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Bücher, Bücher, Bücher

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Kevin Brooks: Born scared

Freitag, den 14. Dezember 2018

Angst. Überall. Elliots Leben besteht nur daraus: aus Ängsten. Der Junge verlässt nicht mal das Haus, weil überall Gefahren lauern könnten. Wenn er seine Medikamente nicht hätte, dann würde die Sache mit der Angst vermutlich gar nicht mehr funktionieren. Ohne die Pillen geht es nicht.
Aber dann ist Weihnachten, und die Pillen sind alle. Das heißt, eigentlich sind sie nicht alle, sondern in der Apotheke hat man die Medikamente verwechselt.
Seine Mutter macht sich auf den Weg – kommt aber nicht wieder. Elliot gerät in Panik. Was soll er nun tun? Etwa raus gehen? Eigentlich bleibt ihm nichts anderes übrig…

In “Born scared” geht es um einen Jugendlichen in einer Ausnahmesituation. Wie geht Elliot mit seiner Angst vor allem und alles um? Kevin Brooks gelingt es ziemlich gut, in den Kopf des Jungen einzudringen, dem Leser näher zu bringen, was da in ihm vorgeht.
Das ist kurzweilig und liest sich schnell weg.
Schade ist aber, dass die Geschichte im zweiten Teil ziemlich absurd und übertrieben ist. Da gibt es dann Verfolgungsjagden, die völlig vom eigentlichen Thema ablenken. Damit hat Brooks der Story keinen Gefallen getan. Das Ende ist zudem enttäuschend mau.

Kevin Brooks: Born scared
dtv, 235 Seiten
6/10

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Yassin Musharbash: Jenseits

Dienstag, den 11. Dezember 2018
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Wo ist Gent Sassenthin? Der junge Rostock ist spurlos verschwunden. Das dachten jedenfalls seine Eltern. In Wirklichkeit hat er sich schon längere Zeit radikalisiert und hat sich dem Islamischen Staat angeschlossen. Als IS-Kämpfer ist er nach Rakka in Syrien gereist.
Doch plötzlich bekommen eine Eltern eine E-Mail. Gent will zurück, aber er hat Bedingungen.
Sowohl das Bundesamt für Verfassungsscutz, das Terrorismusabwehrzentrum, als auch die Journalistin Merle Schwalb von der Zeitung “Globus” setzen alles in Bewegung, um herauszufinden, ob an der Mail was dran ist.
Will Gent wirklich zurück, und will er wirklich auspacken? Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Und auch die Frage des Vertrauens spielt eine Rolle.

Yassin Musharbash hat einen sehr aktuellen Roman geschrieben. Das Spannende ist, dass er das Geschehen aus sehr vielen interessanten Blickwinkeln beleuchtet.
Da ist Gent Sessenthin, den der Leser nach Syrien begleitet, und in dessen Innenleben wir schauen und erleben, was er tut. Was ihn aber nicht weniger geheimnisvoll macht. Es geht außerdem um die deutschen Behörden und darum, wie sie arbeiten. Aber auch um die Presse, die mit allen Mitteln über solche Fälle berichten will – auch im Hinblick auf den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016.
Es gibt zwar hier und da einige Längen in diesem Politthriller, aber durch die vielen Perspektivwechsel liest sich der Roman sehr flüssig – und er bleibt spannend bis zuletzt.
Ein bisschen langweilig ist dagegen das Buchcover, das macht leider wenig neugierig, und gerade im Buchladen ist es eher kein Hingucker. Das Buch hätte was Besseres und dem Thema mehr Entsprechendes verdient gehabt.

Yassin Musharbash: Jenseits
Kiepenheuer & Witsch, 316 Seiten
7/10

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Wolfgang Hohlbein: Armageddon

Donnerstag, den 29. November 2018

Der Flug nach Tel Aviv ist so anstrengend wie aufregend. Beka hat es mit nervigen Kindern zu tun, die einfach nicht aufhören wollen, rumzuschreien. Und dann ist da noch Luke. Der fasziniert sie.
Doch dann geschieht das Unfassbare: Als der Landeanflug auf Tel Aviv beginnt, kommt es draußen zur Explosion. Eine Atombombe zerstört große Teile von Israel.
Es vergeht offenbar ein bisschen Zeit, bis Luke und Beka in einem verlassenen Tempel wieder zu sich kommen. Sie leben. Aber in was für einer Welt sind sie da gelandet? Sie bekommen mit Engeln, Kämpfern und Dämonen zu tun. Es scheint, als ob die ganz große Schlacht bevorsteht.

Wer einen Roman von Wolfgang Hohlbein in die Hand nimmt, der weiß ja normalerweise, was er bekommt: Phantasy. Sein Roman “Armageddon” beginnt sehr spannend. Die Geschichte im Flugzeug baut sehr viel Atmosphäre auf, der Moment der Bombenexplosion ist erschütternd.
Später wird aber sehr schnell klar, dass die Geschichte sich in eine ganz andere Richtung entwickelt, und wer Phantasy nicht mag, kann es gleich sein lassen.
Hohlbein ist nicht zimperlich. Dass auch Luke nicht lange überlebt, kann hier ruhig verraten werden. Für die Spannung im Roman ist das eventuell nicht die beste Idee gewesen. Andererseits hat Hohlbein so schon mit seinen unzähligen und oft etwas überlangen Kampfszenen zu tun. Seiten- und kapitelweise erzählt er von Auseinandersetzungen und heftigen Gewaltorgien. Das muss man mögen. Grundsätzlich ist aber alles sehr in die Länge gezogen. Da kann das Ende leider auch nicht so richtig befriedigen.

Wolfgang Hohlbein: Armageddon
Piper, 600 Seiten
5/10

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Raphael Thelen / Thomas Victor: Straße der Träume – Ein Roadtrip auf der B96

Dienstag, den 27. November 2018
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Die B96 war zu DDR-Zeiten, als sie noch die F96 war (Fernverkehrsstraße), die wichtigste Strecke im ganzen Land. Sie führt von Zittau in Ost-Sachsen, durch die Lausitz und Berlin bis nach Sassnitz auf Rügen.
Die beiden Journalisten Raphael Thelen und Thomas Victor waren auf einem Roadtrip entlang der B96. Für Spiegel Online haben sie darüber eine vielbeachtete Reportagereihe verfasst. Diese ist inzwischen in erweiterter Form und mit ausführlicheren Texten auch als Buch erschienen.
Sie erheben nicht den Anspruch über die komplette Strecke zu schreiben. Sie haben sich einige Stopps ausgesucht.

Los geht es natürlich in Zittau, und dort finden die beiden Reporter eine Stadt vor, die auf den ersten Blick ziemlich trist zu sein scheint. Aber dann entdecken sie doch ein kulturuelles Kleinod und treffen auf einen Bürgermeister, der sich sehr engagiert.
In der Lausitz landen sie in einer Kneipe, wo sie mit den Leuten über die Widrigkeiten des Lebens sprechen – mit einer interessanten Wendung.
In Teschendorf ist ihnen gleich die Imbissbude „Curry B 96“ aufgefallen. Die reisenden waren schon längst dran vorbeigefahren, wendeten dann aber noch mal. Das Schild hatte die beiden angelockt. Sie treffen auf den Imbissbetreiber und auf einige Gäste.

Zwar löst auch dieses Buch nicht ein, dass es um die Straße geht, die Träume auslöst. Aber dafür sind die Geschichten über die Menschen und Orte an dieser B96 doch sehr spannend geworden. Die beiden Autoren haben sich offenbar auch für die interessanten Begegnungen entschieden. So ist dieses Buch sehr lesenswert. Wenn es auch – das muss man aber sagen – für eine Zweitverwertung mit 18 Euro recht teuer ist.

Rapahel Thelen, Thomas Victor: Straße der Träume – Ein Roadtrip auf der B96
be.bra verlag, 224 Seiten
8/10

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Bettina Rust: Berlin – Lieblingsorte

Sonntag, den 18. November 2018
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Die Journalistin Bettina Rust lebt seit 22 Jahren in Berlin. Bekannt ist vor allem ihre Stimme. Immer am Sonntag moderiert sie die “Hörbar Rust” auf radioeins vom rbb. Außerdem ist sie Sprecherin viele Filmbeiträge in diversen Sat.1-Infoformaten. Mitte der 90er moderierte sie den “0137 Night Talk” unverschlüsselt bei premiere. Bis 2016 hatte sie im rbb die schöne Sendung “Stadt, Land, Hund”, in der sie durch Berlin radelte und interessante Menschen vorstellte.

So etwas Ähnliches macht sie auch in ihrem Buch “Berlin – Lieblingsorte”. Der Titel sagt alles. Bettina Rust stellt dem Leser 60 verschiedene Orte in Berlin vor, die man mal besuchen kann.
Dazu gehören Clärchens Ballhaus, das Tempelhofer Feld, die Monbijoubrücke, das Kulturforum, verschiedene Galerien, spezielle Einkaufsmärkte, diverse Parks und Cafés.
Das Besondere: Fast jede dieser Orte verknüpft sie mit einer eigenen Geschichte. Sie erzählt nicht nur, was es mit diesen Orten auf sich hat, sondern auch, wie sie den Ort entdeckt oder was sie selbst dort eventuell erlebt hat.
Das macht die Lektüre besonders lebendig. Auch deshalb, weil ihre Stimme – wenn man sie in Berlin-Brandenburg öfter hört – im Ohr sehr präsent ist, man den Text also auch akustisch mit ihr verbinden kann.
Diese Sammlung der Lieblingsorte ist eine wundervolle Zusammenstellung, sehr anschaulich aufgeschrieben.

Bettina Rust: Berlin – Lieblingsorte
Insel Taschenbuch, 236 Seiten
8/10

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Jean-Paul Didierlaurent: Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky

Dienstag, den 13. November 2018

Er kümmert sich um die Toten. Sie kümmert sich um die Lebenden. Und als ein Lebender sterben will, da kreuzen sich ihre Wege.
Ambroise Lanier, fast 30, ist Leichenpräparator. Er sagt, er macht das nicht nur für die Toten. Sondern für die Angehörigen, die nicht der hässlichen Fratze des Todes in die Augen gucken sollen. Es geht um Würde.
Manelle Flandin arbeitet bei einem Pflegedienst, ist Seniorenhelferin. Sie kümmert sich um sie, damit sie ihre Eigenständigkeit behalten. Ihr Lieblingssenior ist Samuel Dinsky. Er ist 82 und sterbenskrank.
Samuel fasst einen Beschluss: Er will sterben, in der Schweiz. Und Manelle soll ihn begleiten. Die lehnt das empört ab.
Ambroise ist es, der von seinem Bestattungsunternehmen den Auftrag bekommt, einen 82-Jährigen in die Schweiz zu fahren. Den wahren Grund jedoch, weiß Ambroise nicht.

Es ist “Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky”, der Ambroise und Manelle zusammenführt. Jean-Paul Didierlaurent hat einen fantastischen Roman geschrieben.
Der französische Autor von Menschen, die sich um andere kümmern. In einer sehr liebevollen Art schildert er, wie Manelle mit den alten Leuten umgeht. Mit ihren Macken und Schrullen. Und er erzählt von Ambroise und davon, wie er sich um seine Präparationsarbeit vorbereitet und was dabei alles zu tun ist.
Das sind spannende und gleichzeitig entspannende Momente. Aber die erste Hälfte ist letztlich nur die Vorgeschichte für den Road Trip in der zweiten Hälfte. So traurig und so heiter, und überraschend auch. Einfach wunderbar.

Jean-Paul Didierlaurent: Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky
dtv premium, 256 Seiten
10/10

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Dietrich Faber: Hessen zuerst! Hexit jetzt

Sonntag, den 11. November 2018
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Hessen zuerst! So heißt eine neue Partei, in der sich Protestler sammeln, um gegen Flüchtlingsheime und Ausländer zu protestieren.
Ex-Kommissar Henning Bröhmann erfährt von dieser Partei, als er mit Freunden und Bekannten im Vogelsberg wandern ist. Rüdi ist Hennings Vermieter, und ausgerechnet der engagiert sich in der Partei, die zur Wahl antritt und mit 20 Prozent in den hessischen Landtag einziehen könnte.
Es werden nicht nur Plakate aufgehangen, auch im Flüchtlingsheim im Ort fließt bald Blut. “Hessen zuerst!” nutzt das für sich aus, die Forderung, angeblich kriminelle Ausländer auszuweisen, wird immer lauter. Henning bekommt es plötzlich auch mit Gewalttätern zu tun, und dass Rüdi dahinter steckt, macht die Sache noch schlimmer.

Dietrich Faber gilt in Hessen als Krimistar, und tatsächlich ist “Hessen zuerst! Hexit jetzt” der fünfte Roman mit Henning Bröhmann.
Faber schildert sich eine manchmal merkwürdig lustige und ernte Art, wie die Stimmung in Deutschland ist. Denn die Story um die Protestpartei ist zwar ausgedacht, aber natürlich gibt es große Parallelen zur tatsächlich bestehenden Faktenlage im Land.
Insbesondere die ersten Kapitel – die Wanderung im Vogelsberg – wirken außerhalb Hessens ziemlich albern. Die machen leider wenig Lust auf das restliche Buch, kommen bei Lesungen in Hessen selbst aber vermutlich gut an. Die Wanderungsbeschreibung ist übertrieben im Detail beschrieben, die Mundart hat einen hohen Nervfaktor. Die Ernsthaftigkeit der Geschichte bildet sich erst später heraus. Da kommt dann stellenweise auch ein wenig Spannung auf. Zumal die Story eine interessante Wendung hat.

Dietrich Faber: Hessen zuerst! Hexit jetzt
Rowohlt Polaris, 268 Seiten
5/10