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Bücher, Bücher, Bücher

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Julia Bruns: Eiskalte Ostsee

Dienstag, den 26. Januar 2021
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Neujahr an der Seebrücke im Ostseebad Sellin auf Rügen. Am Strand liegt ein Toter. Seine Zunge ist abgeschnitten. Der Fall sorgt für Aufsehen – nicht nur, weil ein Mord am Tourismus-Hotspot an sich schon aufsehenerregend ist. Der Mann war ein Unbekannter im Ort. Man kannte Peter Klart. Schon jahrzehntelang.
Zu DDR-Zeiten war er Chefkoch im heutigen “Cliff-Hotel”, wo sich vor dem Mauerfall die Politgrößen der DDR aufhielten. Nach der Wende belieferte er die Restaurants und Hotels der Gegend.
Aber wer könnte ihn jetzt, mit Mitte achtzig umbringen wollen? Hauptkommissarin Anne Berber beginnt die Ermittlungen und muss feststellen, dass Peter Klart längst nicht so beliebt war, wie alle Glauben machen wollen. Selbst seine Frau reagiert unterkühlt.
Anne, die selbst Probleme mit ihrem Mann hat, zieht in die Pension von Sören Hilgert – zunächst ohne zu wissen, dass er, bevor er nach Sellin kam, selbst auch Ermittler war. Aber auch zu zweit tun sie sich schwer.

“Eiskalte Ostsee” gehört zu den lapidaren Buchtiteln, die eigentlich zeigen sollen, dass es sich um einen Küstenkrimi handelt.
Denn Julia Bruns erzählt eine sehr spannende Geschichte. Sie führt nicht nur in den Selliner Kosmos von mitunter verschrobenen Typen ein. Es gibt es auch Stück Selliner Historie. Wo wird die Rolle des Cliff-Hotels zu DDR-Zeiten beleuchtet, außerdem erfährt der Leser etwas vom Leben in der DDR und mit der Stasi – und von ihren Nachwehen 30 Jahre nach dem Mauerfall.
Julia Bruns schafft es zudem, den Ort Sellin als Handlungsort ihres Romans darzustellen. Wer den Ort kennt, fühlt sich in dem Buch sehr zu Hause. Die Tätersuche bis kurz vor Schluss machen den Roman außerdem erfreulich spannend.

Julia Bruns: Eiskalte Ostsee
Emons, 251 Seiten
9/10

Hits: 58

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Matze Hielscher: Die Schule meines Lebens – Weisheiten und Lebenstricks von ziemlich außergewöhnlichen Menschen

Mittwoch, den 13. Januar 2021

“Hotel Matze”, u.a. bei Spotify, gehört zu den besten Interview-Podcasts in Deutschland. Bei Matze Hielscher erzählen Prominente und weniger Prominente aus ihrem Leben und geben Dinge preis, die man oft noch nicht wusste. Hielscher schafft dabei oft eine Atmosphäre, die voll ist von Offenheit und Neugier und von großer Positivität.

Nun gibt es auch ein “Hotel Matze”-Buch. Es heißt “Die Schule meines Lebens – Weisheiten und Lebenstricks von ziemlich außergewöhnlichen Menschen”. Darin erzählt Matze Hielscher von den Begegnungen mit den vielen spannenden Menschen. Was ihm an ihnen aufgefallen ist, was er von ihnen gelernt hat.
Für Fans des Podcasts sind das oft Wiederbegegnungen und Erinnerungen. Aber auch für Nichtkenner der Gesprächsreihe dürfte das Buch sehr spannend sein.
Hielscher berichtet von seinem Gespräch mit Wolfgang Joop, der ihm zunächst ausrichten ließ, dass er heute keine Lust habe – was Hielscher gut fand. Besser als zu lügen. Mit Schauspieler Jürgen Vogel philosophierte Hielscher unter anderem über die Kindererziehung. Eines der besten Gespräche führte er mit Atze Schröder, der abseits von der Atze-Rolle im Podcast sprach – wovon der Auto nun auch in seinem Buch erzählt.

Die Prominenten erzählen über Lebensweisen, über Krisen und Auswege, über den Umgang mit Ruhm oder auch Selbstkritik. Anne Will ist ebenso dabei wie Klaas Heufer-Umlauf, Frank Elstner, Bosse, Kim Frank, Clueso, Nora Tschirner und Sarah Kuttner.
Eine kurzweilige Lektüre – die sich, und dazu ruft der Auto gerade auf, sehr gut als Klolektüre zum immer mal wieder Durchblättern eignet.

Matze Hielscher: Die Schule meines Lebens – Weisheiten und Lebenstricks von ziemlich außergewöhnlichen Menschen
Piper, 335 Seiten
8/10

Hits: 141

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Klaus E. Spieldenner: Unter Flutlicht

Dienstag, den 12. Januar 2021

Für die Jugendlichen vom Oldenburger Graf-Anton-Günter-Gymnasium hätte es ein schönes Wochenende werden können. Sie sitzen im Schulbus.
Doch es kommt anders. Der Bus wird entführt. Der Mann, als Werder-Bremen-Fan verkleidet, verlangt viel Geld, Goldmünzen und die Freilassung der der ukrainischen Oppositionspolitikerin Julija Tymoschenko.
Er zwingt den Busfahrer, das Fahrzeug auf einen Fußballplatz zu lenken – unters Flutlicht, damit sich niemand so einfach dem Bus nähern kann.
Es beginnt ein großer Polizeieinsatz, und für die 19 Geiseln im Bus ist es die Hölle.

Relativ schnörkellos erzählt Klaus E. Spieldenner in seinem Roman “Unter Flutlicht” von dieser Busentführung. Wobei diese Schnörkellosigkeit recht gut funktioniert. Er hält sich nicht allzu lang mit Vorgeschichten auf, er konzentriert sich zudem auf das Wesentliche. So blendet er den äußeren Trubel um die Entführung (zum Beispiel die Medien) fast vollständig aus.
Das Motiv des Täters bleiben lange rätselhaft, und später schickt der Autor seine Protagonisten und den Leser auf verschiedene Fährten.
Leider sind in der 1. Auflage aus dem Leda-Verlag ziemlich viele Fehler enthalten. 2020 erschien eine Neuauflage im Verlag CW Niemeyer.

Klaus E. Spieldenner: Unter Flutlicht
Leda, 253 Seiten
7/10

Hits: 151

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Tim Pieper: Stille Havel

Mittwoch, den 6. Januar 2021
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(3) -> 20.8.2019

Das Team um den Potsdamer Kommissar Toni Sanftleben bekommt es mit einem Mord zu tun. Im Park Sanssouci wird ein Mann tot aufgefunden. Es stellt sich heraus, dass es sich um den Kunstsachverständigen Helmut Lothroh handelt. Er ist erschlagen worden, und schnell ist auch klar: Es passierte nicht im Park. Er muss dort hingeschleppt worden sein.
Sanftleben und seine Leute beginnen in der Kunst- und Antiquitätenszene Potsdams zu recherchieren. Lothroh war an einem bestimmten Gemälde im Museum Barberini interessiert – darauf zu sehen ist eine verschleierte Frau.
Toni Sanftleben stößt bei Nachforschungen zur Unbekannten bei der Ufa-Filmfirma auch auf eine Villa an der Havel – und auf Marie. Ihre Oma ist kürzlich steinalt verstorben, und auch sie – wie die Villa selbst – hatten ein Geheimnis.

Das langweiligste an diesem Roman ist leider sein völlig wahllos erscheinender Titel: “Stille Havel”. Und das Cover das irgendwelche Stöcker auf dem Wasser zeigt. Das hat dieser Roman nicht verdient, der sehr gelungen ist. Weil: extrem spannend und extrem interessant.
Der Leser taucht in die deutsche Historie ein. Wir lernen Lydia kennen, die im Dritten Reich von Leipzig nach Berlin zieht, um Schauspielerin zu werden. Bei der Ufa bekommt sie eine Chance – muss sich dafür aber mit Propagandaminister Goebbels einlassen.
Autor Tom Pieper taucht ein in ein Stück Potsdam-Berliner Kulturgeschichte, nämlich die Verstrickungen der Filmbranche mit den Nazis – und was aus den Stars von einst geworden ist.
Nebenbei gibt es die Ermittlungen in der Kunstszene, und auch im Team von Sanftleben gibt es zwischenmenschliche Probleme.
Diese verschiedenen Aspekte machen den Roman – der 4. Teil der Reihe – zu einem packenden Krimi, der sowohl eine bessere Aufmachung als auch einen besseren Titel verdient hätte.

Tim Pieper: Stille Havel
Emons, 333 Seiten
9/10

Hits: 126

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Bücher 2020

Donnerstag, den 31. Dezember 2020

Die Bücher-Liste 2020 umfasst 52 Bücher.

TOP 10:
1. Axel Ranisch: Nackt über Berlin
2. Katharina Peters: Fischermord
3. Ángel Herygar: Sag allen, dass du mich liebst
4. Tobias Schlegl: Schockraum
5. Stuart Heritage: Gutenacht-Geschichten für alle, die sich vor Populisten gruseln
6. Petra Dittrich/Rainer Moritz: Meine Insel-Buchhandlung – Zwischen Bodden und
Brandung
7. Max Meier Jobst: Die Sache mit Peter
8. Jan Böhmermann: Gefolgt von niemandem, dem du folgst – Twitter-Tagebuch
2009-2020
9. Volker Weidermann: Das Duell – Die Geschichte von Günter Grass und
Marcel Reich-Ranicki
10. Katharina Peters: Todesklippe

FLOP 5
52. Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor – Ein Jahrebuch
51. Regina Scheer: Machandel
50. Christian Huber: 7 Kilo in 3 Tagen – Über Weihnachten nach Hause
49. Stephen King: Mr. Mercedes
48. Veit Etzold: Staatsfeind

Hits: 167

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Lutz van Dijk: Kampala – Hamburg. Roman einer Flucht

Montag, den 28. Dezember 2020

David ist 18 und lebt in Hamburg bei seiner Schwester und seinem kleinen Neffen. Bei seinen Eltern ist er ausgezogen. Sie kamen nicht damit klar, dass er schwul ist. Regelmäßig trifft er sich mit seinen Freunden und in Gruppen, in denen er viel über die Diskriminierung von queeren Menschen erfährt. So weiß er auch, dass die Situation in vielen Ländern Afrikas für queere Menschen sehr schwierig ist.
Der andere David ist 16, und er lebt in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Auch er steht auf Jungs, und seine Mutter weiß und es und seine Freunde auch. Allerdings werden queere Menschen in Uganda verfolgt, und auch David bekommt mehr und mehr Probleme. Als es richtig brenzlich wird, ist für ihn klar: Er muss das Land verlassen, sonst landet er im Knast.
David und David lernen sich auf einer Dating-App kennen. Sie schreiben miteinander, sie schildern ihre Situation, und David aus Kampala und will zu David aus Hamburg.

Das Thema des Romans ist spannend. Lutz van Dijk macht einerseits in “Kampala – Hamburg” den Gegensatz auf, wie ein schwuler Jugendlicher in Deutschland lebt und ein anderer in Uganda. Sehr schön beschreibt er den jeweiligen Alltag der beiden. Einer ist engagiert, muss aber an sich keine Angst haben. Der andere ist auch engagiert – sein Engagement sorgt jedoch für große Probleme. David will flüchten, und das nicht, weil Krieg herrscht, sondern weil er verfolgt wird, weil er ansonsten in den Knast muss wegen etwas, wofür er nichts kann.
Wenn es aber um die Flucht selbst geht, wird der Roman leider sehr viel oberflächlicher. Immerhin hat der komplette Roman gerade mal 146 Seiten. Da werden eigentlich spannende Dinge nur kurz erzählt, dass David aus Hamburg innerhalb von Stunden nach Istanbul aufbrechen kann, ist in drei Sätzen gesagt. Auch wäre es spannend gewesen, die Geschichte in Deutschland weiter zu erzählen, denn sie ist ja damit nicht vorbei.
Stilistisch blödsinnig ist es übrigens, dass die beiden Davids im Chat anfänglich vor jede noch so kurze Nachricht oder im im Chat “Hallo David” und “Hallo FF4” schreiben. Oder solche merkwürdigen Chat-Beschreibungen wie “Pause – Pause – Pause” oder “Abbruch – Abbruch – Abbruch”. Das ist wirklich albern und wirkt wie ein Walkie-Talkie-Spiel im Kindergarten. Dass so ein Quatsch nicht rausredigiert wird, ist schade.
Am Ende behandelt der Roman ein spannendes, wichtiges Thema. Aber der Roman erzählt die Geschichte leider nicht aus.

Lutz van Dijk: Kampala – Hamburg. Roman einer Flucht
Querverlag, 167 Seiten
6/10

Hits: 138

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Daniel Silva: Die Attentäterin

Sonntag, den 27. Dezember 2020

(15) -> 8.8.2019

In Paris beginnt gerade eine wichtige Konferenz zur möglichen jüdisch-islamischen Aussöhnung. Organisatorin Hannah Weinberg bekommt noch mit, dass draußen vor dem Fenster etwas Merkwürdiges geschieht – als eine heftige Detonation für Chaos, Verwüstung und viele Tote sorgt. Es ist ein verheerender Bombenanschlag, der Paris erschüttert.
Eigentlich wollte Gabriel Allon seinen Posten als Chef des israelischen Geheimdienstes antreten, doch daraus wird erst mal nichts. Zunächst muss der Drahtzieher dieses Anschlages gefunden werden. Was man weiß: Er nennt sich Saladin.
Allon beschließt, eine Agentin in das Terrornetzwerk des IS einzuschleusen. Natalie arbeitet in einer Jerusalemer Notfallklinik, und nun muss muss sie als Leila Hadawi beim IS recherchieren.

Daniel Silvas Roman “Die Attentäterin” ist der 16. Roman der Gabriel-Allon-Reihe – insgesamt gibt es bereits 20 Romane. Bereits seit 2000 schreibt der Autor an seiner Thriller-Reihe über den Geheimdienstmann, von dem keiner so genau weiß, wie alt er eigentlich ist.
“Die Attentäterin” erscheint erschreckend aktuell, wobei der Autor in diesem Fall betont, dass der Roman vor den 2015er-Paris-Anschlägen geplant worden sei. Er habe sich dennoch entschlossen, an den Storyplänen festzuhalten.
Minutiös beschreibt Silva. wie die Ärztin in das IS-Netzwerk eingeschleust wird. Das ist so ausführlich, dass es fast schon wieder etwas zu lang geworden ist, immerhin hat das Buch mehr als 550 Seiten.
Der Roman zeigt aber auch auf niederschmetternde Weise, dass jede Beschattung, jeder noch so durchdachte Plan auf brutale Weise durchkreuzt werden kann. So hat diese Geschichte einige Wendungen, die man sich im wahren Leben nicht wünscht…

Daniel Silva: Die Attentäterin
Harper Collins, 557 Seiten
7/10

Hits: 136