aRTikel

Das zweite Berlin im Krämer Wald

Donnerstag, den 6. Februar 2014
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Die Nazis bauten zwischen Pausin, Staffelde und Bötzow Anlagen auf, die die Bomber von der Großstadt ablenken sollten

MAZ Oranienburg, 6.2.2014

OBERKRÄMER/KREMMEN
Alles sollte aus der Luft betrachtet so aussehen wie das Original: Straßenzüge, Kreuzungen, Häuser und viel Licht. So, wie es 1940 rund um die Friedrichstraße in Berlin-Mitte eben aussah. In Wirklichkeit befand sich das Areal auf einem Feld zwischen Eichstädt und Vehlefanz. Die Straßenschluchten waren beleuchtete Waldschneisen. Neu-Berlin sagten die Leute damals zu dieser sogenannten Scheinanlage. Rund um die Reichshauptstadt bauten die Nazis im Zweiten Weltkrieg diese Anlagen auf, um die englischen und amerikanischen Bomber von ihren eigentlichen Zielen abzulenken. An anderen Stellen wollten sie angriffswürdige Ziele vertuschen.

Über dieses Kapitel deutscher Geschichte ist bislang nur wenig bekannt. Der Berliner Hobbyforscher Peter Reinhardt befasst sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema. Am Dienstagabend hielt er einen Vortrag in Grünefeld (Havelland). „Es gibt kaum Infos und Dokumente“, erzählte er.

Rund um den Krämer Wald, in einem Gebiet zwischen Pausin, Staffelde und Bötzow befand sich die größte Anlage in der Region. Sie trug die Bezeichnung „V-500“, die Engländer gaben ihr den Namen „Decoy-City“ oder auch „Berlin-Nauen 1“. Sie sollte an zwölf Stellen eine Gesamtdarstellung von Berlin simulieren. Dazu gehörte die Friedrichstraße nahe Eichstädt, Bahngleise und Güterbahnhöfe bei Eichstädt, Grünefeld und Perwenitz oder ein Flughafen bei Pausin. „Die Leute in diesen Gebieten fragten sich immer wieder, warum dort ab und zu Bomben gefallen sind“, erzählte Peter Reinhardt. Oftmals sei erst nach dem Krieg die Existenz einer solchen Anlage klar gewesen.
Mehrere dieser Bauten standen nahe Pausin. Nördlich des Dorfes installierten die Nazis Metallwannen mit einem Altöl-Benzingemisch. Die Flammen sollten aus der Ferne einen Großbrand simulieren. Ebenfalls bei Pausin ist ein ganzer Flughafen zum Schein simuliert worden. Dazu gehörten große Modellflugzeuge aus Holz, die immer hin und hergeschoben worden seien, um Verkehrsbewegungen darzustellen. Auf einem Acker bei Perwenitz gab es ganze Schienenanlagen, die den Bahnverkehr aber ebenfalls nur simulierten. Ebenso nahe Eichstädt und Grünefeld. Die heutige Autobahn 10, der Berliner Ring, war damals noch nicht fertig, aber der Brückenkopf bei Paaren im Glien stand bereits, die Fundamente dienten ebenfalls als Scheinanlage. Nahe der alten Grünefelder Mühle standen Scheinwerfer, auf einem Feld am Vehlefanzer Weg bei Börnicke sind ähnliche Entdeckungen gemacht worden. Auf den Feldern zwischen Staffelde, Groß-Ziethen und Klein-Ziethen befanden sich, ähnlich wie bei Eichstädt, beleuchtete Schneisen im Wald – auch sie sollten teilweise die Großstadt darstellen. Wer zwischen Paaren im Glien und Perwenitz unterwegs ist, wird nahe der Tankstelle am Berliner Ring auf alte Fundamente solcher Bauten treffen. „Man muss aber ganz genau hinsehen“, sagte Peter Reinhardt. „Es steht beispielsweise eine Holzhütte darauf.“ In einem Waldstück bei Schönwalde-Glien entdeckte er lauter Erdhügel, auf denen in den 1940er-Jahren Scheinwerfer standen, die ebenfalls einen Teil der Stadt Berlin simulieren sollten.

Kräfte der Luftwaffe stellten den Betrieb der Anlagen sicher. Um sie vor Bombenangriffen zu schützen, sind jeweils unweit davon leichte Bunker gebaut worden. In Grünefeld ist einer heute noch zu sehen.
Dass Berlin etwa 30 Kilometer weiter südöstlich vom Krämer Wald liegt, bekamen die Engländer aber schnell mit. Auf Karten vermerkten sie die Scheinanlagen von „Decoy-City“. 30 englische und amerikanische Flieger sind bis zum Ende des Krieges in der Region abgestürzt.

Peter Reinhardt hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Kapitel der Scheinanlagen bekannter zu machen. Er sucht weiter nach Zeitzeugen, Fotos und Dokumenten

*

Simulierte Heinkel-Werke bei Nassenheide
Eine Auswahl von Scheinanlagen während des Zweiten Weltkrieges:
Bei Mühlenbeck befand sich in den Rieselfeldern eine Anlage, die mit Scheinwerfern und Rauch einen Großbrand simulieren sollte. In der Nähe von Nassenheide sind Teile der Anlage des Germendorfer Heinkel-Werkes nachgestellt worden.
In einem Gebiet zwischen Pausin, Staffelde und Bötzow befand sich die Scheinanlage „V-500“. Innerhalb dieses Kreises sind diverse Maßnahmen ergriffen worden, um die Bomber von Berlin abzulenken. Zwischen Staffelde und Groß-Ziethen befanden sich beleuchtete Waldschneisen, die Berliner Straßenzüge darstellen sollten.
In der Region Eichstädt/Vehlefanz befanden sich Signalraketen, Schein-Bahn- und Verkehrsanlagen sowie ein Scheinfeuer. Auch ist dort ein Teil von Berlin-Mitte durch Schneisen und Lichter simuliert worden. Eine weitere Anlage bestand, laut einer Karte, zwischen Velten und Schönwalde.
Südlich von Pausin ist ein Testfeld angelegt worden, auf dem alle Scheinanlagen erprobt worden sind. Auch gab es dort eine komplette Flugplatzanlage – ebenfalls nur zum Schein. Noch vor dem Bau des Berliner Rings diente der schon fertige Brückenkopf nahe Paaren im Glien ebenfalls als Scheinanlage.

aRTikel

53-mal Willi: Aufgelöst, aufgemischt, umbenannt

Freitag, den 27. Dezember 2013
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MAZ Oranienburg, 27.12.2013

OBERHAVEL
Was, schon wieder vorbei? 2013 ist fast Geschichte, und auf den 53 „Willi“-Seiten dieses Jahres ist so einiges passiert.

Musik:
Oranienburger Musiker haben es auf dem Stadtfest im Juni schwer. Es gibt keinen Platz für den Nachwuchs – ganz anders als in Hennigsdorf.
Das Jazzkomplott aus Oranienburg hat mit „Hypermut“ ein neues Album herausgebracht – erstmals mit selbstgeschriebenen Stücken.
Das Projekt Muetzen feierte seinen fünften Geburtstag.
Produzent Kristian Tilgner aus Hennigsdorf legt mit Darius und Finlay ein neues Album vor: „Summer is here“.
„Die anderen Kinder“ aus Hennigsdorf legten eine Zwangspause ein, weil zwei der vier Bandmitglieder länger im Ausland sind.
Radiopilot verkündete das Aus.
„No Voltage“ aus Hohen Neuendorf hat sich aufgelöst, dafür gibt es jetzt „Coast of Madness“.
Ali Rhabarber und die Pfirsichräuber aus Groß-Ziethen haben Pech: Die Band sucht einen Sänger und einen Drummer.
Adrian Sarac (18) aus Mühlenbeck veröffentlicht seine erste Single. Ein Album soll auch in Arbeit sein.
Die Musicalgruppe Glienicke führt ein „Blues Brothers“-Stück auf und darf damit sogar nach Polen.
Schock dagegen für „Gruppenzwang“. Bandmitglied T-Krizz stirbt im August bei einem Autounfall.

Schule:
An den Oranienburger Gymnasien feiern „Der Penner“ und der „Iwahn“ ihr Comeback. Die Schülerzeitungen erschienen wieder.
Probleme gibt es mit den Klassenfahrten. Lehrer müssen immer öfter dafür in die eigene Tasche greifen.
Nach dem schweren Hochwasser in Süd- und Mitteldeutschland veranstalten die Schüler des Granseer Strittmatter-Gymnasiums ein Benefizkonzert.

Internet:
Die Band Right Now steht bei den Oberhavel-Facebook-Charts mit 5736 Fans ganz oben. Auf Platz zwei: die Band Funhouse, dahinter die Hohen Neuendorfer Himmelspagode. Im Januar 2014 gibt’s das nächste Ranking.
Der Umgang mit Facebook ist bei vielen übrigens noch mit viel Halbwissen verbunden. Deshalb veranstalten immer mehr Jugendklubs, wie der in Schönfließ, entsprechende Seminare.

Und sonst?
In Oranienburg wird Anfang Mai eine fröhliche Party zum Albtraum. Plötzlich tauchen Fremde im Haus auf, die alles kurz und klein hauen.
Nils (23) erzählt bei „Willi“, wie er sich mit dem Aids-Virus angesteckt hat. Oft hatte er ungeschützten Sex.

aRTikel

1993: Regine Hildebrandt lobt neue Sommerfelder Rehaklinik

Dienstag, den 25. Juni 2013
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April/Mai 1993 -> 11.5.2013

Vor 20 Jahren: Ausbau des Hellmuth-Ulrici-Geländes kommt voran / Zoff um Schildower Amtsdirektor / Racheakt in Friedrichsthal

MAZ Oranienburg, 25.6.2013

Was passierte vor 20 Jahren im damaligen Kreis Oranienburg? Diesmal der Mai und Juni 1993.

OBERHAVEL
An der B 96 bei Nassenheide soll ein Motel gebaut werden. Entsprechende Pläne werden am 21. Mai 1993 bekannt. Entstehen soll es in rustikaler Blockbauweise mit mehr als 30 Betten, einer Gaststätte, Sauna und einem Fitnessbereich.

Der Löwenberger SV gewinnt das Fußball-Kreispokalfinale. Gegen den 1. FC Kremmen gewinnt die Mannschaft mit 3:2.

Die SPD ist die große Siegerin bei der Wahl zum Gemeindeparlament in Stolpe-Süd. Am 23. Mai 1993 bekommt sie mehr als 50 Prozent der Stimmen. Werner Ebert wird neuer Bürgermeister. Nach heftigen Streitigkeiten und dem Rücktritt fast aller Gemeindevertreter ist die Wahl notwendig geworden.

Sprengmeister Horst Reinhardt steht am 25. Mai 1993 vor seinem bis dahin schwierigsten Fall. Am Bachstelzenweg in Lehnitz muss eine 500-Kilo-Bombe entschärft werden. Sie liegt in sechs Metern Tiefe, lange muss erst das Grundwasser abgepumpt werden. Am Ende ist eine Sprengung aber doch nicht notwendig, Reinhardt gelingt es, sie zu entschärfen.
Nur 24 Stunden später ist wieder Bombenalarm, diesmal auf dem Gutsplatz in Lehnitz.

Peter Ihloff soll nicht mehr Amtsdirektor in Schildow sein. Sieben von acht Mitgliedern des Amtsausschusses sind am 26. Mai 1993 für seine Abberufung. Die Unzufriedenheit über die Arbeitsweise Ihloffs im Amt Schildow ist groß. Mühlenbecks Bürgermeister Helmut Woggon bemängelt vor allem das Finanzchaos, aber das bringt ihm Ärger ein. Auch Waggon sieht sich Rücktrittsforderungen ausgesetzt, denn die Mühlenbecker Gemeindevertretung hatte eigentlich gegen die Abwahl Ihloffs gestimmt. Die Mühlenbecker wollen Einspruch gegen die Entscheidung einlegen. Woggon bleibt zunächst Ortschef.

Am Birkengrund in Wensickendorf sollen auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern drei Tennisplätze entstehen. Zum Komplex gehört ein Klubhaus. Die Gemeindevertreter erhoffen sich auch Impulse für die Jugendlichen im Dorf.

Nach dem Brandanschlag von Solingen, bei dem Ende Mai 1993 fünf türkische Bewohner sterben, demonstrieren Schüler des Oranienburger Runge-Gymnasiums am 3. Juni gegen Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass.

Die Liebenwalder Marktschule platzt aus allen Nähten. Die Konsequenz: Die 3. Klasse wird im kommenden Schuljahr 1993/94 in Räumen der Schule in Neuholland unterrichtet.

Erstmals wird der Kulturpreis des Kreises Oranienburg vergeben. Er geht 1993 an die Marwitzer Keramikerin Hedwig Bollhagen, die für ihre jahrzehntelange Arbeit geehrt wird.

Brandenburgs Sozialministerin Regine Hildebrandt (SPD) kommt am 9. Juni zur Eröffnung der Sommerfelder Rehaklinik. Es handelt sich um die erste Stufe des Ausbaus der Hellmuth-Ulrici-Kliniken. Hildebrandt versprach, sich um den Landtausch zu kümmern, denn das Gelände in Sommerfeld gehört immer noch dem Land Berlin.

Racheakt in Friedrichsthal. Vier Männer verwüsten ein Haus am Ortsrand, die Polizei kann sie am 9. Juni 1993 bei einer Verfolgungsjagd schnell festnehmen. Der Tat ging ein Vorfall voraus, bei dem der Hund der betreffenden Familie von einem anderen Hund gebissen worden ist. Daraufhin kam es zu einer brutalen Schlägerei unter den Besitzern.

aRTikel

1993: Christliches Jugendzentrum ohne Mietvertrag

Sonntag, den 17. Februar 2013
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Januar 1993 -> 26.1.2013

Vor 20 Jahren: Oranienburger Jugendliche nur noch mit Bleiberecht / Zoff in den Gemeinden Neu-Vehlefanz, Stolpe-Süd und Freienhagen

MAZ Oranienburg, 16.2.2013

Was passierte vor 20 Jahren im damaligen Kreis Oranienburg? Diesmal die erste Hälfte im Februar 1993.

OBERHAVEL
Das Christliche Jugendzentrum in Oranienburg steht in seinen Räumen in der Bernauer Straße ohne Mietvertrag da. Doch vorerst haben die Jugendlichen ein Bleiberecht. Wie es weitergehen soll, ist allerdings noch offen.

Die Gemeinde Neu-Vehlefanz muss einen Kredit in Höhe von 1,3 Millionen Mark aufnehmen, um wenigstens das Dringendste zahlen können. Amtsdirektor Helmut Jilg kritisiert die schwierige Zusammenarbeit.

Am unbeschrankten Bahnübergang zwischen Wensickendorf und Zehlendorf sterben am 2. Februar 1993 zwei Menschen. Die Fahrerin hat das Signal der Diesellok nicht gehört.

Die Mühlenbecker Abgeordneten geben grünes Licht für einen geplanten Hotelpark. 30 Millionen Mark sollen auf dem Gelände nördlich der Autobahn bis 1994 investiert werden. Bis zu 200 Gäste könnten in Bungalows unterkommen.

Das in Eichstädt geplante große Erlebnis- und Einkaufszentrum ist vom Land Brandenburg abgelehnt worden. Der Unmut im Amt Oberkrämer ist groß. „Vielleicht können wir ja in 20 Jahren als Wildhüter arbeiten“, sagt Bärenklaus Bürgermeister Karsten-Peter Schröder.

Am Kremmener See entsteht ein auf Pfählen errichtetes Gasthaus. Am 1. Mai 1993 will Bauherr Günter Funk es einweihen. Auch die danebenliegende Badestelle wird umgestaltet.

Die Entscheidung ist gefallen: Oranienburg wird Kreisstadt des neuen Kreises Oberhavel. Politiker in Gransee, Zehdenick, Fürstenberg und Löwenberg fordern die Potsdamer Landesregierung auf, den Beschluss zurückzunehmen.

Zoff in Stolpe-Süd: Die Gemeinde ist handlungsunfähig. Am 9. Februar 1993 treten vier Gemeindevertreter zurück, nachdem ihnen die Kommunalaufsicht Formfehler bei der Auswahl zweier Ratsmitglieder vorgeworfen hatte. Ärger gibt es auch um die geplante Ansiedlung eines Asylbewerberheimes.

Noch mehr Zoff in Freienhagen: Viele Bürger stürmen am 11. Februar 1993 den Gemeinderat, wollen über aktuelle Probleme sprechen, doch sie kommen nicht zu Wort, weil die Gemeindevertreter Wortmeldungen nicht zulassen. Es kommt zum Eklat, die Bürger verlassen wütend die Sitzung. Im nichtöffentlichen Teil tritt daraufhin Bürgermeister Uwe Mewes zurück.

In Kremmen und Schwante setzen unbekannte Personen Gewerbetreibende unter Druck und verlangen Schutzgelder. Die Rede ist von 300 Mark im Monat. Auch in Velten soll es ähnliche Fälle geben.

Das Kopfsteinpflaster in der Dorfstraße in Germendorf entwickelt sich zu einem Unfallschwerpunkt. Innerhalb von nur drei Tagen kommt es zu mehreren Unfällen mit drei Toten und sieben Schwerverletzten.

RTelenovela

Bahnbekanntschaften (70): Verschrotten, die Scheiße!

Freitag, den 26. Oktober 2012
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(69) -> 13.10.2012

Die Berliner S-Bahn macht uns momentan mal wieder besondere Freude. Man kann ja viel über sie sagen, zum Beispiel, dass sie, ähm… ab und zu fährt, dass die Türen hat und vorne ein Fahrer sitzt. Was man keineswegs sagen kann, ist: dass sie verlässlich ist, pünktlich. Das ist umso bitterer, weil der Regionalexpress momentan nicht wirklich fährt.

Als die S1 von Berlin nach Oranienburg am Donnerstagnachmittag ewig im Bahnhof Oranienburger Straße rumsteht, ist schon klar: Irgendwas ist schon wieder faul. Auch im Nordbahnhof stehen wir länger als gewöhnlich. Auf dem Gleis nebenan fährt die S2 ein. Kurz zuvor muss bestimmt worden sein, dass der Zug dort ausgesetzt wird. Verwirrt steigen die Leute aus, sehen sich um, und dann kommt die Ansage: Wegen einer Weichenstörung endet die S2 dort, Fahrgäste nach Blankenburg und Bernau müssen in unseren Zug umsteigen.
Und unser Zug war schon voll. Nun noch voller.
In Gesundbrunnen ist die Situation ähnlich, alles voller Menschen. In unserer kuscheligen S1 wird es immer enger.

Als wir vor Pankow erneut stehenbleiben, meldet sich der Fahrer: Wegen einer Weichenstörung komme es zu Verzögerungen.
Im Abteil flüstert ein Mann einer Frau zu: “Verschrotten, die Scheiße!” Die Frau lächelt nur.
Eines muss man ja den S-Bahn-Nutzern lassen: Sie regen sich offenbar nicht mehr wirklich über den Murks auf, den sich die Bahn in Berlin und Brandenburg leistet. Inzwischen weiß jeder, dass die S-Bahn, insbesondere die S1 sowieso nicht mehr pünktlich unterwegs ist.
Irgendwie ist es schockierend, wie sich die S-Bahn in nur wenigen Jahren ihr bis dahin sehr gutes Image kaputtgemacht – oder eher kaputtgespart – hat.

In Pankow bekommen wir mit, dass auch die S8 ausfällt. Es scheint, dass die S1 – unser Zug – der einzige ist, der auf der Strecke überhaupt noch fährt. Oder besser: schleicht.
Auf dem Bahnhof Pankow-Heinersdorf machen wir wieder eine längere Rast. Auf den Anzeigetafeln auf dem Bahnsteig steht nur noch “Ansage beachten”. Eine Frau ruft durchs Handy, sie würde sich verspäten und “keine Ahnung”, wann sie denn ankommt.
Langsam zuckeln wir weiter bis Blankenburg, irgendwo tuckern wir dann offenbar auch am kaputten Signal vorbei.

Zu dem Zeitpunkt, als unsere Bahn hätte in Oranienburg ankommen sollen, erreichen wir gerade mal Mühlenbeck-Mönchmühle. Mit 25 Minuten kommen wir an der Endstation an. Wobei wir froh sind, dass wir überhaupt angekommen sind.

RTelenovela

Bahnbekanntschaften (69): Die S1 auf Abwegen

Samstag, den 13. Oktober 2012
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(68) -> 28.9.2012

Die S-Bahn fährt gerade in den Bahnhof Bergfelde ein, als die Leute hinter mir nervös auf ihren Fahrplan sehen. Bergfelde? Wieso denn Bergfelde? Die S1 fährt doch gar nicht nach Bergfelde.
Doch, momentan schon. Aber das ist ein Geheimnis.

Wegen Bauarbeiten verlässt die S1 zwischen Hohen Neuendorf und der Bornholmer Straße in Berlin ihre eigentliche Strecke.
In Oranienburg erfährt man das nur am Rande. Schon fünf Tage nach Einrichtung der Umleitung ließ die Bahn ein paar Zettel in den Schaukasten hängen. Über die neuen Abfahrtszeiten lässt man die Oranienburger auf dem bahnsteig aber weiter im Unklaren. Wobei die Zeiten sowieso wurscht wären, denn die Uhren funktionieren seit Wochen nicht – wie übrigens auch die Fahrtzielanzeiger seit Jahren nicht funktionieren und schon seit Ewigkeiten ein falsches Fahrtziel angeben. Das ist nichts anderes als beschämend.

Kurz bevor die S-Bahn Hohen Neuendorf erreicht, informiert der Fahrer über die Umleitung. Oder besser: Er nuschelt irgendwas ins Mikro. Die Leute im Anteil hinter mir hören dementsprechend auch nicht richtig hin.

Für die Umleitung der S1 blieb der Bahn nur wenig Vorbereitungszeit. Dementsprechend hatte in den sieben Wochen auch niemand Zeit, sich um die Anzeigetafeln in den Waggons zu kümmern. Im Zeitalter der Technik ist es offenbar nicht möglich, die veränderte Strecke anzuzeigen und anzusagen. Zwischen Hohen Neuendorf und Bornholmer Straße bleibt das Display aus, die Computerstimme schweigt. Der Fahrer muss die Stationen selber ansagen.
Nicht wirklich professionell. Aber das sind wir ja von der Berliner S-Bahn gewöhnt.

Inzwischen – wir haben Schönfließ erreicht – haben die Leute hinter mir die Strecke gefunden, auf der wir unterwegs sind. Glücklicherweise wollen sie zum Brandenburger Tor und sitzen somit im richtigen Zug.

Auf der Rückfahrt nach Oranienburg hat der Fahrer immerhin noch den Bahnhof Berlin-Pankow angekündigt. Danach hatte er auf die Laberei wohl keine Lust mehr – oder er hat’s schlicht vergessen. So rollte die Bahn minutenlang durch die Dunkelheit, um dann irgendwo plötzlich stehenzubleiben. Und als sich plötzlich der Fahrer meldete – “Oranienburgeinsteigenoranienburgzurückbleiben!” – war klar: Huch, das war dann wohl Mühlenbeck-Mönchmühle. Konnten wir auf dem dusteren bahnhof leider nicht so richtig erkennen.

RTelenovela

Mein BMW und ich (19): Da pfeift doch was?!

Mittwoch, den 16. Mai 2012
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(18) -> 15.2.2012

Kürzlich war mein Auto in der Reparatur. Es quietschte beim Fahren. Jetzt hat es neue Bremsscheiben und -beläge, und es quietscht nicht mehr.
Oder doch?

Als ich am Abend zwischen Lehnitz und Summt durch den Briese-Wald fahre, höre ich plötzlich etwas: so ein leises Pfeifen. So ein Zischen. So ein Irgendwas.
Ich mache das Radio leiser. Ja, da ist was. Ich mache das Fenster auf und warte, bis ich an Leitplanken vorbeikomme, da hört man ja in der Regel seine eigenen Fahrgeräusche besser.
Ja, und irgendwas ist da.
Als ich durch Summt fahre, ist das Geräusch immer noch da. Es macht mich wahnsinnig, innerlich verfluche ich meinen Werkstattmann, der offensichtlich irgendwas übersehen hat. Ich sehe mich schon wieder bei ihm vorfahren.

Eine gute Stunde später. Ich steige in Mühlenbeck wieder ins Auto und fahre auf die Hauptstraße in Richtung Autobahn.
Und wieder: dieses Geräusch. Ich mache das Radio aus, und da ist es immer noch. Allerdings: Es kommt von innen. Irgendwas im Auto zischt, pfeift oder quietscht. Aber während des Fahrens ist das schlecht rauszufinden.
Ich biege in eine Seitenstraße und halte an. Radio aus. Ich beuge mich nach vorn, zur Seite: zzzzzzzfffffff…

Und da bemerke ich es. Ich entdecke die Quelle des Geräusches: Es ist die Flasche Cola im Rucksack auf dem Beifahrersitz. Die Cola zischt. Ich drehe den Verschluss fester zu, und plötzlich ist es ganz still im Auto.
Dann muss ich wohl doch nicht in die Werkstatt, und den Fluch über den Werkstattmann hebe ich auch wieder auf. Da hat er aber noch mal Glück gehabt.