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Bücher, Bücher, Bücher

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Philippe Besson: Hör auf zu lügen

Mittwoch, den 22. Januar 2020

Keiner weiß davon, keiner soll es wissen. Mitte der 80er-Jahre in einem kleinen französischen Ort schickte sich das nicht.
Deshalb treffen sich Philippe und Thomas heimlich. Deshalb tun sie auch auf einer Party, auf der sie sich unverhofft treffen, so, als ob sie sich nicht kennen.
Philippe ist 17, und er ist ein Außenseiter. Er liest viel und hat dagegen wenig Kontakt mit den anderen. Aber eines Tages, da fällt er ihm auf, da hinten in der Ecke. Er ist aus der anderen Jahrgangsstufe, und auch er scheint ein Außenseiter zu sein. Er sitzt zwar bei seinen Kumpels, aber er redet nicht.
Aber ansprechen? Nein.
Das macht dann Thomas. Er fragt Philippe, ob sie sich mal treffen wollen. Und sie treffen sich in einem Café.
Es wird für beide die erste große Liebe, wobei Thomas eher distanziert zu sein scheint. Aber eben alles heimlich. Und was wird die Zukunft bringen?

“Hör auf zu lügen” heißt der Roman von Philippe Besson. Am Vornamen wird man schon erkennen: Der Autor erzählt seine eigene Geschichte.
Die ist durchaus fesselnd. In der Ich-Form erzählend, blicken wir in Philippes Seelenleben. Wir erfahren, was ihn beschäftigt und wie er seine Treffen mit Thomas erlebt.
Es geht darum, zu entdecken, was man ist, wer man ist und wie man ist. Und auch um das Leben und wie es so spielt. Denn am Ende des Sommers ist die erste Liebe zu Ende – die Geschichte aber nicht. Sie nimmt eine Wendung, einige Jahre später.
Letztlich bietet die Geschichte wenig, was man nicht schon mal woanders gelesen haben könnte. Aber sie ist schön aufgeschrieben, fast poetisch, liebe- und schmerzvoll.
Dass 158 Seiten 20 Euro kosten – das ist allerdings happig.

Philippe Besson: Hör auf zu lügen
C.Bertelsmann, 158 Seiten
8/10

Hits: 55

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Jon McGregor: Speicher 13

Freitag, den 17. Januar 2020

Über das kleine Dorf in Mittelengland bricht ein Unglück herein. Die 13-jährige Rebecca verschwindet. Eine große Suchaktion beginnt. Alle sind sie unterwegs, alle bangen sie, eine Pressekonferenz folgt der anderen. Die Gegend wird durchsucht. Aber Rebecca wird nicht gefunden.

Davon handelt Jon McGregors Roman “Speicher 13”. Könnte man zumindest meinen. Denn, und das wissen wir ja alle nur zu gut: So grausam das Leben auch ist: Es geht weiter. Immer weiter.
In dem mittelenglischen Dorf vergeht die Zeit, und als Leser bleiben wir dabei. Von Jahr zu Jahr. Es beginnt mit einem Feuerwerk in der Neujahrsnacht – oder wahlweise mit einem Brand, den die Feuerwehr zu löschen hat.
Wir erleben, was die Einwohner erleben, wie Kinder zu Erwachsenen werden. Lieben und entlieben. Scheidung und Alleinsein. Freude und Trauer. Tod und Geburt. Und immer wieder sieht jemand Rebecca, aber – nein, sie ist es nicht.
13 Jahre bleiben wir als Leser im Dorf, erleben die Jahreszyklen, tauchen ein in die Natur, in das dörfliche Leben.
Während sich Jon McGregor anfangs stark auf die Vermisstensuche konzentriert, wandelt sich der Roman später.

Ein Kapitel, ein Jahr. Ereignis folgt auf Ereignis. Keines scheint wichtiger oder unwichtiger als das andere. Es gibt keine Absätze. Alles scheint zu fließen.
Das ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, und lange fragt man sich, ob der Roman eigentlich eine Handlung hat. Während die ersten Seiten sehr packend sind, muss man erst mal damit klar kommen, dass das Buch keine konkrete Geschichte erzählt. Sondern beobachtet, eine Art Chronik liefert. Hat man das erst mal geschnallt, stellt sich zwar nicht direkt Spannung ein, aber man bleibt dennoch dran.
Die Erinnerungen an die verschwundene Rebecca blitzt dabei immer mal wieder auf. Aber ob sie wirklich mal gefunden wird?

Jon McGregor: Speicher 13
liebeskind, 352 Seiten
7/10

Hits: 79

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Wolfgang Kaes: Todfreunde

Donnerstag, den 16. Januar 2020

Schock: Ein beliebter deutscher Politiker ist ermordet worden. Ein bislang Unbekannter hat Julius Weinert erstochen. Schnell gerät sein Adoptivsohn in Verdacht.
Was jedoch weitgehend unbekannt oder vergessen ist: Einst war dieser Weinert in einen riesigen Skandal verwickelt. Es ging um Blut, und es ging um HIV. Und um viele betroffene Menschen. Medikamente für Bluterkranke waren verseucht. So etwas hatte es in der Nachkriegszeit bis dahin nicht gegeben.
Hauptkommissar Morian nimmt die Ermittlungen auf, muss aber feststellen, dass man ihm dabei nicht sehr behilflich ist. Er glaubt, dass der Sohn nicht der Täter ist.

“Todfreunde” ist der erste Fall mit Kommissar Morian aus der Feder von Wolfgang Kaes. Klingt der Plot auf dem Klappentext recht spannend, entwickelt er sich mit der Zeit doch noch völlig anders.
Es hätte ein spannender Politthriller werden können, auf den ersten gut 100 Seiten macht es Kaes tatsächlich auch ziemlich spannend, aber die Geschichte hat dann Ecken und Wendungen, die mehr und mehr uninteressant werden, und das ist sehr schade. Empfiehlt sich nicht für den Kauf weiterer Folgen.

Wolfgang Kaes: Todfreunde
ro ro ro, 507 Seiten
4/10

Hits: 79

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Garth Greenwell: Was zu dir gehört

Dienstag, den 7. Januar 2020

Ein junger amerikanischer Lehrer in Bulgariens Hauptstadt Sofia. Er lehrt Englisch an der Universität. Mit der bulgarischen Sprache hat er aber noch seine Probleme, mit der Kultur ebenfalls. Und er ist ziemlich allein. Ihn treibt es in die öffentliche Toilettenanlage des Kulturpalastes. Dort trifft er auf Mitko. Ein Mann, der ihn fasziniert. Er will seine Nähe, auch wenn er dafür zahlen muss.
Immer wieder treffen sich der Lehrer und Mitko, und immer zahlt der Amerikaner. Es ist ein Begehren, aber es ist eigentlich nur einseitig. Denn Mitko sieht das anders, er braucht das Geld.
Doch dem Amerikaner fällt es immer schwerer, sich emotional von Mitko zu lösen. Selbst als Mitko immer wieder nur Forderungen stellt und auch, als der junge Mann krank wird.

Garth Greenwell schreibt in seinem Debütroman über die unmögliche Liebe. Denn sein “Held” scheint sich in eine emotionale Sackgasse zu verrennen. Denn auch wenn er Liebe gibt, gibt er auch immer Geld, und Mitko scheint es auch immer nur darum zu gehen.
In dem Roman geht es um die Sehnsucht, darum, das Alleinsein in einer fremden Stadt zu bekämpfen. Um Scham, aber auch darum, entschlossen zu sein, wenn es darum geht, sich von etwas zu lösen, was einem ganz offenbar nicht gut tut.
Der Roman ist in Ich-Form aus Sicht des Lehrers verfasst. So werden die Sehnsucht, die Liebe und die Trauer besonders hervorgehoben. Manchmal atemlos, ganz ohne Absätze, mal getragen von einer Furcht und leisen Trauer, weil er nicht das bekommt, was er will – nicht bekommen kann und vielleicht auch darf.

Garth Greenwell: Was zu dir gehört
Suhrkamp, 238 Seiten
7/10

Hits: 60

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Bücher 2019

Dienstag, den 31. Dezember 2019

Die Bücherliste 2019 umfasst 49 Bücher.

TOP 10
1. Jan Weiler: Kühn hat Ärger
2. Ulrike Herwig: Das Leben ist manchmal woanders
3. Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus
4. OJ & ER: #ichwillihnberühren
5. Sarah Kuttner: Kurt
6. Ulla Schleier: Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen
7. Axel Witte / Rainer Wittkamp: Taxi nach Rügen – Radegasts erster Fall
8. Tim Pieper: Tiefe Havel
9. Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt
10. Fiona Barton: The Child

FLOP 3
47. Sven Regener: Wiener Straße
48. Nell Zink: Nikotin
49. Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger – Alle Toten fliegen hoch, Teil 4

Hits: 94

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Thomas Schwandt: Das Fanal – Terrorschiff aus Trelleborg

Dienstag, den 31. Dezember 2019
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Terroranschlag auf die Hanse-Sail in Rostock. Die Schwedenfähre “Mecklenburg” steuert auf dem Kurs von Trelleborg nach Rostock in Richtung Hanse-Sail-Festgelände, zum Rostocker Stadthafen. Es heißt, es handele sich um einen Gruß zum 800. Stadtjubiläum. Deshalb kann auch nicht verhindert werden, dass das Schiff die Unterwarnow runterfährt. Tausende sind auf der Hanse-Sail unterwegs, als die “Mecklenburg” auf die Haedgehalbinsel zufährt. Erst donnert das Schiff ungebremst drauf, dann erschüttert eine gewaltige Expolosion den Stadthafen.
Der Terror hat Deutschland erreicht.
Aber kann es sein, dass dieser Terror hätte verhindert werden können?
In Sicherheitskreisen war der Plan bekannt, eine Gruppe von Rostocker Geschäftsleuten fasst einen perfiden Plan. Die Idee: Deutschland müsse angesichts der Flüchtlingskrise endlich aufgerüttelt werden, und ein Terroranschlag könne für Aufruhr sorgen.

An sich hatte Thomas Schwandt eine ziemlich starke Idee, als er seinen Roman schreibt. Was passiert, wenn sich innerhalb Deutschland eine Art Terrorzelle bildet, um das Land in Unruhe zu stürzen?
Doch der Roman hat ein Problem: Er ist komplett falsch konzipiert. Denn er beginnt mit dem Terroranschlag, mit dem Grauen, mit dem großen Knall.
Und danach: Ernüchterung. Denn plötzlich begeben wir uns mehrere Jahre zurück und müssen eine lange Geschichte lesen über unzufriedene Menschen, die einen Plan schmieden. Jegliche Spannung ist dahin, denn das Ergebnis ist bekannt.
Bemerkenswert ist dennoch – und wer weiß ob das weit hergeholt ist -, dass Sicherheitskreise nichts gegen die Pläne tun. Weil bestimmte Menschen mit sich und ihren drohenden Karriereenden beschäftigt sind oder weil bestimmte Menschen Vorteile daraus ziehen wollen.
Seitenlang geht es in dem Buch darum, was die Geschäftsleute über die deutsche Politik denken. Über Flüchtlinge. Merkel – die hier natürlich anders heißt. Dabei liest sich das alles oftmals wie ein Fakt – und nicht aus der Sicht der Protagonisten. Durchaus problematisch, weil schlecht schreiberisch umgesetzt.
Merkwürdig ist, dass das Buch 2017 erschienen ist, aber die Geschichte bis zum 11. August 2018 reicht. So orakelt Thomas Schwandt über die Wahlen 2017, was angesichts der wahren Ergebnisse ein bisschen albern wirkt.
Grundsätzlich wäre auch spannend gewesen, was nach dem Anschlag passiert ist. Doch mit dem Fanal endet das Buch. Womit auch der Titel “Das Fanal – Terrorschiff aus Trelleborg” leider sehr reißerisch ist, denn um das Schiff geht es nur wenige Seiten, und ein Terrorschiff wird es erst, als es von den Terroristen geentert wird.
So bleibt als Fazit: Spannender Storyeinfall, konzeptionell mangelhaft umgesetzt.

Thomas Schwandt: Das Fanal – Terrorschiff aus Trelleborg
swb media publishing, 311 Seiten
5/10

Hits: 90

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Adriana Popescu: Mein Sommer auf dem Mond

Dienstag, den 24. Dezember 2019
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Fritzi, Sarah, Bastian und Tim sind Astronauten.
Das aber sind sie nicht freiwillig. Die vier Jugendlichen befinden sich im “Sonnenhof”, einem Therapiezentrum in Binz auf Rügen. Sie verbringen ihren Sommer dort, weil sie daheim mit ihrem Leben nicht klarkommen. Im Sonnenhof müssen sie lernen, mit sich klarzukommen.
Als Fritzi in Binz ankommt, ist sie schwer genervt. Sie will nicht in die Therapie, und als sie dann im Sonnenhof eincheckt, ist alles nicht viel schlimmer. Scheinbar.
Denn sie kommt in die Gruppe der Astronauten.
Tim hat ein Aggressionsproblem. Bastian scheint ganz nett zu sein, aber auch er muss Schwierigkeiten haben. Sarah scheint seltsam unnahbar.
Doch die vier müssen sich zusammenraufen. Sei es bei ihren Sitzungen oder auf einem kleinen Segelschiff, auf sie als Team zusammenarbeiten müssen.
Nach und nach öffnen sich die vier, und die Liebe funkt auch noch dazwischen.

Eigentlich bietet Binz eine perfekte Urlaubskulisse. Doch die beiden Mädchen und Jungs sind nicht dort, um Urlaub zu machen. Adriana Popescu gelingt es in “Mein Sommer auf dem Mond” einmal mehr – wie in “Ewig und eins” – in die Seele von jungen Leuten zu blicken. Es ist spannend und rührend zu erfahren, wie die Jugendlichen versuchen, das Beste aus ihrer Lage zu machen. Aber auch, wie sie scheitern, mit sich hadern.
Im Laufe der Zeit erfahren wir, warum sie eigentlich in der Therapie sind. Und wie die zwischen Fritzi, Sarah, Tim und Bastian eine Freundschaft entsteht.
Ein wunderbarer Jugendroman.

Adriana Popescu: Mein Sommer auf dem Mond
cbt, 399 Seiten
8/10

Hits: 75