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Bücher, Bücher, Bücher

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Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

Freitag, den 22. September 2017

Das Leben, das wir führen. Das Leben, das wir leben wollen. Manchmal klaffen zwischen diesen beiden Sätzen ganze Welten.
Julia und Jacob führen in Washington eigentlich ein gutes Leben. Eigentlich, wie gesagt. Aber es gibt immer wieder Probleme mit den heranwachsenden Söhnen, echte Konflikte gar. Es soll ein Familienfest geben, das allerdings für Missstimmungen sorgt. Der Großvater soll in ein Altersheim, er weigert sich aber. Und auch zwischen Julia und Jacob selbst kommt es zu Konflikten.
In diese familiären Konflikte drängt auch noch eine ganz weltliche Katastrophe: Ein Erdbeben im Nahen Osten sorgt dafür, dass es in Israel zu erheblichen Konflikten kommt – und die Juden werden aufgerufen, zum Kämpfen nach Hause zu kommen.

“Hier bin ich” ist der erste Roman, den Jonathan Safran Foer nach elf Jahren Pause veröffentlicht hat. Nach einem grandiosen Roman wie “Extrem laut und unglaublich nah” waren die Erwartungen hoch – und der Autor konnte sie bei weitem nicht erfüllen. dabei hat sein fast 700 Seiten starker Roman sehr gute, sehr spannende Ansätze und Momente. Aber: Es sind 700 Seiten, und 700 Seiten müssen immer ihre Berechtigung haben. In diesem Fall hätte eine Straffung der Geschichte dem ganzen Buch sehr gut getan. Foer schweift oft ab oder hält sich an einer Tatsache oder einem Dialog ewig auf, ohne dass die Story voran kommt.
Der spannendste Moment ist, wenn die Lage im Nahen Osten eskaliert, da macht Foer plötzlich Weltgeschichte – und das ist fesselnd. Leider macht der Autor daraus zu wenig, und die Dramatik verliert sich schnell wieder.
Irgendwie schade, aber die Geschichte hätte einen großen Roman hergeben können.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich
Kiepenheuer & Witsch, 683 Seiten
6/10

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Moritz von Uslar: Auf ein Frühstücksei mit…

Donnerstag, den 21. September 2017

Was wären die Berliner Promis ohne das Café Einstein Unter den Linden? Wenn sich Auto Moritz von Uslar mit einigen von ihnen auf ein Frühstücksei trifft, dann oft dort.
Seit einigen Jahren erscheint in der “Zeit” die Kolumne, in der sich der Autor zum Frühstück mit einem Prominenten trifft. Der kann sich auch aussuchen, wo das Treffen stattfindet.
Eine größere Sammlung mit Texten aus der Kolumne ist nun als Buch erschienen.

Die Liste der Promitreffen ist lang. Sie reicht von Ulrich Wickert über Anne Will, Jakob Augstein, Hans-Ulrich Jörges, Jan Böhmermann, Joko Winterscheidt, Frank Plasberg, Peter Maffay, Jörg Thadeusz bis zu Stefan Niggemeier.
So lang die Liste auch ist, so wenig Seiten hat aber das Buch. Denn jeder der Texte ist keine drei Seiten lang. Und das ist eigentlich auch das Problem. Als Kolumne funktioniert das vielleicht – im Buch wirkt das alles leider extrem oberflächlich.
Moritz von Uslar schreibt nach den Frühstücken einen Bericht darüber. Was gab es zu essen, worüber wurde gesprochen, welchen Eindruck machte der Frühstückspartner? In vielen der Texte ist kein Platz, um irgendwie in die Tiefe zu gehen – auch wenn sie durchaus gut geschrieben sind. Sicherlich, Frühstück bedeutet Smalltalk, der macht vielleicht auch Spaß. Aber als Lesestoff ist das letztlich auch eher mau.

Moritz von Uslar: Auf ein Frühstücksei mit…
KiWi, 176 Seiten
5/10

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Shahak Shapira: Holyge Bimbel – Storys vong Gott u s1 Crew

Donnerstag, den 14. September 2017

So, Achtung. Hier schreibt ein Spießer. Also, vermutlich bin ich ein Spießer. Oder auch einfach nur zu alt. Keine Ahnung.
Sharak Shapira hat die “Holyge Bimbel” herausgebracht – in Internetsprache. Also einer Mischung aus Deutsch und Englisch, vermengt mit Jugendsprache. Oder was auch immer. Da gibt’s Fans von.

Ich zitiere einfach mal: “Am Fourthen Day buildete God 1 Sun u 1 Supermond u viele Starz die beautiful wie 1 diamond in the Sky am shinen waren #flohless.”
Joa, ne?! Ich habe in anderen Kritiken gelesen, dass das alles unheimlich lustig ist.
Nun denn. Dann wird es wohl so sein. Also, lustig. Für andere.
Vermutlich funktioniert so was als Hörbuch sehr gut, aber als Buch ist das eher anstrengend – na ja, und irgendwann dann vielleicht auch lustig. Also, wie gesagt, für andere.
Boah, wird mal wieder Zeit für ein gutes Buch.

Shahak Shapira: Holyge Bimbel – Storys vong Gott u s1 Crew
ro ro ro, 79 Seiten
0/10

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Tim Schreder / Jennifer Sieglar: Ich versteh die Welt nicht mehr – Die wichtigsten Nachrichten verständlich erklärt

Mittwoch, den 13. September 2017
Tags:

Trump. Der IS. Die Taliban. Nordkorea. Brexit. Erdogan. AfD, TTIP, NSA. Putin. Ukraine.
Wer soll da noch durchsehen? Wer soll da bloß den Überblick behalten, was eigentlich die Hintergründe dieser ganzen Themen sind, die da jeden Tag in den Nachrichten auf uns einprasseln?

Tim Schreder (”logo”, KiKA) und Jennifer Sieglar (”Hessenschau”, hr und “logo”, KiKA) versuchen es uns zu erklären – und es gelingt ihnen auch ganz gut. “Ich versteh die Welt nicht mehr”, heißt ihr Buch, und darin erklären sie uns, was es mit den verschiedenen Themen auf sich hat.
Sie leisten Aufklärungsarbeit in 24 Kapiteln. Jedes ist ein Stück Aufklärung. Die Texte sind leicht verständlich, ohne flapsig zu sein.
Los geht es mit den Hintergründen zu Nordkorea. Im täglichen Nachrichtenwahnsinn bleibt keine Zeit, zu erklären, warum es eigentlich zwei Koras gibt – und wieso auch hier sich die USA und Russland gegenüber stehen. Oder Afghanistan: Auch da haben die USA und Russland ihre Finger im Spiel. Es wird noch mal zusammengefasst, was man über Donald Trump wissen sollte.
Der Abgasskandal kommt ebenso vor wie Boko Haram oder die Zinspolitik der EZB.

Wer dieses Buch gelesen hat, der ist tatsächlich klüger als vorher. Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit ist dieses Hintergrundwissen durchaus wichtig, und in diesem Buch kann man es sich aneignen.
Das Cover wirkt allerdings ein bisschen nüchtern und fast wie ein Kinderbuch (Ja, es soll vermutlich vor allem Jugendliche ansprechen, aber es ist auch sehr für Erwachsene geeignet, und so wirken auch die Texte), und der Schriftzug “Von den Nachrichtenmoderatoren (u.a. logo!) wirkt ein bisschen seltsam. Hier und da wären vielleicht auch Fotos in den Texten nicht schlecht gewesen, um Leute wie Trump oder Erdogan zu zeigen.
Hoffentlich wird das Buch in ein paar Jahren neu aufgelegt und aktualisiert.

Tim Schreder / Jennifer Sieglar: Ich versteh die Welt nicht mehr – Die wichtigsten Nachrichten verständlich erklärt
Piper Paperback, 302 Seiten
8/10

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Vivian Vande Velde: Nie mehr zurück

Montag, den 4. September 2017

23 Minuten. Das ist die Zeitspanne, die Zoe in der Zeit zurückreisen kann. Allerdings nur zehnmal.
Aber diese Fähigkeit kann sie gebrauchen. Sie wird Zeuge eines Banküberfalls, bei dem ein Mann erschossen wird. Sie hatte kurz zuvor mit ihm gesprochen, und sie will einschreiten. Und sagt: “Zurückspielen.”
Sie springt 23 Minuten zurück, und nun beginnt der Kampf darum, alles so zu verändern, dass niemand zu Schaden kommt. Aber Zoe muss feststellen, dass das nicht so einfach ist, wie sie sich das vorgestellt hat.

Vivian Vande Valde hat mit “Nie mehr zurück” einen jugendgerechten Thriller geschrieben. Die Idee ist nicht ganz neu, und sie hat ein wenig den Nachteil, dass in der Geschichte an sich nicht so viel Neues geschieht. Es sind Zoes Veränderungsversuche, die das Ganze dann doch interessant machen. Die ganz große Spannung kommt aber nicht auf. Dazu wird die Geschichte dann doch zu undramatisch erzählt, was vermutlich an der etwas jüngeren Zielgruppe liegt.
Irritierend ist einmal mehr die Buchgestaltung. Die ist sehr langweilig ausgefallen. Zumal der Titel “Nie mehr zurück” sehr unpassend ist. Im Original heißt die Geschichte “23 Minuten”, und mit einem passenden Cover hätte man sicherlich mehr potenzielle Leser auf dieses Buch aufmerksam gemacht.

Vivian Vande Velde: Nie mehr zurück
Ivi, 203 Seiten
6/10

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Marie-Sabine Roger: Heute beginnt der Rest des Lebens

Donnerstag, den 31. August 2017

Mortimer wird heute 36. Er lässt diesen Tag ruhig angehen. Er hat nicht sehr viel vor. Immerhin hat er sich ein wenig hübsch gemacht. Denn um 11 Uhr wird er sterben.
Er weiß das. Denn alle seine männlichen Vorfahren – er kann das bis ins Jahr 1623 zurückverfolgen – sind an ihrem 36. Geburtstag um 11 Uhr gestorben.
Mortimer hat sich vorbereitet, sein ganzes (kurzes) Leben darauf ausgerichtet. Er hat keine Frau, keine Kinder, und seine Wohnung hat er auch schon gekündigt.
Es ist bald 11 Uhr, und ausgerechnet jetzt bekommt er Besuch. Dann ist es elf – und: Nichts. Mortimer lebt. Mortimer stirbt nicht.
Was ist da bloß los? Was ist schief gelaufen? Und wie soll es nun weitergehen?

“Heute beginnt der Rest des Lebens”: Die französische Autorin Marie-Sabine Roger hat eine kleine Geschichte darüber geschrieben, was passiert, wenn alles anders verläuft als geplant.
Auf eine nette, leicht süffisante Weise beschreibt sie aus Sicht von Mortimer, wie er die Dinge sieht und erlebt. Sehr schade ist, dass die Autorin ihren Helden viel zu sehr zurückblicken lässt. Lang und breit wird dargestellt, wie er bestimmt Leute kennengelernt hat und was sonst noch so lief – oder nicht. Erst ganz am Ende geht es um das Wesentliche – um das: Und nun? Und das hätte die Autorin noch viel intensiver erzählen können.

Marie-Sabine Roger: Heute beginnt der Rest des Lebens
dtv, 287 Seiten
6/10

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Thomas Nommensen: Wintertod

Donnerstag, den 24. August 2017
Tags: ,

Auf einem alten Friedhof in Berlin-Buch wird eine Leiche gefunden. Ermittlungen werden aufgenommen, aber der Fall gestaltet sich für Hauptkommissar Arne Larsen und seine Kollegin Mayla Aslan schwierig.
Zumal es einen zweiten Fall gibt, der für Aufsehen sorgt. An einer Schule spielen sich seltsame Dinge ab. Lehrerin Lea Zeisberg sorgt sich um zwei Kinder: Ein Mädchen schrieb in ihr Heft das Wort “Hilfe” – was ist da bloß zu Hause los? Zumal das Mädchen und ihr Bruder immer wieder im Unterricht fehlen. Das Ganze spitzt sich immer mehr zu.
Unterdessen führt die Ermittlung des Todesfalls Arne Larsen auch nach Wandlitz, in die ehemalige Waldsiedlung, in der die DDR-Oberen lebten. Was hat es mit einem dort stehenden geheimen Haus auf sich?

Zwar spielt die Geschichte gar nicht im Winter, eher im Herbst, dennoch heißt Thomas Nommensens Roman “Wintertod”. Da der Autor in Panketal wohnt, also vor den Toren Berlins, ist es für ihn ein Heimspiel, die Geschichte u.a. im Ortsteil Buch spielen zu lassen und auch in Wandlitz oder Klosterfelde.
Gerade die Story um die Lehrerin bringt viel Spannung in die Geschichte, sie bleibt lange rätselhaft und strebt einem Höhepunkt entgegen. Da kann der eigentliche Strang nicht ganz mithalten, die Reisen in die alte Krankenhaussiedlung wirken da manchmal etwas konfus, die Spannung ebbt da leider etwas ab – wie überhaupt leider der Spannungsbogen zum Ende hin ungewöhnlicherweise eher abnimmt.

Thomas Nommensen: Wintertod
ro ro ro, 427 Seiten
6/10