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Lindsey Lee Johnson: Der gefährlichste Ort der Welt

Mittwoch, den 15. August 2018

Mill Valley ist ein kleines Städtchen ganz in der Nähe der Metropole San Francisco. Alles könnte gut sein. Aber das ist es nicht. Nicht immer, jedenfalls.
Für Tristan Bloch zum Beispiel nicht. Er hat seiner Angebeteten einen Liebesbrief geschrieben. Die hat aber nichts Besseres zu tun, als ihn ihren Freunden zu zeigen. Daraufhin bricht auf Facebook ein Shitstorm los. Für Tristan ein Schock, von dem er sich nicht mehr erholt.
Nach einer feucht-fröhlichen Party kommt es zu einem schweren Unfall, und natürlich war Alkohol im Spiel. Für Calista endet der Unfall tragisch – sie wird nie wieder tanzen können. Und das war ihr Lebenstraum. Als sie wieder nach und nach ins Leben zurückfindet, muss sie feststellen, dass sie auch ihre Freunde verloren hat. Wieder spielt Facebook eine Rolle.

Das Leben in der Kleinstadt kann die Hölle sein. Alles ist kleiner, kompakter als in der Großstadt: “Der gefährlichste Ort der Welt”. Klatsch spricht sich dafür aber rum wie ein Lauffeuer, und die Opfer des Klatsches gehen durch die Hölle. Die Autorin Lindsey Lee Johnson führt ihre Leser in diese Kleinstadt und stellt die Clique vor, die einerseits immer zusammenhängt, anderseits wenn es hart auf hart kommt, aber auseinanderbricht – und Hass und Missgunst sät.
Der Anfang des Romans ist sehr stark und zieht den Leser schnell rein. Sowohl die Erzählweise ist außergewöhnlich, der Inhalt ist packend. Zwischenzeitlich flaut die Spannung aber leider wieder ein bisschen ab, weil ihre Geschichte auch eher episodenhaft sind, die nicht alle überzeugen können. Das ist wirklich sehr schade. Aber ab der Unfallgeschichte ändert sich das wieder. Das hohe Niveau des Anfangs wird aber leider nicht mehr erreicht.

Lindsey Lee Johnson: Der gefährlichste Ort der Welt
dtv, 303 Seiten
6/10

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Hape Kerkeling: Frisch hapeziert – Die Kolumnen

Samstag, den 11. August 2018

Hape Kerkeling hat sich schon vor einigen Jahren mehr oder weniger aus dem Showgeschäft zurückgezogen. Im Fernsehen macht er kaum noch was – oder eher: nichts mehr.
Im vergangenen Jahr war er immerhin noch regelmäßig mit einer Kolumne in der “Gala” vertreten. Als Zweitverwertung sind diese Kolumnen nun als Buch erschienen.
Allerdings sollte man davon nicht so viel erwarten.

An sich ist es ganz nett, dass Kerkeling über sein Lieblingsthema, die Royals, schreibt. Oder über den Eurovision Song Contest. Über Mücken im Sommerurlaub, über den Wahlkampf oder TV-Köche.
Aber leider bleibt Kerkeling da ziemlich an der Oberfläche. In einer Kolumne kann man auch keinen Tiefgang erwarten, aber auch inhaltlich kommt meist relativ und erstaunlich wenig rüber.
Was wirklich extrem nervig ist, dass in jedem – in wirklich jedem – der gut zwei Buchseiten langen Texte Kerkelings angeblich zweitbeste Freundin Gudrun vorkommt. Das mag in einer wöchentlichen Kolumne nett sein, in einem Buchformat geht es einem einfach nur auf den Keks. Da funktioniert der Running Gag nicht. Zumal man sich jedes Mal ärgert und sich fragt: Zweitbeste? Wer ist denn die beste? Und warum kommt die nicht vor?
Nein, Hape, “Frisch hapeziert” ist leider alles andere als frisch. Und für eine Zweitverwertung mit nicht mal 200 Seiten, sind 11 Euro wirklich happig.

Hape Kerkeling: Frisch hapeziert – Die Kolumnen
Piper, 176 Seiten
3/10

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Thilo Bock: Senatsreserve

Dienstag, den 7. August 2018
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2018. Gerade stand mal wieder in der Presse, dass irgendwie und irgendwer darüber nachdenkt, die Berliner U-Bahn-Linie 8 bis ins Märkische Viertel zu verlängern.
1988. Karsten Grube ist 20, als er sich als Praktikant beim “MV Kurier” bewirbt. Das kostenlose Blättchen wird im Märkischen Viertel in Berlin-Reinickendorf verteilt, und eines der brandheißen Themen: die immer noch ausstehende Verlängerung der U8 ins MV. Die ist nämlich immer wieder versprochen worden, und Karsten und der Redakteur Martin Horn sind da einer echten Verschwörung in diesem Zusammenhang auf der Spur. Bei ihren Recherchen geraten die beiden allerdings in die etwas schmutzige Welt der Bordelle und dunklen Geschäfte.
Karsten selbst hat unterdessen mit seinem Privatleben zu kämpfen. Er ist mit Simone zusammen, aber ihre Mutter Christel hat es ihm auch angetan. Und sein Vater nervt – er bringt nämlich ständig irgendwelchen Kram mit, der aus der Senatsreserve West-Berlins stammt.

Thilo Bock hat mit “Senatsreserve” einen Roman geschrieben, der viele interessante Ansätze hat. Da ist einerseits der sehr interessante Einstieg, als Karsten in das Leben eines Reinickendorfer Lokalreporters eintaucht. Dann natürlich die Story um die U8 und um die Senatsreserve. Einen Einblick in die West-Berliner Provinz 1988/89 ist so oder so schon ungewöhnlich und interessant.
Das alles ist also durchaus gut zu lesen, wirkt aber an einigen Stellen seltsam unausgegoren. Schon allein, dass die U8-Geschichte irgendwie auf der Stelle tritt, nervt irgendwann. Das Ganze tritt seitenlang auf der Stelle, die Puffgeschichten sind abstrus. Auf die Senatsreserve wird letztlich gar nicht wirklich eingegangen, sie spielt immer nur eine Nebenrolle. Karstens Privatgeschichten werden erst im Laufe des Buches interessanter.
Am merkwürdigsten aber ist im dritten Kapitel die plötzlich wechselnde Erzählperspektive. Erzählt davor Karsten die Geschichte, wird dann alles in der dritten Person erzählt, und plötzlich ist auch immer nur von “Horn” und “Grube” die Rede. Das wirkt unangemessen spröde, und wieso es zu diesem Wechsel kommt, ist vollkommen unklar.
So ist “Senatsreserve” grundsätzlich eine packende Geschichte – wirkt aber leider vollkommen unfertig und hätte an einigen Stellen noch mal bearbeitet werden sollen.

Thilo Bock: Senatsreserve
Frankfurter Verlagsanstalt, 320 Seiten
6/10

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Charlotte Caspa: Und dafür hab ich mir die Beine rasiert? Die ganze Wahrheit über Liebe, Sex und die Suche nach dem großen Glück

Mittwoch, den 1. August 2018

Dies ist ein trauriges Buch. Ein Buch mit genau 433 traurigen Wahrheiten.
Die freie PR-Beraterin Charlotte Caspa hat für ihre Sammlung in verschiedenen Themengebieten geforscht und gesammelt. Es gibt lauter Wahrheiten über Männer, Frauen, Sex, über Freundschaften, die Familie, Partnerschaften oder das Glück.
Dabei sind einige der Wahrheiten schlicht ein Fakt, anderen schiebt die Autorin aber auch ergänzende Ausführungen hinzu.

Über Männer erfahren wir u.a.: Glückliche Männer sind unbeliebt. Ab 50 schnarcht jeder zweite Mann. Hungrige Männer mögen dicke Frauen.
Über den Körper und Gesundheit: Es kann sein, dass Sie die Kleidung, in der Sie sterben, gerade anhaben. Sterben kostet mindestens 2500 Euro.
Über den Job: Ihr Chef macht Sie depressiv – nicht die Arbeit. Multitasking ist ein Mythos.
Über Freunde: Für eine neue Liebe verlieren Sie zwei Freunde. Freundschaft ist echte Arbeit.

Vieles in diesem Buch ist bekannt, aber hin und wieder verblüffen die Wahrheiten. Der Satz mit der Kleidung, in der wir sterben – der knallt erst mal ordentlich rein. Auch wenn sie logisch sind, aber darüber denkt man ungern nach.
“Und dafür hab ich mir die Beine rasiert?” ist ein ziemlich doofer Titel für das Buch. Ehrlicherweise braucht man es auch nicht, aber manchmal ist es dann doch ganz interessant.

Charlotte Caspa: Und dafür hab ich mir die Beine rasiert? Die ganze Wahrheit über Liebe, Sex und die Suche nach dem großen Glück
ro ro ro, 255 Seiten
6/10

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Friedrich Ani: Durch die Nacht, unbeirrt

Dienstag, den 31. Juli 2018

Wo ist Isa? Mingo ist besorgt. Es lief doch gerade so gut. Sie hatten sich immerhin schon mal geküsst. Und jetzt ist sie weg. Er muss sie finden, egal, was seine Eltern und alle anderen sagen.
Das ist für Mingo sowieso nicht relevant, denn der junge Mann hat eh kaum Freunde, und mit seinen Eltern kommt er auch nicht wirklich klar.
Dass Isa weg ist, scheint keinen großartig zu interessieren. Jeden, den er fragt, weiß nichts. Aber irgendwas stimmt da nicht, da ist sich Mingo sicher. Und tatsächlich: Bald hat er eine heiße Spur, und sie ist entsetzlich.

“Durch die Nacht, unbeirrt” ist im Jahr 2000 schon einmal erschienen. Nun ist der Roman von Friedrich Ani noch einmal neu aufgelegt worden.
Ani erzählt die Geschichte eines Jugendlichen, der scheinbar nirgendwo richtig integriert ist – vor allem, weil er sich nicht integrieren lassen will. Als er aber Isa kennen lernt, da ändert sich was. Mingo fasst Lebensmut, der aber von den Ereignissen um das Mädchen jäh wieder zerstört wird.
Interessant ist die Rolle eines Journalisten in dieser Geschichte, Andras Kettelbach. Der Enddreißiger entdeckt Mingo im Wald, und die beiden freunden sich an – irgendwie. Aber auch bei Kettelbach scheint einiges im Argen zu liegen.
Allerdings erscheint die Geschichte anfangs etwas spröde, sie zieht den Leser kaum rein. Erst im letzten Drittel ändert sich das, und die Momente, in denen Mingo und Andras sich öffnen – die haben etwas seltsam geheimnisvoll Magisches.

Friedrich Ani: Durch die Nacht, unbeirrt
dtv Hanser, 287 Seiten
6/10

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Otto Waalkes: Kleinhirn an alle – Die große Otto-Biografie

Samstag, den 21. Juli 2018

Echt schon 70? Otto Waalkes begleitet mich mein ganzes Leben. In den 80ern schon hatte ich meine erste Otto-Kassette: “Oh, Otto!”, ein West-Import, und als die Otto-Filme auch die DDR-Kinos erreichten, waren die natürlich Pflicht.
Im Jahr seines runden Geburtstages hat Otto Waalkes nun seine Biografie vorgelegt: “Kleinhirn an alle”. Ein Titel, der natürlich an einen Sketch erinnert, in dem die Körperorgane des Menschen miteinander kommunizieren.

In seinem Buch berichtet Otto von seiner Kindheit und der Jugend. Von seinen musikalischen Anfängen, denn schon in jungen Jahren war er Mitglied in einer Band. Rund um Hamburg folgten dann die ersten Bühnenauftritte, die zunächst eine Art Geheimtipp waren. Und irgendwie ist der Komiker quasi in seine Erfolge reingestolpert. Man nahm das Programm auf, verkaufte es in einem einzigen Laden – und daraus wurde ein Mega-Erfolg. Und die Geschichte nahm seinen Lauf.

Otto erzählt davon, was ihn antreibt, wer seine Vorbilder waren, wie seine Komik entstanden ist. Er hätte allerdings gern ausführlicher über seine Bühnenprogramme und auch über seine Filme schreiben können. An vielen Stellen fängt er ein Thema an, um mittendrin abzuschweifen und zu einem völlig anderen Aspekt zu kommen. Auch die Einschübe, in denen er seine Vorbilder genauer vorstellt und auch Zeitgeschehen wiedergibt, sind nicht ganz so spannend – weil ausschweifend.
Ansonsten ist es aber interessant, zu lesen, dass Otto selbst klar ist, dass er seit Jahrzehnten mitunter dieselben Sketche bringt – er sagt aber auch, warum das so ist. Auch dass er eigentlich keinen fünften Film (”Otto – Der Katastrofenfilm”) drehen wollte, liest man in diesem Buch. Otto lässt auch seine Tiefpunkte nicht aus.
Eine Biografie, die an vielen Stellen interessant zu lesen ist, aber auch ihre Längen hat.

Otto Waalkes: Kleinhirn an alle – Die große Otto-Biografie
Heyne, 416 Seiten
6/10

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Katharina Weiß: Sommernachtsjugendewigkeit

Freitag, den 20. Juli 2018

Eines muss man der jungen Autorin Katharina Weiß (17) lassen: Beim sperrigen Buchtitel bleibt man erst mal hängen. Sommernachtsjugendewigkeit. Ein bisschen schaurig.

Aber es ist eben Sommer. Eine Gruppe Jugendlicher reist durch Deutschland – nach Hamburg, dann nach Berlin. Sie wollen etwas erleben, ihre Ferien oder die Zeit nach dem Abschluss genießen. Spontan suchen sie sich ihre Nachtstätten, sie erleben das Hamburger Partyleben, versacken auf einer Privatparty.
Und immer wieder sitzen sie zusammen und machen sich Gedanken über das Leben, die Liebe, die Gesellschaft ujnd über das, was sie eigentlich ausmacht.

Die Handlung in diesem Roman mit dem Wortungetüm ist erstaunlich dünn. Es gibt viele Leerläufe in dieser Geschichte, die irgendwie selten bis nie auf irgendetwas zusteuert. Es passiert halt immer irgendwas.
Das bedeutet allerdings nicht, dass das Buch überaus langweilig ist. Das ist es auch nicht. In den Beziehungen der Jugendlichen gibt es dann doch immerhin noch den einen oder anderen spannenden Aspekt, ansonsten fliegt man aber eher über die Seiten.
So sparsam wie die Handlung war der Verlag auch bei der Gestaltung des Covers – vorn und hinten ist genau dasselbe Foto zu sehen – wie auch auf der ersten und letzten Buchseite dieselbe Bilder-Kombination abgedruckt ist. Da hat man sich leider auch nur wenige Mühe gegeben.
“Sommernachtsjugendewigkeit” kommt mit einer interessanten Grundidee daher, aber in der Umsetzung ist es dann doch eher enttäuschend.

Katharina Weiß: Sommernachtsjugendewigkeit
Schwarzkopf & Schwarzkopf, 213 Seiten
5/10