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Bücher, Bücher, Bücher

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Gavin Ford Kovite / Christopher Gerald Robinson: Der Krieg der Enzyklopädisten

Donnerstag, den 20. Juli 2017

Es ist ein Jahr, das Mickey, Halifax und Mani verändern wird. Das wissen sie am Anfang aber natürlich noch nicht. Alles beginnt am Unabhängigkeitstag in Seattle. Da geben die Freunde eine Party – ein Kunstspektakel, und Mickey und Hal nennen sich die Enzyklopädisten. Als solche philosophieren sie über sich und die Welt.
Aber diese Welt verändert sich. Mickey wird mit seiner Armeeeinheit nach Bagdad abkommandiert, er wird sich mit dem dortigen Krieg befassen müssen. Mit Bomben, mit Schicksalen.
Halifax muss allein studieren, und mit seiner Freundin Mani funktioniert es auch nicht mehr so richtig. Soll er sie verlassen? Und was soll er überhaupt mit seinem Leben anfangen?

Gavin Ford Kovite und Christopher Gerald Robinson erzählen in “Der Krieg der Enzyklopädisten” von einer Gruppe junger Leute, die sich innerhalb eines Jahres mehrfach entscheiden müssen, wie es in ihrem Leben weitergeht.
Der Leser begleitet sie auf ihrem Lebensweg. Bei ihren Zweifeln, ihren Diskussionen, ihren schönen und niederschmetternden Erlebnissen.
Es dauert allerdings ein wenig, bis man sich eingelesen hat. Bis überhaupt klar wird, was die beiden Autoren überhaupt erzählen wollen. Erst wenn man die Protagonisten näher kennengelernt hat, fiebert man ein wenig mit. Wobei der Roman ohne besondere Höhepunkte auskommt. Ein paar dramaturgische Wendungen hätten der Geschichte durchaus gut getan.

Gavin Ford Kovite / Christopher Gerald Robinson: Der Krieg der Enzyklopädisten
Berlin-Verlag, 608 Seiten
6/10

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Daniel Höra: Gedisst

Mittwoch, den 12. Juli 2017
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Schwedt: Viel passiert nicht in der kleinen Stadt am Rande von Brandenburg. Alex und seine Freunde hängen rum.
Alex hat einer Frau, der er geholfen hat, 50 Euro geklaut. So weit, so schlecht. Aber dann kommt es ganz dicke: Die Frau wird kurze Zeit später erschlagen in ihrer Wohnung aufgefunden.
War es Alex? Der Verdacht fällt auf ihn. Es gibt Vorverurteilungen, sogar Demos. Alle sind sie gegen ihn, obwohl nichts bewiesen ist.
Aber immerhin bekommt ihr doch unerwartete Hilfe. Zwei Freunde wollen seine Unschuld beweisen.

“Gedisst” heißt der Roman von Daniel Höra. Der Autor schreibt immer wieder über gesellschaftliche Missstände. Seine Jugendromane spielen an den Brennpunkten unseres Landes.
So auch diese Geschichte: über Jugendliche, die sich in Schwedt im Abseits empfinden. Über einen jungen Mann, der sich mit einer kritischen Masse und Vorwürfen auseinander setzen muss.
Leider gehört “Gedisst” aber nicht zu Höras besseren Romanen. Man wird als Leser seltsamerweise kaum in die Geschichte hineingezogen, was vor allem am etwas wirren und unentschlossenen Anfang liegt.

Daniel Höra: Gedisst
bloomoon, 224 Seiten
5/10

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Albrecht Selge: Die trunkene Fahrt

Donnerstag, den 6. Juli 2017

Auweia.
Wenn der Rowohlt-Verlag auf den Umschlag schon schreiben muss, wie toll irgendwelche Kulturfritzen das Vorgänger-Buch fanden, dann sieht es ja eher düster aus.

Albrecht Selge schreibt in seinem Roman über “Die trunkene Fahrt” von vier Männern, die in einem Panda durch Südtirol unterwegs sind. Dabei palavern sie rum, kommen an irgendwelche Orte und palavern weiter.

Der Rowohlt-Verlag sagt, das sei aberwitzig. Dabei ist das leider überhaupt nicht witzig. Und nicht nur nicht witzig, sondern auch nicht gut geschrieben.
Mal abgesehen davon, dass ich überhaupt nichts damit anfangen kann, wenn ein Autor das Wort “und” durchgängig mit “u.” abkürzt. Selge hat ein eher unterdurchschnittliches Gefühl für besprochene Sprache und für menschliche Laute. Sätze, die immer mal wieder durch “hihi” unterbrochen werden, funktionieren nur selten. Oder gibt es wirklich Leute, die immer im Satz “hihi” sagen?
Es wird geschwurbelt, langweilig dahingelabert. Und warum das alles überhaupt stattfindet, ist auch nicht so richtig klar.
Leider völlig misslungen, und leider ahnt man das schon nach zehn Seiten.

Albrecht Selge: Die trunkene Fahrt
Rowohlt Berlin, 282 Seiten
0/10

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Antonia Michaelis: Die Attentäter

Mittwoch, den 5. Juli 2017
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Der 25. Dezember soll es sein: der “Tag des Blutes” in Berlin. Mehrere Anschläge sind geplant, und niemand ahnt etwas davon. Fast niemand.
Cliff, Alain und Margarethe waren immer ein Team, irgendwie. Die junge Frau stand aber immer auch zwischen den Jungs, zwischen denen immer eine Faszination herrscht.
Aber Cliff macht merkwürdige Veränderungen durch. Er konvertiert zum Islam, und eines Tages verschwindet er. Als er wieder auftaucht, hat Alain einen furchtbaren Verdacht. Er folgt Cliff auf Schritt und Tritt und findet raus: Cliff soll für den Islamischen Staat, den IS, Anschläge planen – an eben jenem 25. Dezember.
Alain muss etwas dagegen unternehmen.

Unter dem Eindruck der Anschläge von Paris im November 2015 schrieb Antona Michaelis ihren Roman “Die Attentäter”. Die Autorin versucht hinter die Kulissen von Menschen zu blicken, die ihr Leben von Grund auf ändern, dessen Leben immer ein Kampf war und die im IS-Terror irgendwas zu finden scheinen, das ihnen etwas gibt.
Manchmal ein wenig ausschweifend und atemlos schildert Michaelis, den Weg der Jugendlichen. Ganz zart wird angedeutet, was sich zwischen den drei jungen Leuten abspielt.
Eine streckenweise sehr interessante Mischung aus Liebes- und Terrorgeschichte, die unweigerlich zu einem Showdown führt.

Antonia Michaelis: Die Attentäter
Oetinger, 431 Seiten
7/10

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Matt de la Peña: Under Water

Samstag, den 24. Juni 2017

Ferienjob mit Urlaubsfeeling: Shy arbeitet auf einem Kreuzfahrtschiff. Er gibt die Handtücher aus, muss aufräumen, sich um die Gäste kümmern. Aber irgendwas stimmt nicht. Er wird beobachtet. Sein Zimmer wird durchwühlt. Irgendwer scheint etwas gegen ihn zu haben. Aber Shy hat keinen blassen Schimmer, worum es geht.
Doch dann interessiert das alles erst nicht mehr: In Kalifornien gibt es ein gewaltiges Erdbeben. Es löst mehrere Tsunamis aus. Das Schiff wird von den Riesenwellen getroffen. Sky schafft es mit weiteren Personen gerade so in ein Rettungsboot. Damit sind seine Probleme aber keineswegs gelöst.

Der Autor Matt de la Peña wollte mit seinem Roman “Under Water” so einiges: Ein bisschen Urlaubsgefühl. Ein bisschen Teenie-Liebesdrama. Ein bisschen Thriller. Und die ganz große Katastrophe mit allem Drum und Dran.
Und auch der dtv scheint nicht so richtig gewusst zu haben, was mit der Story anfangen sollen. Im Original heißt das Buch “The Living”, und eigentlich spielt es fast nie under Water. Zudem könnte man meinen, wenn man den Umschlag liest, dass die Katastrophe einzig und allein im Mittelpunkt steht, dabei beginnt sie erst im zweiten Drittel des Romans.
Deswegen kommt der Wechsel in der Story auch sehr plötzlich (andererseits: Katastrophen kommen immer plötzlich), und alles ist ganz plötzlich besonders groß, besonders dramatisch, besonders unheilvoll.
Das ist in einigen Momenten großes Kino – mitunter aber leider doch auch anstrengend. dennoch liest sich das ganze sehr flüssig, und spätestens wenn das Inferno losbricht, kann man das Buch auch nicht mehr aus der Hand legen.

Matt de la Peña: Under Water
dtv, 348 Seiten
7/10

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Ralf König: Herbst in der Hose

Freitag, den 23. Juni 2017

Wenn wir Kinder sind, freuen wir uns, wenn wir an unserem Geburtstag wieder ein Jahr älter geworden sind. Aber irgendwann kommt der Tag, wo es uns schlagartig auffällt: Wir werden älter.
Paul Niemöser ist jetzt 48, und scheinbar er hat nun seine Andropause erreicht. Er braucht eine Brille, die Haare werden grau – und, nun ja, er ist im Club nicht mehr der erste, der einen abkriegt. Und wenn doch, dann fällt es irgendwie doch auf, dass er bei Gayromeo immer noch 45 ist und immer noch der Potenzhirsch.
Und so wird Paul zunehmend missmutig und depressiv.

Aber natürlich sorgt der Comiczeichner Ralf König dafür, dass wir es nicht mit einem hochdepressiven, traurigen Buch zu tun haben. Es geht um den “Herbst in der Hose”. Wir sehen einen Mann und seinen langjährigen Freund. Paul, der nicht wahrhaben will, dass er älter wird. Der nichts unversucht lässt, die Libido aufrecht zu erhalten.
Ralf König erzählt das alles sehr liebevoll, an vielen Stellen lustig, auch mal melancholisch. Er hat in dem Comic ein kleines Universum sympathischer Leute geschaffen, die einem im Laufe der mehr als 170 Seiten irgendwie ans Herz wachsen. Und wer noch nicht 48 ist – und im Laufe der Geschichte wird Paul auch noch älter – wird ahnen: Irgendwie wird das alles gar nicht so schlimm – wenn auch anders.

Ralf König: Herbst in der Hose
Rowohlt, 175 Seiten
9/10

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Herbert Beckmann: Verrohung

Montag, den 12. Juni 2017
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Eli Mattay (39) ist Profiler in Berlin. Er und seine Kollegen bekommen es mit einer Reihe von grauenvollen Taten zu tun.
In einem großen Kino am Potsdamer Platz werden einer jungen Frau die Haare angezündet. Haarspray und Kunsthaarteile lassen die Pracht wie Zunder brennen. Das Entsetzen ist groß. Was hinter dieser Tat steckt, ist zunächst vollkommen unklar.
Wenig später kommt es zu einem weiteren Zwischenfall, und wieder auf dem Potsdamer Platz. Ein älterer Herr, ein russischer Einwanderer, wird von Unbekannten an einer Bushaltestelle vor einen ankommenden Bus gestoßen.
Während einer Demonstration wird eine Frau erstochen, und beim Karneval der Kulturen kommt es zu einem Angriff auf einen Jugendlichen.

Diese Kriminalfälle haben ein riesiges Potenzial. Die Schauplätze spielen im Brennpunkt von Berlin, sie sind großes Kino. Aber der Roman “Verrohung” von Herbert Beckmann hat ein großes Grundproblem: Er ist komplett in Ich-Form geschrieben. Wir erfahren von vorn bis hinten, wie Eli Mattay diese Fälle erlebt. Das aber führt dazu, dass wir all diese Taten, die da geschehen, nur im Nachhinein erzählt bekommen. Das nimmt leider sehr viel von der Spannung und lässt kaum Atmosphäre aufkommen. So wir aus einem großen Berlin-Roman doch leider nur eine kleine Geschichte. Zudem nerven die manchmal seltsamen Gedankeneinschübe von Mattay, und stellenweise ist die Schreibweise des Romans auch nicht all zu virtuos.
Der Autor hat sich an sich eine tolle Story einfallen lassen. Die Umsetzung ist eher lahm.

Herbert Beckmann: Verrohung
Gmeiner, 315 Seiten
4/10