RT im Kino

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Joker

Mittwoch, den 23. Oktober 2019

Eines muss man Warner Bros. lassen: Mit “Joker” hat das Filmunternehmen seit längerer Zeit mal wieder ein Kino-Event geschaffen. Die Leute sind neugierig gemacht worden auf diesen “Joker”. Die PR-Maschine lief auf Hochtouren. So hieß es, es seien in Aufführungen Leute aus dem Kino gegangen, weil sie es einfach nicht mehr ausgehalten hätten.
Nun ja, vielleicht mussten sie aber auch einfach nur auf’s Klo, oder es war ein bisschen Langeweile dabei.
Was jetzt nicht heißen soll, dass “Joker” in Wirklichkeit schlecht ist.

Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) hat in kein einfaches Leben. Er schluckt haufenweise Psychopharmaka. Er hat den Reflex, in Stresssituationen unpassenderweise lachen zu müssen. Er neigt zu Depressionen, er ist krank. Zudem kümmert er sich um seine kranke Mutter (Frances Conroy). Er will Stand-Up-Comedian werden, was aber an nicht vorhandenen Gags und seiner Nervosität scheitert. Und er arbeitet bei einer Clownsagentur und ist als solcher als Werbefläche unterwegs – wird während des Jobs aber von Jugendlichen verprügelt.
Als er von seinem Kollegen Randall (Glenn Fleshler) einen Revolver geschenkt bekommt, kann sich Arthur plötzlich wehren: In der U-Bahn erschießt er drei Männer, die ihn hänselten. Arthur ist das egal, er will weiter Stand-Up-Comedian werden und hat dann tatsächlich einen Auftritt. Der ist so ungewöhnlich, dass er in einer bekannten Late-Night-Show gezeigt wird und von Moderator Murray Franklin (Robert De Niro) zerpflückt wird. Arthur will sich das nicht gefallen lassen.

Aus Arthur Fleck wird im Laufe der Zeit der Joker. Regisseur Todd Phillips erzählt in seinem Film, wie es dazu kommt. In der Hauptrolle glänzt Joaquin Phoenix. Er spielt einen Mann, der scheinbar permanent einstecken muss. Der von der Gesellschaft verhöhnt und verstoßen wird. Und der harte Konsequenzen zieht.
Der Film spielt irgendwann in den 80ern in Gotham City, der Comicstadt, die New York sehr ähnelt. Es heißt, die Menschen dort proben den Aufstand. Die Müllabfuhr arbeitet nicht, soziale Leistungen werden gekürzt. Vom Aufstand merkt man allerdings nicht so viel.
Gerade in der ersten Hälfte hat “Joker” deutliche Längen. Auch wenn Phoenix toll spielt, die Geschichte tritt lange auf der Stelle. Am Ende zieht die Spannung einerseits an, aber andererseits ist das Ende auch nicht sehr überraschend. Der Joker zieht halt das durch, was er vorher sich vorgenommen hat.
Die ganz große Gesellschaftskritik, die “Joker” teilweise zugeschrieben wird, ist der Film auch nur bedingt. Dazu ist Arthur zu wenig Sympathieträger, was er aber auch nicht sein soll. Es gibt eine Stelle, als Arthur einer Frau lachend einen Zettel zusteckt, der seine Krankheit erklärt. Das tut er später nicht, und ob man den Leuten ihre Irritation vorwerfen kann, ist eine interessante Frage.
“Joker” ist kein schlechter Film, aber das große Kino-Highlight 2019 nun wirklich nicht.

-> Trailer auf Youtube

Joker
USA 2019, Regie: Todd Phillips
Warner, 122 Minuten, ab 16
6/10

Hits: 46

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Ich war noch niemals in New York

Donnerstag, den 17. Oktober 2019

“Ich war noch niemals in New York”: Die Hits von Udo Jürgens sind Teil eines wunderbaren, kurzweiligen Musicals. Nun kommt der Film – und der Trailer lässt Böses erahnen. Dumpfer Klamauk, quietschbunte Kulissen und Klamotten, peinlich wirkende Musikeinlagen.
Aber es ist alles anders.

Lisa Wartberg (Heike Makatsch) ist im Stress. Sie ist Moderatorin und hat eine eigene Talkshow. Da bleibt für ein bisschen Freude und Liebenswürdigkeit und vor allem auch für die Mutter Maria (Katharina Thalbach) keine Zeit.
Als die aber nach einem Sturz ins Krankenhaus kommt, eilt auch Lisa zu ihr. Scheinbar hat Maria ihr Gedächtnis verloren. Sie weiß nur: Irgendwas war da mit New York. Sie haut aus der Klinik ab – zum Hafen. Dort fährt das Schiff nach New York ab. Lisa rast ihr mit ihrem Kollegen Fred (Michael Ostrowski) nach – und plötzlich sind alle drei blinde Passagiere auf dem Dampfer. Sie müssen arbeiten, um dort mitfahren zu können.
Auf dem Schiff treffen sie auf Axel (Moritz Bleibtreu) und seinen Sohn (Marlon Schramm) – sie sind auf einer besonderen Mission, und Axel und Lisa hassen sich schnell. Und Maria lernt Bordunterhalter Otto (Uwe Ochsenknecht) kennen…

Der Film beginnt etwas nervig und chaotisch und wird dem Trailer, der vielleicht nicht wirklich Werbung für den Film macht, gerecht. Alles ist laut, die Musik ist laut, die Dialoge gehen in der Hintergrundmusik und in der Hektik unter.
Das ändert sich aber zum Glück. Schnell wird dann klar: “Ich war noch niemals in New York” ist ein fröhlicher und bisweilen erstaunlich ernster und trauriger Film. Dieses Musical erzählt eine Reihe von Geschichten, und alle sind sie auf ihre Weise amüsant, spannend, lustig, auch traurig und rührend.
Dass Regisseur Philipp Stölzl das gelungen ist, muss man ihm hoch anrechnen.
Und hinzu kommen natürlich noch die vielen Musikeinlagen mit den wunderbaren Udo-Jürgens-Hits. Sie fügen sich sehr gut ein und sind auch erfreulich gut inszeniert und sogar gesungen. Nur an einer Stelle wirkt einer der Songs ein bisschen albern – aber genau das wird bald auf’s Korn genommen.
Am Ende wird man beseelt und beschwingt aus dem Kino kommen, weil man zwei extrem unterhaltsame Stunden erlebt hat.

-> Trailer auf Youtube

Ich war noch niemals in New York
D 2019, Regie: Philipp Stölzl
Universal, 129 Minuten, ab 0
9/10

Hits: 99

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Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit

Mittwoch, den 16. Oktober 2019

Die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Noch heute ist sie nicht überall gegeben. Aber in den USA der 50er-Jahre sah das noch ganz anders aus als jetzt.
Damals waren die Geschlechter zwar auch gleichgestellt – aber eben nur theoretisch. So dürfen Frauen zum Beispiel nicht Richterin werden.
Ruth Bader Ginsberg (Felicity Jones) will das nicht hinnehmen. In Harvard hat sie ihr Jurastudium zwar als Jahrgangsbeste abgeschlossen, aber so richtig nutzt ihr das nichts. Sie kann Professorin werden, würde aber lieber im Gericht arbeiten. Sie will den Kampf gegen die Umstände angehen, und es wird ein jahrelanger Kampf.

“Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit” erzählt von einem wichtigen Thema, und es ist vor allem eins, das vielleicht heute gar nicht mehr so im Fokus der Öffentlichkeit steht.
Leider ist es Mimi Leder nicht gelungen, daraus einen spannenden Film zu machen. Felicity Jones spielt zwar recht gut, aber ihre Figur bleibt dennoch seltsam unnahbar. Das führt auch dazu, dass ein bisschen die Emotionen fehlen, die so ein Film dann auch braucht. Ganz anders übrigens als der Eindruck, den man im Trailer bekommt.
Da sind dann vermutlich informierende Dokus noch interessanter.

-> Trailer auf Youtube

Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit
USA 2018, Regie: Mimi Leder
Fox, 116 Minuten, ab 0
4/10

Hits: 177

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Gelobt sei Gott

Samstag, den 12. Oktober 2019

Die Katholische Kirche, das Zölibat und der Kindesmissbrauch. Es ist ein Thema, das nicht zu den Akten gelegt werden darf. Zumal die Katholische Kirche selbst nicht gerade dafür bekannt ist, die Fälle aufzuklären und für Konsequenzen zu sorgen.
Es hängt auch an dieser Floskel: “Gott sei Dank.”
Kardinal Philippe Barbarin sagte 2016, als es um die Missbrauchsvorwürfe gegen den französischen Pfarrer Bernard Preynat ging: “Gott sei Dank sind die Taten bereits verjährt.”
Es war irgendwie dahingesagt, aber es zeigte auch, dass es den Kirchenleuten wohl doch nicht darum ging, etwas aufzuklären, sondern darum, ihre eigenen Ärsche zu retten.
Der französische Filmemacher Francois Ozon kümmert sich in seinem Film “Gelobt sei Gott” um dieses Thema.

Alexandre Guérin (Melvil Poupaud) hat ein gutes Leben mit eigener Familie. Aber seine Vergangenheit lässt es ihn nicht los. Als Kind ist er von einem Pfarrer missbraucht worden. Als er erfährt, dass eben dieser Pfarrer immer noch im Dienst ist und immer noch mit Kindern zu tun hat, will er sein Schweigen brechen.
Er will alles öffentlich machen. Aber vor allem will er, dass sich weitere Opfer melden und sich ebenfalls in der Öffentlichkeit zu Wort melden.
Noch ahnt er nicht, was er damit lostritt.

Francois Ozon verzichtet in seinem Film darauf, die schlimmen Szenen zu zeigen, um die es eigentlich geht. Wir erleben sie entweder nur aus den Erzählungen, oder die Rückblenden beschränken sich nur auf die Zeit vor oder nach den Taten.
Diese Taten schockieren nicht – weil sie ja nicht unbekannt sind -, aber sie machen wütend. Der Film zeigt sehr gut die Ignoranz der Kirche, mit diesem Thema umzugehen. Täter werden geschützt, werden offenbar nicht mal versetzt. Es wird ignoriert, verschwiegen, gelogen.
So liegt der Fokus in diesem Film dennoch bei den Opfern. Die Art, damit umgehen. Die Angst, die Scham – und dann den Willen, dagegen vorzugehen.
Und so dramatisch das alles ist – es ist nicht sehr dramatisch erzählt, und der Film hat auch ziemliche Längen. Aber vermutlich auch, um zu zeigen, es hört nie auf, es kommen immer neue Opfer.
Der Fall wühlt einen auf, der Film irgendwie nicht so wirklich. Dafür wirkt er fast ein wenig zu nüchtern.

-> Trailer auf Youtube

Gelobt sei Gott
Frankreich 2018, Regie: Francois Ozon
Pandora, 137 Minuten, ab 6
6/10

Hits: 118

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Midsommar

Dienstag, den 8. Oktober 2019

Dani (Florence Pugh) erlebt die Hölle. Ihre restliche Familie kommt durch einen Suizid ums Leben – Dani ist am Boden zerstört. Eigentlich wollte sich Christian (Jack Reynor) längst von ihr trennen, doch das ist nun für ihn natürlich unmöglich.
Monate später planen Christian und seine Freunde Mark (Will Poulter), Josh (William Jackson Harper) und Pelle (Ville Blomgren) einen Trip nach Schweden. Dort ist Midsommar, das Fest zur Sommersonnenwende. In Pelles Dorf wird es ganz traditionell gefeiert, in Trachten, mit Blumen geschmückt.
Die alten Bräuche, die Gesänge und Rituale – all das ist faszinierend. Doch nach und nach wird klar: Diese Faszination, dieser Kult wird bald zum Trip mit bizarren Momenten.

Trip. Das trifft es gut. “Midsommar” ist ein echter Trip, der einen in seinen fürchterlichen Bann zieht. Regisseur Ari Aster hat einen Film geschaffen, der so unglaublich fesselt und fasziniert, wie er auch schockierend und traumatisierend sein kann.
In einer etwas längeren Einführung erleben wir zunächst den Alptraum, den Dani erleben muss. Alles scheint auf einen harmlosen jugendlichen Sommerausflug nach Schweden hinauszulaufen, und Ari Aster lässt den Zuschauer daran teilhaben. Vieles ist wunderlich, aber irgendwie eben auch fesselnd.
“Midsommar” lebt von langen Einstellungen. Als Zuschauer hat man so Gelegenheit, sich genauer ansehen, was in den Szenen vorgeht. Was sieht man im Vordergrund, wie reagieren die einzelnen Leute auf bestimmte Dinge.
Das ist wahnsinnig spannend, weil der Film so dem Zuschauer die Gelegenheit gibt, selbst zu schauen, was los ist. Es ist faszinierend, die einzelnen Schauspieler in ihren Rollen beobachten zu können, die Augen gehen von einem zum anderen. Dazu braucht es wenig Schnitte.
Die Bräuche und Gesänge machen das Ganze eh zu einem Trip in eine fremde Welt, in die man sich irgendwie reinziehen lässt. Die schwedische (in Ungarn gedrehte) Idylle. Scheinbar.
Und dann geht es los. Schleichend. Immer wieder hat man das Gefühl, da stimmt was nicht, da geht irgendwas vor. Und dann gibt diese Augenblicke: bäääm! Die wird man so schnell nicht mehr los.
Mehr und mehr wird aus der Faszination ein Grauen. Aber eben auch das Grauen ist faszinierend. Der Horror ist mal langsam und schleichend, mal kommt er mit dem Holzhammer.
Ein sich ins Gehirn fräsender Soundtrack macht die Sache rund.
“Midsommar” ist das Aufregendste, Faszinierendste, Packendste, Erschütterndste, was ich seit langem gesehen habe. Dieser Film lässt einen so schnell nicht los.

-> Trailer auf Youtube

Midsommar
USA 2019, Regie: Ari Aster
Weltkino, 140 Minuten, ab 16
10/10

Hits: 132

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Zwischen uns die Mauer

Sonntag, den 6. Oktober 2019

Die Liebe wird ein Politikum. Ein Fall für die Stasi. Bis 1989 trennte eine Mauer Ost und West. Für heutige Jugendliche vermutlich kaum noch vorstellbar. 1984 war das Realität.

Anna (Lea Freund) reist aus Westdeutschland mit einer kirchlichen Jugendgruppe nach Berlin. Dazu gehört auch und vor allem ein Ausflug nach Ost-Berlin, um dort andere kirchliche Jugendliche zu treffen. Ein Ost-West-Austausch. Philipp (Tim Bülow) hat es ihr gleich angetan. Sie kommen ins Gespräch, und schnell ist klar: Da ist mehr.,
Sie schreiben sich Briefe, und bald reist sie wieder nach Berlin und wieder in den Osten zu Philipp. Es ist Liebe.
Doch die Mauer macht eine gemeinsame Zukunft unmöglich, aber Philipp beginnt, Fluchtpläne zu schmieden. Doch die Stasi hat sie längst im Visier.

“Zwischen uns die Mauer” erzählt die wahre Geschichte einer Liebe zwischen den deutschen Systemen. Das sind Storys, die auch heute noch funktionieren und vor allem auch erzählt werden müssen. Immer wieder. Denn diese Geschichten erzählen auch von der Freiheit, die es in den 80ern nicht in dem Maße gab, die wir heute erleben.
Der Zuschauer fiebert mit Anna und Philipp mit. Wobei es durchaus erstaunlich ist, wie schnell die Liebe um sich greift – aber es ist eben die erste Liebe, und sie scheint umfassend.
Dass Anna aber dermaßen naiv ist, ständig bei Philipp anrufen zu wollen, wo er ihr doch erzählt hat, dass das Telefon der Pfarrersfamilie von der Stasi abgehört wird, ist verwunderlich.
So stark die Story auch ist, so schwach sind leider die Bilder des Films. Zu sehen ist immer dieselbe runtergekommene Straße in Ost-Berlin. Hinzu kommt der Konsum, in dem drei Waren traurig im Schaufenster lagen – das ist ein doch recht billiges Klischee. Ebenso die sächselnden Grenzleute.
Ärgerlich ist an zwei Punkten die Schlampigkeit der Filmemacher. Ganz am Anfang reist die Jugendgruppe zunächst nach West-Berlin, und wir sehen eine Einstellung vom Zoopalast mit dem Bikini-Haus daneben. Da geht ein Raunen durchs Kinopublikum, denn dieses Bild ist leider sehr eindeutig 2019, und das wäre absolut unnötig gewesen, es macht die Atmosphäre vollkommen kaputt. Auch klang die S-Bahn am Tränenpalast in der Friedrichstraße 1984 nicht wie 2019, und das fällt leider auch auf.
Dennoch: Trotz der Klischees und kleinen Fehler – die Geschichte selbst funktioniert, sie ist packend, und sie erfüllt auch ihren Zweck.

-> Trailer auf Youtube

Zwischen uns die Mauer
D 2019, Regie: Norbert Lechner
Alpenrepublik, 110 Minuten, ab 6
7/10

Hits: 126

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Deutschstunde

Freitag, den 4. Oktober 2019

Es gibt Romanstoffe, die zwar schon mal verfilmt worden sind, die man durch Neuinterpretationen aber wieder ins Gedächtnis holen kann. “Deutschstunde” ist so ein Film, der zu einem neuem Nachdenken über deutsche Geschichte führen kann.

Ein paar Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Norddeutschland. Siggi Jepsen (Tom Gronau) ist in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche. Er hat die Aufgabe, einen Aufsatz zu schreiben. Thema: „Die Freuden der Pflicht“. Aber er gibt leere Seiten ab. Er weiß nicht, was er schreiben soll. Er wird in eine Zelle gesperrt – er soll sich Gedanken machen. Und er macht sich Gedanken, und er schreibt die Erinnerungen an die letzten Kriegstage zu Hause nieder.
Siggis Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) ist durch und durch Nazi, er ist der Polizist im kleinen Ort an der Nordseeküste. Er hat den Auftrag aus der Hauptstadt, das Verbot, Bilder zu malen durchzusetzen. Seinem Freund, dem Maler Ludwig Nansen (Tobias Moretti) spricht er ein Berufsverbot aus. Eigentlich soll Siggi (als Kind: Levi Eisenblätter) helfen, ihn zu überwachen. Aber Ludwig bringt seinem Patensohn das Malen bei.

Christian Schwochow hat Siegfried Lenz’ Roman „Deutschstunde“ von 1968 neu verfilmt. Er beginnt erst ein wenig unentschlossen und gemächlich, erreicht dann aber eine Spannung und eine Wucht, die fesselt. Diese Literaturverfilmung ist gelungen.
Das liegt nicht nur an der dann doch spannenden Umsetzung des Stoffes, sondern auch an den sehr guten Darstellern. Allen voran Levi Eisenblätter, der den jungen Siggi spielt. Er fühlt, dass sein Vater ein mieser Hund ist, aber er fühlt auch, dass er sich in Gefahr begibt, wenn er Ludwig beisteht. Seine Augen sprechen Bände. Sie zeigen die Schüchternheit, aber auch die Wachheit, die Wachsamkeit, die Angst.
Ulrich Noethen spielt den Vater, der scheinbar nur manchmal an dem zweifelt, was er da tut. Der dann aber seinen Willen mit aller Härte durchsetzt. Auch nach Kriegende.
“Deutschstunde” zeigt aber noch was ganz anderes: Wie ein Einzelner mit einer Ideologie Terror verbreiten kann. Aber auch noch was anderes, was für die deutsche Geschichte Spannendes: Gerade in den ländlichen Gebieten schien nach Kriegsende alles weiter seinen Gang zu gehen. Das Personal blieb das Gleiche, wer unter den Nazis Polizist war, war es danach auch. Eine Entnazifizierung fand nicht statt – mit welchem Personal hätte man das auch machen sollen? Ein Thema, das heute kaum noch im Blickpunkt steht – indirekt aber doch, wenn auch heute noch über die Stasi in der damaligen DDR und den Leuten in Ostdeutschland geredet wird.
“Deutschstunde” wirkt nach. Ein wichtiger, sehenswerter Film.

-> Trailer auf Youtube

Deutschstunde
D 2019, Regie: Christian Schwochow
Wild Bunch, 125 Minuten, ab 12
8/10

Hits: 100