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Maren Kaschner / Anselm Neft: 111 Orte auf Rügen, die man gesehen haben muss

Mittwoch, den 10. Mai 2017

Es ist seit einigen Jahren ein Buchtrend: Man nimmt ein Thema und macht daraus eine Sammlung: 100 Gründe, warum dies und das so oder so. Über Fußballvereine, über Länder, über Hobbys.
Im Emons-Verlag erschien schon vor einigen Jahren “111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss”. Und das hatte irgendwie seinen Reiz, weil man tatsächlich einiges Neues entdeckt hat – und wir uns vornahmen, einige Orte davon zu besuchen. Haben wir aber nie geschafft. Wie das immer so ist.
Inzwischen gibt es aus diesem Verlag lauter solcher Bücher: Von Bern, über Budapest, Zürich, Hamburg, Mallorca – überall gibt es diese 111 Orte. Und auf Rügen.

Maren Kaschner und Anselm Neft haben auch auf Deutschlands größter Insel 111 dieser Orte zusammengetragen (einige befinden sich allerdings in Stralsund). Diese Orte sind nach den Rügen-Regionen sortiert. Was bedeutet: Es gibt am Anfang sieben Orte in Bergen, danach kommen neun in der Granitz – und so weiter. Einerseits ist die Sortierung sinnvoll. Andererseits wäre es, gerade wenn man das Buch von vorne nach hinten durchblättert, schon abwechslungsreicher, wenn man wild durcheinander kreuz und quer über die Insel reist.

Es gibt wirklich spannende Orte, die in diesem Buch vorgestellt werden. Dazu gehören zum Beispiel die Liebesinsel in Pansevitz, die alten Wegweiser in Zirkow, das Technik-Modell-Museum in Samtens, das Radlercafé in Baabe oder die X-Buhne in Dranske.
Manche aber sind ein bisschen wunderlich, auch weil manchmal gar nicht klar ist, warum man an diesen Ort fahren soll. Die Kleiderkammer in Bergen mag ein Ort sein, den man im Blick haben muss, gerade als Rüganer, aber warum man denn gesehen haben muss, ist unklar. Oder die Autowerkstatt in Ramitz, die zwar nett beschrieben ist, aber nicht klar wird, warum man da hin muss und ob man als bloßer Gaffer willkommen ist. Oder einen Parkplatz in Schaprode. Andere Orte – wie verfallene Häuser oder nicht vorhandene Berge, sorgen für latente Ratlosigkeit.
Und leider hat sich im Mönchgut-Bereich ein immer wiederkehrender Fehler in der Wegbeschreibung eingeschlichen. Immer wieder soll man irgendwo nach links fahren – dabei müsste man in Wirklichkeit von Sellin aus rechts nach Baabe und von dort auch auch rechts weiter in Richtung Middelhagen/Lobbe.
Dennoch: Gute Anregungen, selbst für Rügen-Kenner und Liebhaber, bietet diese Sammlung aber wirklich zuhauf.

Maren Kaschner / Anselm Neft: 111 Orte auf Rügen, die man gesehen haben muss
emons, 235 Seiten
7/10

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Katja Lange-Müller: Drehtür

Dienstag, den 2. Mai 2017

Mal kurz tief durchatmen.

Asta ist in Rente. Sie ist jetzt 65, sie war viele Jahre im Dienst internationaler Hilfsorganisationen tätig – in Nicaragua. Dann haben ihr Kollegen ein One-Way-Ticket nach München geschenkt.
Eigentlich kommt Asta aus Berlin, aber bis Berlin hat das gesammelte Geld nicht gereicht, sagten jedenfalls die Kollegen, die sie loswerden wollten.
Nun steht sie in München auf dem Flughafen, quasi vor der Drehtür. Sie beobachtet die Leute und Begebenheiten und erinnert sich. Oder spinnt sich irgendwelche Geschichten aus.

Asta steht offenbar Ewigkeiten ratlos vor der Drehtür des Flughafens rum. Einerseits ein interessanter Gedanke, einen ganzen Roman aus einer Situation heraus zu beschreiben. Andererseits wirkt es ein wenig seltsam, weil es eigentlich nicht wirklich Gründe gibt, was sie denn da will. Oder warum sie nicht gleich weiterfliegt oder was überhaupt da ihr Anliegen ist.
Das Buch beginnt interessant, mit Wortspielen, dann verläuft sich aber alles in wahllos erzählten kleinen Geschichten. Das Buch von Katja Lange-Müller ist eine Anreihung von Anekdoten, die aber gemeinsam betrachtet irgendwie nicht interessant sind.
Die Beschreibung auf dem Cover lässt vermuten, dass man ihre Lebensgeschichte erfährt. So ganz ist es das aber nicht, und es ist in der Gesamtheit leider nie packend.
Mehr und mehr überfliegt man die Zeilen, mehr und mehr verschwimmt alles, und am Ende… nun ja.

Katja Lange-Müller: Drehtür
Kiepenheuer & Witsch, 216 Seiten
2/10

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Georg Koeniger: Trauer ist eine lange Reise – Für dich auf den Jakobsweg

Samstag, den 29. April 2017
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Neues vom Jakobsweg. Viele Millionen Menschen sind auf ihm schon nach Santiago de Compostela gepilgert, und schon diverse Bücher sind über solchen Reisen erschienen. Jetzt kommt das Nächste: “Trauer ist eine lange Reise – Für dich auf den Jakobsweg”.

Der Kabarettist Georg Koeniger hat sich in Würzburg aufs Fahrrad geschwungen. Über Speyer, Joinville, Dijon, die Pyrenäen nach Santiago.
Die Reise hat einen Hintergrund. Im September 2012 erkrankte seine Frau an Lungenkrebs. Unheilbar, sie starb einige Monate später im Krankenhaus. Einen Wunsch aber hätte sie noch gehabt: Auf dem Rad den Jakobsweg abfahren. Mit der Urne im Gepäck erfüllt Koeniger ihr diesen letzten Wunsch.

Es ist weniger die Beschreibung des Pilgerweges, die dieses Buch so lesenswert machen. Und man könnte fast meinen, dass der Verlag das Wort “Jakobsweg” durchaus am interessantesten an der ganzen Sache fand.
Koeniger erzählt immer abwechseln von der Tour und vom Leidensweg seiner Frau. Wie sie gegen den Krebs kämpfte. Wie er sie unterstützte. Die schlimmen Wochen. Die schönen Momente. Einiges ist nahezu herzzerreißend.
Leider sind die Jakobsweg-Berichte dafür umso oberflächlicher. Da kann Koeniger einem Hape Kerkeling nicht mal ansatzweise das Wasser reichen. Zu schnell wird der Weg runtererzählt. Nur wenige Episoden werden hervorgehoben. Aber vielleicht ist das Wandern auf dem Weg schlicht ereignisreicher und intensiver als mit dem Rad.
So ist dieses Buch vielleicht nicht unter dem Pilger-Aspekt spannend – wohl aber unter dem der Trauerbewältigung.

Georg Koeniger: Trauer ist eine lange Reise – Für dich auf den Jakobsweg
Piper, 253 Seiten
6/10

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Katharina Peters: Leuchtturmmord

Freitag, den 28. April 2017
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(4) -> 18.5.2016

Schon wieder ein Mord auf Rügen: Am Leuchtturm in Maltzien auf der Halbinsel Zudar wird eine junge Frau gefunden. Es ist Merle Zober aus Putbus, sie war zweifache Mutter und gerade mal 28 Jahre alt.
Kommissarin Romy Beccare und ihr Team fischen im Dunkeln – zunächst. Sie finden heraus, dass die Frau ein Verhältnis mit einem Mann hatte, der Kontakte ins Rotlichtmilieu hat.
Es gibt aber weitere Merkwürdigkeiten: Merle gehörte zu einer Jugendclique, dessen Mitglieder nach und nach ums Leben kamen. Zwei junge Männer hatten einen tödlichen Unfall, eine junge Frau starb unerwartet in der Klinik.
Was haben brutale Boxkämpfe damit zu tun? Und wieso interessiert sich ein Staatsanwalt aus Greifswald besonders für diesen Fall?

“Leuchtturmmord” ist der fünf Roman aus der Rügen-Krimi-Reihe von Katharina Peters. Und er ist erneut sehr gelungen. Der Autorin gelingt es nicht nur, den Lokalkolorit in die Geschichte unterzubringen, sie erzählt von einem sehr spannenden Fall – der ja eigentlich aus mehreren Fällen besteht.
Sie erzählt sehr kurzweilig, denn in jedem der 26 Kapitel werden mehrere Handlungsstränge weitergeführt. Dass es dennoch nicht unübersichtlich wird, spricht für die Autorin. Der Effekt ist, dass man unbedingt wissen will, wie es weiter geht. Zudem ist der Blick in das Boxermilieu sehr interessant.
Schade, dass der Verlag ein wenig zu plakativ werben will: Auf dem Buchcover ist die Seebrücke von Sellin zu sehen. Sie kommt in der kompletten Geschichte nicht vor.

Katharina Peters: Leuchtturmmord
aufbau taschenbuch, 323 Seiten
9/10

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Nathan Hill: Geister

Mittwoch, den 19. April 2017

Samuel Anderson hat früh seine Mutter verloren. Sie ist damals einfach abhauen, einfach nicht mehr da gewesen. Keiner hat je gewusst, was damals geschehen ist.
Jetzt holt ihn diese Vergangenheit ein. Denn Samuel bekommt einen Anruf von einer Anwaltskanzlei. Seine Mutter taucht wieder auf, und ausgerechnet er soll für sie bürgen. Sie hat nämlich einen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner angegriffen. Oder was man so einen Angriff nennt. Samuel soll nun sagen, dass sie in Wirklichkeit eine gute Frau ist.
Aber kann Saumel so was sagen?
Und was ist denn damals nun eigentlich passiert? Er will es endlich rausfinden.

Und der Leser natürlich auch. Nathan Hill nimmt ihn auf mehr als 850 Seiten mit auf eine Reise durch Samuels Familiengeschichte. Denn seine Mutter Faye hat ein bewegtes Leben. Was er nicht wusste, ist, dass sie zwischenzeitlich in Chicago war, um zu studieren. Was damals noch etwas ganz Besonderes war – sie als Frau. Aber sie gerät in den Strudel einer Protestbewegung und in einen von ihr nicht verschuldeten Liebes- und Rachestrudel.
Ganz nebenher wird ein Stück US-Politgeschichte erzählt. Nicht als Sachbuch-Doku, sondern Nathan Hill verquickt seine Story mit wahren Begebenheiten.
Manche Exkurse in diesem sehr dicken Roman sind ein wenig ausschweifend. Aber die vielen Aspekte, die “Geister” beleuchtet, machen aus Samuels und Fayes Leben eine sehr spannende Story.

Nathan Hill: Geister
Piper, 864 Seiten
7/10

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Claudia Hochbrunn: Ein Arschloch kommt selten allein – So werden Sie mit schwierigen Zeitgenossen fertig

Montag, den 10. April 2017
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Glückwunsch an den Rowohlt-Verlag: Denn der Titel von Claudia Hochbrunns Buch ist schon das Knalligste am kompletten Produkt: Aber der Titel “Ein Arschloch kommt selten allein” ist natürlich sehr griffig, und jeder von uns kennt ja sicherlich mindestens ein Arschloch.
Aber so provokant (oder aufregend? oder lustig?) der Titel, so herkömmlich und dann doch unaufregend der Inhalt.

Im Grunde ist ein ein psychologisches Buch. Es erzählt von verschiedenen Typen von Mensch. es geht darum, wie man mit Eigenbrödlern oder Querulanten umgehen sollte, es geht um Gefühlchaoten, um von sich selbst überzeugte Menschen – und viele mehr. Der Ungterschied: In Hochbrunns Buch sind das eben alles Arschlöcher. Vermutlich weil das eben besser, knalliger klingt.

Eigentlich ist das alles nicht ganz unspannend, aber eben dann doch so herkömmlich, dass es nur noch wenig Besonderes und schon gar nicht viel neues bringt.

Claudia Hochbrunn: Ein Arschloch kommt selten allein – So werden Sie mit schwierigen Zeitgenossen fertig
ro ro ro, 235 Seiten
4/10

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Paula Fürstenberg: Familie der geflügelten Tiger

Montag, den 3. April 2017
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Ihre Mutter hätte gern gesehen, dass sie studiert. Stattdessen aber ist Paula nach dem Abi in der Uckermark nach Berlin gezogen und macht dort eine Ausbildung als Straßenbahnfahrerin.
Ihren Vater Jens kennt Paula nicht. Sie weiß nur, dass er am 4. Oktober 1989 aus der DDR geflüchtet ist.
Aber ist das wirklich so? Denn ihr Vater meldet sich eines Tages bei ihr, sie lernt ihn kennen, er liegt in einer Klinik – um zu sterben. Er ist todkrank. Es bleibt also nicht viel Zeit, um herauszufinden, was damals war.
Dass er damals rübergemacht ist – das jedenfalls scheint eventuell doch nicht so gewesen zu sein. Johanna begibt sich auf Spurensuche – was schwierig ist, wenn man die DDR nie erlebt hat.

Was ist damals passiert? Und inwiefern spielte die Politik der DDR eine Rolle? Was ist damals in der Familie passiert, und wie steht es heute um die Familie?
Das alles sind Fragen, die Paula Fürstenberg, in ihrem Roman “Familie der geflügelten Tiger” beantworten will. Sie beschreibt eine zerrüttete Familie in einem zerrütteten Land. Wobei die Frage zu klären ist, ob das zerrüttete Land mit der Familie überhaupt etwas zu tun hat.
Die Autorin verwebt das auf recht interessante Weise mit den Ansichten Berlins. Johanna fährt die Tram und macht sich Gedanken: Wie sah Berlin damals aus, was hat sich verändert.
Ein schöner, leicht zu lesender Roman mit nachdenklichen, rührenden und auch humorvollen Momenten.

Paula Fürstenberg: Familie der geflügelten Tiger
Kiepenheuer & Witsch, 239 Seiten
7/10