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Bücher, Bücher, Bücher

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Nathan Hill: Geister

Mittwoch, den 19. April 2017

Samuel Anderson hat früh seine Mutter verloren. Sie ist damals einfach abhauen, einfach nicht mehr da gewesen. Keiner hat je gewusst, was damals geschehen ist.
Jetzt holt ihn diese Vergangenheit ein. Denn Samuel bekommt einen Anruf von einer Anwaltskanzlei. Seine Mutter taucht wieder auf, und ausgerechnet er soll für sie bürgen. Sie hat nämlich einen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner angegriffen. Oder was man so einen Angriff nennt. Samuel soll nun sagen, dass sie in Wirklichkeit eine gute Frau ist.
Aber kann Saumel so was sagen?
Und was ist denn damals nun eigentlich passiert? Er will es endlich rausfinden.

Und der Leser natürlich auch. Nathan Hill nimmt ihn auf mehr als 850 Seiten mit auf eine Reise durch Samuels Familiengeschichte. Denn seine Mutter Faye hat ein bewegtes Leben. Was er nicht wusste, ist, dass sie zwischenzeitlich in Chicago war, um zu studieren. Was damals noch etwas ganz Besonderes war – sie als Frau. Aber sie gerät in den Strudel einer Protestbewegung und in einen von ihr nicht verschuldeten Liebes- und Rachestrudel.
Ganz nebenher wird ein Stück US-Politgeschichte erzählt. Nicht als Sachbuch-Doku, sondern Nathan Hill verquickt seine Story mit wahren Begebenheiten.
Manche Exkurse in diesem sehr dicken Roman sind ein wenig ausschweifend. Aber die vielen Aspekte, die “Geister” beleuchtet, machen aus Samuels und Fayes Leben eine sehr spannende Story.

Nathan Hill: Geister
Piper, 864 Seiten
7/10

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Claudia Hochbrunn: Ein Arschloch kommt selten allein – So werden Sie mit schwierigen Zeitgenossen fertig

Montag, den 10. April 2017
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Glückwunsch an den Rowohlt-Verlag: Denn der Titel von Claudia Hochbrunns Buch ist schon das Knalligste am kompletten Produkt: Aber der Titel “Ein Arschloch kommt selten allein” ist natürlich sehr griffig, und jeder von uns kennt ja sicherlich mindestens ein Arschloch.
Aber so provokant (oder aufregend? oder lustig?) der Titel, so herkömmlich und dann doch unaufregend der Inhalt.

Im Grunde ist ein ein psychologisches Buch. Es erzählt von verschiedenen Typen von Mensch. es geht darum, wie man mit Eigenbrödlern oder Querulanten umgehen sollte, es geht um Gefühlchaoten, um von sich selbst überzeugte Menschen – und viele mehr. Der Ungterschied: In Hochbrunns Buch sind das eben alles Arschlöcher. Vermutlich weil das eben besser, knalliger klingt.

Eigentlich ist das alles nicht ganz unspannend, aber eben dann doch so herkömmlich, dass es nur noch wenig Besonderes und schon gar nicht viel neues bringt.

Claudia Hochbrunn: Ein Arschloch kommt selten allein – So werden Sie mit schwierigen Zeitgenossen fertig
ro ro ro, 235 Seiten
4/10

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Paula Fürstenberg: Familie der geflügelten Tiger

Montag, den 3. April 2017
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Ihre Mutter hätte gern gesehen, dass sie studiert. Stattdessen aber ist Paula nach dem Abi in der Uckermark nach Berlin gezogen und macht dort eine Ausbildung als Straßenbahnfahrerin.
Ihren Vater Jens kennt Paula nicht. Sie weiß nur, dass er am 4. Oktober 1989 aus der DDR geflüchtet ist.
Aber ist das wirklich so? Denn ihr Vater meldet sich eines Tages bei ihr, sie lernt ihn kennen, er liegt in einer Klinik – um zu sterben. Er ist todkrank. Es bleibt also nicht viel Zeit, um herauszufinden, was damals war.
Dass er damals rübergemacht ist – das jedenfalls scheint eventuell doch nicht so gewesen zu sein. Johanna begibt sich auf Spurensuche – was schwierig ist, wenn man die DDR nie erlebt hat.

Was ist damals passiert? Und inwiefern spielte die Politik der DDR eine Rolle? Was ist damals in der Familie passiert, und wie steht es heute um die Familie?
Das alles sind Fragen, die Paula Fürstenberg, in ihrem Roman “Familie der geflügelten Tiger” beantworten will. Sie beschreibt eine zerrüttete Familie in einem zerrütteten Land. Wobei die Frage zu klären ist, ob das zerrüttete Land mit der Familie überhaupt etwas zu tun hat.
Die Autorin verwebt das auf recht interessante Weise mit den Ansichten Berlins. Johanna fährt die Tram und macht sich Gedanken: Wie sah Berlin damals aus, was hat sich verändert.
Ein schöner, leicht zu lesender Roman mit nachdenklichen, rührenden und auch humorvollen Momenten.

Paula Fürstenberg: Familie der geflügelten Tiger
Kiepenheuer & Witsch, 239 Seiten
7/10

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Håkan Lindquist: Paul, mein großer Bruder

Donnerstag, den 30. März 2017

Jonas ist Einzelkind. Wobei, das stimmt nicht so ganz. Er hat einen Bruder, der allerdings gestorben ist, bevor Jonas auf die Welt kam. Paul war gerade mal 15, als er starb. Vom Zug überfahren.
Als Jonas ins Jugendalter wird, beginnt er, neugierig zu werden. Er will alles über seinen Bruder wissen, was er rausfinden kann. Er sucht nach Bildern, fragt seine Eltern aus und trifft sich mit Daniel, einem alten Freund von Jonas’ Mutter.
Nach und nach findet er tatsächlich einiges heraus: Vor seinem Tod hat sich Paul verliebt, und irgendwas muss geschehen sein, denn: Kann es sein, dass sich Paul absichtlich hat vom Zug überrollen lassen?

“Paul, mein großer Bruder” vom schwedischen Autor Håkan Lindquist ist eine durchaus anrührende Geschichte. Sie braucht allerdings ein bisschen, bis sich die Wucht entfaltet. Anfangs wird das ganze doch recht konstruiert. Auch, weil wir Pauls Geschichte nur aus dem “Off” mitbekommen. Zwischendurch gibt es aber plötzlich eine Passage, bei der der Autor plötzlich in die Paul-Zeit switcht.
Im letzten Drittel offenbart sich die komplette Story, und das liest sich dann doch spannend.
Bis dahin gelingen Lindquist einige interessante Nebelkerzen, wenn er den Leser (und Jonas) auf falsche Fährten und Gedankengänge führt.
Peinlich ist übrigens der falsche Klappentext zu diesem Buch, in dem es heißt, Jonas erfahre mit 16 von seinem Bruder. Dabei gibt es schon auf der allerersten Romanseite die Szene, in der Jonas als fast dreijähriger seine Eltern fragt, wer das auf dem Bild sei – und erfährt, dass es sich um seinen verstorbenen Bruder handele.

Håkan Lindquist: Paul, mein großer Bruder
Bruno Gmünder, 174 Seiten
7/10

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André Kubiczek: Skizze eines Sommers

Montag, den 27. März 2017
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Der Sommer im Jahre 1985 in Potsdam. René ist 16 und hat gerade die 10. Klasse abgeschlossen. Es ist der letzte Sommer, bevor es auf das Internat geht.
Er ist allein zu Haus. Seine Mutter ist tot, sein Vater ist in der Schweiz. Friedenskonferenz – oder so. René weiß es nicht ganz genau. Er weiß nur, dass er 1000 Mark zu hause hat und damit über den Sommer kommen soll.
Immerhin sind seine Freunde da. Mit Dirk, Michael und Mario zieht er um die Häuser rund um den Keplerplatz und in durch die Discos. Natürlich geht es auch darum, das richtige Mädchen zu finden. Und das ist auch eine: Bianca. Und dann noch Rebecca. Und schließlich noch Fritzis große Schwester, dessen Namen er nicht kennt.

André Kubiczek hat die “Skizze eines Sommers” niedergeschrieben – über eine Jugend in der DDR. Es geht nicht um “die” Jugend, sondern um Renés Sommer, wie er ihn erlebt hat.
Und diesen mitzuverfolgen, macht Spaß. Es ist kein Buch, das übermäßig spannend ist, aber es ist schön, in diese Geschichte einzutauchen. Zu lesen, was René erlebt, wie er über die Mädchen und über die Freundschaft denkt. Ganz nebenbei bekommt man dadurch auch noch ein Stück DDR-Alltag mit.
Potsdam-Kenner werden zudem natürlich mit Erinnerungen und Lokal-Kolorit versorgt, wobei diese Stadtkenntnisse nicht zwingend notwendig sind, um diesem Roman etwas abgewinnen zu können.

André Kubiczek: Skizze eines Sommers
Rowohlt Berlin, 379 Seiten
8/10

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Jacky Fleming: Das Problem mit den Frauen

Samstag, den 25. März 2017

Frauen können gar keine Genies sein. Ihre Arme sind nämlich zu kurz und die Köpfe zu klein. Und weil sie Kleider um umfänglich sind, können sie auch nicht vernünftig lernen, und da muss man sich ja nicht wundern, dass das nix wird mit den cleveren Frauen. Denn wenn sie was lernen und plötzlich klug sind, dann werden sie leider auch voll hässlich.
Weiß man ja alles. Und vor allem: Mann weiß das.
Aber wie auch immer: Weil das alles so ist, wundern sich Männer natürlich überhaupt nicht darüber, dass sie so übermächtig sind.

Jacky Fleming erzählt in ihrem Buch über “Das Problem mit den Frauen” – und zwar, wie es sich im späten 19. Jahrhundert darstelle. Mit viel trockenem Humor nimmt sie die damalige Zeit aufs Korn. Vor allem mit vielen anschaulichen Zeichnungen.
Im Grunde hat die Autorin eine Bildergeschichte rausgebracht. Die Zeichnungen bringen auf den Punkt, was sie nebenher erzählt.
Das alles ist durchaus erhellend, vor allem entlarvend. Denn sie zeigt sehr stark auf, welchen Stand Frauen damals hatten – und wie irrsinnig das alles ist.
Die 128 Seiten lesen sich fix, man schmunzelt, schüttelt den Kopf. Eine schöne Mischung aus prägnanten Zeichnungen und trockenhumorigem Text.

Jacky Fleming: Das Problem mit den Frauen
KiWi, 128 Seiten
8/10

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Torsten Weigel: Abenteuer Südhalbkugel – Sechs Monate, sechs Länder, drei Kontinente

Freitag, den 24. März 2017
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Im Herbst 2014 macht sich der freie Journalist Torsten Weigel aus Oranienburg auf den Weg. Ein halbes Jahr lang will er unterhalb des südlichen Wendekreises unterwegs sein. Ein Projekt, das er anderthalb Jahre vorbereitet hat. Startpunkt der Tour ist der Flughafen Berlin-Tegel.
Raus aus der deutschen Kälte – zurück in den Sommer. Sechs Länder auf drei Kontinenten stehen auf dem Programm. Los geht es in Namibia und langen Autotouren durch die Steppen. Er klettert Berge hoch oder fährt sie rückwärts mit dem Auto hoch – in Südafrika.
Weiter geht es nach Australien und dessen unendlichen Weiten. Weihnachten in Sydney, und weiter ging es nach Tasmanien, wo er mit dem Kajak unterwegs war. Mit dem Fahrrad ging es zum Schluss durch die Anden – vom Pazifik zum Atlantik.

Die Tour ist mit einem Blog begleitet worden. Dort schrieb Torsten Weigel bereits während der Reise. Es gab Texte, Fotos und Videos.
Blogleser von damals werden darin trotzdem viel Neues erfahren. Weigel schreibt Geschichten über Leute, die er getroffen hat. Eine Mischung aus Abenteuer, Storys und Fakten über die Länder.
Er berichtet von der Einsamkeit in der Hitze Westaustraliens und von der Höllenradtour unter dem Motto: „Aktiv sterben“. Die Kapitel des Buches sind aufgeteilt wie der Reiseverlauf war.
Es ist recht persönlich gehalten. Kein bloßer Reisebericht, sondern auch viel Menschenkunde. Immer wieder gibt es Dialog-Passagen, die es leicht machen, sich die Situationen vorzustellen. Weigel schreibt nicht nur über das Erlebte, sondern auch über seine Gefühle dabei, und das macht dieses Buch so spannend. Seine Beweggründe, die Tour anzutreten und was dem voraus ging, werden allerdings ein bisschen spät eingestreut.
Dem Reisebericht fehlt zwar ein wenig eine Rahmenhandlung und manche Kapitel hätten gern noch ausgeschmückt werden können – so zum Beispiel die Radtour -, vieles liest sich aber spannend. Ganz gut rausgearbeitet ist, dass die Reise an vielen Stellen strapaziös war. Dass Weigel und seine zwischenzeitlichen Reisepartner ganz schön zu knabbern hatten. In dem Buch scheint nichts geschönt zu sein. Dieses Auf und Ab macht das Ganze lesenswert.
Und PS: Gibt es ein Wiedersehen mit Tory?

Torsten Weigel: Abenteuer Südhalbkugel – Sechs Monate, sechs Länder, drei Kontinente
Malik, 288 Seiten
8/10