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Bücher, Bücher, Bücher

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Tobias Schlegl: Schockraum

Donnerstag, den 24. September 2020

Tobias Schlegl begann seine Karriere bei VIVA. Da war er Kult, und nicht nur, weil er öfter von Oliver Kalkofe durch den Kakao gezogen worden war. Später moderierte er die NDR-Satiresendung “extra 3”, dann das ZDF-Kulturmagazin “aspekte”.
2016 zog er den Stecker. Raus aus der Medienbranche. Was Neues machen.
Er begann eine dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter.
Eigentlich war nicht geplant, dass er diese Ausbildung und seinen neuen Beruf medial in irgendeiner Art und Weise ausschlachten will. Aber es kam anders. Weil er das Erlebte verarbeiten wollte und musste. Er begann ein Buch zu schreiben – und das ist nun da.

Kim war erfolgreicher Werbetexter, als er beschloss, den Job an den Nagel zu hängen. Seitdem ist er Notfallsanitäter. Doch der Stress zermürbt ihn. Die Schichten sind lang und anstrengend. Die Notfälle fordern ihn körperlich und psychisch. Nachtschichten. Überstunden. Kollegen, die einen fordern.
Er beginnt, Fehler zu machen. Er hat für nichts mehr Zeit und kann sich zu nichts mehr aufraffen. Bald verlässt ihn seine Freundin. Als sein bester Freund Benny ihn zu einer Reise ans Meer mitnimmt, könnte es ein Wendepunkt sein. Aber es wird schlimmer.

“Schockraum” heißt der Roman, den Tobias Schlegl auch seinen Kolleginnen und Kollegen widmet. Er schildert anhand von Kim, wie zermürbend die Arbeit in der Rettungsbranche ist.
Da geht es um die Überlastung der Leute, die dort arbeiten. Wenig Freizeit, wenig Geld. Dazu die Menschen, die teilweise aus nichtigen Gründen den Rettungswagen rufen. Und natürlich die Fälle, die aufs Gemüt schlagen.
Tobias Schlegl zeigt in seinem Roman das ganze Spektrum dessen, was Leute offenbar in diesem Beruf erleben, und er beschreibt auf eindringliche Art, wie der junge Mann immer tiefer rutscht in einen Strudel aus Schlaflosigkeit und Depressionen. Wer wissen möchte, unter welchen schwierigen Bedingungen die Retter arbeiten und drohen, selbst Retter zu brauchen, der sollte “Schockraum” unbedingt lesen. Und Entscheider sollten das erst recht.

Tobias Schlegl: Schockraum
Piper, 287 Seiten
9/10

Hits: 143

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Axel Ranisch: Nackt über Berlin

Montag, den 14. September 2020

Jannik liebt es, Musik zu machen. Er kann richtig gut Klavier spielen, er nutzt dafür die Schulpausen. Und er hat bald auch einen Zuhörer: Tai. Die beiden 17-Jährigen werden Freunde. Jannik, der Jugendliche, der sich selbst etwas dicklich findet und eher unscheinbar ist und der von seinen Eltern genervt ist. Und Tai, ebenfalls Außenseiter, Sohn vietnamesischer Eltern und immer mit einer Kamera unterwegs. Tai filmt alles und jeden, auch Jannik beim Klavierspielen.
Schuldirektor Jens Lamprecht wacht unterdessen nach einer wilden Sauftour in seiner Wohnung in Berlin-Mitte auf. Und ist gefangen in seinen eigenen vier Wänden. Tagelang. Scheinbar wird er überwacht, der Entführer meldet sich per Schriftnachrichten über den Laptop.
Was Lamprecht nicht weiß: Tai hat dafür gesorgt, dass der Direktor gefangen ist, und Jannik ist sein Komplize. Er zieht Jannik in die Sache rein – Jannik, der sich in Tai verknallt hat.

“Nackt über Berlin” heißt der wunderbare Roman von Axel Ranisch. Er hat einen Roman über das Erwachsenwerden geschrieben. Darüber, dass man sich hin und wieder auch mal durchsetzen muss, Widerstände leisten muss, seinen eigenen Weg gehen muss.
Erzählt wird einerseits die erschütternde Geschichte eines Mädchens, das sich in einen Lehrer verliebt. Beim Theaterworkshop in Flecken-Zechlin muss etwas passiert sein, was nicht bekannt werden soll. Und andererseits geht es um Jannik, der sein Leben endlich in den Griff kriegen will und rausfinden will, was er von Tai zu erwarten hat.
Axel Ranisch hat das alles in Worte gegossen, sich sich richtig gut lesen lassen. Man ist ganz schnell drin im Geschehen. Warum der Ullstein-Verlag den Roman aber “brüllend komisch” findet, wie es im Text über “Das Buch” steht, ist unklar. Brüllend komisch ist der Roman nämlich nicht. Dafür aber sehr spannend, ja, auch mal lustig, aber auch rührend und traurig – und schließlich Mut machend und sehr lebensbejahend. Ein echter Highlight-Roman.

Axel Ranisch: Nackt über Berlin
Ullstein, 383 Seiten
10/10

Hits: 156

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Jo Schück: Nackt im Hotel – Wie Freundschaft der Liebe den Rang abläuft

Freitag, den 11. September 2020

Meine Freunde sind meine Familie. Es gibt immer mehr Menschen, die das sagen. Für die “Freunde fürs Leben” tatsächlich eine ganz große Bedeutung hat.
Moderator und Autor Jo Schück hat ein Buch zum Thema Freundschaft herausgegeben. Er will ergründen, was es mit der Freundschaft auf sich hat, wie sie funktioniert, was ihre Zutaten sind, woran sie zerbrechen kann und auch wachsen kann.

In verschiedenen Kapiteln beleuchtet er die Freundschaftsthematik. Er fragt sich, ob Männer und Frauen auch einfach nur Freunde sein können. Ob Sex in der Freundschaft das Ende ist oder ein Anfang sein kann. Ob vielleicht Liebe draus werden kann. Er fragt sich, was passiert, wenn die Gründung einer Familie auch für eine Freundschaft zur Bewährungsprobe wird. Allen Kapiteln stellt Jo Schück eine kurze Geschichte voran, die das nachfolgende Thema verdeutlichen soll.
Gerade diese Geschichte sind allerdings manchmal so locker geschrieben und gleichzeitig kompliziert geschrieben, dass man ihnen nicht immer ganz folgen kann. Das gibt sich erst in späteren Kapiteln.
Ansonsten erklärt er aber leicht verständlich, dass Freundschaften im Leben eines Menschen extrem wichtig sind. Damit erzählt er allerdings eigentlich wenig wirklich Neues, sein Buch ist mehr eine Bestätigung dessen was mehr oder weniger bekannt ist.
Und der knallige Buchtitel? Tja, der ist halt knallig.

Jo Schück: Nackt im Hotel – Wie Freundschaft der Liebe den Rang abläuft
bold, 255 Seiten
6/10

Hits: 136

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Stephen King: Mr. Mercedes

Montag, den 7. September 2020

Ein Schock in einer Stadt im Mittleren Westen der USA. Ein Mercedes rast auf eine Menschenmenge zu. Die Leute stehen auf einem Parkplatz für eine Jobbörse an – bis das Auto auf sie zurast. Es kommt zur Katastrophe, aber der Täter kann entkommen.
Bill Hodges ist zwar seit Monaten pensioniert, aber der Detective klemmt sich trotzdem hinter den Fall. Er will rausfinden, wer diesen Mercedes gesteuert hat. Zumal sich der Täter dann auch noch bei ihm meldet – im Darknet auf einer Chatplattform. Nicht nur das: Der Fremde kündigt eine weitere Bluttat an.
Hodges lässt das alles keine Ruhe, er beginnt Ermittlungen.

“Mr. Mercedes” heißt der Roman von Thriller- und Grusel-Altmeister Stephen King. Er ist zudem der Auftakt einer Trilogie.
Der Beginn des Romans liest sich sehr spannend. Die Szenerie ist sehr gespenstisch, so grauenvoll ist die Tat und so erschütternd sind die Auswirkungen.
Doch King kann die Spannung nicht halten, nicht mal ansatzweise. Der Roman hat fast 600 Seiten, und viele, viele Seiten davon sind Beschreibungen des Alltag in dieser US-Stadt. Die Ermittlungen von Hodges sind schleppend, genauso wie Kings Roman, der eine halbe Ewigkeit nicht von der Stelle kommt. Dieser Krimi ist schlicht nicht spannend, und gerade aus Kings feder ist das extrem enttäuschend.

Stephen King: Mr. Mercedes
Heyne, 591 Seiten
3/10

Hits: 147

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André Aciman: Find me – Finde mich

Montag, den 31. August 2020

Der Film “Call me by your Name” war 2018 ein Überraschungserfolg im Kino. Die Geschichte über den 17-jährigen Elio, der sich in den 24-jährigen Hausgast Oliver verliebt und die dann einen gemeinsamen Sommer erleben, hat viele bezaubert, und immer wieder rufen die Fans, dass sie eine Fortsetzung wollen. Dass der entsprechende Roman bald erscheinen würde, ging gerüchteweise schon länger rum.
Nun ist im dtv “Find me – Finde mich” erschienen. Von André Aciman, dem Autor von “Call me by your Name”, und der Verlag tut auf dem Buchrücken alles dafür, das Buch als die große Fortsetzung des ersten Teils zu verkaufen. Das ist sie allerdings nur bedingt, und viele Fans äußern sich jetzt schon in den Foren enttäuscht bis erbost.
Bis nämlich Elio überhaupt im Buch auftaucht, ist man schon auf Seite 124. Dass Fans da mindestens irritiert reagieren, sollte nicht verwundern.

Der Roman besteht genau genommen aus drei Teilen. Im ersten Teil geht es um Samuel, Elios Vater. Er ist mit dem Zug unterwegs zu seinem Sohn und lernt dort die sehr, sehr viel jüngere Miranda. Sie kommen ins Gespräch, und bald ist klar: Da ist mehr. Sie nimmt ihn mit zu ihrem Vater, sie verlieben sich.
Im zweiten Teil begleiten wir Elio. Seit damals sind 15 Jahre vergangen. Oliver ist immer noch in seinen Gedanken. Bei einem Konzert lernt er den sehr viel älteren Michel kennen. Er merkt gleich, dass er starke Gefühle für ihn hat, und eigentlich haben sie sich eine Woche später verabredet, aber schon einen Tag später treffen sich die beiden wieder.
Im dritten Teil begegnen wir Oliver, und am Ende kommt es tatsächlich zur Begegnung von Elio und Oliver.

“Find me – Finde mich” ist, vorsichtig gesagt, ein merkwürdiges Buch. Mit seiner großen Fortsetzungsankündigung legt der dtv die Messlatte sehr hoch, und der Leser wird extrem enttäuscht. Denn wer erwartet, etwas über Elio und Oliver zu erfahren, will nciht über 120 Seiten lang die Geschichte von Samuel lesen, der auf eine sehr junge Frau steht und sich Gedanken darüber macht, was er im Bett mit ihr machen möchte. Durch die Erwartungshaltung ist fast die komplette erste Hälfte des Buches schlicht uninteressant. Dieses Kennenlernen ist zudem extrem langgezogen, diese Länge gibt die Story nicht wirklich her.
Die Story um Elio, der den älteren Herrn kennenlernt, entschädigt auch nicht wirklich, ist aber immerhin tatsächlich so was wie eine Fortsetzung, auch auch sie mitunter etwas befremdlich ist.
Die Story um das Zusammentreffen von Elio und Oliver erfolgt nur auf den letzten Seiten, und die wirkt wie vom Verlag bestellt und vom Autor nur missmutig umgesetzt. Dieses Treffen kommt aus dem Nichts, ist lapidar erzählt und ist eine blanke Enttäuschung. Das als die große Fortsetzung anzupreisen, ist fast schon unseriös, denn mehr als ein PS ist es eigentlich nicht.

André Aciman: Find me – Finde mich
dtv, 295 Seiten
4/10

Hits: 153

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Veit Etzold: Staatsfeind

Freitag, den 14. August 2020

Herrlich, endlich gibt es auch für Verschwörungstheoretiker ein Buch, das sie mit Freude lesen werden. Einen Roman, der ihre Ängste bedient und alles bestätigt, was sie sowieso schon befürchten. Der Autor Veit Etzold liefert es ihnen.

30. Dezember 2018: Vor der französischen Botschaft in Berlin geht eine Bombe hoch. Es ist nur der Anfang einer Anschlagsserie. Der Berliner Innensenator wird erschossen, und im Hintergrund entstehen Szenarien, die Auswirkungen auf ganz Deutschland und Europa haben werden.
So finden in einem Wald bei Kremmen immer zu Silvester Waffenübungen statt – bei der Knallerei fällt das Geballer im Wald gar nicht auf. Die Übung ist ein weiteres Indiz dafür, dass in unweit entfernten Berlin etwas ganz Großes stattfinden soll.
Der ehemalige KSK-Soldat Iwo Retzick nimmt Kontakt zu einem ehemaligen Kameraden auf. Nicht nur, dass es eine neue rechtspopulistische Partei gibt. Mehrere Kräfte in Deutschland planen den großen Umsturz. Das Land soll geteilt werden, in einen islamischen und in einen deutschnationalen Staat.

Die Ausgangslage von “Staatsfeind” ist an sich ja durchaus spannend. Dass irgendwelche wirren Menschen tatsächlich einen Umsturz planen, ist sicherlich auch nicht allzu weit hergeholt. Für Unbehagen sorgen übrigens viele kurze Passagen, in denen der Autor distanzlos irgendwelche Verschwörungstheorien weitergibt oder rechtsextremes Geplapper als Fakt wiedergibt.
Unangenehm wird es aber, wenn dem Autor Fehler unterlaufen. So erzählt er in der Anfangssequenz von der Mauerfall-Nacht am 9. November 1989 und davon, wie am Brandenburger Tor alle durch die Mauer geströmt seien. Dabei fand die Maueröffnung dort erst kurz vor Weihnachten statt. Später wird von Kremmen und einem “Wald bei Brandenburg” gesprochen. Das ist vermutlich einem schlampigen Lektorat geschuldet. Dass der Autor nicht weiß, wie in Deutschland Neuwahlen funktionieren, ist peinlich.
Dass die Handlung ganz am Ende im Galopp erzählt, der Showdown auf drei Seiten abgehandelt wird, ist seltsam, dass das Ende des Romans in völlige Lächerlichkeit abdriftet, dann auch mehr als ärgerlich. Das ist der Moment, wo der Roman in den Trash abgleitet.

Veit Etzold: Staatsfeind
Droemer, 461 Seiten
3/10

Hits: 222

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Regina Scheer: Machandel

Donnerstag, den 13. August 2020

Machandel ist ein Dorf in Mecklenburg. Im Sommer 1985 kommen Clara und ihre Familie erstmals aus Ost-Berlin dorthin. Eigentlich hat Clara keine Beziehung zum Ort, aber uneigentlich liegen die familiären Wurzeln dort. Und uneigentlich ist Machandel mit Emotionen verbunden.
Claras Bruder Jan war 14 Jahre vor ihr im Schloss des Dorfes geboren worden. Jan lebte bei der Oma in Machandel, entstand sich aber später, die DDR zu verlassen.
Schon im ersten Sommer weiß Clara, dass sie diesen Ort liebt.

Mit dem Roman “Machandel” legt die Autorin Regina Scheer einerseits ihr Debüt vor. Andererseits wird davon gesprochen, dass es sich um einen großen Familienroman über die DDR handelt. Denn der Roman besteht aus lauter Kapiteln, die Clara und andere Teile der Familie in Ich-Form erzählen. So wird der Bogen gespannt vom Zweiten Weltkrieg, zum Beginn der DDR, über die Zeit des Kalten Krieges bis zum zur Wende.
Nur eines ist der Roman leider gar nicht: spannend.
“Machandel” wirkt leider wie eine Zusammenstellung von persönlichen Erlebnissen, die leider meistens alles andere als fesselnd erzählt sind. Die Erzählweise ist nüchtern und annahbar. Die Figuren kommen einem nicht nah. Der Autorin gelingt es kaum, irgendwelche Emotionen zu übertragen.
Schade, es ist absolut nicht das, was die PR-Anmerkungen auf dem Cover und dem Buchrücken versprechen.

Regina Scheer: Machandel
Penguin Verlag, 479 Seiten
1/10

Hits: 183