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Hast du einen Knall, oder was?!

Waschzettel und Leiterangst: Ticks und Marotten von Jugendlichen in Oberhavel

MAZ Oranienburg, 25.1.2012

Wenn alle Zettel im Ordner ordentlich sein müssen oder Linien auf dem Gehweg tabu sind: junge Leute berichten von ihren seltsamen Macken.

OBERHAVEL
Die Sache mit dem Haltbarkeitsdatum auf Lebensmitteln: „Wenn das Datum abgelaufen ist, esse ich nichts mehr davon“, erzählt Philipp (17) aus Oranienburg. Obwohl das Zeug noch gar nicht schlecht sein muss. Es ist eine Macke, und jeder hat eine, wenn er nur lange genug nachdenkt.

Ängste, Ticks, seltsame Angewohnheiten. So was bürgert sich schnell ein, wenn wir nicht aufpassen. „Oft wissen die anderen mehr über meine Macken als ich selbst“, sagt Bastian (25) aus Glienicke im Facebook-Chat. Schon vor zwei Wochen haben wir uns im Internet, auf unserer Facebook-Seite „MAZ-Willi OHV“ nach euren Ticks erkundigt. „Ich bin teilweise zu ordentlich und penibel“, schreibt Christin aus Fürstenberg. „Meine Uni-Ordner müssen alle ordentlich sein, sind nach Farben sortiert, und die Zettel dürfen keine Knicke haben.“ Anja verriet, dass sie ohne ihr Kuscheltier nicht schlafen kann, und Thomy berichtete, dass er „’ne ganze Weile Schlücke beim Trinken gezählt“ hat. „Das war nervig.“

Wir wundern uns zwar, krank ist das jedoch nicht. „Die psychische Krankheit beginnt da, wo Menschen unter ihrer Außergewöhnlichkeit leiden“, sagt Manfred Lütz, studierter Theologe, Autor und Chefarzt einer Kölner Klinik, im Interviewbuch „Des Wahnsinns fette Beute“. Eine Marotte sei eine „eigenartige Eigenart“, ergänzt er. Schwierig werde es nur, wenn es kein Umfeld mehr gebe, das einen erträgt, dann beginne man wahrscheinlich zu leiden, so Lütz.

Manchmal nerven Ticks und Phobien aber doch. „Ich habe Höhenangst“, erzählt Philipp aus Oranienburg. „Schon ab einem Meter. Ich kann mich nicht mal auf eine Leiter stellen. Dann habe ich ein komisches Gefühl im Bauch.“
Tobias (19) aus Hohen Neuendorf hat sich seiner Marotte entledigt: Wenn er auf Gehwegen unterwegs war, konnte er nicht auf die Linien treten. Auf dem Zebrastreifen betrat er dagegen nur die weißen Flächen. Aber das sei vorbei, ergänzt er. „Dafür muss ich immer mit Gegenständen spielen. Wenn in meiner Nähe was rumliegt, muss ich es in die Hand nehmen“, erzählt Tobias.
Auch Wanda (18) aus Lehnitz hat Ticks. Wenn sie unter der Dusche steht, dann muss sie sich immer wieder durchlesen, was auf der Shampooflasche draufsteht. Bei Mahlzeiten hat sich ein ungewöhnlicher Ablauf eingeschlichen: „Ich esse immer zuerst das, was mir am wenigsten schmeckt“, erzählt sie. „Nach dem Motto: Das Beste kommt zum Schluss.“ Allerdings sei das nur im Restaurant so, zu Hause nicht.
Wenn sich Vivien (18) aus Bergfelde eine neue Klamotte kauft, dann muss sie immer zuerst den Waschzettel abschneiden. „Den hasse ich“, sagt sie.

Fast allen Befragten geht es übrigens gleich: Kommen sie erst ins Plaudern, fallen ihnen noch viel mehr Macken, Ticks und Phobien ein.

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