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Georg Uecker: Ich mach dann mal weiter!

Donnerstag, den 19. April 2018
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Es ist eine schlimme Geschichte. Am Fastnachtsdienstag 1993 ändert sich das Leben des Schauspielers Georg Uecker dramatisch. Er bekommt zwei Diagnosen: erstens ein Tumor im Lymphsystem, zweitens HIV-positiv.
Für Uecker stehen furchtbare Monate bevor, mit Bestrahlung, schweren Schmerzen und Depressionen.

Das ist der Aufhänger für Georg Ueckers Biografie. Vielleicht sieht er selbst das gar nicht so, der Fischer-Verlag aber definitiv. Um nichts anderes drehen sich die Klappentexte – aber auch von so gut wie nichts anderes handelten die vielen Fernseh- und Radioauftritte, die er rund um die Bucherscheinung absolvierte.
Das Problem: Sehr viel mehr als das, was Uecker sowieso schon überall erzählt hat, erfährt man im Buch nicht. Das zweite Problem: Die Story, die der Verlag so pusht, beginnt auf Seite 200 von 268.

Georg Uecker kennt man vor allem seit 1986 als Darsteller des Carsten Flöter in der “Lindenstraße”. Außerdem war er Spielleiter in der “Schillerstraße” und Produzent von “Kaffeeklatsch” und “Blond am Freitag”. Außerdem ist er Eurovision-Song-Contest-Experte.

Die Biografie von Georg Uecker ist seltsam oberflächlich und verhuscht. Es fehlt an einer konkreten Idee, an einem Konzept, wovon er eigentlich erzählen will. Und so streift er irgendwie alles kurz an. Aber er streift eben nur, und das kurz.
Ohne ihm zu nahe treten zu wollen, aber seine Jugend war nicht besonders aufregend. Spannend sind seine ersten Engagements, sein “Lindenstraße”-Leben, sein Leben als Produzent. Und natürlich alles über seine schlimme Krankheit.
Aber all das wird nur angekratzt. Nichts geht in die Tiefe. Dafür gibt es manchmal seltsam überflüssige Einschübe, in denen Uecker kurz erklärt, was deutschland- oder weltpolitisch passierte. Oder was irgendwie irgendwo im Fernsehen lief – und teilweise sind ihm da auch Fehler unterlaufen.
Die Zeit, in der sich Uecker etwa 2007 plötzlich auch äußerlich sehr stark veränderte, wird im Buch als Randnotiz geschildert. Dabei wäre doch zum Beispiel die Frage spannend gewesen, ob es einen Zusammenhang zur “Lindenstraße”-Story gibt, als sich auch seine Figur Carsten Flöter zugrunde richtet. Immerhin sah Uecker zwischenzeitlich wirklich schlimm aus, und auch in der Serie trat er zwischenzeitlich kaum noch auf. Im Buch heißt es nur lapidar, ihm sei es super gegangen.
So zieht sich das durch das ganze Buch. Es bleiben viele Fragen offen. Eher Uninteressantes wurde nicht weggelassen zugunsten der spannenden Geschichten.
So ist “Ich mach dann mal weiter!” zumindest von Verlagsseite her sehr auf die Krankheit fokussiert. Das löst aber das Buch nicht ein. Nicht nur deshalb ziemlich enttäuschend und mau. Mit ein bisschen Tiefgang hätte Uecker garantiert mehr zu erzählen gehabt.

Georg Uecker: Ich mach dann mal weiter!
Fischer, 268 Seiten
4/10

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Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten

Dienstag, den 17. April 2018

Klassenarbeit. Nervt. Aber da müssen jetzt alle durch. Vorne passt Herr Filler auf, dass alles mit rechten Dingen zugeht.
Bis ein Alarm ausgelöst wird. Amokalarm! Der Klassenraum wird verschlossen, keiner soll rein oder raus. Als aber ein Mädchen von außen klopft, öffnen sie die Tür – und erblicken eine maskierte Person.
Eine geladene Pistole. Panik. Angst. Alle haben sie Angst.
Die maskierte Person hat aber noch etwas dabei: zehn Umschläge. Zehn Aufgaben. Eine höllischer als die andere.

Die 1998 in Berlin geborene Lea-Lina Oppermann bekam für ihr Romandebüt “Was wir dachten, was wir taten” den Hans-im-Glück-Preis für Jugendliteratur.
Im Glück ist in ihrer Geschichte allerdings niemand so wirklich. Die Geschehnisse im Klassenzimmer werden aus drei verschiedenen Sichtweiten erzählt: von Fiona, Mark und dem Lehrer Herrn Filler. Sie alle schildern uns, was sie sehen, erleben mussten. Was die dachten, was sie taten.
Das ist extrem spannend. Durch die kurzen Kapitel, denen immer wieder die Erzähler wechseln, bekommt das Grauen eine Dynamik. Die Jugendlichen und ihr Lehrer erleben den Abgrund mit persönlichen Schicksalen, Offenlegungen und Demütigungen.
Geht unter die Haut.

Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten
Beltz & Gelberg, 179 Seiten
8/10

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Robin Stevenson: Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete

Sonntag, den 15. April 2018

Muss nur noch kurz die Bienen retten. Und die Welt damit natürlich auch.
Wolf ist gar nicht begeistert, als er erfährt, was seine Mutter vor hat. Sie beschäftigt sich mit den Bienen, und damit, welche Auswirkungen die Umweltverschmutzungen auf die Bienen haben – und damit, was passiert, wenn Bienen mal aussterben sollten. Wolfs Mutter will auf die Misere aufmerksam machen und dafür mit einem Wohnmobil durch das ganze Land reisen, um in vielen Orten auf der Straße vor den Menschen kleine Stücke zu präsentieren.
Wolf muss sich dafür als Biene verkleiden, seine kleinen Zwillingsschwestern ebenfalls. Die andere Schwester muss auch mit, aber auch sie ist alles andere als begeistert.
So aber ziehen sie los – aber dieser Road Trip entwickelt sich mehr und mehr zur Zerreißprobe für die ganze Familie.

“Der Sommer, in dem die Bienen rettete” ist für Wolf aber auch der Sommer, in dem er irgendwie auch erwachsen werden musste. Der Sommer, als er sich überlegt, wie er sich von seiner Mutter emanzipieren kann. Er beobachtet, wie es seinen Schwestern immer schlechter geht, wie sich seine Mutter dafür aber nicht zu interessieren scheint – und auch, wie er selbst sein Zuhause vermisst.
Die Geschichte von Robin Stevenson erzählt davon, wie sich die Kinder organisieren, wie sie überlegen, ihrer Mutter klar zu machen, dass das alles so nicht weitergehen kann.
Ein Jugendroman darüber, Kompromisse zu schließen und rote Linien zu ziehen. Keine große Literatur, aber gute und ein bisschen lehrreiche Unterhaltung.

Robin Stevenson: Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete
Rowohlt Rotfuchs, 251 Seiten
7/10

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Pauliina Susi: Das Fenster

Mittwoch, den 11. April 2018

Der Auftritt in einer Fernseh-Talkshow ist umstritten. Leia Laine (34) erzählt dort von einem neuen Projekt. Es ist eine Suchtberatungsstelle für Männer mit Sexsucht. Es sollen staatliche Mittel aufgebracht werden, um diesen Menschen zu helfen. Das empört viele Leute, ein großer Shitstorm geht auf Leia nieder. Nicht nur in Internetforen geht die Post ab, sie bekommt auch Nachrichten auf das Smartphone. Und nicht nur das: Leia glaubt, dass sie verfolgt wird, und bald ist klar: Ihr Gefühl trügt nicht. Ein Hacker hat es auf sie abgesehen. Und nicht nur das: Angeblich soll Leias 16-jährige Tochter einen erotischen Chat mit einem Minister geführt – und das Video nun auf dem Handy haben.
Nicht nur Leia ist in Gefahr, sondern auch ihre Tochter.

Die finnische Autorin Pauliina Susi hat mit “Das Fenster” einen Thriller geschrieben, der einen spannenden Ansatz hat. Nämlich den, dass jeder überall verfolgbar ist. Der Hacker in der Geschichte schafft es, die Laines überall hin zu verfolgen – auf raffinierte Weise, die aber vermutlich alles andere als weit hergeholt ist.
Leider hat das Buch in seinen 530 Seiten auch durchaus Längen. Hätte die Autorin das alles noch ein bisschen gerafft, hätte daraus ein ganz starkes Buch werden können.

Pauliina Susi: Das Fenster
dtv premium, 527 Seiten
6/10

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Daniel Silva: Der Raub

Dienstag, den 3. April 2018

(13) -> 1.9.2016

In einer Villa am Comer See wird ein Kunstsammler ermordet. Julian Isherwood, der eine Kunstgalerie betreibt und der zum Kunstsammler gereist war, entdeckt den Toten. Er gilt nun als Hauptverdächtiger, aber man kann davon ausgehen, dass er es nicht war.
Gabriel Allon kommt zum Einsatz. Der Geheimagent aus Israel ist gerade wieder mal in Venedig als Restaurator tätig, als er den Hilferuf der italienischen Polizei bekommt. Allon soll den Täter finden – und sich gleichzeitig mit dem ermordeten Kunstsammler befassen, der seine Werke auf kriminelle Weise bekam. Allon, der auch Kunstfälscher ist, versucht, bestimmte Werke in den Umlauf zu bekommen und so wichtige Hinweise zu erhalten.

“Der Raub” ist der 14. Fall für Gabriel Allon, den Daniel Silva aufgeschrieben hat. Erneut gelingt es dem Autor ganz grundsätzlich, ein spannendes Szenario aufzubauen. Was ihm leider – wie auch schon im 13. Band – nicht gelingt, ist, diese Spannung zu halten. In der zweiten Hälfte des 500-Seiten-Wälzers wird die Geschichte leider sehr ausgebreitet. Auch fehlen ein bisschen die überraschenden Wendungen, die das Buch zu einem guten Thriller hätten machen können.
Daniel Silva sollte in Zukunft wieder dichter am Geschehen bleiben, ansonsten wird aus seiner Reihe billige Massenware. Was Silva nicht nötig hat, denn seine Storys sind an sich gut recherchierte Fälle.

Daniel Silva: Der Raub
Harper Collins, 510 Seiten
5/10

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Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig – Die Autobiographie

Samstag, den 17. März 2018
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Man kann von Gregor Gysi und den Linken halten, was man will: Es ist immer wieder spannend, ihm zuzuhören, wenn er die Politik in Deutschland analysiert. Was er sagt, ist allermeistens sehr klug, fast schon weise. Nicht immer kann man ihm zustimmen, aber er hat die Gabe, Dinge interessant darstellen zu können und einen Diskussionsanstoß zu liefern.
Gerade ist Gregor Gysi 70 geworden. Vielleicht war diese Marke auch der Anlass, eine Bilanz zu ziehen, eine Autobiographie zu schreiben.
“Ein Leben ist zu wenig” hat er sein Buch genannt – und in seinem Fall passt das wie die Faust auf’s Auge.
Auf sehr spannende Weise berichtet er, wie er zu dem wurde, was er ist.

Gregor Gysi erzählt von seiner Kindheit und seinen Eltern – er ist in eine Zeit geboren, in der Nazi-Deutschland Vergangenheit war, die Bundesrepublik und die DDR aber noch nicht gegründet waren.
Die DDR wurde dann aber seine Heimat. Da ginge er zur Schule, in die Uni. Er konnte sich erstaunlicherweise vor dem Dienst bei der NVA drücken, er wurde Anwalt.
Sehr spannend sind die Kapitel, in denen er über die Wendezeit berichtet – er Gysi quasi in die Rolle als Politiker geschlittert ist, wie es dazu kam, dass er am 4. November 1989, bei der großen Demo auf dem Berliner Alexanderplatz, ins Rampenlicht getreten war. Aber auch, was nach dem Mauerfall in der SED geschah, später in der PDS und bei den Linken.
Er stellt dar – und hat damit vermutlich recht -, dass nach der Wende bei der Wiedervereinigung viele Fehler gemacht worden seien. Gysi zeigt auf, dass es keine Vereinigung, sondern ein Beitritt war, und er sagt, wieso das hätte anders passieren müssen. Wieso ehemalige DDR-Bürger, aber auch Bürger aus dem Westen so ihre Schwierigkeiten mit der Annäherung hatten.

Sicherlich wird es Kritiker geben, die Gysi eine linke Schönfärberei vorwerfen werden. Aber als Leser hat man schon den Eindruck, dass er sehr ehrlich mit sich, der Partei und der Politik im Allgemeinen umgeht.
Gysis Leben ist eine mit wenigen Ausnahmen sehr kurzweilige Lektüre.

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig – Die Autobiographie
Aufbau, 583 Seiten
8/10

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Brittany Cavallaro: Holmes & ich – Unter Verrätern

Montag, den 12. März 2018

(1) -> 10.12.2016

Holmes und Watson sind zurück – im Fall der Autorin Brittany Cavallaro aber das zweite Mal als Jugendliche. Charlotte Holmes und Jamie Watson schlittern in einen neuen Fall.

Jamie wird zum Dinner mit Charlottes Eltern eingeladen. Er hasst das. Wie er überhaupt eher ungern auf dem Landsitz der Holmes’ ist. Ständig fürchtet er, sich in dem riesigen Haus zu verlaufen.
Zwischen den beiden kriselt es auch mal wieder. Jamie könnte sich vorstellen, dass zwischen Charlotte und ihm mehr passieren könnte. Charlotte sieht das ganz anders. Mehr als eine Freundschaft will sie nicht, kann sie nicht. Oder doch nicht?
Als Charlottes Onkel verschwindet, begeben sich die beiden auf dessen Spur – und die führt nach Berlin.

Wirkte der erste Roman so, dass er einen frischen Wind in die alte Geschichte brachte, verzettelt sich die Autorin diesmal ziemlich. Das erste Drittel der Geschichte dreht sich um die – fast möchte man sagen: pubertären – Scharmützel zwischen Holmes und Watson. Läuft da was? Läuft da nix? Ewige Monologe und Dialoge. Da geht der eigentliche Kriminalfall, der auch ziemlich spät überhaupt einsetzt, doch ziemlich unter. Das tut der Story überhaupt nicht gut, so richtig Spannung will nicht aufkommen. Auch schafft es übrigens die Autorin nicht, ein gutes Berlin-Gefühl aufkommen zu lassen, obwohl sie ihre Protagonisten dorthin schickt.
Schade, Band 2 von “Holmes & ich – Unter Verrätern” ist mehr Liebesreigen als Krimi. Die richtige Mischung hat Brittany Cavallaro diesmal nicht gefunden.

Brittany Cavallaro: Holmes & ich – Unter Verrätern
dtv, 350 Seiten
5/10