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Wendejahr 1989: Schmutziger Tanz hinter grüner Fassade

Juli 1989 -> 22.7.2009

Rückblick: Rasante Autofahrer, fröhliche Flatower und ein kultiger Spielfilm im August 1989

MAZ Oranienburg, 14.8.2009

Was stand im Wendejahr 1989 in der Märkischen Volksstimme (MV)? Wir blättern wieder mal zurück. Diesmal der August vor 20 Jahren.

OBERHAVEL
Es ist ja nicht so, dass die Märkische Volksstimme 1989 ausschließlich ein Jubelparteiorgan ist. Im Volksmund heißt die Zeitung zu dieser Zeit „Meckerstimme“. Auch wenn die Fluchtwelle über Ungarn kein Thema im Blatt ist, zu meckern gibt es trotzdem etwas.

„Wild wuchernd präsentiert sich die Freifläche in der Oranienburger Sandtnerstraße gegenüber des von außen gepflegten Jugendclubs Freundschaft“, heißt es am 1. August 1989 im Blatt. Und die Mahnung: „Hier wäre ein konzentrierter Einsatz nötig.“

Apropos: „Stell dich ein zum Arbeitseinsatz für die Solidarität“, ruft die MV am 17. August 1989 ihre Leser auf. „MV ruft alle – viele haben schon zugesagt.“ Geplant sei ein Arbeitseinsatz für die Schönheit der Kreisstadt Oranienburg. Auf der sogenannten Pferdeinsel in der Nähe des Blauen Wunders muss Gestrüpp und Müll beseitigt werden. Zum 40. DDR-Geburtstag soll schließlich alles ein bisschen schicker aussehen.

Auch wenn die Lebensmittel knapp sind – vor dem besagten großen Tag im Oktober kümmert sich die SED offenbar um die Erweiterung der Verkaufsstellen im Kreis. In Velten-Süd öffnet die Kaufhalle nun schon um 6 Uhr, um die Bewohner mit Milch und Brötchen zu versorgen.

Ganz Flatow war auf den Beinen: Am 11. August berichtet die MV vom Fest „40 Jahre BSG Traktor Flatow – 40 Jahre DDR“. Der Festumzug durch das Dorf war 100 Meter lang, eine Blaskapelle lief vorneweg.

Schock in Oranienburg: Der Filmpalast ist nun nicht mehr ocker, sondern grün. Dummerweise ist die Farbe aber nur aufgesprüht worden. Nach dem ersten Regenguss nahm auch der Fußweg vor dem Kinogebäude genau diese grüne Farbe an.

Die Kinogänger selbst haben Mitte August unterdessen ein besonderes Filmerlebnis: Endlich läuft der Tanzfilm „Dirty Dancing“ auch in Oranienburg. Als sich Johnny und Baby auf der Leinwand küssen, ist der Saal tagelang ausverkauft.

Mitte August 1989 wird an diversen Stellen in Oranienburg gebaut: Die neue Kinderkrippe gleich neben dem Märchenhäuschen und dem katholischen Friedhof im Neubaugebiet „Zentrum“ nimmt Gestalt an. Im Oktober soll sie eröffnet werden. Auch das neue Wohngebiet am Bötzower Platz wächst weiter.

Empörung im Polizeibericht vom 25. August 1989: Elf Kraftfahrer waren in der 30-Zone in der Oranienburger Robert-Koch-Straße zu schnell unterwegs. Dafür gab es ein Ordnungsgeld und drei Stempel in die Führerscheinpapiere. Ein gewisser Thomas R. war mit seinem Trabi am rasantesten: Mit 79 Sachen auf dem Tacho erwischten ihn die Beamten – Fahrverbot.

Und dann war da noch der „Jette“-Artikel über ein langweilig gestaltetes Schaufenster im Zentrum der Kreisstadt. Da müsse doch mal was geschehen, hieß es in der MV. Die Antwort vom Verantwortlichen kam nicht prompt, aber bald: Der Gestaltungsvorschlag liege seit Juli auf dem Tisch, hieß es. Die Umsetzung solle bis Ende November 1989 realisiert werden. In der DDR ging eben alles doch ziemlich – langsam.

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Ein Kommentar zu “Wendejahr 1989: Schmutziger Tanz hinter grüner Fassade”

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