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Kneipen-Test: Eigentlich ein Tempel

Kneipen-Test (21): Die Himmelspagode in Hohen Neuendorf

MAZ Oranienburg, 15.1.2003

RT/FLORIAN BÜTTNER

HOHEN NEUENDORF
Die „Himmelspagode“ ist nicht irgendein Schuppen, in den man mal einfach so hineinspazieren kann, um sich einen kleinen Imbiss zu genehmigen. Nein, die Sache muss vorher gut überlegt sein. Ohne eine Tischbestellung geht bei der kulinarischen Attraktion Hohen Neuendorfs gar nichts.
„Wissen Sie eigentlich, dass das hier eigentlich gar keine Pagode ist, sondern ein Tempel?“ Unser Restaurant-Test (Kneipe klingt dann doch zu billig) beginnt mit einem handfesten Konflikt. Bevor uns die Begrüßungsfrau begrüßen konnte, musste sie erst mit der älteren Frau vor uns ein (Peking-)Hühnchen rupfen. Die war sich ihrer Das-ist-keine-Pagode-These aber sehr sicher. Doch, mal ganz unter uns: Was sollen die armen Geschäftsleute denn jetzt tun? Das Ding umbenennen? Oder abreißen? Dabei ist diese Diskussion überflüssig: Eine Pagode ist nämlich eine Art Tempel.
An unserem Tisch ließen wir den Blick durch die Halle schweifen. Man schweift lange. Angesichts der vielen Lampen, Tische, der Menschenmassen. Alle 30 Sekunden unterbrochen von der Frage „Haben Sie schon gewählt?“ Exakt 525 Sekunden später hatten wir dann gewählt. Nur leider hat uns da gerade keiner der Kellner gefragt.
Und so sah unser Menü aus: Sauer-Scharf-Suppe (Aktionsangebot: eine zum Preis von zweien), „Ente im Fluss“ und „Langlebiges Schwein“. Die revolutionäre Sauer-Scharf-Suppe überraschte uns mit einer knusprigen Crouton-Einlage. Das langlebige Schwein hat selbiges glücklicherweise auf unserem Teller abgegeben. Die Soße sah dagegen (wieder) recht lebendig aus. Gerade vom Löffel auf den Teller gegossen, verzog sie sich schüchtern hinter die zähen Schweinehäppchen. Und erstarrte zu Gelee. An der Ente überraschte uns dementsprechend gar nichts mehr weiter. Dem Essen ist im Allgemeinen anzusehen, dass es fließbandartig zubereitet wird.
Übrigens: Während unseres gut 90-minütigen Aufenthalts stellte sich uns fast das gesamte Personal der Pagode vor. Neun verschiedene Kellner brachten uns Speisen, Getränke und erkundigten sich nach unserem Wohlergehen. Jeder von ihnen mit einem Namensschild versehen.
Sicher, die Pagode an sich ist eine große Attraktion, womit wahrscheinlich auch viele Berlin-Touristen angelockt werden sollen. Doch wer diese Attraktion einmal besucht hat, ist eher ernüchtert. Jedes „normale“ China-Restaurant kann es mit der Pagode aufnehmen. Besonders in Sachen Ruhe und Gemütlichkeit. Und der Geldbeutel sieht das sicherlich genauso.

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2 Kommentare zu “Kneipen-Test: Eigentlich ein Tempel”

  1. sabi

    wie recht du hast, mein juter!

  2. RT

    Ja, irgendwie interessant dort, nächstes Mal gehen wir aber zu einem gemütlicheren, spendableren, leckereren und preiswerteren Chinesen.

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