RT im Kino

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Steig. Nicht. Aus!

Montag, den 16. April 2018
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Der Weg zur Schule dauert diesmal etwas länger als sonst. Dabei dachte der Berliner Bauunternehmer Karl Brendt (Wotan Wilke Möhring), das sei keine komplizierte Sache. Aber kaum sitzen er und seine beiden Kinder im Wagen, da bekommt er einen Anruf. Er wird erpresst: Wenn er nicht eine bestimmte Summe Geld überweist, dann geht im Auto eine Bombe hoch. Steigen er oder seine Kinder aus dem Wagen, dann geht die Bombe ebenfalls hoch.
Aber wer ist der Mann, der ihn erpresst? Und worum geht es ihm eigentlich?
Alle Versuche, aus der Sache rauszukommen, schlagen fehl. Als dann noch die Polizei ins Spiel kommt, droht die ganze Sache vollends außer Kontrolle zu geraten. Denn Karl darf niemandem sagen, dass er erpresst wird – denn sonst geht eben jene Bombe hoch.

“Steig. Nicht. Aus!” ist ein spannender Thriller von Christian Alvart, der beispielsweise von den Til-Schweiger-”Tatort”-Folgen bekannt ist. Das Motiv ist “örtlichen Erpressung” ist nicht neu und hat man schon in abgewandelten Formen schon mal gesehen – diese Version kann sich aber durchaus sehen lassen.
Denn es ist spannend zu sehen, wie Karl und seine Kinder immer mehr in Bedrängnis geraten. Wotan Wilke Möring spielt über weite Strecken sehr glaubhaft, nur an seinen Heilkrämpfen sollte er arbeiten, die wirken seltsam aufgesetzt.
Erstaunlich ist – aber das Drehbuch will es ja so -, wie schlampig die Polizei im Film arbeitet. Ein Cop hat sich eine Geschichte zurecht gelegt und glaubt genau zu wissen, worum es bei dem Fall eigentlich geht – und geht selbstverständlich davon aus, dass sie sich genau so zugetragen hat. Recherchen scheinen nicht nötig zu sein. Personen scheinen nicht überprüft zu werden. Eine andere Beamtin (Hannah Herzsprung) muss später erst eingreifen. Auch die rasante fahrt durch Berlin ist schnitt- und ortstechnisch mitunter sehr willkürlich – was den Zuschauern in Berliner Kinos natürlich sehr sauer und hörbar aufstößt.
Ganz nebenbei geht es in diesem Film übrigens um die Veränderungen in unseren Städten. Darum, wie sie sich verändern, wie das Alte verdrängt wird, um Platz für Neues zu machen – und darum, wie Menschen dabei auf der Strecke bleiben. Gerade in Berlin ein brandheißes Thema, das mit durchaus aktuellen Bildern aus dem Friedrichshain belegt wird.

Steig. Nicht. Aus!
D 2018, Regie: Christian Alvert
NFP, 109 Minuten, ab 12
8/10

RT im Kino

3 Tage in Quibéron

Sonntag, den 15. April 2018

Romy Schneider gilt bis heute als einer der größten Filmstars, die Deutschland je hatte. Stichwort: Sissi. Allerdings konnte sie nur schlecht damit umgehen, dass viele Menschen sie oft nur mit dieser einen Rolle identifizierten. Später zog sie nach Frankreich um.
1981 trifft sie sich gemeinsam mit ihrer besten Freundin Hilde im französischen Küstenort Quibéron mit dem stern-Reporter Michael Jürgs und dem Fotografen Robert Lebeck. es war das wohl letzte große Interview – und davon handelt dieser Film.

Romy Schneider (Marie Bäumer) hat viel mit sich und ihren Depressionen zu kämpfen. Deshalb ist ihre Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) sehr skeptisch, ob so ein Interview sinnvoll ist. Tatsächlich stellt sich der Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) als ziemlich schmierig heraus. Zum Fotografen Robert Lebeck (Charly Hübner) hat Romy dagegen eine engere Bindung, sie kennen sich bereits.

Der Film von Emily Atef – ganz in Schwarz-weiß gehalten, wie die damals entstanden Fotos – erzählt von diesen Tagen, an denen das Interview stattfindet. Es zeigt eine Romy Schneider zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Eine Frau, die viele Zweifel hat und dennoch irgendwie den Schritt wagen will, sich von den Fesseln zu befreien.
Alle vier Hauptdarsteller spielen fantastisch. Allen voran Marie Bäumer als die große Schauspielerin mit all ihren Stimmungsschwankungen. Auch Robert Gwisdek macht seine Sache gut als Typ zwischen Schleimigkeit und Faszination für die Situation, in der er sich befindet.
“3 Tage in Quibéron” erzählt von einem spannenden Einblick von Romy Schneiders Spätphase ihres Lebens, das viel zu früh geendet hatte.

3 Tage in Quibéron
D 2017, Regie: Emily Atef
Prokino, 116 Minuten, ab 0
8/10

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A quiet Place

Samstag, den 14. April 2018

Pssst! Leise! Keinen Mucks dürfen sie von sich geben.
Auf der Erde haben sich furchterregende Gestalten breit gemacht. Sie werden allerdings erst dann gefährlich, wenn sie die Menschen akustisch wahrnehmen. Ein Schrei. Eine Flasche, die zu Boden fällt. Laute Geräusche, und wenig später ist man tot.
Eine Familie (u.a. Emily Blunt, John Krasinski, Noah Jupe) hat es bisher geschafft, diesen Kreaturen zu entkommen. Aber für welchen Preis?! Jede Lebensfreude ist dahin, leise müssen sie sein – kein Wort wird mehr gesprochen. Nur drüben am Wasserfall können sich Vater und Sohn mal austauschen, sich etwas sagen.
Noch ist kein Mittel gefunden worden, diesen Kreaturen etwas entgegen zu setzen. Immer wieder sind sie alle in großer Gefahr.

“A quiet Place” ist ein besonderer Horrorthriller. Die Stille, die über weite Strecken herrscht, macht beklommen. Jeder Lärm, den es gibt, könnte Folgen haben. Sind Filme solcher Art oft sehr laut, sehr krawallig, ist das hier ganz anders.
Das hat Vor- und Nachteile. Die ewige Stille, diese Langmut, sorgt irgendwie auch dafür, dass sich eine ganz seltsame Mischung aus Langeweile und Spannung einstellt. Einerseits ist der Film stellenweise nahezu unerträglich, weil es wirklich an den Nerven zehrt, wenn das Monster im Haus rumirrt und die Familie in Angst ist. Andererseits setzt aber auch immer wieder diese Langeweile ein, die auch mit dieser ewigen Stille zu tun hat.
Diesen Gegensatz schaffen Filme wahrlich nicht oft. Aber so ganz ist die Idee dieses Thrillers damit aber auch nicht aufgegangen.

A quiet Place
USA 2017, Regie: John Krasinski
Paramount, 90 Minuten, ab 16
6/10

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Der Hauptmann

Freitag, den 13. April 2018

Deutschland, im April 1945. Der zweite Weltkrieg ist fast zu Ende, Deutschland so gut wie geschlagen. Viele Soldaten sind fahnenflüchtig – wie auch der junge, blonde 19-jährige Gefreite Willi Herold (Max Hubacher), der vor einer Horde von Hauptmännern (u.a. Alexander Fehling) wegrennt, die ihn aus reiner Mordlust erschießen wollen. Er entkommt und entdeckt am Wegesrand ein verlassenes Militärauto. Darin entdeckt er nicht nur etwas zu essen, sondern auch eine Uniform – die eines Hauptmannes.
Ab sofort ist der Gefreite Herold der Hauptmann Herold. Er muss seine neue Rolle nur durchhalten, um zu überleben – so seine Strategie.
Als kurz danach der Soldat Freytag (Milan Peschel) auftaucht, kann Herold ihm erfolgreich weismachen, dass er einen höheren Dienstgrad hat. Freytag ist nun Herolds Fahrer, und im Laufe der Zeit kommen weitere Soldaten hinzu. Die “Kampftruppe Herold entsteht.
In seiner Uniform hat er viel Befehlsgewalt. Und immer öfter muss er hart durchgreifen, Plünderer erschießen oder im Gefangenlager dafür sorgen, Hinrichtungen durchzuführen. Aus dem Gefreiten wird ein skrupelloser Hauptmann.

Es ist ein höchst beeindruckender und extrem spannender Film, den Robert Schwentke ins Kino gebracht hat. “Der Hauptmann” erzählt die Geschichte von Willi Herold. Aus dem ängstlichen Soldaten wird einer, der ebenfalls zum Mörder wird.
Anfangs hat er noch Skrupel und sichtbare Ängste, als Hauptmann durchzusetzen, was er durchsetzen muss. Denn ansonsten würde er auffliegen und vermutlich selbst hingerichtet werden. Aber Herold zieht seine Hauptmann-Rolle durch.
Auch für den Zuschauer ist das ein echter Horrortrip. Denn auch er muss sich darüber Gedanken machen, was da passiert. Anfangs leidet man mit ihm mit, und man möchte, dass er überlebt. Es ist ein Spiel, das er da macht. Aber man muss sich während des Films eingestehen, dass man nicht weiter mit ihm mithalten kann. es wird einfach zu grauenvoll, was da passiert.
Das sieht man auch am Soldaten Freytag – unfassbar gut gespielt von Milan Peschel. Man merkt regelrecht, dass er viel von dem Hauptmann hält, aber mehr und mehr entsetzt darüber ist, wie er sich wandelt – bis zu dem Zeitpunkt, wo Freytag eine menschenverachtende Demütigung erfährt.
Ebenfalls brillant spielt Frederick Lau. Er gehört zu den Soldaten, die den Hauptmann später begleiten. Er spielt das Spiel mit, und man weiß ganz genau: Er hat Herold von Anfang an durchschaut. Lau kann dieses Mienenspiel hervorragend.
Überragend spielt auch Samuel Finzi, der als Gefangener für die Nazis ein lustiges Programm aufführen soll – man sieht die Angst in den Augen.
Hauptdarsteller Max Hubacher ist eine echte Entdeckung. Die Entwicklung, die Herold macht, nimmt man ihm immer ab, und er schafft es auch, diese oben beschriebenen Überlegungen beim Zuschauer auszulösen: Aus einem Sympathieträger wird ein Ekel – und, das ist das Grauenvolle: Man tut sich schwer, ihn unsympathisch zu finden. Ein mulmiges Gefühl.
In einer Szene, als plötzlich Bomben fallen, wird dafür scheinbar auch der Zuschauer abgestraft – durch einen erschütternden Effekt.
Zwar zieht sich der Film zum Ende hin ein wenig – das ändert aber nichts daran, dass “Der Hauptmann” ein sehr sehenswertes Meisterwerk ist. Bis hin übrigens zum Abspann mit einer ziemlich abstrusen, aber spannenden Idee.

Der Hauptmann
D 2017, Regie: Robert Schwentke
Weltkino, 119 Minuten, ab 16
9/10

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Der Sex-Pakt

Donnerstag, den 12. April 2018

Abschlussball. Der ideale Tag für das erste Mal. Das finden jedenfalls die besten Freundinnen Julie (Kathryn Newton), Kayla (Geraldine Viswanathan) und Sam (Gideon Adlon) und schließen einen Pakt. Sie alle wollen das heute durchziehen – es ist ein Sex-Pakt.
Blöderweise bekommen das aber auch die Eltern mit. Und insbesondere die alleinerziehende Lisa (Leslie Mann) und Mitchell (John Cena) sind empört. Ihre Töchter wollen ihre Unschuld aufgeben? Unerhört! Das müssen sie verhindern. Auch Sams Vater Hunter (Ike Barinholtz) ist dabei. Er ist allerdings der Meinung, dass seine Tochter lesbisch ist und doch sich den Abend nicht mit einem Typen ruinieren soll.

“Der Sex-Pakt” ist eine turbulente Komödie. Sie dreht sich einerseits um die drei Mädels, die auf dem Ball ihr erstes Mal erleben wollen. Die eine aus Liebe, die andere weil es sein muss und die dritte weil sie wissen will, ob sie tatsächlich auf Männer oder Frauen steht. Und dann sind da die hysterischen Eltern, die ihnen hinterherdüsen und ihrerseits auf der Party die wildesten Dinge erleben.
Das ist zwar manchmal etwas albern, und über Anspruch muss man hier eh nicht reden, über weite Strecken ist “Der Sex-Pakt” dann aber doch recht lustig und kurzweilig. Besonders die Eltern erleben den einen oder anderen Fremdschäm-Moment, zum Ende hin wird es dann aber sogar richtig herzig.
Unterhaltsames Popcorn-Kino.

Der Sex-Pakt
USA 2017, Regie: Kay Cannon
Universal, 102 Minuten, ab 12
7/10

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Filmstars don’t die in Liverpool

Montag, den 9. April 2018

Der junge Schauspieler Peter Turner (Jamie Bell) bekommt einen alarmierenden Anruf. Die Schauspielerin Gloria Grahame (Annette Bening) hat im Vorbereitungsraum eines Theater einen Kollaps erlitten. Er will sich um sie kümmern.
Denn die beiden kennen sich. Sehr gut sogar. Einige Jahre zuvor lernen sie sich kennen, als sie in seiner Nachbarschaft eingezogen ist. Er, Ende zwanzig, sie, mehr als 30 Jahre älter, kommen ins Gespräch, verlieben sich. Mit der Zeit wird eine ernsthafte Beziehung daraus.
Aber dann kommt der Tag, an dem sie einfach Schluss gemacht hat. Ihn die Tür gesetzt hat.
Nun sehen sie sich wieder – daheim, bei ihm in Liverpool, im Haus seiner Eltern wird Gloria untergebracht. Peter muss mit der neuen Situation irgendwie klar kommen.

“Filmstars don’t die in Liverpool” gehört zu den – leider viel zu wenig beachteten und mit viel zu wenigen Kopien in den Kinos befindlichen – Filmperlen dieses Jahres. Er hat schöne Musik, er wirkt sehr edel.
Erzählt wird eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Liebesgeschichte. Ungewöhnlich auch, weil sie hier als sehr gewöhnlich dargestellt wird. Da verlieben sich einfach zwei ineinander. Nur einmal bricht dieses Bild auseinander, als Peter die Familie seiner Partnerin kennenlernt und die seltsame Fragen stellt.
Jamie Bell und Annette Bening spielen fantastisch. Ein Paar voller Liebe, Zuneigung, zwischenzeitlicher Abneigung und Trauer. Es gibt zutiefst ergreifende Momente, wenn der Zuschauer erfährt, warum Gloria plötzlich so abweisend ist.
Rundum sehenswert!

Filmstars don’t die in Liverpool
GB 2017, Regie: Paul McGuigan
Sony, 106 Minuten, ab 6
9/10

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Im Zweifel glücklich

Freitag, den 6. April 2018

Brad (Ben Stiller) denkt nach. Über sich. Über sein Leben. Hat er alles richtig gemacht? Warum ist er nicht so erfolgreich wie seine Studienkollegen? Warum läuft es gerade nicht im Job? Warum muss er sich ständig Sorgen machen? Und was soll bloß noch aus ihm werden? Und wieso kann er sich so vieles nicht leisten?
Ja, Brad denkt viel nach. Er ist jetzt 47. Er betreibt eine Firma, die Menschen mit sozialen Unternehmen zusammenbringen soll. Er hat eine Frau, die er liebt und einen Sohn, der echt was drauf hat.
Als er mit seinem Sohn Troy (Austin Abrams) nach Cambridge reist, um sich die Harvard-Universität ansehen, scheint Brad eine echte Midlife-Crisis zu erreichen. Ständig ist er in Gedanken. Dabei müsste doch die Frage lauten: Geht es ihm nicht eigentlich sehr gut?

Brad ist “Im Zweifel glücklich”, und das gilt auch für diesen Film. Irgendwie zweifelt man als Zuschauer, weil dieser Brad tatsächlich sehr viel vor sich hin redet, wir hören alle seine Gedanken – man könnte es auch Geschwurbel nennen.
Aber dieses Geschwurbel ist durchaus spannend. Denn irgendwie kennen wir das doch alle: Wenn wir zweifeln, mit uns hadern. Wenn unsere Gedanken immer und immer wieder kreisen, wenn wir uns mit anderen vergleichen und uns gern mal selbst runter machen.
Ben Stiller spielt diesen zweifelnden Menschen ganz hervorragend. Eine Entdeckung ist Austin Abrams, den Brads Sohn spielt. Dem scheint irgendwie alles egal zu sein, er latscht so mit, scheint es. Aber er bekommt durchaus mit, dass mit seinem Vater irgendwas nicht stimmt.
“Im Zweifel glücklich” hat sehr schöne und rührende Momente, und am Ende könnte dieser Film tatsächlich auch den Zuschauer im Zweifel glücklich machen.

Im Zweifel glücklich
USA 2017, Regie: Mike White
Weltkino, 102 Minuten, ab 0
8/10