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Sven Stricker: Mensch, Rüdiger!

Dienstag, den 16. Oktober 2018

“Stricker kann schreiben!”, schreibt Bjarne Mädel auf dem Buchrücken des Romans von eben jenem Sven Stricker. Dabei ist ja nicht die spannende Frage, ob Stricker schreiben kann. Denn immerhin ist ja ein Buch von ihm erschienen. Spannend ist: ob er gut schreiben kann.

Rüdiger feiert seinen 40. Geburtstag. Wobei: Das Feiern wird ihm noch vergehen. Er ist Lehrer, und mitten im Unterricht wird ihm klar: Er hat keinen Bock mehr. Als er nach Hause geht, entdeckt er dort aber seine Frau mit ihrem Lover. Einem Lover, den sie schon seit Jahren hat. Fluchtartig verlässt er das Haus.
Tom hat eine Schreibblockade. Sein Bestseller ist schon vor einigen Jahren erschienen, seitdem kam nichts mehr. Er sitzt nun an der Supermarktkasse, aber auch er hat genug.
Die beiden treffen sich auf einer hohen Brücke – um zu springen. Machen sie dann aber doch nicht, stattdessen wollen sie ein paar Tage testen, ob sie nicht doch lieber weiterleben wollen.

Bis zu dieser Stelle auf der Brücke hat “Mensch, Rüdiger!” viel Witz. Der Roman ist temporeich geschrieben, und durch die parallel erzählten Geschichten entsteht auch ein Tempo.
Doch als die beiden gemeinsam unterwegs sind, verflacht der Roman von Seite zu Seite. Die Geschichte zieht sich, bemüht sich um merkwürdige Situationskomik-Momente, die aber platt sind.
Mit mehr als 400 Seiten ist dieser Roman zudem viel zu lang geworden, das Potenzial hat die Geschichte leider nicht. Toller Beginn, flaue Fortführung. Sehr schade.

Sven Stricker: Mensch, Rüdiger!
ro ro ro, 415 Seiten
4/10

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Ulrich Woelk: Nacht ohne Engel

Dienstag, den 9. Oktober 2018
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Vincent ist Taxifahrer in Berlin. Als eine Frau bei ihm auf dem Rücksitz mitfährt, überlegt er: Kennt er sie? Er kennt sie. Es ist Jule, die er 25 Jahre lang nicht gesehen hat.
Es war 1991, als der Golfkrieg begann. Als in Berlin an der Siegessäule dagegen demonstriert worden ist, als die Menschen alle nervös und ängstlich waren.
Und als Vincent und Jule verliebt waren.
Aber was ist davon übrig geblieben? Und was sie 25 Jahre lang gemacht. Was hat Vincent damals erlebt?
Sie verabreden sich, dass sie am Abend miteinander reden wollen.

Der dtv verspricht im Klappentext ein bisschen zu viel. Da heißt es, sie hätten eine Nacht, um sich ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Das ist nciht ganz falsch, aber es erweckt auch einen falschen Eindruck.
Man könnte erwarten, dass “Nacht ohne Engel” von Ulrich Woelk davon handelt, wie sich zwei Leute unterhalten, vielleicht in einem Café oder auf dem Weg durch Berlin.
Aber die Lebensgeschichten – also eigentlich die Zeit 1991 und dann Vincents Leben, Jules wird eher nebenher erzählt – werden in Rückblenden eingestreut, die aber auf diese Weise leider kaum packen können. Zwar ist die Beschreibung der gesellschaftlichen Situation 1991 interessant, die Umsetzung dieser Erzählung der Lebensgeschichten ist jedoch leider nicht wirklich gelungen.
So erreicht dieser Roman nie eine echte Dichte, die es packend machen. Das ist leider enttäuschend.

Ulrich Woelk: Nacht ohne Engel
dtv, 223 Seiten
5/10

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Mareike Krügel: Sieh mich an

Freitag, den 28. September 2018

Katharina hat eine Entdeckung an sich gemacht. Ist es Krebs? Wird ihr Leben demnächst enden?
Aber erst mal behält sie das Problem für sich – und lebt irgendwie ihr Leben weiter.
Sie muss sich um ihre Tochter Helli kümmern. Bei den Nachbarn passiert ein Unfall, bei dem sie sich kümmern muss, und ihr Freund Kilian, den sie seit dem Studium kennt, hat seinen Besuch angekündigt. Ihr Mann Costas ist unterdessen in Berlin – des Jobs wegen.

Joa, viel los im Leben von Katharina. “Sieh mich an” heißt der Roman von Mareike Krügel. Aufgebaut ist die Story um die Entdeckung, die die Frau an sich macht.
Das macht ihr Sorgen, aber eigentlich lebt sie ihr Leben weiter. Das aber ist für den Leser alles andere als aufregend. Es geht um die Tochter, es wird geredet. Es geht um die Nachbarn, es wird geredet. Es geht Freund von damals, es wird geredet. Und viel nachgedacht.
Auf seltsame Weise plätschert die Handlung vollkommen unspektakulär dahin. Es ist der Alltag einer Frau, die zwar hier und was Besonderes erlebt – für den Leser ist das aber nicht wirklich aufregend. Das ist extrem schade, denn der Aufhänger ist wirklich interessant. Aber die Autorin macht eigentlich nichts draus. Es vergehen mehr als 200 Seiten, bis Katharina einen Entschluss fasst. Aber das rüttelt dann auch nicht mehr wirklich wach.

Mareike Krügel: Sieh mich an
Piper, 255 Seiten
3/10

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Nicol Ljubic: Ein Mensch brennt

Donnerstag, den 20. September 2018

Da ist was los im Hause Kelsterberg. Es ist das Jahr 1975. Der 10-jährige Hanno sammelt Fußballbildchen, doch plötzlich stellen sich ganz andere Fragen: Wie steht’s um den Atomausstieg? Was bringt ein Hungerstreik?
In die Einliegerwohnung der Familie ist nämlich Hartmut Gründler eingezogen. Der geht keine Kompromisse ein, der kämpft für das Atom-Aus – und schreibt deshalb auch schon mal an Helmut Schmidt, um einen Hungerstreik anzukündigen – und durchzuziehen.
Auch Hannos Mutter ist von Helmut fasziniert. So sehr, dass auch sie bald zur Aktivistin wird. Auch ihre Ehe gerät mehr und mehr in Gefahr.

Im Deutschen Herbst 1977 kommt es nicht nur in Politik und Gesellschaft zu Verwerfungen, auch bei den Kelsterbergs. Nico Ljubic erzählt von einer Familie, die zerrüttet wird. Rückblickend schaut Hanno auf die Ereignisse in seiner Familie. Er resümiert, wie sie zerbrechen konnte und welche Rolle dieser Hartmut dabei spielte.
Es könnte eine sehr spannende Geschichte sein, aber leider erzählt der Autor sie sehr ruhig und ausschweifend. Es passiert oft seitenweise wenig, außer dass Hanno schwardroniert. Es ist ausgerechnet der eigentlich ja langweilige Vater, der die meisten Sympathiepunkte erringt. Die anderen Figuren erscheinen ein wenig klischeehaft.
So ist es eine etwas merkwürdige Langeweile, die sich durch das Buch zieht, die aber immerhin nicht so langweilig ist, dass man es weglegt.

Nicol Ljubic: Ein Mensch brennt
dtv, 333 Seiten
5/10

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Dietmar Wischmeyer: Vorspeisen zum jüngsten Gericht – Ein Nachruf auf unsere fetten Jahre

Montag, den 17. September 2018

Dietmar Wischmeyer legt den Finger in die Wunden. Der Satiriker, bekannt einst aus dem Frühstyxradio und inzwischen unter anderem aus der “heute show”, zeigt, wie es um Deutschland derzeit bestellt ist. Er sagt: Die fetten Jahre sind vorbei, und sein Buch soll die glutenfreie Vorspeise zum letzten Abendmahl sein.

Er berichtet über Coffee to go, über Volkes angebliche Stimme, über die Zeiten ohne Navi, über Migration als Chance (oder so), Männergruppen, Warnwesten und der Flucht vor Weihnachten.

Was allerdings ein paar Minuten als gesprochener Kommentar ganz gut funktioniert, ist im Buch schwierig. Wischmeyer ist ein Wortakrobat, weshalb er gern mal in einen Satz vier Wortgags quetscht. In schriftlicher Form hat das leider nicht die Wirkung, als wenn er es vortragen würde, auch wenn die Themen, die er anspricht, eigentlich mitunter ganz interessant sind.
Aber: Lieber mal live vorlesen lassen!

Dietmar Wischmeyer: Vorspeisen zum jüngsten Gericht – Ein Nachruf auf unsere fetten Jahre
Rowohlt Berlin, 319 Seiten
4/10

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Christian Bangel: Oder Florida

Donnerstag, den 6. September 2018
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1998 in Frankfurt (Oder). Der 20-jährige Matthias Freier weiß gar nicht, wie ihm geschieht: Er ist Pressesprecher. In der Oderstadt stehen Bürgermeisterwahlen an, und gemeinsam mit seinem Freund Fliege hat er den Plan, die Frankfurter SPD zu übernehmen, denn dessen Kandidat war bei der Stasi und gilt nun als chancenlos.
Sie haben auch schon ein Wahlprogramm: Endlich besseres Wetter. Und einen Kandidaten: Franziskus heißt er und ist eigentlich Unternehmer. Den Ossis will er das Leben lehren.
Freier hat damit gut zu tun, und wenn da nicht noch seine große Liebe Nadja wäre, könnte er sich auch ganz auf den Wahlkampf konzentrieren. Und auf den Kampf gegen die Frankfurter Nazis.

“Oder Florida” heißt der Roman von Christian Bangel. Matthias Freier lebt an der Oder, und sein großes Ziel ist Florida. Denn Franziskus verspricht ihm einen guten Job in den USA, und Florida ist das Traumland des Unternehmers.
Der Autor erzählt auf sehr einnehmende Weise vom Lebensgefühl Ende der 90er im äußersten Osten Deutschlands. Von den Befindlichkeiten, von den Alltagsproblemen, die es damals gab. Von einer Jugend in bewegten Zeiten. Von den Nazis und der Angst vor ihnen, aber auch davon, wie versucht worden ist, die Menschen zu manipulieren. Aber auch vom Ossi-Wessi-Konflikt, der 1998 noch akuter war als 2018.
Freier muss sich klar werden, was er eigentlich möchte, und wo er hin möchte. Das zu lesen, ist über weite Strecken sehr interessant und macht Spaß zu lesen.

Christian Bangel: Oder Florida
Piper, 351 Seiten
8/10

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Rüdiger Barth / Hauke Friederichs: Die Totengräber – Der letzte Winter der Weimarer Republik

Samstag, den 1. September 2018
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Was man manchmal gern vergisst: Die Machtergreifung von Adolf Hitler am 30. Januar 1933 erfolgte nicht durch eine Wahl. Der Beginn des Dritten Reiches konnte passieren, weil in Berlin viele politische Akteure skrupellos um die Macht kämpften, anderen die Macht zuschob – oder einfach zu müde waren, um irgendwie noch andere Lösungen zu finden.

Rüdiger Barth und Hauke Friederichs haben ein sehr spannendes Buch zusammengestellt, das den letzten Winter der Weimarer Republik beleuchtet.
Vom 17. November 1932 bis zum 30. Januar 1933 erzählten sie Tag für Tag, was genau passiert ist. Wer traf sich mit wem, was passierte im Reichstag, welche Entscheidungen traf der Reichspräsident Hindenburg? Wer intrigierte mit wem, wer verhandelte und wer nicht. Und was war ganz allgemein in Berlin los, wie war die Stimmung?
Entstanden ist ein Krimi, ein politisches Drama – das leider keine Fiktion ist, aber dennoch so aufwühlend wie ein Thriller ist.

Mitunter gibt es erhellende Momente in den Erzählungen. Da ist zum Beispiel die SPD, die mahnt, die bangt – die aber nichts unternimmt, die einfach nur zuschaut. Kommt einem bekannt vor. Erschreckend sind auch die Parallelen zu heute: Die Rechtsextremen erstarken, ihre politische Macht wird 1932 immer stärker. Heute kündigen Mitglieder gewisser Parteien an, dass sie im Falle eines Wahlsieges gleich mal die Pressehäuser stürmen werden – am 30. Januar 1933 ist genau das passiert.

„Die Totengräber“ – ein wichtiges, hochinteressantes und lehrreiches Buch.

Rüdiger Barth / Hauke Friederichs: Die Totengräber – Der letzte Winter der Weimarer Republik
S.Fischer, 410 Seiten
9/10