alte Bunker. Dazu die Sounds, die in diesem Buch natürlich nur beschrieben werden können – wäre “Lost Boy” ein Film gäbe das großartige Bilder.
Die ersten Kapitel sind sehr geheimnisvoll, weil natürlich auch der Leser nicht weiß, was los ist. Er ist auf demselben Stand wie Lennart, nach und nach werden alle Geheimnisse entblättert.
Gute Unterhaltungsliteratur!

Johannes Groschupf: Lost Boy
Oetinger, 235 Seiten
8/10

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Tim Krohn: Herr Brechbühl sucht eine Katze

Samstag, den 11. November 2017

Die Kapitel tragen Namen wie “Grübelei”, “Durst”, “Kränkung”, “Begeisterung” oder “Wärme”. Es sind alles menschliche Regungen. Und um diese menschlichen Regungen geht es in einer neuen Romanreihe des schweizer Autors Tim Krohn. “Herr Brechbühl sucht eine Katze” ist Band 1 aus dieser Reihe – und ist im Grunde so etwas wie die Züricher Version der “Lindenstraße”.
Denn dieser Roman spielt auch in einem Mehrfamilienhaus. Es geht um die diversen Mieter, um Jung und Alt. Darum, wie sie nebeneinander herleben, wie sich begegnen kennenlernen oder zu Freunden werden.

Da ist das junge Paar Petzi und Pit. Die beiden sind frisch verliebt und gerade zusammengezogen – und haben viel Sex. Den bekommen auch die anderen mit und sind genervt. Julia dagegen hat keinen Sex, Selina keine Arbeit, dafür aber Angebote von einem Filmproduzenten. Die Rentner Erich und Gerda kämpfen mit ihren Wehwehchen und mit ihrer Beziehung. und Herbert Brechbühl, der ist pensioniert und überlegt, was er nun tun soll.

Am Anfang ist es noch etwas schwierig, durchzusehen, denn erst nach und nach tauchen alle Figuren auf. Aber dann liest man sich fest, dann sind die Geschichten auch teilweise übergreifend. Es ist spannend zu lesen, wie sich das alles entwickelt. Es gibt lustige, tragische und spannende Momente. Und immer wieder kommen wir auf die menschlichen Regungen zurück.
Ich freue mich auf Band 2.

Tim Krohn: Herr Brechbühl sucht eine Katze
Galiani Berlin, 473 Seiten
8/10

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Vincent Pfäfflin: Querbeet durch Deutschland – Zwei Kartoffeln bereisen die Republik

Freitag, den 3. November 2017

Zwei Kartoffeln bereisen die Republik. Diesen Buchtitel kann man sehr wörtlich nehmen! Denn das Buch von Vincent Pfäfflin erzählt tatsächlich genau das. Es zeigt Kartoffeln on Tour in den verschiedensten Regionen Deutschlands.
Aber natürlich auch nicht einfach nur Kartoffeln. Sie haben Sonnenbrillen auf. Sie reiten auf Minibananen. Sie haben Mützchen auf und halten den Anhalter-Daumen raus. Sie nehmen an einer Demo in Berlin teil, schwimmen auf den Bächlein in Freiburg oder lassen durch im Spreewald-Wasser treiben.

Vincent Pfäfflin ist für seinen humorigen und durchaus auch imposanten Bildband durch ganz Deutschland gereist. Von Rügen bis Berchtesgaden sind seine Karoffeln unterwegs. Die Motive sind liebevoll, witzig, und hin und wieder entdeckt man auch spannende Details im Hintergrund. Jedes Foto ist ein kleines Kunstwerk, und man kann jedem Bild ansehen, wie viel Mühe darin steckt.
Ein schönes Buch zum Schmökern und Verschenken!

Vincent Pfäfflin: Querbeet durch Deutschland – Zwei Kartoffeln bereisen die Republik
Piper, 205 Seiten
8/10

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Moritz Riesewieck: Digitale Drecksarbeit – Wie uns Facebook & Co. von dem Bösen befreien

Donnerstag, den 2. November 2017
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Facebook, Instagram, Twitter. Überall werden jeden Tag eine Unzahl an Fotos und Videos hochgeladen. Und das nicht nicht nur lustige Selfies oder Fotos vom Essen. Darunter sind auch verstörende Bilder: harte Gewalt, Sex, Kinderpornos.
Es heißt ja immer, dass man nicht das Gefühl habe, dass Facebook und Co. etwas dagegen tun – aber das ist nicht so. Denn das meiste von diesen schlimmen Fotos bekommen wir gar nicht zu Gesicht. Das liegt nicht an irgendwelchen Computern, sondern an Menschen, die daran arbeiten, dass solches Material entfernt wird.
Aber wer ist das eigentlich? Wer kümmert sich darum? Zum Beispiel Billiglöhner auf den Philippinen.

Der Autor Moritz Riesewieck reiste zu diesen Menschen, die sich Tag für Tag solch einen Psychomüll antun müssen. Stumpfen sie ab? Was macht das mit ihnen? Und dürfen die überhaupt darüber sprechen?
Riesewieck ist es gelungen, mit einigen Leuten darüber zu sprechen. Er schreibt aber auch darüber, wieso so etwas überhaupt gepostet wird, was überhaupt die Sozialen Netzwerke mit uns machen.
Ein manchmal etwas ausschweifiges, aber dennoch sehr interessantes Essay zu einem wichtigen Thema unserer ach so modernen Zeit.

Moritz Riesewieck: Digitale Drecksarbeit – Wie uns Facebook & Co. von dem Bösen befreien
dtv premium, 304 Seiten
7/10

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Sylvain Coher: Nordnordwest

Dienstag, den 31. Oktober 2017

Mit einem Boot von Frankreich nach England. Das sollte doch kein Problem sein, findet Lucky. Das kriegen sie schon hin.
Lucky will weg, muss weg. Er, ein etwas jüngerer Typ, der einfach nur der Kleine ist, und ein Mädchen, das sie in Saint-Malo kennenlernen, verlassen das Land. Sie wollen nach England segeln. Sie klauen ein altes Segelboot, die “Slangevar”. Sie beschaffen sich noch Proviant und Benzin, und dann kann es losgehen.
Einen Tag, eine Nacht, und dann sind sie da. Davon ist Lucky überzeugt. Sie haben keine Seekarte, nur ein Seemannshandbuch.
Aber die Überfahrt dauert länger. Viel länger. England scheint sehr viel weiter entfernt zu sein, als alle dachten. Und irgendwann stellt sich die Frage, ob sie überhaupt in England ankommen.

“Nordnordwest”, das ist der Kurs, den die “Slangevar” nehmen muss, und so heißt auch der Roman vom französischen Autor Sylvain Coher. Er erzählt von zwei Jungen, einem Mädchen, einem Schiff und dem Meer.
Anfangs noch voller Mut, müssen die Jugendlichen bald auf See kämpfen. Es ist ein spannendes Abenteuer mit vollkommen offenen Ausgang. Sehr lange bleibt unklar, wie die Überfahrt endet – auf See oder irgendwo an Land.
Leider kommt die Dramatik nicht immer so klar im Text rüber, seltsam nüchtern berichtet der Autor, was sich auf dem Boot zuträgt. Zwar ist die Erzählung dramatisch, die Erzählweise ist es nicht ganz. Eine merkwürdige Diskrepanz, die ein wenig schade ist. So sorgt die Story selbst für Spannung, nicht der Stil des Autors.

Sylvain Coher: Nordnordwest
dtv, 269 Seiten
6/10

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Liza Marklund: Verletzlich

Dienstag, den 24. Oktober 2017

(12) -> 19.1.2017

Finale. Die schwedische Autorin Liza Marklund hat mit ihrer 13. Geschichte über die Journalistin Annika Bengtzon ihre langjährige Serie beendet. 1998 erschien ihr erste Roman in der Reihe in Schweden, zwei Jahre danach in Deutschland. Mit “Verletzlich” schließt sich der Kreis.

Annika muss in ihrem Leben noch einige Dinge klären. Ihr geht so viel im Kopf herum, dass sie Panikattacken bekommt. Ihr jüngster Fall ist nicht gelöst, das Opfer, ein Politiker, liegt im Koma. Außerdem muss sie ein 15 Jahre altes Verbrechen im Auftrag ihrer Zeitungsredaktion vom “Abendblatt” noch mal neu aufrollen – eine Reise auch in ihre eigene Vergangenheit.
Damit nicht genug: Annikas Schwester ist verschwunden. Sie hatte keinen engen Kontakt mehr mit ihr, aber sie hat ihr zwei SMS geschrieben. Hilferufe. Annika muss rausfinden, was passiert ist – und vor allem: wo ihre Schwester ist.
Unterdessen erfährt Annika, dass die Printausgabe des “Abendblattes” demnächst eingestellt wird. Ist ihr Job in Gefahr? Was wird die Zukunft bringen?

Fast zwei Jahrzehnte konnten wir Annika Bengtzon in ihrem Journalistenalltag begleiten. Wir haben erlebt, wie sich die Presse und die Medien in dieser Zeit gewandelt haben, welche Probleme und Trends aufploppten. Aber wir haben auch Annika selbst lang begleiten dürfen. Dass nun Schluss ist, ist schade, denn es hätte allein in dieser Hinsicht bestimmt noch sehr viel zu erzählen gegeben.
In diesem letzten Roman lässt Liza Marklund ihre Hauptfigur noch mal in sich gehen. Das macht auch diesen Roman spannend – wenn auch vermutlich nur für Fans der Reihe. Ob “Verletzlich” auch als einzeln gelesener Roman funktioniert, müssen entsprechende Leser sagen.
Marklund konnte ihr hohes Niveau leider nicht ganz halten, Vorgängerfälle waren weit mehr spannender. Aber Bengtzon selbst und das “Universum” drumherum sind interessant genug, dass auch das Finale lesenswert ist.

Liza Marklund: Verletzlich
Ullstein, 348 Seiten
7/10