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In der Zeitung erschienen

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Oberschule in Oberkrämer? „Man soll realistisch sein“

Freitag, den 19. November 2021
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Bürgermeister Peter Leys spricht im Interview mit der MAZ über die Gründe seines bevorstehenden Rücktritts, andauernde Straßenbauarbeiten, die Bildungslandschaft und den Bahnverkehr

MAZ Oberhavel, 19.11.2021

Oberkrämer.
Zum 1. März 2022 hat Peter Leys (BfO), der Bürgermeister in Oberkrämer seinen Rücktritt eingereicht. Er geht vorzeitig in den Ruhestand, aus gesundheitlichen Gründen.

Wie geht es Ihnen?
Peter Leys: Schwierige Frage. Eigentlich fühle ich mich momentan relativ gut. Aber das ändert sich oft sehr schnell. Die Hälfte meiner Dienstzeit habe ich Kopfschmerzen, es fällt mir zunehmend schwer, mich länger zu konzentrieren.

Ist Ihnen die Entscheidung aufzuhören, dennoch schwergefallen?
Das ist eine zwiespältige Sache. Einerseits habe ich mich wählen lassen und den Wählern damit ein Versprechen gegeben. Damit habe ich schon ein Problem. Andererseits, bekomme ich zunehmend Probleme in der Richtung, dass Stress bei mir mit starken Kopfschmerzen verbunden ist, so dass ich meine Arbeit nicht mehr ordentlich erledigen kann. Lange Sitzungen haben mich in den letzten Monaten so belastet, dass ich jedes Mal froh war, sie schadlos überstanden zu haben. Ich habe es viele Jahre geschafft, Probleme nicht an mich persönlich heran kommen zu lassen.

Was werden Sie vermissen?
Auf jeden Fall meine Kollegen und den Kontakt zu vielen Leuten. Das Gefühl, in Oberkrämer einiges bewegen zu können und Einfluss auf viele Dinge zu haben. Es ist auch immer ein gutes Gefühl, viele Ideen gemeinsam mit anderen Leuten umzusetzen. Auch die Diskussionen in der Verwaltung über die Lösung vielfältigster Probleme unserer Gemeinde wird mir fehlen.

Was haben Sie im Ruhestand vor?
Ausruhen, womit ich bisher leider so meine Probleme hatte. Ich werde versuchen, kürzer zu treten. Anfang März kann man ja noch nicht so viel machen. Wir waren schon immer Camper. Immer wenn ich unterwegs war, fühlte ich mich spätestens nach einer Woche deutlich besser. Bisher waren wir meistens nur zwei Wochen unterwegs, länger war das oft nicht möglich. Meine Frau und ich wollen zukünftig versuchen, unser Hobby mehr zu unserem Lebensinhalt zu machen.

Dann kommen wir jetzt zum Geschehen in Oberkrämer. Die Bauarbeiten am Marwitzer Kreisel und der Chausseestraße ziehen sich hin.
Beim Kreisverkehr, an dem sich zwei Landesstraßen kreuzen, war ich immer der Meinung, dass das nicht unsere Aufgabe als Gemeinde ist, sich darum zu kümmern. Aber wir hatten den ganz dringenden Wunsch aus Bötzow, die Anbindung des Radweges nach Velten so zu gestalten, dass man gefahrlos über den Kreisel kommt. Unsere Chance, das durchzuziehen, war, dass wir mit dem Land reden und die Baumaßnahmen übernehmen. Der Landesbetrieb Straßenwesen hat offensichtlich ein noch größeres personelles Problem als wir. Ich war trotzdem kein ein Freund davon, dass wir als kleine Gemeinde Oberkrämer uns diese Maßnahme auf den Tisch ziehen. Und leider ist es dann auch so eingetreten, dass die Baumaßnahme nicht so gelaufen ist, wie wir uns das gewünscht hatten. Was nicht nur an fehlenden Materialien lag. Im wesentlichen ist der Kreisel fertig. In der Chausseestraße baut die Owa eine Trinkwasserleitung, der Landesbetrieb erneuert die Straße. Ich gehe davon aus, dass die Chausseestraße erst im nächsten Jahr fertig wird.

Auch der Mühlenweg in Schwante dauert viel länger als geplant.
Bevor man eine Straßenbaumaßnahme beginnt, muss man alle betroffenen Träger beteiligen. Im Rahmen dieser Beteiligung hat sich aber niemand gemeldet, weder Edis noch Telekom oder sonst wer. Erst als wir angefangen haben kamen die Medienträger. Die Edis wollte neue Kabel verlegen. Und die eine Firma darf dann nur die Kabel verlegen, die andere darf sie anschließen. Die Koordinierung war katastrophal, das hat uns sehr zurückgeworfen. Beim Bau der Straße hat man dann festgesellt, dass die Schmutzwasserleitung in Teilen schon sehr marode war und in mehreren Abschnitten ausgewechselt werden musste. Das war alles nicht vorhersehbar. Komplett fertig wird die Straße voraussichtlich erst im Frühjahr des kommenden Jahres. Aber ich hoffe, dass die Befahrbarkeit der Straße noch 2021 wieder möglich sein wird. Aktuell beabsichtigt die Telekom, die uns schon während der Maßnahme behindert hat, Glasfaserkabel zu verlegen. Dem Öffnen der bereits neu hergestellten Fahrbahn werden wir nicht mehr zustimmen..

Der Anbau der Vehlefanzer Grundschule ist fertig, bald wird in Bötzow eine neue Turnhalle gebaut, was auch mehr Platz schafft. Ist dann in Sachen Platzbedarf für die Schulen erst mal alles geschafft?
Die Turnhalle in Bötzow ist noch eines meiner wichtigen Ziele, die ich auf den Weg bringen wollte. Wir hatten große Probleme mit der Baugenehmigung. Jetzt liegt sie vor, so dass wir nächste Woche die Ausschreibung vorbereiten können. Auch wenn ich das Gefühl habe dass die Schulleitung in Bötzow sich nicht so darauf freut wie ich. Wir können glücklich sein, dass wir in der Lage sind, solche Vorhaben noch umzusetzen. Wir verfügen dann über drei große Sporthallen. Aus der alten Halle in Bötzow werden danach wieder Klassenräume. Mittelfristig sollte die Gemeinde Oberkrämer dann in Sachen Grundschulplätze gut aufgestellt sein..

In Schwante entsteht noch ein großes Wohngebiet. Reichen die Plätze in der Kita in Schwante und der Grundschule in Vehlefanz?
Im Rahmen der Kitabedarfsplanung sind Sommerswalder Dreieck und Schäferweg mitbetrachtet worden. Wir haben aufgrund dessen schon Maßnahmen umgesetzt. Die Kapazität der Schule und des Hortes in Vehlefanz wurde deutlich erhöht. Wenn die Bonava in Schwante mit den Baumaßnahmen beginnt, rechnen die mit sechs Jahren bis zur vollständigen Umsetzung, das ist deutlich länger als in unserer Bedarfsplanung angenommen wurde. Das Sommerswalder Dreieck wird sich nicht so schnell entwickeln wie die Marwitzer Heide. Wir werden das hinkriegen.

Werden wir je erleben, dass es in Oberkrämer eine Oberschule gibt?
Wenn ich ehrlich bin, glaube ich das nicht. Man soll realistisch sein, auch wenn man niemals nie sagen soll. Auch wenn das identitätsstiftend wäre. Man muss auch sehen, wir haben Oberschulen in Kremmen, Velten und Hennigsdorf. Sicherlich wird die Bevölkerung hier weiter wachsen. Für Bötzower und Marwitzer Kinder, ist es eher besser, nach Velten zur Oberschule zu gehen. Und auch wenn wir bald überall unsere Orte mit Radwegen verbunden haben, wäre Vehlefanz für diese Schüler trotzdem weiter als Velten. Der Landkreis plant in Velten den Neubau der Zürner-Schule. Ich denke mal, die Marwitzer und Bötzower haben mehr Interesse daran, eher nach Velten zu gehen, wenn die Kinder der anderen Ortsteile dann in Kremmen unterrichtet werden, ist das eine akzeptable Lösung, wenn man über die Grenzen unserer Gemeinde hinausdenkt. Die Gemeindevertreter haben sich ja mehrheitlich dafür ausgesprochen, dass in Oberkrämer eine Oberschule entstehen soll, aber ich halte das für unrealistisch. Es wäre eine Schule, die der Landkreis bauen müsste, der wird das nicht tun.

Die Regionalbahn 55 fällt sehr oft aus. Haben Sie als Gemeinde mal Protest eingelegt?
Versuchen Sie mal, an die Bahn ranzukommen. Natürlich haben wir das versucht, bewegt hat sich nichts. Das ist ein schlechter Zustand. Ich hoffe, dass in Zukunft nicht nur mit Bekenntnissen gearbeitet wird. Ich hoffe, dass man es hinbekommt, das Angebot zu verbessern. Es heißt immer, wir wollen mit Bus und Bahn fahren, aber es fahren oft gar keine Bahnen und Busse.

Mit dem Gewerbegebiet Vehlefanz-Bärenklau bekommt auch der Bahnhof Bärenklau eine neue Bedeutung.
Klar ist eins: In den nächsten Jahren werden dort sehr viele Arbeitskräfte gebraucht, von denen hoffentlich viele mit der Bahn kommen. Das setzt aber voraus, dass man eine vernünftige Taktung und Anbindung hat. Der Radweg im Gewerbegebiet geht schon bis zur Autobahnbrücke, den Rest zum Bahnhof Bärenklau bauen wir auch noch, so dass man mit dem Rad oder E-Roller dorthin fahren kann.

Was wünschen Sie der Gemeinde Oberkrämer nach der Ära Leys?
Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass man es weiterhin schafft, finanziell auf soliden Beinen zu stehen, dafür sind die Gewerbegebiete wichtig. Und dass sich die Gemeindevertreter wieder aufeinander zubewegen, dass man die Gemeinde im Fokus hat und nicht die eigene politische Richtung. Dass sich Leute engagieren für die Gemeinde und in den Vereinen.

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Uhr wird per Hand aufgezogen

Donnerstag, den 18. November 2021
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Ortsspaziergang durch Bötzow: In der Kirche hat Pfarrer Albroscheit jeden Tag eine spezielle Aufgabe – an der Dorfaue gibt es einen Viertelmeilenstein

MAZ Oberhavel, 18.11.2021

Bötzow.
Wohin mit dem Weihnachtsbaum? Ortsvorsteherin Mandy Krenz steht mit Martin Schröder und Ralf Hannusch vom Heimatverein vor dem Bötzower Gemeindezentrum. Ein fester Weihnachtsbaum soll gepflanzt werden, und deshalb ist die Stelle mit Bedacht zu wählen. Schließlich soll jeder den Baum von der Veltener Straße aus sehen können, er darf aber auch nicht zu dicht am Parkplatz stehen.

Der Ortsrundgang beginnt dort, wo die Vereine zusammenkommen und der Ortsbeirat tagt. Gerade wird das Gemeindezentrum eingezäunt – wegen der verschiedenen Vandalismusschäden in den vergangenen Monaten. Mitten auf dem Weg stehen zwar schon Pfeiler, aber die Zaunfelder und das Tor fehlen noch. „Die kommen bestimmt bald“, sagt Martin Schröder und lächelt. Er ist der Vorsitzende des Bötzower Heimatvereins. Am Dorf mag er die Landschaft, „auch rund um Bötzow“, wie er erzählt.
Im Gemeindezentrum werden gerade Karten gekloppt. Unter den Spielern ist der ehemalige Ortsvorsteher Günter Franke. Der Saal gegenüber kann auch für Feiern gemietet werden – was noch reizvoller ist, seitdem es dort auch eine Art Balkon-Terrasse gibt.

Weiter geht es in Richtung Dorfaue. An der dortigen Kreuzung sollte eigentlich längst eine Ampelanlage stehen, doch die lässt auf sich warten. Wenn sie errichtet wird, muss die Ecke Veltener Straße/Dorfaue etwas verändert werden – doch wann es so weit ist: unklar.
Die Ampel sollte in Betrieb gehen, wenn der Hort fertig ist – und zumindest das ist längst geschehen. Wer an dieser Kreuzung geradeaus schaut, wird sogar gleich zwei neue Hortgebäude erblicken. Der Anbau ist erst im Frühjahr dieses Jahres eröffnet worden. Er wurde nötig, weil die Kinderzahlen in Bötzow und Marwitz stark gestiegen waren. Läuft man weiter auf der Dorfaue entlang, kommt man nicht nur an Pferdehöfen vorbei, sondern links auch an einem älteren, gerade leerstehenden Gebäude. Dort war der Hort früher drin – nun soll es umgebaut werden, so dass dort in Zukunft weitere Kitaplätze zur Verfügung stehen. Große Pläne gibt es auch für die alte Turnhalle. Wenn die neue Halle hinter der Grundschule gebaut wird, dann wird die alte Halle so umgebaut, dass es dort neuen Klassenräume gibt.

Wir stoppen aber erst mal am Viertelmeilenstein. Denn Bötzow liegt an der alten Poststraße, die weiter in Richtung Krämerwald und Flatow führt. Angezeigt werden Dreieinviertel Meilen bis Berlin. Klingt dichter dran, als es ist. Denn eine preußische Meile sind 7,53 Kilometer.

Ein Hingucker ist die Bötzower Nikolaikirche. Wir treffen Pfarrer Immanuel Albroscheit. Er muss in die Kirche, denn die Uhr muss aufgezogen werden. „Das ist die einzige mechanische Uhr hier in der Gegend, die noch in Betrieb ist“, erzählt er. „Alle anderen sind elektrisch.“ Heißt aber auch: Er muss jeden Tag ran. Martin Schröder nimmt den großen Schlüssel, schiebt ihn ins Schloss – aber es klemmt. Pfarrer Albroscheit übernimmt. Vorsichtig bewegt er den Schlüssel im Schloss, und wir können rein. Wir laufen zwei Treppen hoch und gelangen zur Glocke. „Sie ist von 1418“, sagt Immanuel Albroscheit. „Das muss man sich mal vor Augen halten.“ Aber wir sind ja hier oben, weil die Uhr aufgezogen werden muss. Zwei Gewichte sorgen dafür, dass das Uhrwerk in Gang ist. Die Uhr aufziehen heißt: Kurbeln, damit die Gewichte wieder hochgezogen werden. „Das hält dann maximal 28 Stunden.“ Irgendwann stehen die Gewichte so tief, dass die Uhr stehen bleibt. „Ich freue mich, wenn die Uhr pünktlich ist, und die Leute denken, das ist alles elektronisch“, sagt der Pfarrer. „Nee, das ist mein Händchen!“ Seit sieben Jahren macht er den täglichen Gang.
Wir klettern hoch auf den Turm. Je weiter oben wir sind, desto enger wird die Leiter. Der Specht sorgt dafür, dass oben im Turm lauter Löcher zu sehen sind. „Da haben wir echt Angst, dass das kaputt geht“, so der Pfarrer. Von oben hat man aber einen schönen Blick auf Bötzow. Wieder unten schauen wir uns noch den Altar an. „Das ist der Schönste in Oberhavel“, sagt Martin Schröder vom Heimatverein.

Wieder draußen sehen wir, dass in der Bibliothek an der Grundschule noch Licht brennt. „Wir haben seit zwei Wochen wieder unsere normalen Öffnungszeiten“, erzählt die Bibliothekarin Claudia Adler. „Darüber bin ich echt froh.“ Gerade kommt ein Mädchen mit ihrer Mutter, um Bücher abzugeben. „Für die Kinder ist das hier megawichtig“, sagt Ortsvorsteherin Mandy Krenz.

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Die Kirche immer im Blick

Freitag, den 12. November 2021
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Ortsspaziergang durch Vehlefanz: An der Lindenallee sind die Gehwege schmal, bald kommt ein neuer Supermarkt, die alte Schule ist ein Glanzstück

MAZ Oberhavel, 12.11.2021

Vehlefanz.
Fragt man Kerstin Laatsch, wo ihr Lieblingsort in Vehlefanz ist, dann antwortet sie: „Das Haus der Generationen. Da bin ich gerne. Auch an der Mühle.“ Die Zuständige für das Generationenhaus lebt seit 2007 in Vehlefanz. „Man hat hier viel Kontakt mit den Leuten.“ Als sie vor 14 Jahren ins Dorf kam, habe sie sich schnell eingliedern können. „Auch weil wir hier ja alles haben.“ Direkt neben dem „Haus der Generationen“ steht das alte Kriegerdenkmal. „Das ist ein wichtiger Teil der Denkmalpflege“, erzählt Ortsvorsteher Hubert Gediga. „Die Leute, die sich darum immer gekümmert haben, sind nicht mehr da.“ Die Pflege müsse nun im Ort neu organisiert werden.

Wir laufen entlang der Lindenallee. Auf der linken Seite ist der Jugendclub. „Er wird gut genutzt“, sagt der Ortschef. „Aber eher von den Kindern. Und die Jugendlichen suchen sich ihre Stellen, wo sie sich abends treffen.“ Im Schaukasten hängt eine brandneue Karte von Vehlefanz. „Da haben wir lange für gekämpft.“ Am Gehwegrand steht ein kleines Schild, auf dem die Geschichte der Feuerwehr in Vehlefanz dargestellt wird. „Das ist ein Werk von unserem Heimatforscher Helmut Schönberg. Er ist auch nicht mehr da“, sagt Hubert Gediga. „Ich suche gerade krampfhaft jemanden, der sich darum kümmert.“
Wer an der Lindenallee entlang läuft, wird merken: Da stimmt was nicht. Die Straße ist sehr breit und oft stark befahren. Der Gehweg dagegen ist erstaunlich schmal. Seit Ewigkeiten kämpfen die Vehlefanzer darum, dass die Straße saniert wird und in dem Zuge bessere und vor allem breitere Gehwege entstehen. Aber nicht mal eine Querungshilfe will der Landesbetrieb den Vehlefanzern gönnen.

Wir erreichen die Tankstelle an der Ecke Burgwall. Sie sieht ein wenig wie ein Fremdkörper aus. Schräg gegenüber entstehen neue Wohnungen. Wir gehen einmal um die Tankstelle und die danebenliegende Brache herum. Die Brache könnte bald verschwinden sein. Denn der jetzige Edeka-Markt ist zu klein geworden, direkt daneben soll der neue Markt entstehen. „Es gibt aber ein Problem mit dem Denkmalschutz“, sagt Hubert Gediga. „Es wird befürchtet, dass durch den Neubau die Sichtachse zur Kirche verbaut wird.“ Der Ortsvorsteher sagt, er habe dafür kein Verständnis. Zu recht: Denn von der Lindenallee ist die Kirche im Bereich der Brache mit den Bäumen und Sträuchern jetzt auch nicht zu sehen. Von vielen anderen Stellen aber hervorragend. Wenn der alte Edeka-Markt weg ist, sieht man die Kirche um so besser.
Für den dann größeren Parkplatz zwischen Supermarkt und Apotheke hat Gediga Ideen. „Ich könnte mir hier gut einen Marktplatz vorstellen.“ Einmal pro Woche könnten Händler kommen. Links neben der Apotheke hält er zudem ein kleines Gebäude für die Bank denkbar, die jetzt nur einen Container auf dem zweiten Parkplatz hat. Auf der linken Seite des Areals ist das Orient-Bistro. „Das hält sich gut.“ Allerdings wünscht sich Hubert Gediga eine richtige Gaststätte im Ort. „Das wäre schön“, sagt auch Kerstin Laatsch. „So was wie der Dorfkrug in Bärenklau. Das ist das, was man braucht“, so der Ortsvorsteher.

Auf einem weiteren Parkplatz gegenüber des Netto-Marktes befinden sich weitere Schautafeln. Dort stehen zum Beispiel die Infos über Sitzungen in Vehlefanz und Oberkrämer. „Aber das ist hier völlig deplatziert“, sagt Hubert Gediga. „Der müsste eher in Richtung Einkaufszentrum stehen.“ Vielleicht sei das möglich, wenn das Areal dort umgebaut werde. Er zeigt weiter in Richtung Dorfplatz und Feuerwehr. „Da feiern wir unsere Feste.“ Und bei der Feuerwehr herrsche Einigkeit, dass sie auf lange Sicht mehr Platz brauche. „Die Feuerwehr hat auch keine Probleme mit dem Verjüngungsprozess.“

Wir laufen die Lindenallee zurück. Auf der linken Seite ist die alte Schule. Heute ist dort eine Arztpraxis drin, eine Tagespflege und dahinter eine Seniorenwohnanlage. Hubert Gediga erinnert sich: „Ich bin 1975 hergekommen, da fiel das Ding schon ein.“ Dennoch war dort noch jahrelang der Standort der Schule, später langer Leerstand. Jetzt herrscht dort wieder Leben.

Trotz des Ortsausgangsschildes – Vehlefanz geht in Richtung Süden noch weiter. Bald wird auf der linken Seite der fehlende Radweg gebaut. Es lohnt noch ein Blick in das Gewerbegebiet, das an der Einfahrt zum Autohof beginnt. Wer durch die dortigen Straßen fährt, wird staunen, wie viel sich dort tut, eine Halle nach der anderen wird gebaut, viele Unternehmen siedeln sich an.

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Kein Actiondorf, aber viel Idylle

Mittwoch, den 10. November 2021
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Ortsspaziergang durch Klein-Ziethen: Treffpunkt Bücherbox, Spider-Man grüßt von der Hauswand, und für die Kneipe wird ein Betreiber gesucht

MAZ Oberhavel, 10.11.2021

Klein-Ziethen.
Der Dorfplatz in Klein-Ziethen hat seinen Namen wirklich verdient. Es gibt einen Spielplatz, am Rand neuerdings eine Bücherbox, drumherum ältere Gebäude. In einem davon ist das Gemeindebüro von Ortsvorsteher Peter Gerlach.
Wir laufen los. Auf der linken Seite ist der Eingang zur Arztpraxis. Dass es im Dorf keine Kita mehr gibt, schmerzt viele Einwohner immer noch. „Das ist kein Actiondorf“, sagt Frank Christoph, der stellvertretende Ortschef. „Andererseits: Obwohl wir hier sehr dörflich sind, haben wir schnelles Internet.“ Trotzdem sei es ein Traum, wieder eine Kita zu haben. „Aber wir werden nicht viel größer werden“, sagt Peter Gerlach. Zu DDR-Zeiten gab es noch einen Konsum, dort wo das Gemeindebüro heute ist. „Der wurde von Erika Kaatsch damals mitverantwortet“, erzählt er. Um die wird in Oberkrämer gerade getrauert.
Wir erreichen das Ende des schmalen Weges Am Priesterfeld. Dort gibt es auf einem Feld noch freie Flächen. „Hier könnte noch was gebaut werden“, sagt Peter Gerlach. „Aber das ist nicht genehmigt worden.“ Es ist eine 4500-Quadratmeter-Fläche. „Da könnte man junge Leute ansiedeln.“

Der Weg führt links am Feld vorbei. Auf der linken Seite kommt nun eine Fläche mit viel Schilf. Er ist nicht zu sehen, aber: „Das ist der Dorfteich“, sagt Peter Gerlach. Es steht sogar eine Bank davor, aber man kann gerade nicht aufs Wasser sehen. Hin und wieder wird das Schilf vom Dorfteich entfernt, aber das sei dann immer eine größere Aktion. Wenn dann aber der Teich sichtbar ist, dann lässt sich erahnen, wie wunderschön diese Wohnlage ist. „Allerdings ist auch immer weniger Wasser drin“, sagt Frank Christoph. Der Teich trockne langsam aus. Ein Problem, das viele solcher Gewässer haben.

Der Spaziergang führt zum Kremmener Weg. Es ist relativ ruhig im Ort, nur sehr selten kommt ein Auto durch. Klein-Ziethen hat kaum Durchgangsverkehr. Auf ihrer Terrasse kümmert sich Gerda Kleeßen gerade um ihre Wäsche. Man kennt sich, man grüßt sich. Gerda Kleeßen hat sich lange um die Seniorenaktivitäten im Ort gekümmert. „Ich bin seit 1956 hier, mit Unterbrechungen“, erzählt sie. Sie war in Ludwigsaue. „Ich wäre da geblieben, wenn ich Arbeit gehabt hätte. Und ein bisschen Liebe war auch dabei“, sagt sie. Klein-Ziethen sei immer ein kleines Dorf gewesen, wo jeder jeden kannte. Und so wird auch jetzt ein bisschen geplauscht.
Gerda Kleeßen hat nach der Wende auch den Lebensmittelladen betrieben. Den im heutigen Gemeindesaal. „Zwei bis drei Jahre waren das. Aber bei Lidl war es nun mal billiger, haben die Leute gesagt. Da haben wir es dann sein lassen.“ Eigentlich sollte die Tochter übernehmen, dazu kam es dann nicht mehr.
Wir müssen weiter, und Gerda Kleeßen muss sich auch noch um die Wäsche kümmern. „In Klein-Ziethen werde ich bleiben“, sagt sie zum Abschied.

Über das Dorf fliegen die Kraniche. Sie kreischen. „Das Geräusch haben wir jeden Morgen“, sagt Peter Gerlach mit einem Blick nach oben. Blick fällt dann aber auf ein freies, recht verwildertes Grundstück. Dort scheint schon sehr lange nichts passiert zu sein. „Das war mal eine Schlosserei“, weiß der Ortschef.
An einer Rasenfläche auf der linken Seite der Straße steht ein Turm. „Ein Verteilerturm“, sagt Frank Christoph. Heute sei der aber leer. „Der wäre abgerissen worden, wenn der Bürgerverein Klein-Ziethen ihn nicht übernommen hätte.“ Jetzt sind da Vögel drin. Direkt gegenüber steht der alte Speicher. „Wir haben den Wunsch, ihn wiederzubeleben“, sagt Peter Gerlach. Ganz „tot“ ist das Gebäude wohl nicht, auch wenn es so aussieht, es dient noch als Lagerraum. Aber die Klein-Ziethener haben dafür ganz andere Ideen. „Wohnraum“, schlägt Peter Gerlach vor. Man könne auch Räume für eine Kita schaffen. Doch das Gebäude stehe wohl nicht zum Verkauf, somit bleibt der Traum wohl genau das.

Etwas außerhalb der Spazierstrecke liegt der neue Radweg nach Vehlefanz. „Wir sind froh, dass er da ist“, sagt Frank Christoph. Dort steht auch der Wegweiser nach Klein-Ziethen. „Es gibt verschiedene Schreibweisen“, sagt Peter Gerlach. „Klein Ziethen“ ohne Bindestrich oder auch „Kleinziethen“. Es gebe häufig Verwechslungen, weil es alle diese Schreibweisen in Brandenburg gibt. Die richtige: „Klein-Ziethen“ – mit Bindestrich.
Wir haben den Dorfplatz wieder erreicht. Mal gucken, ob es in der Bücherbox ein schönes Buch gibt.

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W-Lan in der guten Stube

Dienstag, den 9. November 2021
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Ortsspaziergang durch Bärenklau: Nachhilfe beim Internetempfang, ein gepflegter Platz, Parkprobleme am Remontehof, ein Museum und viel mehr

MAZ Oranienburg, 9.11.2021

Bärenklau.
Der Dorfkrug, gegenüber die alte Remonteschule – dazwischen ein gepflegter Platz. Es ist ein bisschen die gute Stube von Bärenklau. Dort beginnt auch der Dorfspaziergang. Übrigens: mit W-Lan. Der mobile Internetempfang in Bärenklau ist eher nicht so berühmt, aber an der alten Remonteschule gibt es ein öffentliches W-Lan. Früher waren in dem Gebäude der Bürgermeister, der Arzt und ganz früher die Schule. Heute wird dort Sport getrieben, gesungen, der Ortsbeirat tagt dort, und es gibt dort den Jugendclub.

Gerade haben die Gemeindearbeiter den Platz vor der alten Schule vom Herbstlaub befreit. Obwohl sehr gepflegt – gepflanzte Blumen, Sträucher, Wege, das Kriegerdenkmal –, hat das Areal keinen eigenen Namen. Wir laufen über die Straße, in Richtung Dorfkrug. Davor steht eine Tafel mit Informationen zur Bärenklauer Dorfgeschichte. Die Gaststätte hat noch geschlossen, es ist noch Vormittag. „Ich finde den jetzt sehr angenehm“, sagt Rotraud Bräsicke, die Leiterin der Seniorengruppe im Ort, über den Dorfkrug. Die Bärenklauer haben Glück gehabt, dass sich mit Familie Künzer neue Betreiber für die Gaststätte im Ortskern gefunden haben. „Man kennt sich, man trifft sich“, sagt Ulrich Rack, der Vorsitzende des Heimatvereins. „Ich bin jeden Donnerstag da, beim Stammtisch.“

Wir laufen am Dorfkrug vorbei. An der hinteren Einfahrt zum Remontehof steht ein buntes Schild: „Vorsicht, Kinder!“. Brigitte Kulisch hat es direkt an ihrem Zaun hingestellt. „Wir haben es da bewusst aufgestellt“, erzählt sie. „Weil hier so viele Kinder unterwegs sind – und unvernünftige Autofahrer, die sehr schnell fahren.“ Deshalb wollte sie handeln. Sie habe es von der Ostsee mitgebracht, aus Kühlungsborn. „Mein Junge hat zwar zu mir gesagt ,Schön ist anders’, aber es fällt auf, und darauf kommt es an.“
In dem Zusammenhang spricht Brigitte Kulisch gleich noch die Ortsvorsteherin Gundula Klatt an. „Es gibt ein Parkproblem am Dorfkrug“, sagt sie. Immer wieder würden Autos am Straßenrand direkt vor der Gaststätte parken – dafür sei die Straße aber zu schmal. Gundula Klatt ist das Problem bewusst. Es gäbe Parkplätze am und auf dem Remontehof. Wenn die voll sind auch an der Remonteschule und am Friedhof. Aber weit laufen wollen die Leute auch nicht, sagte sie.

Apropos laufen: Läuft man über den Remonteweg weiter auf den Germendorfer Weg, gelangt man zur Kinderallee. Wer möchte, kann dort für ein neugeborenes Bärenklauer Kind einen Baum pflanzen. Viele haben die Gelegenheit schon genutzt. Wir laufen weiter direkt auf den Remontehof. Dort ist das Museum im Depot. „Der Heimatverein war in der Coronazeit im Ruheschlaf“, erzählt der Vorsitzende Ulrich Rack. „Man konnte ja nichts machen.“ Aber das soll sich langsam ändern. Unten im Museum befindet sich ein kleines Feuerwehrmuseum mit alten Fahrzeugen und Teilen. Oben, über eine steile Treppe, kommen wir ins Heimatmuseum. Die Fotogruppe „Blende 7“ aus Vehlefanz zeigt da ihre Fotos. Vor allem zu sehen sind dort aber ein Original-Ärztezimmer aus Bärenklau sowie einige Möbel aus der alten Schule. Sehr interessant ist ein Modell der Remonteschule vor dem Umbau. „Mit dem Museum haben wir bald was Neues vor“, sagt Ulrich Rack. Künstler aus Bärenklau und Oberkrämer sollen verstärkt dort ausstellen können.

Der Remontehof selbst ist gerade eine Baustelle. Es entsteht ein neuer Regenwasserkanal. Direkt davor ist der Storchenblick, ein kleines Podest, von dem aus man auf das Storchennest schauen kann. Neben dem Spielplatz ist eine Tafel, auf der steht, wie viele Jungstörche es gab, wann die Störche kamen und wegflogen. Jemand hat an der Seite krakelig „Interessiert keinen“ draufgeschrieben. Gundula Klatt lächelt: „Stimmt doch gar nicht.“

Der Wendemarker Weg ist eine der Hauptverkehrsachsen, sie sieht sich weit durch das Dorf. Gerade wird überlegt, wie man die Straße sanieren kann. Durch die Baustellenfahrzeuge beim Autobahnbau sind insbesondere die Randbereiche stark in Mitleidenschaft gezogen worden. „Es gibt schon erste Planungen“, sagt Ortsvorsteherin Gundula Klatt. Auf der linken Seite ist die Kita, vor uns die Brücke unter der Autobahn.
Auch dahinter geht Bärenklau noch weiter. Dort befindet sich nämlich der Bahnhof – die Regionalbahn 55 ist allerdings nicht sehr zuverlässig. Mit dem neuen Gewerbegebiet könnte der Bahnhof allerdings eine neue Bedeutung bekommen.

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“Was sie uns ins Herz gepflanzt hat, das bleibt”

Montag, den 1. November 2021
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Pfarrer Thomas Hellriegel spricht in Vehlefanz auf der Beerdigung von Erika Kaatsch über eine besondere Liaison

MAZ Oranienburg, 1.11.2021

Vehlefanz.
Der Friedhof in Vehlefanz war am Sonnabendvormittag voller Menschen. Sie waren gekommen, um Erika Kaatsch an ihre letzte Ruhestätte zu begleiten. Am 18. Oktober war sie im Alter von 87 Jahren gestorben. Sie war Ortsvorsteherin, Mitglied im Gemeindeparlament und Vorsitzende des Seniorenbeirates.

„Erika Kaatsch und Vehlefanz, das war schon eine besondere Liaison“, sagte Pfarrer Thomas Hellriegel in seiner Trauerrede. Sie habe viel Zeit und Kraft für ihren Ort und darüber hinaus investiert. Sie habe ein Motto gehabt, das sie ihr Leben lang begleitet habe: „Wir schaffen es nur, wenn wir zusammenhalten.“ Pfarrer Hellriegel erinnerte an die vielen Stationen im Leben von Erika Kaatsch. An ihre Zeit als Ausbildungsleiterin beim Konsum, als Vorsitzende der Konsumgenossenschaft, ihre Arbeit in der Kommunalpolitik. „Zu Hause war sie hier, in ihrem Heimatort“, so Hellriegel weiter. Auch während ihrer Zeit der Krankheit habe sie mit offenen und fröhlichen Augen auf das Morgen geschaut. „Wir trauern, weil wir Abschied nehmen müssen, aber was sie uns ins Herz gepflanzt hat, das bleibt.“

Matthias Schreiber, der Vorsitzende der Bürger für Oberkrämer, die Erika Kaatsch mitgegründet hatte, nannte sie die „Frau mit dem großen Herzen“. Sie sei besonders gewesen, habe das aber immer abgetan, wenn man ihr das gesagt habe.

Als der Sarg zum Grab getragen wurde, standen die Menschen auf dem Friedhof Spalier.

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Freundlich, aber immer ihr Ziel vor Augen

Mittwoch, den 20. Oktober 2021
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Erika Kaatsch mischte mehr als 20 Jahre lang in der Kommunalpolitik in Oberkrämer mit – sie baute die Seniorenarbeit in der Gemeinde auf – die „Alte Schule“ ist ihr letztes Lebenswerk – im Alter von 87 Jahren ist sie gestorben – ein Nachruf

MAZ Oberhavel, 20.10.2021

Vehlefanz.
Wenn Erika Kaatsch zu einem Pressetermin einlud, dann war sie immer perfekt vorbereitet. Hat sich Notizen gemacht, ihre Unterlagen und Ordner standen auch bereit. Die Frau wusste, was sie wollte, und ihre Ziele hatte sie auch immer fest im Blick. Oberkrämer voranbringen, Neues schaffen, das war ihr Ziel.
Am Montag ist Erika Kaatsch gestorben. Sie wurde 87 Jahre alt. Ein Schaffensreiches Leben ist zu Ende gegangen.

Es begann auf einem großen Bauernhof bei Posen im heutigen Polen. Dort wurde sie am 28. August 1934 geboren. „Als Kind ging es mir gut, wir hatten eine große Wirtschaft”, erzählte sie anlässlich ihres 80. Geburtstags 2014 in einem MAZ-Gespräch. Doch am 19. Januar 1945 hatte sich alles geändert. „Die russische Front war durchgebrochen, wir mussten unsere Heimat verlassen.” Mit Pferd und Wagen, aber ohne Ziel machte sich die Familie auf Richtung Westen. Der Vater fehlte, er musste in den Krieg ziehen — und kehrte auch nicht mehr zurück. „Am Anfang haben wir gedacht, wir müssen nur über den nächsten kleinen Fluss.” Aber die Reise war länger, viel länger. Bei minus 15 Grad reisten sie bis in den Berliner Raum. Sie landeten in Börnicke im Havelland.
Die Familie — Erikas Mutter mit fünf Kindern — kam auf einem Bauernhof unter. Die Zeit war hart. „Wir hatten kaum etwas. Es ging ums nackte Überleben.” Glück im Unglück: Die Leute, bei denen die Familie unterkam, waren nett, und die Mutter hatte auf dem Hof Arbeit. „Ich glaube, wenn mein Vater aus dem Krieg zurückgekommen wäre, dann wäre mein Leben ganz anders verlaufen”, so Erika Kaatsch. „Er hätte uns wieder eine Existenz aufgebaut. Meine Mutter konnte das nicht.”

Erika Kaatsch begann nach der 8. Klasse eine Lehre beim Konsum und wurde Verkaufsstellenleiterin in Grünefeld. „Oft haben die Lebensmittel nicht gereicht”, erinnerte sie sich. 1956 lernte sie ihren Mann Helmut kennen. Ein Jahr später haben sie geheiratet. Sie zog zu ihm nach Vehlefanz, auf einen Hof an der Lindenallee. In den 70er-Jahren machte sie ein Fernstudium zur Ökonompädagogin und wurde in Oranienburg Ausbildungsleiterin in der Konsumgenossenschaft, später war sie Mitglied im Kreisvorstand beim Konsum. Schon damals hatte sie sich immer schützend vor ihre Leute gestellt. Der Fels in der Brandung.

Das Jahr nach der Wende brachte den nächsten Schicksalsschlag. 1990 starb ihr Mann Helmut an Lungenkrebs. Ihre Familie war es, die sie wieder aufrichtete. 2014 sagte Erika Kaatsch, ihre Familie gebe ihr Kraft.

1993 war sie aus der Konsumgenossenschaft ausgeschieden. Sie wollte sich ein neues Betätigungsfeld suchen. Nichts tun – das kam für sie gar nicht in Frage. „Ich bin zur Gemeinde gegangen und habe gesagt, wenn es Arbeit gibt, nehme ich sie an.” Und, klar, es gab Arbeit. Mit den Bürgern für Oberkrämer kam sie ins Gemeindeparlament. Vehlefanz wurde ein Teil von Oberkrämer. Sie wurde Ortsvorsteherin. Sie gründete den Seniorenbeirat. Sie war es, die die Senioren in den Dörfern zusammenhielt. Sie lud zu Weihnachtsfeiern, zur Seniorenwoche und vielen weiteren Veranstaltungen ein, wo Senioren zusammenkamen. Schaffenskraft. Durchsetzungskraft. Damit machte sie sich nicht nur Freunde – aber schon meistens. Durch ihre Ortsvorsteher-Tätigkeit war sie Ansprechpartnerin für Leute im Ort. Und präsent, das war sie immer. Immer war sie mit ihrem Auto unterwegs. So ziemlich jeden Tag düste Erika Kaatsch von A nach B und weiter nach C. Ihr Terminplan war oft voll. Sie fuhr bis fast zum Schluss selbst – auch Touren auf der Autobahn machten ihr nichts aus. Ängstlich war sie nie.

2016 verließ sie den Hof, auf dem sie 60 Jahre gewohnt hatte, ganz freiwillig. Es war wieder eines ihrer Projekte gewesen, das sie jahrelang verfolgt und schließlich auch durchgesetzt hatte. Die „Alte Schule“ an der Lindenallee stand jahrelang leer. Den Leerstand wollte sie nicht hinnehmen, und natürlich gab es eine Idee: Dort entstand schließlich eine altersgerechte Wohnstätte. Und für Erika Kaatsch stand fest: Sie wird dort einziehen und ihren Lebensabend verbringen. Kisten wurden gepackt, von vielem hatte sie sich trennen müssen. Als die Wohnstätte fertig war, zog sie um.
Die Arbeit im Seniorenbeirat gab sie später an Kerstin Laatsch ab. Natürlich auch das organisiert. Ihre Nachfolgerin hatte sie nach und nach eingearbeitet. Bei den Kommunalwahlen 2019 trat sie nicht mehr an – ihr kommunalpolitischer Abschied. Was natürlich nicht heißt, dass es nichts mehr zu organisieren gab. In der „Alten Schule“ war sie bis zum Schluss die gute Seele, die auch dort für den Zusammenhalt gesorgt hat.
Am Ende hatte sie mit Krankheiten zu kämpfen – aber selbst in dieser Zeit versuchte sie immer, stark zu bleiben.

Meine letzte Begegnung mit ihr war im Juli – im Vehlefanzer Edeka. „Kommen Sie doch mal auf einen Kaffee vorbei“, sagte sie. Sie erzählte vom Pavillon auf dem Hof hinter der „Alten Schule“. Trotz Krankheit – der Tatendrang blieb ihr.
Nun ist sie nicht mehr da. Sie wird fehlen. Die kleine, freundliche, aber durchsetzungsstarke Frau hat Vehlefanz verlassen. Erika Kaatsch wird immer in Erinnerung bleiben.

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