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Gregor Sander: Alles richtig gemacht

Freitag, den 13. Dezember 2019

Daniel. Plötzlich ist er wieder da, und noch weiß Thomas nicht, was er eigentlich will.
Daniel und Thomas waren beste Freunde. Vielleicht sind sie es immer noch, so irgendwie.
Als die Wende kam, lebten sie in Rostock, bekamen da als Jugendliche den Umbruch mit, sie erlebten eine wilde Jugend an der Ostsee. Die ersten Freundinnen, ausschweifende Partys.
Später zogen sie nach Berlin. Gleich nach dem Mauerfall herrschte in der nicht mehr geteilten Stadt noch fast Anarchie. Daniel wird Koch, Thomas wird später Anwalt.
Aber irgendwann ist Daniel verschwunden, offenbar ist er mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Jetzt, Thomas ist inzwischen 50 und ziemlich frustriert, erinnert er sich, und werden er und Daniel wieder zueinander finden?

“Alles richtig gemacht” heißt der Roman von Gregor Sander. Aber natürlich haben in dieser Geschichte alle nicht alles richtig gemacht.
Der Roman wird auf zwei zeitlichen Ebenen erzählt. Einerseits die Geschichte der Jugend nach der Wende. Andererseits das Jetzt, die Zeit des Erwachsenseins mit seinen Problemen.
Dabei gelingt es Gregor Sander insbesondere die Nachwende-Geschichte auf fesselnde Weise zu erzählen. Auf schöne Weise beschreibt er, was die jungen Leute damals erlebt haben. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind so dargestellt, dass man als Leser reingezogen wird.
Leider fasert die Story gegen Ende des Romans ziemlich aus. Die Spannung fällt aus irgendwelchen Gründen sehr ab, und das ist sehr schade. Der Roman kann das starke Niveau leider nicht durchgängig halten.

Gregor Sander: Alles richtig gemacht
Penguin Verlag, 240 Seiten
6/10

Hits: 49

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Morten Ramsland: Sumobrüder

Sonntag, den 8. Dezember 2019

Odense in Dänemark. Lars (11) und seine Freunde veranstalten heimlich Sumo-Ringkämpfe. Aber viel öfter ziehen sie in der Gegend rum, um die Kleineren in der Paradiesgarten-Siedlung zu verprügeln. Da, wo die Reihenhäuser stehen, da muss sich jeder vor den anderen behaupten.
Lars könnte sich stark fühlen. Aber zu Hause spielen sich Dinge ab, von denen er sich fragt, was da eigentlich los ist. Seine Oma darf er nicht sehen, und sein Vater scheint an einer Art Depression zu leiden, und eines Tages bekommt er plötzlich Lähmungserscheinungen.

Morten Ramsland schreibt in seinem Roman “Sumobrüder” über eine Gruppe Bald-Pubertierender. Sie müssen zeigen, was sie drauf haben, um nicht selbst unter die Räder zu kommen. Imponieren – darum geht es.
Der Autor beschreibt eine Jugend, die es nicht immer einfach hat. Kinder auf der Schwelle, jugendlich zu werden.
Grundsätzlich fehlt dem Roman allerdings ein Spannungsbogen. Es sind immer wieder einzelne Momente, die faszinieren und durchaus spannend sind. Dann aber leiert die Story aus, zum Ende hin fehlt jeglicher Spannungspunkt, es gibt nichts, worauf die Geschichte hinsteuert. Sie endet einfach irgendwie.

Morten Ramsland: Sumobrüder
Schöffling & Co., 320 Seiten
5/10

Hits: 86

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Christian von Ditfurth: Ultimatum

Dienstag, den 3. Dezember 2019
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Der Terror erreicht Deutschland. Das Problem: Keiner weiß, wer für diesen Terror sorgt und was die Terroristen überhaupt wollen.
Erst wird in Berlin der Mann der Bundeskanzlerin entführt. Ein Schock für alle. Die Sicherheitsbehörden erscheinen ratlos. Hauptkommissar Eugen de Bodt wird von der Kanzlerin kontaktiert, er soll mehr oder weniger heimlich die Ermittlungen übernehmen. Denn es ist ernst: Einen Finger haben dem Terroristen dem Opfer schon abgeschnitten.
Doch es geht weiter: Die Terroristen drohen damit, ein Atomkraftwerk in Deutschland in die Luft zu jagen. Keiner weiß, welches, wann und überhaupt.
Und auch in Frankreich gibt es Unruhen: Die Frau des französischen Präsidenten wird ebenfalls entführt.

In seinem Roman “Ultimatum” zieht Christian von Ditfurth alle Register. Im Grunde ist sein Roman mehr ein Drehbuch für einen ganz großen Kinoknaller. Das ist schon am Schreibstil zu merken, die oft nur aus Dialogen mit kurzen Erklärungen bestehen.
Die Geschichte, die er sich ausgedacht hat, könnte an sich nicht spannender sein. Denn das Szenario, was passiert, wenn in Deutschland die öffentliche Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann, wie die Menschen reagieren, wie die Regierung, wie die Kanzlerin handelt, das ist eine sehr interessante Frage.
Doch leider ufert der Roman zwischendurch völlig aus. Der etwa 450 Seiten lange Roman tritt an einigen Stellen auf der Stelle und wird sehr langatmig. Viele Dialoge sind vollkommen ausgewalzt, da wird sich zeilenweise über Nichtigkeiten unterhalten. Problematisch ist die riesige Anzahl der Mitwirkenden. Man muss sich schon sehr konzentrieren, um immer mitzubekommen, wer da gerade agiert. Es wabern so viele Namen durch die Story, dass man da droht, den Überblick zu verlieren. Auch die Frankreich-Entführungsgeschichte hätte man sich besser sparen können, um noch mehr den Fokus auf das Chaos in Deutschland zu setzen. Dann hätte man vielleicht in Einschüben noch ausführlicher über das Chaos im Land berichten können.
Hochgradig albern ist es, dass jede Szene ein Kapitel darstellt. Dieser Roman hat mit Prolog und Epilog 228 (!) Kapitel. Ein bisschen mehr Konzept wäre schön gewesen.
Notiz am Rande: Die Bundeskanzlerin scheint als einzige im Buch keinen Namen zu haben. Alle anderen Minister haben einen, auch wenn sie erdacht sind. Vermutlich weil der Autor weiß: Die Leute haben da sowieso Angela Merkel im Kopf. Ein einziges Mal taucht im Roman plötzlich aber doch der Name Merkel auf…

Christian von Ditfurth: Ultimatum
C.Bertelsmann, 447 Seiten
5/10

Hits: 76

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Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus

Sonntag, den 1. Dezember 2019
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Der Name Claas Relotius steht für den größten Fälschungsskandal der deutschen Journalismusgeschichte. Es war nicht die eine Geschichte, die von vorn bis hinten erlogen war. Es waren zig Artikel in diversen Zeitungen. Es waren weniger Artikel wahrhaftig, aber viel mehr davon reine Fantasie.
Aufgeflogen ist das System Relotius im Dezember 2018, als er gemeinsam mit dem ebenfalls freien Autor im “Spiegel”, Juan Moreno, eine Reportage über die Zustände an der Grenze zwischen den USA und Mexico veröffentlicht. Moreno kommt schon während der Entstehung vieles seltsam vor, und später kommt den den vielen Ungereimtheiten des Textes auf die Schliche.

In seinem Buch “Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus” beschreibt nun Juan Moreno, wie es zu dieser Reportage gekommen ist, wie er auf die Ungereimtheiten stieß und wie er schon vor Veröffentlichung im “Spiegel” versuchte, die Chefetage im “Spiegel” zu informieren.

Wäre es kein Sachbuch, dann könnte man das Buch gut und gerne in die Abteilung mit den Thrillern stellen. Denn “Tausend Zeilen Lüge” ist eine echte Kriminalgeschichte – und sie macht über weite Strecken geradezu fassungslos.
Denn Moreno deckt das System Relotius auf. System bedeutet, dass er mitunter systemisch seine Texte gefälscht hat. Er reiste oft gar nicht zu den Stätten, über die er berichtete. Er dachte sich Geschichten drumherum aus, falls doch mal Fragen auftauchen. Er schuf sich eine regelrechte Lügenwelt.
Und er kam damit durch, bekam einen Journalistenpreis nach dem nächsten. Und er war hochgeachtet – überall. Er stand kurz davor, Ressortleiter beim “Spiegel zu werden. Andere Obere sollten noch weiter hochrücken. Und in dieser Situation kam der Skandal. Leute hatten Angst um ihre Aufstiege, und überhaupt konnten sie sich nicht vorstellen, dass der gute Claas gar kein Guter war.
Moreno sammelte Beweise für die Lügen, aber in der Chefetage schien es kaum jemanden zu interessieren, und der gute Claas konnte ja eh alles widerlegen. Die Faktenchecker beim “Spiegel” haben ebenfalls versagt, denn sie hätten durchaus drauf kommen können, dass das was nicht stimmt. Dass da immer wieder was nicht stimmt.
Letztlich war es eine US-Journalistin, die endgültig alles ins Rollen brachte.
Es ist ein wichtiges Buch, es ist eine Mahnung, auf Leute wie Relotius nicht mehr reinzufallen. Es ist aber auch eine Mahnung, den Schreihälsen, die von der Lügenpresse faseln, nicht noch mehr Futter zu geben. Beim Lesen überwiegt neben der Wut aber auch der Unglaube, was eigentlich möglich ist.

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus
Rowohlt Berlin, 287 Seiten
9/10

Hits: 100

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Lea Streisand: Hufeland, Ecke Bötzow

Montag, den 11. November 2019
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Franzi hat schon mal Amerika gesehen. Das sagt sie so, aber es ist eher, nun ja, unwahrscheinlich. Denn Franzi wohnt in der DDR – und die Mauer dort ist undurchlässig. Aber ihr bester Freund Rico hat gesagt: “England und Amerika sind wie die DDR und die BRD.” Zwischen den beiden deutschen Ländern stehe die Mauer, zwischen England und Amerika sei die Ostsee. Und weil Franzi ja schon mal an der Ostsee war…
Franzi wohnt in Berlin, der Hauptstadt der DDR. Ihr Kiez ist der Bötzowkiez, die Hufelandstraße und die Bötzowstraße, bis hin zum Filmtheater am Friedrichshain.
Franzi erzählt, wie sie dort aufwächst. Wie sie mit ihrer Mutter zur 1.-Mai-Parade will, vom Wunsch endlich Pionier zu sein. Und vom Mauerfall und wie ihre Lehrerin in der Schule sich auch erst mal umgewöhnen muss…

“Hufeland, Ecke Bötzow” heißt der Roman von Lea Streisand. Sie erzählt darin ihre eigenen Erinnerungen an die Kindheit in der DDR, während der Wendezeit und der Zeit danach. Wobei Franzi nicht Lea ist, wie sie betont.
Die Erzählungen darüber, wie Kinder diese Zeit erlebten, sind durchaus interessant. Gerade auch, wenn man sie selbst auch so oder so ähnlich miterlebt hat.
Schade ist aber die Oberflächlichkeit des Romans, denn leider sind die Geschichten mehr Streiflichter als ein Roman. Ist die Kindheit noch relativ ausführlich erzählt, kommt die Wende dann relativ lapidar. Das geht zwar aus Sicht des Kindes in Ordnung, weil das Mädchen sich vermutlich nie so genau damit beschäftigt hatte (und der Roman ist in Ich-Form), aber es wäre trotzdem spannender gewesen, da tiefer einzusteigen.
Die Nach-Wende-Erzählen sind dann leider bis auf wenige Ausnahmen schon fast langweilig, das letzte Drittel franst dann vollkommen aus.
Hätte sich die Autorin auf einen engeren Zeitraum konzentriert, wäre dieser Roman vermutlich sehr viel dichter und besser geworden.

Lea Streisand: Hufeland, Ecke Bötzow
Ullstein, 221 Seiten
5/10

Hits: 108

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Ulla Scheler: Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen

Mittwoch, den 6. November 2019

Hanna und Ben sind beste Freunde. Oder mehr. Das wissen scheinbar beide nicht so genau. Sie sind sich sehr nahe, so nah, dass sie sich auch immer wieder wehtun. Und klar ist, als Ben plötzlich verschwindet, macht sich Hanna große Sorgen. Doch plötzlich taucht er wieder auf – und hat eine Idee. Wegfahren. Gleich.
Sie fahren an die See, um rauszukommen, weg zu sein. Am Meer wollen sie den Kopf freibekommen, schwimmen gehen, und zwischendurch haut Ben ab, um zu sprayen.
Doch etwas stimmt mit dem Strand am Meer nicht. Eines Tages taucht eine junge Frau auf. Chloe erzählt die Geschichte von Oceana, die sich immer wieder einen Menschen ins Meer holt. Und tatsächlich mehren sich die Anzeichen, dass auch diesmal etwas passiert.

“Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen” – das ist nicht nur eine Warnung, sondern auch der Titel des packenden Romans von Ulla Scheler.
Packend ist der Roman nicht nur wegen der wirklich spannenden Geschichte. Packend ist auch der Schreibstil, der einfach fantastisch ist. Dialoge, die für Gänsehaut sorgen, weil sie so wahrhaftig sind. Wir begleiten einen jungen Mann, der einerseits stark ist, aber auch große Schicksale schon erlebt hat und zerbrechlich ist. Und die junge Frau, die lebensfroh ist, die liebt und die Angst um ihre Zukunft hat.
Zudem spielt die Autorin mit den diffusen Spannungen. Wegen der mystischen Oceana-Geschichte. Und wegen der Beziehung zwischen Hanna und Ben, zu denen sich auch noch Chloe und Sam gesellen – und es auch da zu Eifersüchteleien kommt.
Diese Mischung sorgt auch dafür, dass der Roman nie in den Kitsch abgleitet. Nur das Ende – das hätte weniger offen ausfallen können.

Ulla Scheler: Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen
Heyne fliegt, 366 Seiten
9/10

Hits: 353

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Stefan Keller: Schabowskis Zettel

Mittwoch, den 30. Oktober 2019
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Berlin, Hauptstadt der DDR, Anfang November 1989: Die Menschen demonstrieren für ihre Rechte, dem Staat entgleiten seine Jünger.
Ins Haus von Volkspolizist Juri Hoffmann zieht eine junge Frau. Das Merkwürdige: Sie hat keinen entsprechenden Nachweis, dass sie die Wohnung überhaupt beziehen darf, und eigentlich dachte er, da könne keiner wohnen, weil sie zu marode ist.
Hinzu kommt: Nadja Worzin ist eine Oppositionelle. Sie arbeitet bei einer Zeitschrift im Untergrund mit. Sie will Veränderung in der DDR und hat schmutzige Machenschaften der Stasi rausbekommen. Als Unbekannte – die Stasi? – sie direkt vor dem Haus zusammenschlagen und sie überfahren wollen, scheint auch Juri zu begreifen, dass in diesem Land etwas ganz gewaltig schief läuft. Er beschließt, Nadja zu helfen.

“Schabowskis Zettel” spielt in diesem Krimi auch eine sehr wichtige Rolle. Und welchen Anteil der Volkspolizist Juri Hoffmann hat, dass Günter Schabowski in der bekannten Pressekonferenz am 9. November 1989 den Inhalt des Zettel, die Reiseregelungen vorliest, auch davon handelt dieser spannende Roman von Stefan Keller.
Er hat sich für seinen Krimi ein extrem interessantes Umfeld ausgesucht. Denn er beschreibt die Geschehnisse in Ost-Berlin zwischen dem 3. und 9. November 1989. Proteste in den Kirchen, die große Demo auf dem Alex, das letzte Aufbäumen der Staatssicherheit. All das nutzt er als Rahmen für eine Story um den Polizisten, seine Mutter und die Oppositionelle.
Das liest sich aus diesem beiden Gründen spannend. Stefan Keller gelingt es sehr gut, die aufgeheizte Stimmung zu beschreiben und seine fiktive Geschichte darin zu platzieren.
Der richtige Roman zum Mauerfall-Jubiläum.

Stefan Keller: Schabowskis Zettel
Gmeiner, 280 Seiten
8/10

Hits: 143