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Wendejahr 1989: Oranienburger Benzin war heiß begehrt

Rückblick: Ansturm auf Tankstellen / Der April 1989 in der „Märkischen Volksstimme“

MAZ Oranienburg, 30.4.2009

Was stand im Wendejahr 1989 in der Märkischen Volksstimme (MV), der Vorgängerin der heutigen MAZ? Wir blättern zurück.

OBERHAVEL
Das war kein Aprilscherz: Am 1. April 1989 veröffentlichte die Oranienburger MV großflächig den gemeinsamen Wahlvorschlag der Nationalen Front für die Wahl des Kreistages Oranienburg rund sechs Wochen später. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass diese Wahl schwere politische und gesellschaftliche Folgen haben sollte.
Vor dem 40. Republikgeburtstag war die Versorgung mit Lebensmitteln offenbar ein ganz großes Thema im Kreis Oranienburg. Gleich mehrere Verkaufsstellen öffneten im April 1989. Im Zentrum der Oranienburger Straße des Friedens, der heutigen Bernauer Straße, fanden die Bürger ein neues Angebot: die Wurst- und Fleischwarenhandelsstelle der HO (Handelsorganisation). Heute befinden sich dort ein Fleischer und ein Bäcker. Im Geschäft daneben konnten sich die Leute stärken: „Schnell und frisch“ nannte sich das „Imbissangebot der besonderen Art“. Auch 20 Jahre später befindet sich an der Stelle ein Bistro.
Am 20. April 1989 berichtete die MV über die Eröffnung der neuen Kaufhalle in Wensickendorf, die Anfang 2009 keinen Betreiber mehr fand. Die Marwitzer freuten sich unterdessen über ein neues Fleischwarengeschäft in den Räumen der vormaligen Welschen Schlächterei.
Oranienburgs Bürgermeisterin Hildegard Busse hielt Anfang April 1989 in Sachsenhausen eine Festrede: Seit 15 Jahren gehörte der Ort zu Oranienburg, und seitdem sei einiges geschaffen worden: eine moderne zehnklassige Oberschule, zwei Kindergärten, ein Festplatz und die F 96, die gerade einen neuen Fahrbahnbelag erhielt.
Die MV-Leser hatten unterdessen ganz andere Sorgen: die viel zu langen Schließzeiten der Tankstelle an der Sachsenhausener Straße. Und dann war oft zur selben Zeit auch noch die zweite Tankstelle Oranienburgs an der Kremmener Straße dicht. In einer Stellungnahme von Minol hieß es, dass die Tankstellen mehrmals täglich ihre gesamte Kapazität verkaufen würden.
Zur großen FDJ-Aktion „Max braucht Schrott – wir bringen 10 000 Tonnen mehr“ steuerten Jugendfreunde aus dem Kreis Oranienburg 143,8 Tonnen bei. Das berichtete die MV am 6. April. Der höchste Anteil kam aus dem Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf mit 60 Tonnen. Die Schuljugend schaffte 1,8 Tonnen.
Nach schönen Frauen wurde auch im Arbeiter- und Bauernstaat gesucht: Marion Strobach gewann die Wahl zur Miss Hennigsdorf 1989.
Ansonsten setzte sich der mehr oder weniger schnöde DDR-Alltag fort: Die Klasse 8b der Pestalozzioberschule in Birkenwerder feierte die Jugendweihe – mit voller Freude auf das, was kommen wird. „Auch wenn nicht jeden Tag die Sonne scheint“, schrieb einer der Schüler in der MV. Das war jedoch sicherlich nicht als politische Kritik gemeint.

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