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Jason Reynolds: Love oder Meine schönsten Beerdigungen

Dienstag, den 19. Juni 2018

Es läuft gerade alles andere als gut bei Matthew. Gerade ist seine Mutter gestorben. Nicht nur er hat daran zu knabbern, auch sein Vater. Zu allem Unglück wird der in einen schweren Unfall verwickelt und kommt wochenlang in eine Klinik. Matthew muss alleine klarkommen. Zum Glück hat er seinen besten Freund Chris, mit dem er über alles reden kann. Und einen Job – neuerdings. Mr. Ray engagiert Matt für sein Beerdigungsinstitut. Und nein, er muss keine Tote anfassen. Aber dafür Sorgen, dass die Feiern gut über die Bühne gehen. Für Matt ist das seltsam – denn vor kurzer Zeit erst war er ja selbst dort, um von seiner Mutter Abschied zu nehmen.
Als Matt bei einer Beerdigung auf Love trifft, ändert sich alles. Love arbeitet eigentlich in einem Imbiss, nun lernt er ihre andere Seite kennen. Und Matt blüht wieder auf.

Jason Reynolds schreibt in seinem Roman “Love oder Meine schönsten Beerdigungen” über seinen Jugendlichen, der sich vornimmt, irgendwie mit seinem Schicksal klarzukommen. es geht um Verlust und Trauerbewältigung. Die erlebt Matt nicht nur bei sich selbst. Der Leser wird auch mitgenommen in die Welt der Bestattungsinstitute. Da geht es um die Frage, wie man eigentlich richtig Abschied nehmen sollte. Und ob es überhaupt ein “richtig” gibt.
Es geht es auch um Freundschaften, darum, wie wichtig sie in der Not sein können. Denn Matt hat nicht nur Chris, auch Mr. Ray wird mehr und und mehr zu einem Freund. Und dann ist da noch Love.
Der Roman braucht ein bisschen Zeit, anfangs wirkt er noch ein bisschen gedehnt und nichtssagend. Aber im Verlauf der Seiten entfaltet sich dann doch eine herzliche Story über das Leben.

Jason Reynolds: Love oder Meine schönsten Beerdigungen
dtv Hanser, 288 Seiten
7/10

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Tim Pieper: Kalte Havel

Donnerstag, den 14. Juni 2018
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Toni Sanftleben war als Hauptkommissar bei der Polizei Potsdam – aber unter anderem wegen seiner kranken Frau war er beurlaubt. Bis er doch wieder gerufen wird – von der Staatsanwältin Caren Winter. Ihr Sohn Alexander ist entführt worden. Aber nur nicht das: Dessen Freund Hendrik wurde am Ufer der Havel erschossen aufgefunden.
Was und vor allem wer könnte hinter der Tat stecken? In der kompletten Potsdamer Umgebung wird. Eine wichtige rolle spielen dabei die Heilstätten in Beelitz. Um die ist, nachdem ein Investor dort angekündigt hat, etwas Neues zu bauen, ein Streit entbrannt. Und welche Rolle spielt der Vater des Entführten in Groß Glienicke?
All das gilt es für Toni rauszufinden – aber auch um seine Frau muss er sich kümmern. Die weiß nämlich nicht, ob sie noch mit ihm zusammen sein will…

“Kalte Havel”: Mal abgesehen, dass auch diese Potsdamer Krimireihe mit nichtssagenden aus austauschbaren Titeln arbeitet, ist der Krimi von Tim Pieper recht spannend. Sehr lang bleibt im Unklaren, was und wer hinter dem Mord steckt. der weg dorthin wird anschaulich und gut lesbar beschrieben. Für den Lokalkolorit sorgen die vielen verschiedenen Örtlichkeiten, die in der Geschichte beschrieben werden. Die Figuren sind alle gut ausgearbeitet und interessant, auch die private Kommissar-Konstellation sorgt für Abwechslung.
Ein sehr kurzweiliger Roman.

Tom Pieper: Kalte Havel
emons, 253 Seiten
8/10

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Insa Wilke: Der leidenschaftliche Zeitgenosse – Zum Werk von Roger Willemsen

Mittwoch, den 13. Juni 2018

Ursprünglich ist dieses Buch 2015 zum 60. Geburtstag von Roger Willemsen erschienen. Im Jahr danach starb er. Im Mai 2018 kam eine Neuauflage in den Buchhandel – nun ist das Buch ein Vermächtnis.

Das Buch beinhaltet Texte von Roger Willemsen und welche von Freunden und Kollegen über ihn. Es gibt Einblicke in Frühwerke des Autors und Moderators. Eine Abirede, einer seiner ersten Artikel. Dazu Kritiken über seine Werke und Interviews und Fragebögen, die Menschen beantworten, die mit Willemsen zu tun hatten oder die damit ein Willemsen-Werk bewerteten.

Umrahmt wird das alles durch ein Interview, das die Herausgeberin Insa Wilke vor seinem 60. Geburtstag geführt hat. Dort erzählt er von seiner Kindheit, seinen Anfängen als Kulturbeobachter. Darüber, wie er zum Fernsehen kam, warum er damit wieder aufgehört hatte – und über viele weitere Stationen seines Lebens.

Gerade dieses Interviewteile sind oftmals recht interessant. Sie zeigen, wie schmerzlich Roger Willemsen in unserer heutigen Zeit gebraucht würde. Es gibt zwischendurch spannende Texte über ihn, aber einiges lässt sich dann doch schnell überblättern. Einige Texte sind sehr ausschweigend.
Alles in allem aber eine spannende Idee, auf diese Weise einen Kulturschaffenden zu würdigen.

Insa Wilke: Der leidenschaftliche Zeitgenosse – Zum Werk von Roger Willemsen
Fischer Taschenbuch, 520 Seiten
6/10

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Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da

Montag, den 11. Juni 2018

Matteo steht plötzlich einfach da – vor der Tür der WG von Mia, Xenia und Lisa. Matteo kommt Venedig, er ist Bildhauer. In Köln ist er aufgetaucht, weil er Mia aus Venedig kennt. Sie hat dort ein Jahr verbracht, und als sie wieder nach Deutschland ging, hat sie vielen Freunden gesagt: Kommt doch mal vorbei. Und Matteo ist nun da.
Dabei kannten sich Matteo und Mia nur flüchtig, aber dennoch wird er nun in der WG aufgenommen. Allerdings fragen sich die Frauen, was er eigentlich in Köln will. Er geht zum Beispiel in den Dom – um zu zeichnen. Eigentlich ist Metteo ein stiller, schüchterner Typ. Dennoch löst er bei den Frauen in der WG ein ziemliches Erdbeben aus.

“Der Typ ist da” heißt der Roman von Hanns-Josef Ortheil. Der Titel beschreibt sehr treffend, worum es im Roman geht. Denn immer wenn der Typ, also Matteo, auftaucht, strahlt er irgendwas Rätselhaftes aus. Es ist ein schöner, spannender Gegensatz in der Geschichte: Da sind die Frauen, die ganz nervös sind, die irgendwie ihr Leben in den Griff bekommen und ändern wollen. Und da ist Matteo, der scheinbar in sich ruht.
Eine Geschichte, zum schmunzeln, so leicht wie der Sommer – aber auch ansatzweise geheimnisvoll. Denn was aus den vier Menschen wird, will man als Leser durchaus wissen!

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da
Kiepenheuer & Witsch, 305 Seiten
8/10

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Katharina Peters: Todesstrand

Donnerstag, den 31. Mai 2018
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Katharina Peters schreibt seit einigen Jahren die meistens sehr gut geschriebenen Rügen-Krimis. 2017 begann sie eine weitere Romanreihe, die diesmal hauptsächlich in und um Wismar angesiedelt ist. Könnte man zumindest meinen. Betitelt ist die Reihe als “Ostsee-Krimi”.
Die Story ist stark.

Emma Klar arbeitet als Privatdetektivin in Wismar. Sie ist die Neue in der Stadt – und eigentlich ist alles neu, auch an ihr selbst. Sie war früher eine Polizistin. Aber ein Einsatz gegen Mädchenhändler geriet aus dem Ruder, sie wurde überfallen und lange gefangen gehalten. Ihre Peiniger gingen davon aus, dass sie tot ist.
Ist sie aber nicht. Und nun untergetaucht. Mit neuer Identität fängt sie in Wismar neu an. Ihre Detektei ist allerdings ein Vorwand, um verdeckt zu ermitteln.
Bald meldet sich ein Mann bei ihr: Seine 16-jährige Tochter soll Selbstmord begangen hat – er glaubt das aber nicht. Als rauskommt, dass es weitere ähnliche Fälle gibt, wird daraus das ganz große Ding – und auch Emma selbst gerät in einen gefährlichen Strudel.

“Todesstrand” heißt das 1. Buch der Ostsee-Krimi-Reihe. Inhaltlich ist die Story mitunter sehr spannend. In bewährter Art schafft es Katharina Peters alles sehr lebendig zu erzählen. Durch die ständigen Ortswechsel, nimmt sie wieder wieder die verschiedenen Handlungsstränge auf. Lange tappt man als Leser im Dunkeln, ziemlich geschickt tarnt die Autorin die Auflösung, die am Ende allerdings recht schnell kommt.
Schade sind zwei Dinge: Es fehlt an echtem Lokalkolorit. ja, vieles spielt in Wismar. Aber die Handlung erstreckt sich weiter bis Rostock und Sachsen. Die Ostsee spielt eigentlich keine große Rolle, der Roman könnte überall spielen. Es wirkt, als habe einer fertige Story in der Schublade gelegen, und man hat sie dann in eine neue Ostsee-Reihe gepresst.
Und Nummer zwei: der Titel. Selbst als Fan der Reihe verliert man durch die lapidaren, wahllos wirkenden Titel den Überblick, welches Buch man denn schon gelesen hat. Todesstrand. Teil 2 heißt “Todeshaff”. Die Rügen-Romane heißen Hafenmord, Dünenmord, Klippenmord – und so weiter. Richtige Titel mit vernünftiger Kennung der Serie wäre irgendwie spannender.
Dass der Roman schnell gelesen ist – das bleibt aber Fakt.

Katharina Peters: Todesstrand
aufbau taschenbuch, 254 Seiten
8/10

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Michael Rubens: Playlist meiner miesen Entscheidungen

Dienstag, den 22. Mai 2018

Sagen wir mal so: Das Leben von Austin Methune (16) war bisher ganz okay. Aber eben auch noch nicht so richtig erfolgreich, und so ein paar Dinge hat er durchaus so richtig in den Sand gesetzt. Allerdings bringt er sich auch immer wieder in bekloppte Situationen.
Er klaut die Mandoline seines Stiefvaters, will damit vor den Mädchen angeben und wird stattdessen von einem Typen verprügelt – was auch die Mandoline nicht übersteht. Er muss im Sommer dafür arbeiten. Weil es auch in der Schule gerade eher mies läuft, kommen noch Nachhilfestunden dazu.
Seine Nachhilfelehrerin heißt Josephine, und was er nicht wusste – oder er hätte im Kleingedruckten lesen können: Sie ist keine Lehrerin, sondern eine Mitschülerin. Sie geraten auch gleich aneinander – aber irgendwie ist da dennoch mehr.
Doch um den Sommer noch turbulenter zu machen: Plötzlich steht sein Vater vor der Tür – von dem er glaubte, er sei tot.

Es ist die “Playlist meiner miesen Entscheidungen”, von der Autor Michael Rubens im Namen von Austin erzählt. Der Roman ist in der Ich-Form geschrieben, und das zu lesen macht großen Spaß. Denn dem Schreiber und auch dem deutschen Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn ist es sehr gut gelungen, Jugendsprache so aufzuschreiben, dass sie wahrhaftig und locker, aber auch nicht übertrieben modern und albern wirkt. Sehr locker, frech, manchmal rotzig oder auch deprimiert erzählt Austin, was ihm widerfährt und was er darüber denkt.
Eine Geschichte, die davon handelt, dass man sich widersetzen kann, aber hier und da mit den Folgen leben muss. Aber auch, dass man gewissen Dingen auch mal auf den Grund gehen sollte.
Zwar hat die Geschichte zwischendrin ein paar kleine Längen – im Großen und Ganzen aber: Ein gelungener Jugendroman!

Michael Rubens: Playlist meiner miesen Entscheidungen
dtv, 350 Seiten
8/10

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Morten Hübbe / Rochssare Neromand-Soma: Per Anhalter nach Indien – Auf dem Landweg durch die Türkei, den Iran und Pakistan

Montag, den 21. Mai 2018

Sie lebten bereits zwei Jahre in Südamerika, waren dort per Anhalter unterwegs. Das hat gut funktioniert, und darüber haben Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma ein Buch geschrieben. Sie kamen auf den Geschmack. Ihr Beruf ist nun das Unterwegssein.
Ihr neuestes Abenteuer ist nun ebenfalls als Buch erschienen – diesmal geht es per Anhalter nach Indien. Von Deutschland aus in die Türkei, durch den Iran und Pakistan. Die Passage zwischen Deutschland und die Türkei ist im Buch zwar auf einer Karte gekennzeichnet, im Buch selbst kommt sie aber nicht vor.

Nun ist es natürlich sehr schwierig, 234 Tage, 19207 Kilometer und 185 Mitfahrgelegenheiten auf 320 Seiten zu packen, und leider gelingt ihnen das auch nicht so ganz. Weniger in der Beschreibung dessen, was sie sehen, in welchen Orten sie sind. Mehr jedoch fehlt es diesem Buch an Persönlichkeit, an Nähe.
Die beiden Reisenden erleben in den Ländern ziemlich viel, sowohl Herzlichkeit als auch Skepsis. Sie bekommen es mit korrupten Beamten zu tun, erleben aber auch Partys und die Landschaften und Städte.
Dennoch wirkt das ganze Buch nur wie ein nüchterner Bericht. Punkt für Punkt werden die Erlebnisse abgearbeitet, Leute kommen und gehen im Eiltempo. Niemand kommt direkt zu Wort, so ziemlich das ganze Buch kommt ohne wörtliche Reden aus. Über die beiden Reisenden erfährt man praktisch nichts. Das ist extrem schade, denn davon leben solche Reiseerlebnisbücher eigentlich. Da nutzt es auch nichts, dass sie in spannenden Gegenden unterwegs sind.

Morten Hübbe / Rochssare Neromand-Soma: Per Anhalter nach Indien – Auf dem Landweg durch die Türkei, den Iran und Pakistan
Malik, 320 Seiten
5/10