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In der Zeitung erschienen

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Überflieger: „Beim Bergsteigen geht es auch darum, Grenzen zu akzeptieren“

Samstag, den 7. Dezember 2019
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Der Oranienburger Torsten Weigel (31) unternimmt mit einem Team drei große Expeditionen – bald hält er dazu einen Vortrag im Oranienwerk

MAZ Oberhavel, 7.12.2019

Oranienburg.
Nehmen wir die Rubrik der Überflieger wörtlich, dann trifft das auf Torsten Weigel eigentlich nicht zu. Denn er erklettert sich die Berge, um ganz oben anzukommen. Der 31-jährige Oranienburger hat in den vergangenen Jahren viel erlebt. Schon immer waren Reisen sein Hobby, inzwischen sind sie Berufung. Für Aufsehen sorgte sein Weltumrundungsprojekt „Abenteuer Südhalbkugel“. Von Oktober 2014 bis Ostern 2015 bereiste er Namibia, Lesotho, Südafrika, Australien, Chile und Argentinien. Daraus entstand ein Buch, dessen erste Auflage fast ausverkauft ist. Vorträge dazu hält er noch heute regelmäßig.

Die Idee für sein nächstes Projekt hatte er auf der Schlussetappe, die er mit dem Fahrrad absolviert hatte. „Da dachte ich, nächstes Mal machst du alles anders.“ Er wollte ein Team bilden, und er wollte auf Berge klettern. „Es war eine verrückte und vage Vision“, sagt er. Wobei das Attribute sind, die ihn nicht davon abhalten würden, so eine Idee auch umzusetzen. „Im Bann der Berge“ hieß das neue Projekt, das genaugenommen aus drei verschiedenen Expeditionen bestand. Am 26. Januar um 17 Uhr wird er dazu seinen neuen Vortrag in Oranienburg halten.

14 Leute hatte er angesprochen, ob sie beim neuen Projekt dabei sein wollen – 13 sagten Ja. Er war der Expeditionsleiter. „Das waren ganz unterschiedliche Leute“, sagt Torsten Weigel. Freude, ehemalige Sponsoren, Bekannte. „Das erste Treffen hatte eine Blind-Date-Atmosphäre.“ Es sind Ideen diskutiert worden, Reiseziele, Konzepte. Kurz vor Silvester 2016 bestiegen sie als Test den Brocken. „Für manche im Team war er schon die höchste Erhebung, die sie je bestiegen hatten“, erzählt Torsten Weigel.
Das sollte natürlich nicht so bleiben. In den zwei Jahren danach standen drei Expeditionen auf dem Programm. Sie bestiegen im Frühsommer 2017 in Georgien den Kasbek, 5047 Meter hoch, bereisten Swanetien im Norden Georgiens. „Wahnsinnig spektakulär.“ Später ging es nach Bolivien und Peru. „In der Gegend habe ich schon mal nach dem Abi gelebt“, erzählt Torsten Weigel. Der ehemalige Louise-Henriette-Gymnasiast sagt: „Damals begann ich mit dem Höhenbergsteigen und hatte mehrfach Glück, wieder runtergekommen zu sein.“ Am Coropuna, 6425 Meter hoch, musste er damals viel Lehrgeld bezahlen und scheiterte.“ Sie wagten nun im Team den Aufstieg. „Für die meisten war es der erste 6000er, und alle haben es geschafft.“ Es geht bei solchen Touren aber auch immer darum, Grenzen zu akzeptieren. Mit dem 6057 Meter hohen Chachani stand ein weitere Berg auf dem Plan.
Zum Abschluss ging es im August 2018 nach Kirgisistan in Zentralasien. Mit einem russischen Militärtransporter, einem Gas 66, „sind wir steile Bergstraßen hochgefahren. Das war eine wilde Nummer.“ Zu fünft wollten sie dort den Pik Lenin, 7134 Meter, besteigen. „Wir waren topfit“, erinnert sich Torsten Weigel. Aber es kam alles anders. „Wir haben uns dort deutlich mit Leben und Tod befassen müssen.“ Wie die Tour ausging und ob sie den Gipfel erreicht haben – diese Fragen wird Torsten Weigel im Rahmen seiner neuen Show beantworten.

Ihn haben die Touren nachhaltig verändert, sagt er. „Ich habe Lust auf das Leben und nehme eine andere Risikobewertung vor als noch vor zehn Jahren.“ Die Planung sei akribischer, die Touren müssten nicht um jeden Preis zu Ende geführt werden. „Kein Berg ist so schön wie das Leben.“
Auf den Touren sind viele Bilder und Filme entstanden. Die sind nun zu einem Vortrag zusammengefasst worden. „Die Leute können eine bildgewaltige Show erwarten, sie werden mitgenommen auf eine abenteuerliche Reise.“ Es werde persönlich und emotional.

Seine Erfahrungen teilt Torsten Weigel auch als Speaker und Trainer. Er hält Vorträge, trainiert Führungskräfte und arbeitet in Unternehmen an der Teamentwicklung.

„Visionsjäger – Im Bann der Berge“ mit Torsten Weigel. 26. Januar, 17 Uhr, Oranienburg, Oranienwerk. Karten dafür gibt es auch in der MAZ-Ticketeria.

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„Wir tolerieren die Intoleranz“

Mittwoch, den 4. Dezember 2019
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Der Rapper Ben Salomo spricht in Oranienburg über Antisemitismus

MAZ Oranienburg, 4.12.2019

Oranienburg.
Der Antisemitismus erstarkt, und es ist viel Aufklärungsarbeit nötig. Dieser Überzeugung ist Ben Salomo. Der jüdische Berliner Rapszene-Insider, Hiphop-Aktivist und Youtuber war am Dienstagvormittag zu Gast am Oranienburger Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum, um mit den Jugendlichen unter anderem über alte und neue Vorurteile gegenüber jüdischen Mitbürgern zu sprechen.
„Wir müssen überall hinschauen“, sagte er vor den Jugendlichen. Dabei solle man nicht nur nach rechts schauen, auch im linken Spektrum und in der migrantischen Gesellschaft komme der Antisemitismus mehr und mehr auf.

Ein Mädchen merkte die fehlende Toleranz in der Gesellschaft an und führte als Beispiel die Schwulenfeindlichkeit an. Es herrsche Toleranz, dennoch würden diese Menschen teilweise verprügelt. „Wir müssen toleranter sein“, sagte Ben Salomo. Auf der anderen Seite gebe es eine gewisse Art von Religionsfreiheit, die auch dann geschützt werde, wenn sie mit ihren Ansichten gegen das Grundgesetz verstoße. „Wir tolerieren die Intoleranz“, sagte er. Es müssten Grenzen definiert werden, wie viel Toleranz eine Gesellschaft aushalte: „Wie viel Toleranz gegenüber Intoleranz können wir gestatten?” Toleranz gegenüber Intoleranz mache diese Leute stärker, davon sei er überzeugt. Der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sei sehr stark, und wo die Würde angegriffen werde, höre auch die Toleranz auf.

Was aber passiert, wenn im Freundeskreis jemand antisemitische Parolen sagt? Eine Jugendliche in der Runde erzählte von ihrem Vater, der einen Freund rausgeworfen habe, nachdem er rechtsextreme Parolen gebrauchte. „Deinem Vater ist in diesem Moment seine Anständigkeit wichtiger gewesen als die jahrelange Freundschaft, er hat richtig reagiert“, antwortete Ben Salomo. „Dein Papa ist für mich ein Held, auf den du stolz sein kannst.“ Er mache das bei Facebook-Freunden auch so, die rechtsextreme Ansichten posten. Der andere müsse sich von solchen Ansichten oder solchen Freunden trennen, „oder ich muss mich von ihnen trennen.“
Bestürzt reagierte Ben Salomo auf den Fall einer jungen Frau, deren Eltern rechtsextrem seien, und sie müsse unter ihrem Dach leben, und mittlerweile rede sie kaum noch mit ihnen. „Du bist eine superstarke Person, diesem Sog zu widerstehen. Du bist charakterlich stark, das bewundere ich sehr“, sagte Ben Salomo. Später, im Gespräch mit der MAZ, sagte er, das „fand ich unfassbar beeindruckend.“

Die Veranstaltung ist eine Aktion der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. „Sie setzt sich aktiv für Aufklärung rund um das Thema Antisemitismus ein und will gerade junge Menschen zum Nachdenken anregen“, sagte Martin Fischer von der Friedrich-Naumann-Stiftung, der am Dienstag die Runde auch moderierte.

„Mir hat es super gefallen“, sagte die 17-jährige Adriana aus Hohen Neuendorf. „Mir ging das sehr nah.“ Sie habe auch schon erlebt, wie gehässig Menschen sein könnten, „und dass auch er darunter gelitten hat, mit antisemitischen Behauptungen konfrontiert zu sein.“

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Überflieger: Der Schlossherr wohnt direkt unterm Dach

Samstag, den 30. November 2019
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Rafael von Thüngen-Reichenbach leitet seit 2011 das Hotel und Restaurant in Groß-Ziethen – auch die Kultur ist ihm sehr wichtig

MAZ Oberhavel, 30.11.2019

Groß-Ziethen.
Morgens um 7 beginnt sein Tag. Wobei er allerdings irgendwie immer im Dienst ist, denn er wohnt wo er auch arbeitet. Seit Anfang 2011 ist Rafael von Thüngen-Reichenbach der Schlossherr von Groß-Ziethen.
Der 57-Jährige kümmert sich um seine 22 Mitarbeiter, Natürlich um die Gäste, den Vertrieb und das Marketing, er trifft Investitionsentscheidungen, erstellt Dienstpläne und kümmert sich um Behördengänge. „Dem Schloss geht es ganz gut“, sagt er. „Wir haben ein sehr arbeitsreiches Jahr hinter uns.“ So finden auf Schloss Ziethen Konzerte, unter anderen von den Havelländischen Musikfestspielen, statt. „Ich mache das, weil ich es auch selbst gut finde. Und es steht uns auch ganz gut, wenn sich das Haus auch nach außen öffnet.“ Das Haus stehe jedem offen, er möchte nicht, dass es einen elitären Charakter hat.
Er selbst hat seine Wohnung unterm Dach. „Ganz normal Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad. Ich habe da oben keine ganzen Raumfluchten für mich“, sagt er. „Ich mag es sehr, wenn es still ist und das Haus vor sich hinknackt. Es ist ein altes Gemäuer mit seinen alten Geräuschen.“

Geboren worden ist er 1962 in München. Dort ist er auch bei seiner Mutter aufgewachsen – und in der Rhön, wo sein Vater lebte. In München machte er auch sein Abitur. Nach dem Grundwehrdienst in Ingolstadt ging er zum Studieren nach Hamburg – Betriebswirtschaft. „Was ich machen wollte, so ganz wusste ich das noch nicht. Aber es sollte irgendwie in die Richtung Konzern-Rechnungswesen und Controlling gehen.“ So kam es dann auch – bei MAN-Nutzfahrzeuge. „Da war ich auch viel im internationalen Bereich unterwegs“, erzählt er. „Dann kam die Wende, und ich dachte mir, da kannst du jetzt nicht in München sitzen und das aus der Ferne betrachten. Ich fand die Veränderungen spannend.“ Er zog Ende 1991 nach Dresden, arbeitete dort ebenfalls im Controlling. Sein erster Dienstwagen dort: ein Trabant Kombi.
Später machte Rafael von Thüngen-Reichenbach sich als Unternehmensberater selbstständig, erst in Berlin, 2001 zog er mit seiner Familie nach Würzburg. „Dann stand hier die Frage im Raum,wie es mit dem Haus weitergeht.“ Seine Mutter Edith von Thüngen leitete bis dahin das Schloss. Er übernahm 2011. Für ihn eine Umstellung. „Davor arbeitete ich alleine, jetzt beschäftige ich mich mit Personalarbeit.“

Aber er macht es gern, wenn er über sein Schloss spricht, dann klingt da auch Freude mit durch. In der Regel endet sein Tag nach 21 oder 22 Uhr, einen richtigen Urlaub will er sich nach längerer Zeit im nächsten Jahr mal wieder gönnen – vielleicht für zehn Tage. Zum Entspannen geht er gern mal spazieren, oder er fährt mit dem Rad durch die Gegend. Wenn Zeit ist für längere Touren, dann ist er gern rund um den Stechlin unterwegs. „Ich mag den See, er ist einfach klasse.“ Oder den Weg von Linumhorst in Richtung Wall durchs Luch. „Mit der Stahlbrücke, die hoffentlich nie zusammenfallen wird. Die Gegend ist unglaublich schön.“ Wenn er wandern geht, dann darf Riesenschnauzer Zeus mit. Zeus ist der Schlosshund in Groß-Ziethen. „Der Liebling der meisten Gäste. Er mag es, Menschen um sich zu haben.”
Nur wenige Tage im Jahr, vor Weihnachten, herrscht Ruhe im Schloss. Das sind die Momente, wo auch der 57-Jährige zu Hause mal ganz abschalten kann.

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Die Zeit des Aufbruchs ist 30 Jahre her

Samstag, den 9. November 2019
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Sozialdemokraten erinnern in Bärenklau an die Wende 1989 – fast schon ein bisschen wehmütig

MAZ Oberhavel, 9.11.2019

Bärenklau.
Es war eine Zeit des Aufbruchs. Damals, 1989. Vor 30 Jahren. Im Bärenklauer Dorfkrug ist am Donnerstagabend das Jubiläum der Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR gefeiert worden. Die war am 7. Oktober 1989 im Pfarrhaus in Schwante. Die SDP ist ein paar Monate später auch in der DDR in SPD umbenannt worden. Von der Euphorie ist heute, 2019, nicht mehr bei allen Sozialdemokraten viel übrig. Das war am Donnerstag im Dorfkrug zu merken, und nicht nur, weil gerade mal 20 Leute zu der Veranstaltung des SPD-Unterbezirksausschusses Oberhavel kamen. Viele ließen sich entschuldigen, von den Jusos kam nur einer. Ein bisschen Enttäuschung schwang den Abend durchaus mit.
Dabei ist die SPD in Oberhavel mit etwa 650 Mitgliedern der drittgrößte Unterbezirk in Brandenburg. 13 Ortsvereine gibt es im Landkreis. „Die Stimmung bei uns ist deutlich besser als dargestellt“, sagte Susanne Kohl, die Vorsitzende des SPD-Unterbezirksausschusses in Oberhavel. Die Mitgliederzahl sei stabil, dennoch sei man traurig, dass die Partei auch bei den Kommunalwahlen viele Federn habe lassen müssen. Sie selbst ist seit 15 Jahren in der SPD. Sie stammt aus Südhessen, lebt seit 2000 in Birkenwerder. „Aber ich habe schon als kleines Mädchen Plakate für die SPD geklebt.“ Sie sei in einem politischen Elternhaus groß geworden.

Im Dorfkrug ist dann ein Film von 2013 gezeigt worden. Darin erzählen bekannte Größen der Oberhavel-SPD von der Gründung der damaligen SDP 1989 in Schwante und der Entstehung der verschiedenen Ortsvereine im Kreis Oranienburg. Markus Meckel berichtete in dem Film, dass die Vorbereitungen zur Gründung der SDP schon im Januar 1989 begonnen haben, Ende August erging der Aufruf zur Gründung der Partei, am 7. Oktober erfolgte die formelle Gründung.
Schwante schaffte es damals sogar bis in die Tagesschau vom 8. Oktober 1989. Karsten Peter Schröder aus Bärenklau verfolgte damals die Nachrichtensendung: „man wollte doch wissen,was läuft.“ Als der Name Schwante gefallen sei, habe er noch überlegt, wie viele Schwantes es wohl gebe. Dass damit das Schwante nebenan, drei Kilometer Luftlinie entfernt, gemeint sei, habe er erst geschnallt, als die entsprechende Karte im ARD-Fernsehen auftauchte.

Im Januar 1990 war Karsten Peter Schröder dann an der Gründung des Bärenklauer SDP-Ortsvereins beteiligt und wurde auch gleich dessen Vorsitzender. In Brandenburg erzielte die SPD dann zwar Erfolge, aber zur ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 „kam die erste große Klatsche“, so Schröder am Donnerstagabend. Die CDU gewann die Wahlen, auch bei den Kommunalwahlen wurde die SPD zweitstärkste Kraft hinter der CDU.

Mario Jilg, der heute in Leegebruch lebt, erinnert sich an eine „tolle Zeit“. Er war dabei, als 1989 die SDP, die spätere SPD, auch in Oranienburg gegründet worden war. „Alles in allem haben wir da eine Menge auf die Beine gestellt“, sagte er in Bärenklau. In der Kreisstadt seien kontinuierlich Veränderungen zu sehen gewesen. Mit dem Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke, der inzwischen aus der SPD ausgetreten ist, hätten die Sozialdemokraten jemanden mit viel Einfluss gehabt, so Mario Jlig weiter. Er machte seinen Genossen Mut: „Gerade jetzt ist es die Zeit, anzupacken und die Jugend zu motivieren.“ Die SPD habe ein bisschen die Bürger aus den Augen verloren, die Partei müsste mehr zeigen, was sie geleistet habe, so der Leegebrucher weiter.

Jochen Reißig ist Ende Oktober 1989 in die damalige SDP eingetreten. Am 6. Dezember 1989 hatte er seinen Ausweis bekommen, den er auch am Donnerstag dabei hatte. „Weil wir hier etwas verändern wollten“, so der Leegebrucher. „Weil wir es besser machen wollten, wir wollten aus beiden Systemen das Beste nehmen.“ Leider sei aus dem Osten nur der Grüne Pfeil und das Ampelmännchen übernommen worden, so Jochen Reißig. Es habe sich um einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik gehandelt, nicht um eine Wiedervereinigung. Er sei weiter überzeugter Sozialdemokrat, aber: „Die SPD ist in keinem guten Zustand“, sagt er. „Weil sie vergessen hat, dass sie mal eine linke Arbeiterpartei war. Sie müsste sich wieder auf ihre sozialdemokratischen Wurzeln besinnen, dass die Leute das auch wieder merken.“ Durch die Hartz-IV-Reformen habe man 50 Prozent der Wähler eingebüßt, vermutet Jochen Reißner.

Monika Schubert, die stellvertretende Vorsitzen des SPD-Unterbezirksausschusses, sprach am Donnerstagabend von einer aufregenden Zeit. „Ich möchte sie nicht missen.“ Das Ost-West-Gerede, das es immer noch gibt, stört sie. Auch, „dass einige möchten, dass die Mauer wieder steht. Ich weiß nicht, was in manchen Köpfen vorgeht“, so die Oranienburgerin. Gut eine Stunde lang erzählen die SPD-Leute noch von damals und heute.

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Mit dem historischen Ereignis live auf Sendung

Freitag, den 8. November 2019
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Der Bärenklauer Wolfgang Krüger (69) erlebte den Mauerfall als Chefredakteur von Rias-TV in Westberlin

MAZ, 8.11.2019

Bärenklau.
Die Wende. „Das war journalistisch die aufregendste Zeit“, sagt Wolfgang Krüger. Der 69-Jährige lebt seit 1993 in Bärenklau (Oberhavel). 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert er sich an die damaligen Ereignisse. Wolfgang Krüger war damals in Westberlin Chefredakteur von Rias-TV, dem Fernsehableger des Radios im amerikanischen Sektor (Rias). Das Programm sendete gerade mal seit etwas mehr als einem halben Jahr. Morgens gab es ein Frühstücksfernsehen, zum Feierabend um 17.50 Uhr ein Abendmagazin.

„Ich wohnte anfangs am Walter-Schreiber-Platz in Berlin und fuhr dann immer mit der U-Bahn zur Voltastraße.“ Dort waren die Studios des Senders. „Gelegentlich nahm ich meinen Fernsehdirektor mit. Wir mussten immer über die Müllerstraße fahren, fuhren faktisch auf der Chausseestraße auf die Mauer zu und bogen dann links ab. Und wir guckten uns dann immer an und fragten uns, ob wir erleben werden, dass die Mauer fällt. Wir sind davon ausgegangen, dass wir es nie erleben werden.“ Er schmunzelt, als er das erzählt.

Als spätestens im August 1989 die Fluchtwelle über Ungarn begann, da berichtete auch Rias-TV. Am 9. November hatte Wolfgang Krüger Dienst. „Ich hatte die ganze Woche die Moderation der Abendsendung.“ Immer parallel wurde in den Büros das DDR-Fernsehen verfolgt, „weil sich die Ereignisse buchstäblich überschlugen.“ Nach der Live-Sendung gegen 18.30 Uhr fuhr er nach Hause. Dort sah er die Bilder von der Pressekonferenz mit Günter Schabowski. „Es hat bei mir etwas gedauert. Und dann hat es klick gemacht.“ Er hat seiner Frau einen Zettel geschrieben: „Die Mauer ist gefallen. Ich bin zurück im Sender.“ Und er war nicht der Einzige. „Ohne dass wir mit irgendjemandem telefonieren mussten, strömten alle Kollegen in den Sender.“ Was bedeutet das alles? Das sei die große Frage gewesen. Daraufhin seien dann viele Kamerateams in die Stadt und vor allem an die Mauer geschickt worden. Es entstanden Bilder, die sich bis heute ins Gedächtnis der Deutschen eingebrannt haben.
„Das Wort des Abends war: Wahnsinn. Und es war wirklich Wahnsinn. Die haben an der Osloer Straße fast unseren Rias-Übertragungswagen umgekippt. Weil die Leute so froh waren, endlich mal ohne Drangsalierung rauszugehen.“ Es sei eine tolle Atmosphäre gewesen. „Die Leute lagen sich in den Armen.“ Es seien Tage der Glückseligkeit gewesen.
Wolfgang Krüger selbst aber musste in der Nacht vor allem arbeiten. „Man darf sich von der Welle der Emotionen in so einem Fall nicht überrollen lassen“, sagt er. Das sei erst später gekommen.

In der Nacht habe er zwei Stunden geschlafen, dann ging es an die Vorbereitung des Frühstücksfernsehens. Die kompletten drei Stunden seien für Berichte von der Mauerfall-Nacht freigeräumt worden. Am Morgen war Rias-TV das erste Programm, das auf Sendung ging.

Auch am 3. Oktober 1990 moderierte er das Frühstücksfernsehen. Mit dem vereinigten Deutschland hatte sich aber auch der Sendeauftrag vom Rias erfüllt. Am 1. April 1992 ging Rias-TV in der bis heute bestehenden Deutschen Welle auf. Wolfgang Krüger war später Staatssekretär im brandenburgischen Wirtschaftsministerium und danach Hauptgeschäftsführer bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Cottbus. In Oberkrämer ist er für die CDU Gemeindevertreter, im Kreistag von Oberhavel ist er neuerdings der Vorsitzende.

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Letzte Ehre für Mike Bollig

Montag, den 28. Oktober 2019
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Die Familie des verstorbenen Bäckermeisters begrüßt noch einmal zum Abschied die Kunden in ihrem Laden in der Beetzer Chausseestraße

MAZ Oranienburg, 28.10.2019

Beetz.
Schon als der Laden um 7 Uhr öffnete, standen viele Menschen davor. Sie wollten Abschied nehmen. Am Sonnabend öffnete die Bäckerei Bollig im Kremmener Ortsteil Beetz nach drei Wochen Pause – aber das zum letzten Mal. Am 5. Oktober war der Chef des Hauses, Bäckermeister Mike Bollig, unerwartet im Alter von nur 55 Jahren gestorben. „Wir haben alle Kunden persönlich begrüßt“, erzählte Lucas Penther, der Sohn des Verstorbenen. „Manche Kunden haben sogar Blumen mitgebracht.“

Der Tag für ihn und seine Schwester Vivienne Bollig begann bereits um 1.30 Uhr in der Nacht. „Da sind wir aufgestanden, um 2.30 Uhr waren wir hier“, so Lucas Penther. Sie standen dann in der Backstube – aber nicht allein. Hilfe kam unter anderen vom Oranienburger Bäckermeister Roland Schulz. Auch der Teschendorfer Bäcker Fred Plessow kam mit seiner Frau nach Beetz. „Als Papa vor drei Wochen ins Krankenhaus kam, hatten wir ihn auch schon angerufen“, so Lucas Penther. Er hatte die Lieferung für die Sommerfelder Klinik spontan übernommen.

Dass der Laden noch einmal öffnet, „das war unser Herzenswunsch“, sagte Vivienne Bollig. Und ihr Bruder ergänzte: „Die Arbeit, die Backstube, das war seine große Liebe. Er hat diesen würdigen Abschluss verdient.“ Er sei dort großgeworden, erzählte er außerdem. „Die Backstube hat unser Leben begleitet.“ Beide haben in den vergangenen Jahren auch regelmäßig in der Backstube geholfen, erzählten sie. „Als ich 14 Jahre alt war, begann ich, dort zu helfen.“ Später war sie jeden Sonnabend dabei, als auch Sohn Lucas mithalf, wechselten sie sich am Sonnabend immer ab.

Nicht alle Bollig-Spezialitäten konnten am Sonnabend angeboten werden. „Ein paar Sachen konnten wir nicht machen, er hatte ja viele Rezepte nur in seinem Kopf“, so seine Tochter. „Wir konnten nur darauf zurückgreifen, was wir gelernt haben“, sagte die 30-jährige Kremmenerin. Die anderen Bäcker lieferten dazu. „Aber da sieht man auch mal, was unser Vater geleistet hat. Wir haben es gerade mal geschafft, bis 7 Uhr die Brötchen zu backen.“ Die Theke war trotzdem voll, weil so viele geholfen haben: Nicht nur Brote und Brötchen lagen da zum Verkauf, auch verschiedene Sorten Pfannkuchen, Streuselkuchen, Bienenstich und vieles mehr.

Nach 7 Uhr gab es im Laden eine lange Schlange, die bis weit nach draußen reichte. Selbst am Vormittag strömten die Kunden weiter in den Laden. Gabi Weiß aus Alt Ruppin kam extra nach Beetz, nachdem sie aus der MAZ vom letzten Öffnungstag gelesen hatte. Auf dem Weg zur Arbeit musste sie mal einen Umweg fahren und stieß so auf die Bäckerei in Beetz. Sie sei noch einmal gekommen, „weil Kuchen glücklich macht, und er konnte das.“ Der Kuchen von Mike Bollig habe wie früher bei Oma geschmeckt. „Man hat gemerkt, dass er da viel Herz reingesteckt hat und es gerne gemacht hat.“ Deshalb hatte sie sich entschlossen, auch noch mal nach Beetz zu kommen.

Heike Schauer stand 24 Jahre lang im Beetzer Bäckerladen. „Ja, das ist schon komisch“, sagte sie über die Stimmung am Sonnabend. „Die Kunden waren oft betroffen, viele waren sehr traurig, manche haben sogar geweint.“ Sie sagt, sie sei am längsten im Laden gewesen.

Wie es mit dem Laden nun weiter geht, ist noch offen. „Eine richtig finale Entscheidung ist noch nicht getroffen“, sagte Lucas Penther. „Es wäre schön, wenn es eine Bäckerei bleiben kann, das liegt uns am Herzen, auch für die Beetzer. Aber wie eine Lösung aussehen kann, wissen wir noch nicht.“ Für so eine Entscheidung sei es auch noch viel zu früh. Nach diesem Sonnabend bleibt die Bäckerei erst mal geschlossen. Es seien aber Gespräche mit Interessenten geführt worden. „Wir wollen das Geschäft aber natürlich nicht an irgendjemanden abgeben“, so Lucas Penther. Sie wollen den Schatz in guten Händen wissen.

Die Familie muss die Geschäfte nun abwickeln. Generell sei es nicht einfach, mit den Büchern, die jemand anderes geführt hat, zurechtzukommen. „Aber wir haben Hilfe von einem Freund“, so der 19-Jährige Sommerfelder. „Der hat einen klaren Kopf.“ Ansonsten ist die Familie über jede Ablenkung dankbar. „Selbst Freunde, die nur mit uns reden, lenken uns ab.“ Immer wieder kämpfen alle mit den Tränen, und als sie den Laden dann abschlossen, da ging in Beetz eine Ära zu Ende – die von Bäckermeister Mike Bollig.

(Onlinefassung)

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Dreifacher Abschied im Sommer 2020

Samstag, den 5. Oktober 2019
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Die Kitaleiterinnen in Flatow, Hohenbruch und Sommerfeld erzählen über den nahenden Ruhestand

MAZ Oberhavel, 5.10.2019

Kremmen.
2020 wird an den Kitas in Flatow, Hohenbruch und Sommerfeld das Jahr der Abschiede. Im Sommer werden die Leiterinnen Kathrin Busse-Staufenbiel, Anita Hahn und Elke Schilling in den Ruhestand gehen.

Elke Schilling wird pünktlich zum 45. Dienstjubiläum gehen. Am 1. August 1975 trat sie nicht nur ihren Dienst an, sie wurde auch gleich Leiterin der Sommerfelder Kita. „Ein bisschen Wehmut ist immer dabei“, sagt sie. „Aber es überwiegt auch die Freude, dann mehr Zeit zu haben.“
Anita Hahn leitet die Hohenbrucher Kita seit 1979. Freut sie sich auf den Ruhestand? Sie überlegt. „Ich bin mir noch nicht so sicher“, sagt sie dann. „Einerseits freue ich mich, aber ich weiß nicht, ob ich absolut loslassen kann, man fühlt sich ja mit der Einrichtung sehr verbunden.“
„Ich werde auf alle Fälle mehr Zeit für mich haben“, sagt Kathrin Busse-Staufenbiel. Zeit für mehr Bewegung, ihren Mann, den Hund und natürlich die Enkel. „Mehr Zeit für die Familie und mich selber“, antwortet auch Elke Schilling auf die Frage, wie sie ihren Ruhestand nutzen will. Anita Hahn sieht das auch so.

Denn der Zeitfaktor ist für die drei Frauen wichtig. Alle drei arbeiten in ihrem verantwortungsvollen Job mehr als die Regelarbeitszeit es vorgibt. „Man ist in Gedanken immer bei seiner Verantwortung, die man hat“, sagt Kathrin Busse-Staufenbiel. „Das ist nicht nach 40 Stunden vorbei“, ergänzt Elke Schilling. „Man überlegt auch in der Freizeit immer wieder, wie man jedem gerecht werden kann.“ Hinzu kommen die üblichen Konferenzen. Am Dienstag erst trafen sich alle Kitaleiterinnen im Kremmener Rathaus zur Besprechung. „Viel Bürokratie“, sagt Elke Schilling. Sie hätte gern weniger davon, dafür mehr Zeit, sich um die Kinder ganz konkret zu kümmern.

Alle drei Frauen sind jahrzehntelang im Dienst, deshalb haben sie inzwischen auch mehrere Kindergenerationen in ihren Kitas betreut. „Man wird schon mal angesprochen“ , erzählt Elke Schilling. „Na, Tante Elke“, habe ihr mal ein Mann zugerufen. „Ich habe ihn aber nicht erkannt und meinte dann: Wenn du mir jetzt noch sagst, wer du bist …“ Als der Mann dann gelacht habe, habe sie auch gleich gewusst, wer er war. Kathrin Busse-Staufenbiel nickt und sagt: „Es ist immer eine große Freude, wenn wir jemanden wiedererkennen.“ Anita Hahn fügt hinzu: „Wir haben ja auch oft schon von den Kindern die Kinder bei uns.“
In den vielen Jahren haben sich aber auch die Kinder verändert, finden sie. „Sie sind selbstbewusster geworden“, sagt Kathrin Busse-Staufenbiel. „Aber auch aufgeschlossener und mitteilungsfreudiger. Ebenso fordernder, was die Aufgaben angeht.“ Elke Schilling stimmt ihr zu und erklärt: „Man muss konsequent sein, wenn es um Regeln geht. Kinder brauchen ihr Nest, ihre Zuneigung. Sie müssen wissen, wo sie hingehören.“
Aber auch die Arbeit mit den jeweiligen Kollegen ist allen drei sehr wichtig. „Wenn ich meine Kollegen nicht gehabt hätte, wäre gar nichts gelaufen“, sagt Elke Schilling. Zusammenhalt sei ihr sehr wichtig. „Den wollen wir auch an die jüngere Generation weitergeben.“ Anita Hahn lächelt und ergänzt: „Ohne die Kollegen und die Eltern wäre ich überhaupt nichts.“

Alle drei sind inzwischen 60 Jahre und älter. Da fällt einiges schon schwerer. „Der Lärm“, sagt Kathrin Busse-Staufenbiel. „Die täglichen Aufgaben fallen schwerer“, sagt Anita Hahn. „Ich merke, ich bin am Abend ganz schön k.o, das war vor zehn Jahren noch nicht so.“
Wie sie ihren letzten Arbeitstag verbringen werden, ist noch nicht klar. „Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht“, so Kathrin Busse-Staufenbiel. „Da möchte ich noch nicht dran denken“, sagt Anita Hahn. „Da wird es sicher Tränen geben“, vermutet Elke Schilling. „Aber da gebe ich einen aus.“

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