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Görliwood

Donnerstag, den 6. November 2014
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Wer durch Görlitz, der am östlichsten gelegenen Stadt Deutschlands, spaziert, fühlt sich wie im Museum. Die Stadt blieb im Zweiten Weltkrieg fast komplett verschont von Bomben. So sind die Straßen gesäumt von alten Häuserblocks, an den Marktplätzen stehen alte Rathäuser, Hotels und viele andere historische Bauten. Görlitz hat etwa 4000 meist schon restaurierte Baudenkmale. Nirgendwo kann man sich wohl ein so großes, original erhaltenes Gründerzeitviertel ansehen wie in der ostsächsischen Stadt.

Deshalb ist Görlitz gleichermaßen spannend wie beklemmend. Man fühlt sich in eine andere zeit zurückversetzt. Kein Wunder, dass Filmemacher Görlitz für sich entdeckt haben. Dort stehen die Kulissen, die anderswo erst mühsam aufgebaut werden müssen. In “Görliwood” entstanden “Der Vorleser”, “The Grand Budapest Hotel” oder “Inglourious Basterds”.

Mit einem Oldtimerbus ging ich auf große Standrundfahrt. Wir zuckelten über die schmalen, holprigen Straßen, und überall gab es was zu Staunen. Natürlich durfte auch ein Abstecher in die Oststadt nicht fehlen, dem heutigen Zgorzelec in Polen. Einmal über die Neiße gefahren, und schon sprechen die Menschen, obwohl es sich gewissermaßen immer noch um Görlitz handelt, eine andere Sprache.

Es heißt vielerorts, Görlitz sei die schönste Stadt Deutschlands. Das ist sie nicht. Görlitz gehört jedoch ohne Zweifel zu den interessantesten Städten. Wer eine Zeitreise wagen will, der sollte nach Ostsachsen fahren.

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Berlin, Ortsteil Osinów Dolny (2): Kurz vor Schluss

Donnerstag, den 18. September 2014
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(1) -> 15.4.2014

Es ist später Nachmittag auf Berlins größtem Polenmarkt, der ziemlich weit weg von Berlin und nicht mal in Deutschland liegt. Das Gelände in Osinów Dolny wirkt nach 17 Uhr noch trostloser als sonst.
Eigentlich dachte ich, dass es zum Nachmittag, wenn die Leute Feierabend haben, auf dem Polenmarkt noch voller ist als am Vormittag. Aber das ist ein Trugschluss. Um diese Zeit ist dann so gut wie gar nichts mehr los.

Die allermeisten Händler haben ihre Stände schon abgeräumt und zugedeckt. Ein paar wenige harren noch aus und fragen die Vorbeigehenden: “Zigaretten?”
Auch der Händler mit den unglaublich hässlichen Gartenfiguren hat noch nicht aufgeräumt, und ein bisschen was zu essen gibt’s auch noch.
Nur noch wenige Leute verirren sich auf dem Markt. Im überdachten Center selbst sind die Händler auch schon dabei, aufzuräumen. Nur wenige sitzen noch vor ihren Klamottenständen, und sie wirken ein wenig wie Drogendealer, so “konspirativ” schauen sie einen an, wenn man an ihnen vorbeigeht.

Knapp 20 Minuten dauert unser Bummel über den Markt, wären wir nicht wenige Kilometer davon in der Nähe gewesen, die Reise von zu Hause aus extra dorthin, hätte sich nicht mehr gelohnt.

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Grenzhopping: Viermal Polen und zurück

Dienstag, den 6. Mai 2014
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Wie sehr Europa zusammenwächst, lässt sich in Guben in Ostbrandenburg besonders gut beobachten. Wer dort am Ufer der Neiße steht, hat nicht den Eindruck, als handele es sich links und rechts vom Flussufer um zwei Städte und zwei Länder.
Es wird immer von Berlin gesprochen, wenn es um eine geteilte Stadt geht. Guben ist 1945 geteilt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Neiße zum Grenzfluss. Rechts gibt es nun Gubin in Polen, links Guben in Deutschland.
Seit einigen Jahren gibt es keine Grenzkontrollen mehr, und es ist kein großer Akt mehr von Guben nach Gubin zu fahren. Offiziell sind und bleiben es zwei Städte – aber vielleicht tut sich ja im Denken der Menschen noch etwas.

Ich fahre über die Neißebrücke, und schon bin ich in Polen – aber doch irgendwie noch in der selben Stadt. Die Straßen sind ein wenig schlechter, die Verkehrsschilder sehen anders aus. Und überall wird für billige Zigaretten und Benzin geworben. Damit werden die Deutschen über die Neiße gelockt.
Ich stehe am polnischen Neißeufer und blicke rüber nach Deutschland. 1945 muss sich dort Schlimmes abgespielt haben. Guben ist heftigst bombardiert worden. Als die Stadt geteilt worden ist, mussten die Deutschen den neuen polnischen Teil verlassen.

Auf der polnischen Seite reden die Menschen – wie sollte es anders sein – polnisch. Obwohl ja eigentlich normal, geht das kaum in den Kopf. Man geht 100 Schritte über die Neiße und versteht die Menschen nicht mehr. Vermutlich können mehr Polen deutsch als andersrum.

Ich fahre mit dem Auto zurück nach Guben und laufe noch einmal rüber. Ich stehe vor dem alten Rathaus, das wohl vor 1945 für ganz Guben eine Bedeutung hatte. Im Kopfsteinpflaster ist noch zu erkennen, wo früher die Straßenbahn unterwegs war. Nach 1945 ist sie nicht mehr gefahren.
Ein paar Meter neben der Autobrücke über der Neiße befindet sich eine Fußgängerbrücke. Auch dort laufe ich rüber. Die Theaterinsel – das Theater ist im krieg zerbombt worden – liegt bereits auf polnischer Seite. Der Grenzübertritt ist an dieser Stelle so selbstverständlich, dass dort nicht mal mehr ein Grenzschild steht.

Ich würde gern mal die Gubener fragen, wie sie das erleben. Wie sie Gubin erleben. Ob sie den Eindruck von einer Stadt haben oder von zweien. Ob die polnische Seite nur zum Tanken genutzt wird oder ob sie auch sonst dort bummeln. Ob sie überhaupt bummeln gehen.

Ich verlasse Guben in Richtung Norden. Ich fahre durch Eisenhüttenstadt. Leider eine recht verfallene Stadt, zumindest die Teile, die ich gesehen habe. In der Straße der Republik (die DDR?) steht ein verlassener Hotelkasten, ramschig, runtergekommen. Lauter alte Wohnblöcke. Ein Hauch von DDR weht noch durch die Stadt.

Mein Ziel ist Frankfurt. Eine der Hauptverkehrsstraßen ist die Karl-Marx-Straße. Wie übrigens auch in Eisenhüttenstadt. Und in Guben. Karl Marx ist dort überall noch sehr präsent.
Durch die Breite der Oder machen Frankfurt und Slubice weniger den Eindruck, dass es sich dabei mal um eine Stadt handelte. Dabei war das heutige Slubice mal eine der Vorstädte von Frankfurt. Auch diese Stadt ist 1945 geteilt worden.
Ich nutze die Chance, in Slubice zu tanken. Der Sprit ist gut 15 Cent billiger als in Deutschland – was auch nicht mehr die Welt ist. Erstaunlicherweise ist das Benzin in deutscher Grenznähe übrigens auch nicht besonders billig. Kommt man weiter ins Landesinnere, in Richtung Berlin, ist es sogar billiger, und der Preisunterschied zu Polen wird noch kleiner. Die Mineralölunternehmen wissen schon, wie sie ihre Kohle bekommen.

Zum vierten Mal verlasse ich innerhalb von zwei Stunden Polen in Richtung Deutschland. Ein interessanter deutsch-polnischer, europäischer Trip liegt hinter mir. In eine Region, in der zwei Länder eng zusammenrücken – zumindest äußerlich.

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Berlin, Ortsteil Osinów Dolny

Dienstag, den 15. April 2014
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Wenn die Deutschen im östlichen Grenzgebiet billig einkaufen wollen, dann fahren sie einmal über die Oder nach Polen. Nur wenige hundert Meter hinter der Landesgrenze befindet sich der Polenmarkt. Und damit sich die Deutschen dort zu Hause fühlen, geben die Polen den Gästen das Gefühl, immer noch im eigenen Land zu sein.
Und nicht nur das: Ein großer Schriftzug hat mich sehr überrascht – und auch ein bisschen bestürzt. Denn der “Polenmarkt Hohenwutzen” ist “Berlins größter Polenmarkt”.

Fassen wir zusammen: Ich bin zwar in Polen, aber irgendwie auch in Berlin. Ich bin zwar in Osinów Dolny (Niederwutzen), aber irgendwie auch im deutschen Hohenwutzen. Man möchte es den Deutschen so heimisch wie möglich machen, deshalb bezahlt man hier natürlich in Euro. Zloty-Preise sind auf dem polenmarkt nicht mal angegeben. Vermutlich kommen polnische Leute auch gar nicht dorthin, weil es zwar für die Deutschen recht billig ist, für die Polen aber sicherlich ein teures Pflaster.

Es ist mein erstes Mal auf dem Polenmarkt, ich wollte mir das Treiben dort einfach mal ansehen. Und interessant ist es dort allemal.
Klamotten sind dort definitiv billiger. Allerdings ist es mir nicht gelungen, einzuschätzen, ob es sich um gefälschte Ware handelt. Experten können das aber ganz sicher auf einen Blick sehen. Interessanterweise verkaufen die Polen Klamotten wie die von “Thor Steinar” und anderen berüchtigten Kram massenweise.

Billig sind auch CDs und und DVDs. Die jedoch sind ganz sicher nur Kopien. Da kostet eine Doppel-CD mit einem Hitsampler schlappe 8 Euro. Ein Album gibt#s in der Regel für 5 Euro. Das Cover ist eine ausgedruckte Bilddatei, leicht unscharf. Die CD entpuppt sich sofort als selbstgepresst. Aber wenn der verkäufer sie anpreist und darauf hinweist, dass die Scheibe in Deutschland 18 Euro koste, dann werden die Käufer schon mal schwach. Kopie? Ach, wurscht. Die CDs kosten an allen Ständen gleich. Mir kann keiner erzählen, dass das verschiedene Händler sind. Handeln ist mit ihnen jedenfalls nciht wirklich möglich.
Duftwässerchen sind ebenfalls billig – und falsch. Die Produkte sehen aus wie Markenware, sie riechen wohl auch so ähnlich. Aber da wird aus “Joop” schon mal “Jurp”. Lustig. Und irre.
Lebensmittel sind, wenn überhaupt, nur geringfügig billiger. Benzin ist nur noch gut 20 Cent preiswerter als in Deutschland. Asperin und ähnliche Produkte gibt’s auch außerhalb der Apotheken und kosten nur gut die Hälfte von dem, was man hierzulande auf den Tisch legt. In den Lokalen spart man aber schon noch den einen oder anderen Euro.

Ein Besuch des Polenmarktes lohnt sich trotzdem – oder gerade deshalb. Das alles mal zu sehen – das Grundstück sieht aus wie eine Industrieruine – ist durchaus eine Erfahrung. Und wenn man sich vorher eine Liste macht, was man denn eventuell brauchen könnte – dann lohnt sich’s auch finanziell. Für Raucher sowieso.

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Adam Gusowski/Piotr Mordel: Der Club der polnischen Versager

Freitag, den 21. Juni 2013
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Was die Deutschen von den Polen halten, wissen wir. Polen klauen Autos. Polen saufen. Polen arbeiten schwarz. Das sind die Klischees.
Wie die Polen von uns Deutschen halten, wissen wir dagegen nicht so genau.
Adam Gusowski und Piotr Mordel kamen einst nach Berlin und gründeten 2001 den “Club der polnischen Versager”. In ihrem gleichnamigen Buch erzählen sie, wie es dazu kam und rollen gleich mal alle Klischees aus, die es im gegenseitigen Verständnis zwischen Deutschland und Polen gibt.

Da geht es um die deutschen Autobahnen, die als ordentlich gelten (na ja, stellenweise) und um die polnischen, die… bis kurzem gar nicht wirklich existierten. An anderer Stelle schildern die Autoten, wie es war, als bei der Fußball-EM Deutschland gegen Polen antrat und die Polen in der Zwickmühle waren, als Podolski ein Tor schoss. Es geht um die mitunter schwierige deutsche Sprache und um die Ordentlichkeit.

Es gibt in dem Buch durchaus schmunzelige Momente, auch viele erhellende. Gusowski und Mordel liefern einen Einblick in die polnische Seele, die man ansonsten eher selten mitbekommt.
Nett, aber nicht mehr.

Adam Gusowski/Piotr Mordel: Der Club der polnischen Versager
ro ro ro, 221 Seiten
5/10

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Mieses Essen in Polen – und Havelhausen

Dienstag, den 6. Juli 2010
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Neulich an einem Imbiss in Havelhausen: Ein Mann erzählt der Verkäuferin, dass er gerade aus Polen komme. Unterwegs habe er eine Roulade gegessen. Furchtbar sei die gewesen. Ganz dünnes Fleisch, und die Füllung bestand aus merkwürdigem Zeugs, total strähnig.
Das nächste Mal wolle er dann auf jeden Fall in Deutschland was essen gehen, denn in Polen hätte das ja überhaupt keinen Sinn, die können ja überhaupt gar nicht kochen.

Ich sitze daneben und sehe auf den Cheeseburger, den ich gerade gekauft habe. Essen kann ich ihn noch nicht, der ist kochend heiß, er kommt gerade aus der Mikrowelle. Irgendwann nehme ich ihn doch, das Brötchen ist matschig, der Burgerinhalt quillt heraus.
Offenbar gibt es das Problem des schlechten Essens nicht nur in Polen, sondern auch in Havelhausen. Aber darüber hat der Mann am Imbiss nicht gesprochen. Er hatte ja auch nur einen Eiskaffee.

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Gestern, heute, morgen: Von Wahrzeichen und Klimazielen

Sonntag, den 20. Dezember 2009
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Die Welt ist schon seltam.

Da klauen irgendwelche bekloppten Menschen im ehemaligen KZ in Auschwitz das Schild mit der Inschrift “Arbeit macht frei”. Weltbekannt, vielleicht sogar das Wahrzeiten der Gedenkstätte. Aber auf jeden Fall ein Original aus der damaligen Zeit.
Wer klaut so was? Aber auch: Wer lässt sich so was klauen? Entweder war die Aktion lange geplant und die Diebe wussten ganz genau, wann sie wo unbeobachtet sind. Oder die Polizei in Oswiecim ist unfähig.
Das Schild ist wohl unwiederbringlich, und das ist in mehrerlei Hinsicht eine Schande.

Und dann gab es da noch diesen Klimagipfel in Kopenhagen. Den, wo sich die Politiker stritten und eigentlich nur ihre wirtschaftlichen Interessen durchsetzen wollten. Klima? Katastrophe? Geht mich das was an?
Um 2 Grad soll sich die Temperatur der Erde nicht erwärmen. Das ist das Ziel. Oder eher ein Vorhaben. Oder eher irgend so eine Luftblase, an die sich sowieso niemand halten muss. Mal abgesehen davon, dass auch 2 Grad für viele Inselstaaten das Ende bedeuten und dass die jetzigen Beschlüsse eher eine Erwärmung von 3,5 Grad nicht verhindern können. Da schmeißt man lieber den armen Ländern Geld nach – damit sie es ausgeben können, wenn die Katastrophe passiert ist.
Zynisch, egoitisch, peinlich, traurig. Und wenn mal wieder eine Flut kommt, eine Dürre oder sonstige Katastrophen, dann hat es niemand kommen sehen – und Beileid und so.
Echt beschämend.