RT im Kino

RT im Kino

Corpus Christi

Dienstag, den 20. Oktober 2020

Jugendknast. Es ist für den 20-jährigen Daniel (Bartosz Bielenia) eine harte Zeit. Er hat sich in seinem Leben schon einiges geleistet, er ist nicht umsonst in der Strafanstalt. Der Umgang mit den anderen Gefangenen ist mehr als rau.
Im Laufe der Zeit wird ihm klar: Er will sein Leben umkrempeln. Vielleicht das Abitur machen. Er will Priester werden. Das aber wird er keineswegs schaffen. Weil er vorbestraft ist, kann er kein Pfarrer werden.
Nach seiner Entlassung soll er im Sägewerk eines kleinen Ortes arbeiten. Aber er weiß, wie hart und stupide die Arbeit ist, im Knast hatte er Ähnliches gemacht.
Er stromert durch den Ort, und am Ende landet er in der Kirche. Dort denkt man, er sei für die Kirche unterwegs und ein junger Priester. Er darf im Pfarrhaus übernachten, und als über Nacht der alte Pfarrer schwerkrank wird, wird Daniel gefragt, ob er nicht einspringen könne.
Und so ist er plötzlich Pfarrer, und ziemlich schnell bemerkt er, dass es im Ort tiefgreifende menschliche Probleme gibt – denen er sich annimmt.

“Corpus Christi” ging im Februar 2020 für Polen ins Oscar-Rennen um den besten internationalen Film. Er musste sich zwar “Parasite” geschlagen geben, muss sich aber keineswegs dahinter verstecken.
Unter der Regie von Jan Komasa entstand ein fesselnder Film über die menschlichen Beziehungen in der polnischen Provinz. Da ist der reiche Bürgermeister, der jeden Zoff unter dem Deckel halten will. Da sind die Menschen, die nach einer Unfalltragödie unter Schock stehen – Trauer und Vorwürfe.
Daniel will aus diesem Kreislauf ausbrechen, er will ein anderer Pfarrer sein, er will moderner sein, mehr auf die Menschen zugehen, mit ihnen reden – aber wie lange das wohl gut geht, wenn er doch gar kein wirklicher Pfarrer ist?
“Corpus Christi” ist packend, der Film rührt, hat auch heitere Momente. Das sehr offene Ende jedoch ist ärgerlich.

-> Trailer auf Youtube

Corpus Christi
Polen 2019, Regie: Jan Komasa
Arsenal, 115 Minuten, ab 16
8/10

Hits: 41

RT im Kino

Hello Again – Ein Tag für immer

Montag, den 19. Oktober 2020

Und täglich grüßt das Murmeltier. Zazie (Alicia von Rittberg) erlebt denselben Tag immer und immer wieder.
Viel zu spät fischt sie aus dem Briefkasten eine Einladung zur Hochzeit. Ihr einst bester Freund Philipp (Tim Oliver Schultz) heiratet Franziska (Emilia Schüle). Die kennt Zazie auch von früher, wo sie ein echtes Ekel war. Zazie findet: Franziska ist nicht die richtige für Philipp. Sie beschließt, zur Hochzeit zu fahren, um mit Philipp zu reden. Sie nimmt Anton (Edin Hasanovic) mit, der mit ihr und Patrick (Samuel Schneider) in einer WG lebt.
Doch vor Ort muss sie feststellen, dass das alles gar nicht so einfach ist. Denn Zazie hat Philipp seit fast fünf Jahren nicht mehr gesehen, und damals hatte das Gründe. Ihr Auftritt wird zur Katastrophe, und als sie am nächsten Morgen erwacht – steht sie wieder bei Null. Es ist derselbe Tag, und wieder steht die Hochzeit bevor.

“Hello Again – Ein Tag für immer” greift das Motiv des Murmeltierfilm aus den 90ern auf. Zazie erlebt immer wieder denselben Tag, um ihre Mission erfüllen zu können. Anders als beim Vorbild ist jedoch: Zazie weiß gar nicht genau, was ihre Mission ist. Die ändert sich nämlich jedes Mal. Immer wieder findet sie neue Details zu diesem Tag und dessen Ereignisse heraus, immer wieder gibt es Wendungen und Überraschungen, und auch als Zuschauer rätselt man, worauf das alles eigentlich hinauslaufen könnte. Es ergeben sich Perspektiven, an die anfangs nicht zu denken war.
Letztlich geht es um die Frage, wie sehr man sich eigentlich in das Leben anderer einmischen darf. Und mit welchem Recht man Dinge geradebiegen will, die vielleicht gar nicht geradezubiegen sind.
Das ist alles ist mitunter lustig und turbulent erzählt, wenn es auch im Kern und bei aller Humorigkeit doch auch um ernste Themen des Lebens geht: um Freundschaft und wie sie sich entwickeln kann, um den Zusammenhalt in der Familie und unter WG-Freunden.

-> Trailer bei Youtube

Hello Again – Ein Tag für immer
D 2020, Regie: Maggie Peren
Warner, 92 Minuten, ab 6
8/10

Hits: 60

RT im Kino

Der geheime Roman des Monsieur Pick

Mittwoch, den 14. Oktober 2020

Jede Woche erscheint eine Unmenge an neuen Büchern. Aber natürlich gibt es noch viel, viel mehr Bücher, die von Verlagen und Publizisten abgelehnt worden sind. Was würde eigentlich passieren, wenn man diese Bücher alle mal sammeln würde?

Irgendwo in Frankreich. In der Bretagne gibt es eine Bibliothek, gibt gibt es alle Bücher, die nicht offiziell erschienen sind.
Der Verleger Daphné (Alice Isaaz) sieht sich solche Bücher aber genauer an. Er will sich den Werken annehmen. Er stößt auf ein Manuskript, das er vielversprechend findet. Er veröffentlicht das Buch, und es wird zum Bestseller.
Geschrieben hat das Buch Henri Pick, ein bretonischer Pizzabäcker. Er ist vor zwei Jahren gestorben, und seine Witwe wundert sich, denn sie habe ihren Mann nie schreiben sehen. Der Literaturkritiker Jean-Michel (Fabrice Luchini) will der Sache auf den Grund gehen.

“Der geheime Roman des Monsieur Pick” ist eine Komödie aus Frankreich. Wobei Rémi Bezançon eigentlich eher einen Krimi erzählt, in dem ein Literaturkritiker zum Detektiv wird.
Doch leider kommt der Film nicht so richtig in Fahrt, es wird viel erzählt und gerätselt. Nun stellt sich allerdings die Frage, wer denn nun einen bestimmten Roman geschrieben hat, als dann doch nicht so besonders spannend heraus.

-> Trailer auf Youtube

Der geheime Roman des Monsieur Pick
Frankreich 2019, Regie: Rémi Bezançon
Neue Visionen, 101 Minuten, ab 0
4/10

Hits: 120

RT im Kino

Es ist zu deinem Besten

Montag, den 12. Oktober 2020

Väter in der Krise: Wenn ihre Töchter plötzlich einen Freund nach Hause bringen – womöglich das erste Mal -, dann ist es, nun ja, kompliziert. Vielleicht sogar so komplizoert, dass die Väter den jeweiligen Freund am liebsten…

Arthur (Heiner Lauterbach), Kalle (Jürgen Vogel) und Yus (Hilmi Sözer) erleben das Problem gerade hautnah. Arthurs Tochter Antonia (Janina Uhse) lässt ihre Hochzeit platzen, weil sie lieber mit dem Linksaktivisten Alex (Jacob Matschenz) zusammen sein will. Und das, wo doch Arthur ein reicher Anwalt ist und mit den Linken wenig anfangen kann. Kalles Tochter Luna (Lisa-Marie Koroll) hat sich in Ernesto (Andreas Pietschmann) verliebt. Der ist nicht nur Aktfotograf, sondern auch deutlich älter als sie – nämlich ein Schulfreund von Kalle. Yus‘ Tochter Sophie (Lara Aylin Winkler) schleppt Andi (Junis Marlon) mit nach Hause. Der hat nicht nur einen sabbernden Hund, sondern dealt auch mit Drogen.
Die drei Väter tun sich zusammen, nennen sich „Super-Schwäger“ und wollen ihre Töchter von diesen inakzeptablen Typen befreien – mit allen Mitteln.

Die Väter sagen: “Es ist zu deinem Besten”. Und so heißt auch die deutsche Komödie von Marc Rothemund. Für sie spricht, dass sie grundsätzlich nicht langweilig ist, dass der eine oder andere Gag vorkommt und dass die Darsteller fast durchweg sympathisch sind. Heiner Lauterbach als der griesgrämige Schnösel, Jürgen Vogel als leicht tölpeliger Typ, der bei seiner Frau gern einknickt, Jacob Matschenz als polternder Weltverbesserer
Gegen den Film spricht, dass er eine Sammlung von Klischees ist. Männer, die ihr Revier vollpinkeln und alles andere wegbeißen wollen. Es gibt durchaus Momente, wo man sich wünscht, dass die alten Herren jetzt aber mal halblang machen sollen, weil es irgendwann doch albern ist, wie sie sich verhalten. Zumal nicht wirklich ersichtlich ist, dass die Liebe der Väter zu ihren Töchtern besonders groß sei. Zudem fehlt es auch an echten Wendungen. Bis auf Kalles Frau (Lisa Maria Potthoff), die ihrem Mann Kontra gibt, bleiben gerade die Rollen der jungen Frauen extrem blass.
So ist am Ende der Film sehr leichte Unterhaltung, aber bei weitem kein Kracher.

-> Trailer auf Youtube

Es ist zu deinem Besten
D 2020, Regie: Marc Rothemund
StudioCanal, 91 Minuten, ab 12
6/10

Hits: 141

RT im Kino

Kopfplatzen

Dienstag, den 6. Oktober 2020

Eigentlich läuft es gut für Markus (Max Riemelt). Er ist 29, er ist Architekt, er hat eine gute Wohnung.
Niemand jedoch kennt seine dunkle Seite.
Im Bus schaut er den beiden Jungs zu. Er mag die Lippen des einen Jungen. Er schaut Jungs auf dem Spielplatz zu, wenn sie spielen. Er beobachtet sie im Schwimmbad. Und er will mehr. Eigentlich.
Eigentlich aber auch nicht.
Markus ist pädophil. Er steht auf kleine Jungs. Und er will es loswerden. Er weiß, es ist schlecht. Er weiß, dass er es niemals dazu kommen lassen darf. Er weiß, dass es verboten ist.
Er weiß aber auch, dass sich seine Gedanken immer mehr darum drehen. Als Jessica (Isabell Gerschke) mit ihrem Sohn Arthur (Oskar Netzel) eine Etage tiefer einzieht und sich Jessica in Markus verliebt, wird es für ihn kritisch.

“Kopfplatzen” heißt der aufwühlende Film von Savaş Ceviz. Er erzählt die Geschichte von einem Mann, der seine Lust, seine Neigung koste es, was es wolle, unterdrücken muss und will.
Aus der Sicht von Markus wird gezeigt, was in diesem Mann vorgeht. Wir sehen, wie er die Jungs ansieht, wie seine Hand über dem Körper eines Jungen schwebt, kurz davor, das Kind anzufassen. Wie er mit Arthur schwimmen geht und ihn dort fotografiert und unter der Dusche einseift. Immer gibt es einerseits Momente, wo er selbst weiß, dass er nicht weitergehen darf. Andererseits gibt es die Augenblicke, wo andere Umstände dazu führen, dass er eine Grenze nicht überschreitet, überschreiten kann.
Für den Zuschauer ist “Kopfplatzen” sicherlich eine neue Erfahrung. Denn man schaut in die Welt eines Pädophilen. Was er erlebt, wie er mit sich ringt. Da gibt es die erschütternde und wütend machende Szene, als sich Markus einem Arzt offenbart und der ihn empört rausschmeißt. Ein Schock – für den Zuschauer und für Markus.
Max Riemelt spielt den zerrissenen Mann auf atemberaubende Weise, manchmal kaum auszuhalten. Aber das die auch die Qualität dieses Films: Er gibt keine einfachen Antworten.

-> Trailer auf Youtube

Kopfplatzen
D 2019, Regie: Savaş Ceviz
Salzgeber, 99 Minuten, ab 16
8/10

Hits: 150

RT im Kino

Gott, du kannst ein Arsch sein!

Montag, den 5. Oktober 2020

Schulabschluss! Party! Jetzt kann das Leben beginnen! Die Abschlussfahrt nach Paris steht unmittelbar bevor, und Steffi (Sinje Irslinger) und ihr Freund Fabian (Jonas Holdenrieder) wollen dort endlich ihr Erstes Mal erleben.
Unterdessen will Steffi bei der Polizei lernen. Doch dazu kommt es nicht – sie ist beim Gesundheitstest durchgefallen, und der Grund, warum das so ist, ist ein Schock: Krebs. Unheilbar. Wenn sie Glück hat, bleibt ihr bis Weihnachten Zeit.
Steffis Eltern Frank (Til Schweiger) und Eva (Heike Makatsch) stehen unter Schock. Sie drängen ihre Tochter zur sofortigen Strahlungstherapie, sie verbieten ihr die Fahrt nach Paris.
Doch die 16-Jährige ist gewillt, trotzdem zu fahren. Sie trifft auf Steve (Max Hubacher), der eigentlich im Zirkus arbeitet. Er bietet ihr an, sie nach Paris zu fahren.

“Gott, du kannst ein Arsch sein!” Der Titel passt, denn nicht nur Steffi denkt so über den hier wohl nicht ganz so lieben Gott. Ihr Vater Frank ist Pfarrer, und auch er zweifelt am Herrn.
Ausschließlich traurig wird es in diesem Film allerdings nicht. Dafür haben Drehbuchautor und Produzent Tommy Wosch und seine Co-Autorin Katja Kittendorf gesorgt. Der Film von Regisseur André Erkau ist vielmehr ein melancholisches Roadmovie geworden. Denn sowohl Steffi und Steve sind nach Paris unterwegs, sondern auch Steffis Eltern, die sie suchen.
Max Hubacher und Sinje Irslinger harmonieren sehr gut, besonders Sinje fällt durch ihre kräftige Lache auf, die im Gedächtnis bleibt. Aber auch Til Schweiger und Heike Makatsch haben starke Parts als schockierte, trauernde und verständnisvolle Eltern. In Nebenrollen sind Jürgen Vogel, Jasmin Gerat und Benno Fürmann zu sehen.
Der Film ist kein trauriger Abgesang auf ein junges Leben, sondern er zeigt, dass wir das Leben, das wir führen, in die Hand nehmen sollen und nicht dem nachtrauern, was wir vielleicht nicht geschafft haben.

-> Trailer bei Youtube

Gott, du kannst ein Arsch sein!
D 2019, Regie: André Erkau
Leonine, 98 Minuten, ab 0
7/10

Hits: 176

RT im Kino

Enfant Terrible

Sonntag, den 4. Oktober 2020

Rainer Werner Fassbender wurde nur 37 Jahre alt. Und dennoch schaffte er in seinem kurzen Leben ein erstaunlich umfangreiches Schaffenswerk. Er drehte mehr als 40 Filme, dazu zwei Serien, er inszenierte 24 Theaterstücke und vier Hörspiele. Er war immer am Arbeiten.
1982 starb er an einem Herzstillstand. Aber eigentlich an einer Mischung aus Kokain, Schlaftabletten und Alkohol – und viel zu wenig Schlaf.
Ein Genie. Und ein Monster.
Oskar Roehler hat sich für seinen Film “Enfant Terrible” ausführlich mit Rainer Werner Fassbender befasst. Das 135 Minuten lange Werk beschäftigt sich vor allem mit dem Genie und seinem Wahnsinn.

Oliver Masucci spielt Fassbender, und das auf eine beeindruckende Art und Weise. Wenn es in diesem Mann brodelt, wenn er ausbricht und schreit, wenn er liebt, trinkt und kokst, dann ist es faszinierend zu beobachten.
Immer hat Fassbender Ideen im Kopf, gleichzeitig scheint ihm sein Leben mehr und mehr zu entgleiten. Er versammelt um sich seinen “Clan”, dem über viele Jahre ihm nahestehenden Menschen angehören, mit denen er Projekte plant und Filme dreht, aber auch privat verkehrt.
Katja Riemann spielt Gudrun, Désirée Nick ist als Barbara Valentin angenehm zurückhaltend, Jochen Schropp spielt Fassbenders Geliebten Armin Meier, den er mehr und mehr vernachlässigt. Auch dabei: Lucas Gregorowicz als Ulli Lommel, Eva Mattes als Brigitte Mira, Sunnyi Melles als Rosel Zech, André Hennicke als Transvestit Carlotta alias Volker Spengler, Alexander Scheer als Andy Warhol, Ralf Richter als Blumenpeter und Götz Otto als Jack Palance.

Auffällig ist, dass der Film komplett im Studio entstanden ist. Es gibt zwar Kulissen, man merkt aber schon, dass es sich um den immer selben Raum handelt. Kulissen im Hintergrund sind gemalt und auch gewollt auffallend schlicht, was sicherlich auch auf den Fassbender-Stil hinweisen soll.
Fassbender war ein “Enfant Terrible”, das schwierig und mitunter unausstehlich war, das zeigt auch dieser Film, der faszinierend ist, durchaus spannend, manchmal wunderlich.

-> Trailer auf Youtube

Enfant Terrible
D 2019, Regie: Oskar Roehler
Weltkino, 135 Minuten, ab 16
7/10

Hits: 146