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Bücher, Bücher, Bücher

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Hanni Fux: Simons Wendepunkt

Samstag, den 10. April 2021

Simon Kupfer hatte schon bessere Zeiten. Der Schwimmer ist bei der letzten WM ohne Medaille geblieben – überhaupt hat die deutsche Mannschaft ein mieses Bild abgegeben. In den Medien gibt es viel Häme.
Gemeinsam mit seinen Leuten aus der WG geht er zum Feiern ins Regenbogenhaus. Simon hatte einst seinen besten Freund, als der sich vor ihm geoutet, das Regenbogenhaus gezeigt – und ist seitdem immer wieder dort. Allerdings musste er erst mal klarstellen, dass er nicht schwul ist.
Aber bei dieser Party geschieht etwas Merkwürdiges. Ein Typ nimmt mit ihm Blickkontakt auf – und in Simon kribbelt es. Dieser Mann löst in Simon etwas aus, was ihn völlig verunsichert.
Als ihn Anne aus seiner WG am nächsten Tag in eine Buchlesung schleppt, ist Simon schockiert: Denn der Mann, der da vorne aus seinem Buch liest, ist der Typ von der Party.
Er nimmt nach der Lesung allen Mut zusammen und spricht Benedikt Bergmann an. Er muss wissen, was da los ist – was mit ihm los ist. Denn einerseits fühlt er da etwas – und ist andererseits total verunsichert.

Hanni Fux schreibt in ihrem Roman über “Simons Wendepunkt”. Und man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass die beiden zusammen – und es geht sogar ziemlich schnell.
Denn die eigentliche Geschichte ist etwas anderes. Erstens ist Simon mit seinen 22 Jahren 14 Jahre jünger als Ben – was aber nur für Ben ein Problem zu sein scheint. Und zum anderen ist die Frage, was denn eigentlich passiert, wenn sich Simon, der Profisportler outet. Ist dann seine Karriere beendet?
Diese Frage ist in der Tat spannend, und Hanni Fux erzählt davon, wie sich Simon erst mal über sich selbst klar werden muss – und auch, wie er das der Öffentlichkeit mitteilen könnte. Denn für ihn ist klar: Er will nicht, dass es die Presse rauskriegt – er will den Schritt machen und dem Boulevard so den Wind aus den Segeln nehmen. Doch das ist alles andere als einfach.
Und ist so der Roman einerseits ein relativ kitschiger Liebesroman (man sollte auf explizite Erotikszenen vorbereitet sein), andererseits aber auch ein interessantes Gedankenspiel, wie denn die Öffentlichkeit auf ein Profisportler-Outing reagiert.

Hanni Fux: Simons Wendepunkt
dead soft verlag, 394 Seiten
9/10

Hits: 69

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Klaus E. Spieldenner: Elbflucht

Freitag, den 9. April 2021

Manchmal kommen Verbrechen erst Jahre später ans Licht. In der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel in Hamburg werden zwei Skelette entdeckt – im Innenhof. Das wäre nie aufgefallen, wenn es auf dem Gefängnis-Fußballplatz keine Umbau-Arbeiten gegeben hätte.
Was also ist da los in “Santa Fu?” Gab es dort vor einigen Jahren einen Mord? Sollte etwas vertuscht werden?
Das Ermittlerteam um Sandra Holz findet raus: 2010 hat es im Gefängnis einen Ausbruch gegeben – zwei Männer konnten damals flüchten.
Der Fall ist umfassend, aber was dahinter steckt, ist lange unklar.

Zumindest für die Ermittler. Denn der Autor Klaus E. Spieldenner wendet in seinem neunten Hamburg-Krimi einen Trick an: Er nimmt seine Leser mit in die Vergangenheit. Er erzählt die Geschichte , wie Patrick Monarch 2007 im Knast landete. In der etwas überlang erzählten Vorgeschichte gibt es wichtige Hintergründe. Denn Monarch hat auch vom Knast aus noch wichtige Dinge zu klären. Und dabei kommt ihm eine familiäre Überraschung gerade richtig.
“Elbflucht” heißt der spannende Roman, der eigentlich sogar zwei Geschichten erzählt. Denn was Patrick Monarch erlebt, ist ein Krimi für sich, eine fast unglaubliche Verbrecher- und auch Unternehmergeschichte.
Dass die Ermittler so lange im Dunkeln tappen, ist deshalb für den Leser nicht so wichtig. Denn beide Storys steuern gewissermaßen aufeinander zu.
Manchmal verliert sich der Autor zwar ein bisschen sehr in Details, aber alles in allem ist dieser Krimiroman sehr lesenswert.

Klaus E. Spieldenner: Elbflucht
CW Niemeyer, 422 Seiten
8/10

Hits: 91

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Bill Kaulitz: Career Suicide – Meine ersten dreißig Jahre

Mittwoch, den 7. April 2021
Tags: ,

Das Buch fällt auf, ist aber optisch alles andere als ein Hingucker. ZU sehen sind in Schwarz-weiß nur Augen, Nase und Mund von Bill Kaulitz, dazu seine Piercings. Zwischen den Augen ist Blut, vielleicht ein Einschussloch. Etwas Blut läuft auf die Nase runter. Über der Stirn prangt der krakelige, an einen Horrorfilm erinnernde Schriftzug mit dem Titel des Buches.
Und aus der Ferne sieht das Buch aus wie damals eine DVD aus der Videothek. An den Seiten sind die Buchseiten schwarz eingefärbt, dazu das billig und trashig wirkende Cover.
Der Inhalt des Buches ist das allerdings nicht.

Bill Kaulitz steht seit bald 20 Jahren in der Öffentlichkeit. 2003 nahm er an der Sat.1-Castingshow “Star Search”, und zu dieser Zeit war er im Magdeburger Raum schon mit seiner Band unterwegs.
2005 kam “Durch den Monsun”. Und die Band Tokio Hotel wurde der große Überflieger.
In seinem Buch “Career Suicide” erzählt Bill Kaulitz über seine ersten 30 Jahre. Über seine Kindheit, die Schulzeit, darüber wie er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Tom seine Bandkollegen Georg und Gustav kennenlernte und wie es zum ersten großen Hit kam.

Obwohl Bill Kaulitz erst 32 Jahre alt ist, hat er viel zu erzählen. Dabei wird schnell klar, dass sein Leben nie ein Zuckerschlecken war – auch und gerade nicht in der besten Zeit von Tokio Hotel.
Bill war schon immer jemand, der sich auffällig gestylt hat, für den das völlig normal war. Damit fiel er auf, schon in der Schule. Er schreibt von bösen Hänseleien und Attacken – aber auch, wie er das alles überstanden hat, wie sehr da auch sein Bruder eine große Hilfe war. Bill und Tom haben sich immer perfekt ergänzt.
Die Musik aber war die großen Leidenschaft – und ist es noch immer. Aber wer denkt, dass es nur toll ist, ein Star zu sein, der täuscht sich. Denn der Hype, der über Tokio Hotel hereinbrach, lässt einem schon beim Lesen den Atem stocken.

Recht schonungslos lässt Bill Kaulitz in “Career Suicide” sein bisheriges Leben Revue passieren. Er geht dabei auch mit sich selbst nicht zimperlich um. Das Buch wirkt, als ob er dem Leser alles persönlich erzählt. Manchmal spricht er den Leser auch persönlich an. Wer das Buch liest und Kaulitz kennt, kann sich sicher ganz gut vorstellen, wie er das einem gerade alles erzählen würde. Einige der Episoden sich bestürzend, andere lassen einen den Kopf schütteln. Aber am Ende steht auch der große Respekt vor einem jungen Mann, der extrem für seinen Traum gekämpft hat und fast an ihm zerbrochen wäre.

Bill Kaulitz: Career Suicide – Meine ersten dreißig Jahre
Ullstein, 381 Seiten
8/10

Hits: 124

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Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Mittwoch, den 17. März 2021

Benedikt Jäger hat’s drauf. Mit seiner Mannschaft gewinnt er das Landesfinale der Tennisjugend. Zum neuen Schuljahr gibt es sogar Plakate, die die Mannschaft als Teil einer Kampagne zeigen, die überall hängen. Das macht schon stolz. Er lebt in einer bayerischen Kleinstadt. Ziemlich reiche Gegend. Seine Mutter gibt Empfänge für den Lions-Club, wo Geld für Flüchtlinge gesammelt wird – weil ja alle so gern geben.
Aber eigentlich geht Benedikt das alles auf den Keks. Viel lieber geht er feiern. Und seine Leistungen in der Schule sind gar nicht so gut, wie seine Eltern denken. Alle digitalen Schulmitteilungen lässt er nämlich an eine gefälschte Mail-Adresse leiten, und die Schulnoten fälscht er.
Allerdings kommt es dabei zu einem Zwischenfall.

Thomas Klupp schreibt seinen Roman komplett aus Sicht des Jugendlichen. Auf ziemlich locker-rotzige Art berichtet Benedikt von seinen Erlebnissen. “Wie ich fälschte, log und Gutes tat” heißt der Roman, dessen Überschrift so ziemlich auf den Punkt beschreibt, wovon Benedikt erzählt.
Das macht anfangs großen Spaß zu lesen, weil man sich recht gut vorstellen kann, was Benedikt da erzählt. Ob seine Erzählweise tatsächlich dem Slang der heutigen Jugend entspricht, ist als (etwas) älterer Leser natürlich schwer einzuschätzen, aber immerhin kommt Benedikt an sich aus gutem Hause, er besucht eine gute Schule. Da wird vermutlich nicht der ganz moderne Jugendslang gesprochen.
Allerdings fehlt dem Roman am Ende dann doch der ganz große Spannungsbogen. Die Geschichte, wie er versucht, aus einer misslichen Lage herauszukommen, zieht sich ein bisschen hin und ist als Höhepunkt der Geschichte ein bisschen dünn. Fängt also stark an und hört so lala auf.

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat
Piper, 256 Seiten
6/10

Hits: 211

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Wolfgang Martin: Wie die Westmusik ins Ostradio kam – Radiogeschichten von DT64 bis “Beatkiste”

Dienstag, den 9. März 2021
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Über die westdeutsche Mediengeschichte bis 1990 weiß man relativ viel. Doch was eigentlich im Radio der DDR los war, darüber ist bislang wenig geschrieben worden.
Wolfgang Martin arbeitete ab 1975 als Redakteur und Moderator für die Stimme der DDR und ab 1982 für das Jugendradio DT64. In seinem Buch “Wie die Westmusik ins Ostradio kam” erzählt er nicht nur genau davon. Sondern auch ganz allgemein darüber, welche Stars in der DDR eigentlich angesagt waren, wie man sie unterstützt oder eben auch – aus Gründen – nicht unterstützt hat.

Hin und wieder taucht der Autor so detailliert in die DDR-Radiogeschichte mit diversen Namen und Umständen ein, dass es fast nur für Nerds ist. Aber sehr überwiegend ist es spannend, was er zu erzählen hat.
Denn in der Tat ist es kurios, wie die Westmusik ins Ostradio kam. Nicht nur auf mehr oder weniger offiziellen Wegen. Verwandte brachten Schallplatten mit oder Redakteure reisten nach West-Berlin, um sich in Plattenläden umzusehen. Oder die Parteiverantwortlichen wollten bestimmte Westsongs platzieren, weil es bestimmte Deals gab.
Ebenso interessant ist es zu lesen, wieso manche Songs plötzlich nicht mehr gespielt werden durften, und wie lapidar das meist verkündet worden ist.

Schön ist der Anhang mit den TOP5-DDR-Hits von 1975 bis 1990.
Schade ist, dass im Buch nur auf sehr wenigen Seiten auf die Wendezeit eingegangen wird. Auf die Zeit Ende 1989, als sich auch die journalistische Arbeit im DDR-Radio wandelte und auf die Abwicklung in den 90ern sowie den Kampf um DT64. Aber vielleicht wäre das noch mal ein eigenes Buch.

Wolfgang Martin: Wie die Westmusik ins Ostradio kam – Radiogeschichten von DT64 bis “Beatkiste”
Bild und Heimat, 237 Seiten
7/10

Hits: 157

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Max Meier-Jobst: Der große Kamerad

Dienstag, den 2. März 2021

Frederik ist in seiner Schule nicht gerade beliebt. Immer wieder wird der 13-Jährige gehänselt. Dann aber tritt Jonas Maraun in sein Leben. Seine Eltern holen den 15-Jährigen als Pflegekind zu sich. Endlich hat Frederik einen Gefährten an seiner Seite – und nicht nur das: Plötzlich bekommt er in der Schule Respekt, weil sich der “große Maraun”, wie er ihn nennt, auch Respekt verschafft.
Aber Maraun ist ein Geheimnis. Kurz vor Weihnachten verschwindet er spurlos, und keiner weiß, wo er abgeblieben ist. Und dann gibt es noch das Mädchen, von dem er immer schwärmt. Es muss seine große Liebe sein, davon ist er überzeugt. Eines Tages machen sich Maraun und Frederik auf die Suche nach Yvonne.

“Der große Kamerad” heißt der Roman von Max Meier-Jobst. Es hat ein Vorbild – nämlich der Klassiker “La Grand Meaulnes” von Alain-Fournier. Der Roman über die erste Liebe und über große Gefühle spielte Ende des 19. Jahrhunderts. Meier-Jobst hat seine Geschichte genau 100 Jahre später angesiedelt.
Mit dem großen Maraun, diesem 15-jährigen Typen, hat auch dieser Roman eine sehr geheimnisvolle Figur. In vielerlei Hinsicht bleibt er ein Rätsel – für Frederik, für Frederiks Eltern und weitere Menschen, die in der Geschichte vorkommen. Er verfolgt Prinzipien, er hadert mit sich – und zieht damit auch Frederik runter.
Es gibt im ersten Teil des Buches eine leider sehr überlange Geschichte darüber, wo Marauns erster Trip hinführte – die hätte stark gekürzt werden können, weil sie schier endlos erscheint. Dann aber nimmt auch die Spannung im Roman zu.

Max Meier-Jobst: Der große Kamerad
Books on Demand, 283 Seiten
7/10

Hits: 157

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Andrea Kiewel: Meist sonnig – Eine Liebeserklärung an das Leben

Mittwoch, den 24. Februar 2021

Sie bringt uns vom Brandenburger Tor aus ins neue Jahr, und vom Frühling bis zum Herbst ist sie Sonntag für Sonntag vom Fernsehgarten für die Menschen da: Andrea Kiewel.
Seit 1990 moderiert sie im deutschen Fernsehen, und das auf sehr sympathische Art. Der Fernsehgarten mit viel Musik und Aktionen ist ihre Bühne. Und auch in Interview macht es Spaß, ihr zuzuhören.

Nun hat sie auch ein Buch herausgebracht. Es heißt “Meist sonnig – Eine Liebeserklärung an das Leben”. Und der Untertitel sagt es aus, worum es geht. Um ihr Leben, auch wenn es sich nicht um eine Biografie handelt. Vielmehr sind es Streiflichter und Gedanken. Sie erzählt von guten Freunden, von schönen und nicht so schönen Momenten, auch vom Fernsehgarten, von ihrem Zweitwohnsitz Tel Aviv, von der Liebe und vom Sex.

Das ist: nett. Das liest sich schneller, da liest man relativ fix drüber. Allerdings ist “nett” dann doch ein bisschen mau. Alles in allem ist dieses Buch doch eher enttäuschend. Auch wenn sie stellenweise spannende Dinge aus ihrem Leben erzählt, wirkt alles doch sehr oberflächlich und sprunghaft. Ihren Notizen fehlt ein roter Faden, thematisch springen die Kapitel hin und her. Wenn sie über ihre Schwimmkarriere spricht und davon, dass sie zwar was geahnt, aber dass sie von Doping in der DDR letztlich nichts mitbekommen habe, wirkt das sehr glatt. Dass sie in Promo-Interviews mehr über den “Fernsehgarten” erzählt als im Buch, ist ziemlich schade. Da hätte es sicher spannendere Dinge zu erzählen gegeben als so manche private Anekdote. Dass sie ehemalige Kollegen falsch schreibt (Kurt Lutz heißt Kurt Lotz), ist peinlich. Dass sie ständig von ihren “verehrten Leserinnen und Lesern” schreibt, ist schlicht überflüssig und irgendwann nervig.
Sicherlich ist es so, dass sich Andrea Kiewel in diesem Buch öffnet. Aber richtig tiefschürfend ist das alles nicht.

Andrea Kiewel: Meist sonnig – Eine Liebeserklärung an das Leben
Eden Books, 256 Seiten
5/10

Hits: 156