RTZapper

Erlebnis Hessen: Tante Emma reloaded – Die neuen Dorfversorger

Freitag, den 29. Juli 2022
Tags: ,

DI 26.07.2022 | 20.15 Uhr | hr fernsehen

In Sommerfeld, einem Ortsteil von Kremmen in Brandenburg, gibt es schon viele Jahre keinen Supermarkt mehr. Jahrelang haben einige Engagierte versucht, wenigstens einen kleinen Tante-Emma-Laden ins Dorf zu holen – auch das hat nicht geklappt. Bis heute gibt es im Dorf keine Lebensmittel.
Der hr zeigte am Dienstagabend eine Doku über eine Idee, die für solche Dörfer auf jeden Fall interessant sein könnte.

Katharina und Carsten Marin haben im Marburger Land im Rhein-Main-Gebiet auch die kleinen Läden auf dem Dorf vermisst. Ein paar Kartoffeln? Sie mussten weite Wege fahren. Aber das Betreiben eines Ladens ist zu teuer. Die Idee: Regioautomaten. Davon haben sie in der Region inzwischen 19 aufgestellt, und die Geschäfte laufen gut. Es geht darum, die Automaten mit Lebensmitteln aus der Region zu füllen. Butter, Wurst, auch mal Bier.
Inzwischen bewerben sich die Dörfer bei den Marins, damit sie bei sich auch so ein Ding bekommen. Gerade die Älteren sind zwar skeptisch, weil sie ungern solche Automaten bedienen, aber die Neugier siegt am Ende.

“Tante Emma reloaded – Die neuen Dorfversorger” hieß die Doku in der Reihe “Erlebnis Hessen” im hr. Der Film zeigte, dass man bei der Nahversorgung der Menschen auch mal ganz neue Wege gehen kann. Wenn es sich schon nicht lohnt, einen Laden einzurichten, dann lohnt es sich vielleicht, wenigstens solche Automaten aufzustellen. Die dortigen Einkäufe sind ein bisschen teurer als im Supermarkt – dafür sind es aber Waren von um die Ecke.
Das könnte ein schöner Trend sein!

-> Die Sendung in der ARD-Mediathek (bis 19. Juli 2023)

Hits: 145

RTZapper

Unser Land in den 90ern

Freitag, den 4. März 2022
Tags: , , , , ,

MO 28.02.2022 | 13.45 Uhr | WDR

Rosenmontag im WDR. Das Dritte aus dem Westen zeigt einen Rückblick aus den 90ern. Was da so los war in NRW. Sehr spannend. Waren ja immerhin noch ganz andere Zeiten.
Aber, Moment: Rosenmontag im WDR? “Unser Land in den 90ern”? Müsste da nicht ein erbauliches Karnevalsprogramm laufen? Mit fröhlichen Schunkelliedern?

Aber es hat sich ausgeschunkelt. Der WDR hat sein komplettes Karnevalsprogramm gecancelt. Der Ukraine-Krieg lässt solche Schunkeleien momentan nicht zu.
Als an Weiberfastnacht am Donnerstag davor “Weiber live” vorzeitig beendet wurde, war auch klar, dass der WDR sein Programm umstellen wird.
Das ist deshalb bemerkenswert, weil der WDR normalerweise sechs Tage lang – von Weiberfastnacht bis zum Fastnachtsdienstag – komplett auf Karneval ausgerichtet ist. Heißt: Riesige Programmflächen mussten neu bestückt werden. Allein am Sonntag und Rosenmontag quasi das komplette Programm.
Vermutlich sind einige Leute in der Programmplanung da ordentlich ins Schwitzen geraten, als klar war, dass man über Tage sich ein neues Programm ausdenken musste.
Man behalf sich mit der Rückblickreihe des WDR: “Unser Land in den ..ern”, die quasi von vorn bis hinten und auf den verschiedensten Programmplätzen lief – vom Vormittag bis in die Nacht.

Ähnlich traf es auch das SWR-Fernsehen und auch das hr fernsehen, an Fastnacht auch das BR-Fernsehen – überall, wo Karneval oder Fasching gefeiert wird.

Aber nicht nur das: Auch zahlreiche Unterhaltungssendungen sind angesichts des Ukraine-Krieges ausgefallen. Das SWR-Fernsehen verzichtete auf den “Schlagerspaß”, das mdr-Fernsehen auf ein Schlagerquiz mit Florian Silbereisen.
Bei den Privatsendern fielen dagegen kaum Unterhaltungsshow aus – was vielleicht daran liegt, dass sie viel zeitloser sind. “DSDS” bei RTL ist eh vorproduziert und lässt sich auch in einer Krise senden. Ebenso die Topmodelsuche und die Stapelshow bei ProSieben.

Hits: 170

RTZapper

Besser Welt als nie

Montag, den 28. Februar 2022
Tags:

DO 24.02.2022 | 20.15 Uhr | hr fernsehen

Was kann man dem Wahnsinn dieser Zeit entgegensetzen? Frieden! Begegnungen mit Menschen? Brücken bauen!
Dazu passte die Doku “Besser Welt als nie” von Dennis Kailing am Donnerstagabend im hr fernsehen sehr gut. Er war nämlich mit dem Fahrrad unterwegs.
Und die Daten sprechen schon für sich. 761 Tage. 43.600 Kilometer. 41 Länder. Sechs Kontinente. Einmal die Erde umrundet.

Der 24-Jährige aus Hessen wollte auf seiner Tour rausfinden, “was einen glücklich macht”. Und deshalb stieg er in seinem Heimatort auf das Rad, um immer in Richtung Osten zu radeln.
Dabei geht es nicht nur darum, tolle Landschaftsaufnahmen zu zeigen. Kailing begegnet auf seiner Tour vielen Menschen. Sie helfen ihm, sie zeigen ihm ihr Lebensumfeld, es entstehen kurzzeitige Freundschaften. Es sind viele Momentaufnahmen, die aber immer wieder zeigen, wie ähnlich wir Menschen uns dann doch sind. Wir haben am Ende doch ähnliche Werte, selbst wenn sich die Lebensweise sehr unterscheidet.
Allerdings gab es auch schwierige Tage. Da gab es heftige Regenfälle in den Anden Südamerikas, in Myanmar wurde Kailing sehr krank, und im australischen Outback war er sehr alleine.

Raus in die Welt. Das Fernweh ausleben. “Besser Welt als nie” war das beste Gegenmittel an diesem traurigen Donnerstag.

-> Die Doku in der ARD-Mediathek (bis 27. März 2022)

Hits: 164

RTZapper

hessenschau extra: 75 Jahre Hessen – Große Lightshow am Landtag

Donnerstag, den 7. Oktober 2021
Tags: ,

SO 03.10.2021 | 20.15 Uhr | hr fernsehen

Für alle, die den Titel “Lightshow am Landtag” nur gehört und nicht gelesen haben: Nicht Leidshow, im Sinne von schlimmem Leid. Sondern Lightshow – also Licht. Aber vielleicht klingt “Lichtshow am Landtag” zu billig. Oder zu Deutsch.

Der hr übertrug am Sonntagabend im Rahmen einer “hessenschau extra” so eine Lichtshow live aus Wiesbaden. Am hessischen Landtag wurde aus Anlass des 75-jährigen Bestehens der hessischen Verfassung eine Lasershow veranstaltet. Sie sollte die Werte der Demokratie in den Fokus rücken – immer hat Hessen die älteste Verfassung in der Bundesrepublik Deutschland.

Zu sehen war in dieser Übertragung der Schlossplatz in Wiesbaden, lauter Leute mit Regenschirmen – das Wetter war eher mies und der Landtag.
Blöderweise scheint man den Leuten vom hr nicht so richtig erzählt zu haben, was denn genau bei dieser Lasershow passiert. So zeigte die Regie immer wieder irgendwelche Gebäudeteile, an denen gerade gar nichts passierte. Oder die Kamera schwenkte planlos von links nach rechts, von oben, nach links und wieder nach rechts. Irgendwo auf der Fassade hätte ja gerade was passieren können.

Eine dauernde Totale vom Gebäude – das kam für die Leute vom hr natürlich nicht in Frage. Denn man scheint davon auszugehen, dass die Leute ohne Bildschnitte wegdämmern würden. Dabei erfolgten die Bildschnitte ja im Film, der auf die Landtagsfassade gestreamt worden ist.
Aber vermutlich sind Fernsehleute mit der Übertragung einer Fassaden-Lasershow schlicht überfordert zu sein.

-> Die Sendung in der ARD-Mediathek (bis 3. Oktober 2022)

Hits: 181

RTZapper

Ferdinand von Schirach: Feinde

Dienstag, den 5. Januar 2021
Tags: , , , , , , , , , , ,

SO 03.01.2021 | 20.15 Uhr | Das Erste / one / Dritte Programme

Ein Film, zwei Blickwinkel, elf Sender. Die ARD ist ja eher selten wirklich experimentierfreudig, aber am Sonntagabend hat sie es mal wieder gewagt.

Ein junges Mädchen wird entführt. Der Entführer fordert von der reichen Familien viel Geld für die Freilassung. Kommissar Nadler ermittelt und fokussiert sich auf das Umfeld der Familie. Sicherheitsmann Kelz wird verhört, und Nadler ist sich sicher: Kelz hat das Mädchen entführt. Weil aber Kelz nichts zugibt und auch nicht sagt, wo das Mädchen ist, greift er zu drastischen Mitteln.
Strafverteidiger Biegler muss sich vor seiner Frau rechtfertigen, weil er Kelz verteidigen wird. In der ausführlichen Befragung seines Mandanten bringt er Ungeheuerliches ans Licht.

Das Thema von “Ferdinand von Schirach: Feinde” ist extrem spannend. Denn der Zuschauer war bei der Entführung dabei, und man kann ziemlich sicher sein, dass Kelz ein Täter ist. Ziemlich. Aber nicht hundertprozentig.
Nadler foltert Kelz während des Polizeiverhörs, um ein Geständnis zu erpressen. Ist diese Art der Folter legitim? Sind alle Mittel recht, um ein Mädchen aus ihrer Gefangenschaft zu befreien?
Die Antwort ist sehr eindeutig, denn der Strafverteidiger nimmt Nadler während der Gerichtsverhandlung regelrecht auseinander. Nadler hatte keine Beweise, die Spurensicherung war quasi nicht vorhanden, es war lediglich ein Gefühl, dass Kelz es gewesen sei. Dass Nadler Kelz gefoltert hat, fliegt dem Ermittler um die Ohren.

Bjarne Mädel spielt in “Feinde” den Ermittler Nadler, und das macht er hervorragend. Einmal mehr zeigt er, dass er ein fantastischer Schauspieler ist. Ebenso aber Klaus Maria Brandauer, der den Strafverteidiger spielt.

Es gibt zwei Versionen dieses Films. In Version 1 geht es vor allem um die Sichtweise des Ermittlers. Der Zuschauer ist dabei, wenn Nadler zunächst im Dunkeln tappt und später beim Verhör, das dann eskaliert. Diese Version lief im Ersten.
In Version 2 verfolgen wir, wie Strafverteidiger Biegler arbeitet, wie er hadert und sich dann seiner Aufgabe widmet, wie er schließlich Kelz verhört und auf die Tatsache der Folter stößt. Die erstengut 15 Minuten sind deckungsgleich, die letzten 25 Minuten auch – zumindest fast. Denn im Prozess ist die Kameraführung vor allem auf Biegler fokussiert, und am Ende erfährt der Zuschauer auch mehr über die Urteilsbegründung, während in Version 1 der Zuschauer mit Nadler relativ zügig nach der Urteilsverkündung den Saal verlässt. Version 2 lief bei one und in allen neun Dritten Programmen.

Das Experiment: Die beiden Filme laufen parallel, und der Zuschauer kann entscheiden, aus welcher Sicht er das Ganze sehen will. Oder er konnte hin- und herschalten, um zwischendurch zu schauen, was der Strafverteidiger ermittelt.
Ich habe das probiert und habe gezappt. Gut ist, dass man tatsächlich nicht nennenswert etwas in den jeweils anderen Versionen verpasst hat. Allerdings verliefen die Handlungen nicht immer wirklich parallel. So gab es in Version 1 ein Zusammentreffen von Nadler und Biegler, das aber da nicht gleichzeitig in Version 2 gab.
Andererseits gab es in Version 1 die Folterszenen, während Kelz in Version 2 die Szenen schilderte und der Anwalt darauf reagierte. Das war ein spannender Gegensatz, der auch nur so unmittelbar funktioniert.
Wer dagegen die beiden Filme hintereinander sah – weil viele den Eindruck hatten, es habe sich um einen zweiten Teil gehandelt – sah dagegen viele Doppelungen, die dann langweilig erschienen.

Version 1 im Ersten. Version 2 auf one, im WDR, NDR, radiobremen tv, BR, SWR, SR. hr, mdr und im rbb. Ein Film auf zehn Sendern. War das wirklich nötig? Die ARD hielt das offenbar für nötig, und sicherlich ist dabei zu bedenken, dass wahrscheinlich nicht jeder Fernsehzuschauer wirklich jedes Dritte Programm und one empfängt. Es heißt, dass über DVB-T nur bestimmte Dritte zu empfangen sind. Um also sicherzustellen, dass wirklich alle Zuschauer am kompletten Experiment teilnehmen können, wurde der Film also durchgeschaltet.
Ob es grundsätzlich den zweiten Film gebracht hätte, ist eine andere Sache. Das Experiment war spannend, aber mit 120 statt 90 Minuten Länge hätte man auch alles erzählen können. Was dann aber vermutlich wieder weniger Aufmerksamkeit bekommen hätte, weil es dann eben nur ein Film im Ersten gewesen wäre.

Der Umgang mit dem Experiment in der ARD war jedoch lausig. Man hat den Zuschauer mit den Filmen leider sehr allein gelassen. Man hat sich darauf verlassen, dass alle vorher informiert waren, was denn da jetzt passiert.
Nicht nur, dass der Film in den meisten Dritten nicht zeitgleich mit dem Film im Ersten startete, sondern schon etwas früher. Er startete ohne Info an die Zuschauer.
Eigentlich hätten alle elf Sender zu Beginn wirklich zusammengeschaltet werden müssen. Ein(e) Ansager(in) (ja, sowas gibt es ja leider nicht mehr) hätte den Zuschauern erklären müssen, was jetzt passiert und was die Zuschauer machen können. Auch während des Films hätte es ab und zu Einblendungen geben müssen. An bestimmten Stellen hätte man “Umschalthilfen” geben können, in dem man sagt, was gerade in der anderen Version passiert. Dazu hätte man während des Films vielleicht zwei oder drei Punkte schaffen müssen, wo sich die Storys kreuzen und man dem Zuschauer das durch entsprechende Einblendungen sagen können.
Aber die Mühe hat man sich dann leider nicht gemacht, so wirkte das ganze wie eine gute Idee, die man aber nicht zu Ende gedacht hat.

Fast elf Millionen Menschen haben am Sonntagabend zur Primetime einen der beiden Filme gesehen. Das ist ein Erfolg, und solche Experimente könnte es gern mal wieder geben. Dann aber bitte noch mehr durchdacht.

-> Die Filme in der ARD-Mediathek (bis 3. April 2021)

Hits: 345

RTZapper

Das war 2020!

Donnerstag, den 31. Dezember 2020
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Weißt du noch, damals? Als Shows in großen Hallen mit tausenden Menschen aufgezeichnet worden sind? Als in der “heute show” noch Menschen im Studio saßen und gelacht und geklatscht haben? Das war alles davor. Vor Corona.
Kein anderes Thema hat die Menschheit und somit auch das Mediengeschehen 2020 so beeinflusst wie das Coronavirus.

Okay, davor gab es noch die Umweltsau. Corona war noch weit weg. 2020 begann mit einem Skandal, der noch von 2019 ins neue Jahr rüberschwappte. Der WDR-Kinderchor und die Oma, die alte Umweltsau. Satire und so. Die führte jedoch zu einem heftigen Streit. Einerseits der Shitstorm, angeführt von rechten Kreisen. Andererseits beim WDR selbst. Dass sich Intendant Tom Buhrow für eine Satire entschuldigte, anstatt sich näher damit zu befassen oder sich vor seine Leute zu stellen, kam nicht gut an.
Apropos Shitstorm: Der rollt auch 2020 wieder zigfach durchs Land. Weil das RTL-Dschungelcamp in Australien live auf Sendung ging, obwohl es im Land riesige Waldbrände gab, sorgte bei denen, die sich schnell empören, für Empörung. Dass die Brände so weit weg waren, dass es für die Show nicht relevant war – egal. RTL rief stattdessen in den Sendungen zu Spenden auf. Ach, und wer hat eigentlich gewonnen? Kann das mal jemand googlen?
Empörung herrschte auch über den vom mdr übertragenen Semperopernball. Zuvor vergaben die Ausrichter des Balls den St.-Georg-Orden an Abd el Fatah al-Sisi, dem Präsidenten von Ägypten. Menschenrechtsverletzungen stehen bei ihm auf der Tagesordnung, und wie es zur Preisvergabe kam, ist unklar. Es heißt, man wollte einen Ball-Ableger in Ägypten etablieren. Die Wellen schlugen hoch, als Moderatorin Judith Rakers beschloss, die Moderation abzugeben. Mareile Höppner wollte einspringen, wurde aber vom Shitstorm weggefegt – am Ende moderierte Roland Kaiser allein, nicht ohne heftige Kritik zu üben.

Corona trat spätestens am 28. Januar in das Leben der Deutschen. Der erste Fall im Land. In einem “Tagesthemen extra” auf Youtube ist diese Meldung verbreitet worden. Und dann ging alles ganz schnell.
Die Fallzahlen stiegen, Mitte März gab es Einschränkungen und schließlich den ersten Lockdown. Fernsehshows mussten auf Publikum verzichten. Weil Kinos und Theater schließen mussten, zeigte der rbb diverse Aufführungen wie “Carmen”. Musiker gaben Online-Konzerte, viele Theater zeigten Stücke oder Ausschnitte davon live bei Facebook oder Youtube. Die Fußball-Bundesliga pausierte zwei Monate lang, stattdessen liefen am Sonnabend alte Länderspiele. Der Charité-Virologe Christian Drosten stieg zum Star auf, NDR Info bat ihn regelmäßig zum Coronavirus-Update, und Hunderttausende lauschten den Ausführungen. Mangels bewegter Bilder zeigte tagesschau24 den Podcast mit einem Standbild. Die Tagesschau selbst hatte plötzlich jeden Tag fast 20 Millionen Zuschauer. Alle wollten wissen, was los ist in diesem Land. Angela Merkel spricht zu den Deutschen: “Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.” Die Ansprache sehen auf verschiedenen Sendern gut 25 Millionen Menschen.

Medien im Ausnahmezustand. Und Fernsehsender, die plötzlich spontan umplanen müssen oder in Windeseile neue Formate schaffen. Bei RTL gehen Pocher, Jauch und Gottschalk zur Primetime live per Schaltkonferenz mit der “Quarantäne-WG” auf Sendung. Leider irgendwie ohne Konzept, und nach drei Sendungen ist Schluss. Auf Sat.1 bekommt Luke Mockridge eine einstündige Show, bei VOX sendet Mark Forster aus seinem Studio und holt sich übers Netz Gäste zu sich. Matze Knop witzelt jeden Tag bei Sky Sport News. Alles sehr kurzlebig. Nur Sebastian Puffpaff ist mit seiner täglichen Coronasendung bei 3sat langlebig. Es gibt Comedy-Konferenzen mit langweiligen oder gelangweilten Komikern, die zu Hause in die Kamera starren. “NDR Talk Show” und Co. wandeln sich ebenfalls zu Konferenzschaltungen – und alle zeigen, wie mies das Internet in Deutschland ist.
Kreativ wird Sido. Er meldet sich freitags zwölf Stunden lang live aus einem Berliner Loft – “Zuhause mit Sido” läuft elfmal auf Youtube. Später meldet er sich mit Knossi und weiteren Freunden live auf Twitch aus dem mehrtägigen Angelcamp. Jan Böhmermann und Olli Schulz senden mit ihrem Spotify-Podcast “Fest & flauschig” im Frühjahr fünfmal pro Woche und sorgen für Zerstreuung im Homeoffice. Klaas Heufer-Umlauf sorgt in “Late Night Berlin” für rührende Augenblicke, als er Supermarkt-Angestellten was Gutes tut und im Innenhof eines Altersheims ein Konzert veranstaltet.
Unterdessen gibt es in den Nachrichten jeden Tag die neuen Coronazahlen – und es gibt die, die alles anzweifeln. Lügenpresse. Mainstreammedien. Und andere Kampfbegriffe.
Ein Verlierer sind die Kinos. Diverse Filme verlieren ihren Leinwandauftritt – “Berlin Berlin” läuft nur auf Netflix, “Mulan” für viel Geld nur auf Disney+, auch auf Amazon Prime Video gibt es Filme zu sehen, die 2020 eigentlich hätten im Kino laufen sollen.

Und sonst? Fußball-EM: ausgefallen. Olympia? Ausgefallen. Viele, viele Events sind: ausgefallen. Es ist ein tristes, trauriges, ruhiges Jahr. Als die Bundesliga wieder läuft, ist es immer noch ruhig – in die Stadien darf weiter kein Publikum. Geisterspiele werden zur Normalität.
Auch der Eurovision Song Contest in Rotterdam: ausgefallen. Aus Versicherungsgründen konnte es offenbar auch keinen Ersatz geben. Stattdessen machte jedes Land einirgendein eigenes Finale. Unser deutscher Teilnehmer Ben Dolic – im deutschen Finale in der Hamburger Elbphilharmonie im Ersten war zu erahnen: Wir wären nicht weit gekommen. Bitte nicht wiederwählen.
Der Junior Eurovision Song Contest 2020 in Warschau: zum Glück nicht ausgefallen. Und erstmals nahm Deutschland teil und wurde: Letzter. Glück auf!

Am besten haben es im ersten Lockdown wohl die Bewohner des “Big Brother”-Hauses auf Sat.1 gehabt. Im Februar ziehen sie ein. Als sie später erfahren, was draußen los ist, ist das eine Live-Sondersendung. Experten erklären den Bewohnern, die Pandemie, die draußen herrscht. Die Show geht es – im Gegensatz zu Kanada, wo “Big Brother” abgebrochen werden muss. Am Ende gewinnt übrigens… kann das bitte auch mal jemand googeln? War übrigens ein Flop – leider. Das Publikum will mehr Zoff, mehr Trash – da war “Big Brother” fast erfreulich normal.

Trash, Zoff – da ragen zwei Formate 2020 heraus. In “Promis unter Palmen” auf Sat.1 und im “Sommerhaus der Stars” bei RTL kommt es zu heftigsten Mobbing-Attacken, die beim Zuschauen weh tun und wütend machen – aber eben auch für Quoten sorgen. Der Streamingdienst TV Now und RTL fluten das Land mit Promi-Trash-Formaten – sinnlos, die hier alle aufzuzählen, so schnell, wie sie vergessen werden. In “Kampf der Realitystars” auf RTL zwei regt sich Jürgen Milski über ein Spiel auf, das unter seinem Niveau sei. Lustig. Vor ein paar Jahren hat er bei 9Live noch ganz niveauvoll Zuschauer verarscht. Aber echt.
Und wenn ein Trash-Format plötzlich nicht mehr so richtig trashig ist, ist’s auch falsch: “Schwiegertochter gesucht” kommt 2020 mit ziemlichen Normalos daher – und schon weht auch deshalb wieder ein Shitstörmchen.

Pech hat RTL auch mit “Deutschland sucht den Superstar”. Wobei: Was heißt Pech? RTL rannte mit offenen Augen ins PR-Desaster. Jurymitglied Xavier Naidoo macht mit Corona-Leugner-Videos und wirren Aussagen von sich Reden. Vor den Live-Shows im Frühjahr wird er gefeuert. Dieter Bohlen macht sich lächerlich, weil er stundenlang rumeiert, anstatt um zu erklären, was Sache ist. Für Naidoo kommt Florian Silbereisen in die Jury, und am Ende gewinnt der Schlager: Ramon Roselly kann sich in der Schlagerbranche schnell etablieren. Im Herbst kommt Michael Wendler ins Spiel. Als Jurymitglied soll er für Quote sorgen, aber auch er gleitet in die irre Welt der sogenannten Querdenker ab. Die Medien seien gelenkt, sagt er, auch RTL – und weiteren Stuss. RTL reagiert. Wendler ist raus. Blöd nur: Die Castings sind im Kasten. Im Januar 2021 ist Wendlerzeit bei RTL – bis zum Recall.
Aber warum eigentlich der Wendler? Es war nämlich auch das Jahr von Oliver Pocher. Auch er hatte Corona, und zu Hause begann er, Instagram und Co. zu durchforsten, um den dortigen Irrsinn freizulegen. Seine Videos finden riesigen Anklang, und dabei stößt er auch auf Wendler-Aktionen. Das schaukelt sich hoch bis zu einer gemeinsamen Battle-Show bei RTL. Wendler bekommt Dokusoaps und weitere Angebote. Bis zum Aus.
Und Pocher ist bei RTL omnipräsent. Moderationen, Auftritte und eine eigene Late Night mit Ehefrau Amira.

Wer immer noch fehlt in der Medienlandschaft: Stefan Raab. Vor fünf Jahren stand er das letzte Mal vor der Kamera. Jetzt produziert er nur noch Shows, sitzt in der Regie und frisst Chips. So wird das dem Zuschauer vor jeder seiner Sendungen mitgeteilt, als ob es ein Qualitätsmerkmal sei, dass Raab irgendwie anwesend ist. Doch es herrscht Götterdämmerung. Sein “Free European Song Contest” ist nett, wirkt aber altbacken, wie seine Shows vor zehn Jahren. “Fame Maker”, wo man die Sänger nicht hören kann, ist eine nette Idee, trägt aber nicht ewig. Und die Möchtegern-Late-Night “Täglich frisch geröstet” bei TV Now ist wohl die Enttäuschung des Jahres: nicht täglich, nicht frisch, nicht geröstet, eigentlich nicht mal eine Late Night.

Der Sender Tele 5 steht vor einer ungewissen Zukunft. 2020 erfolgte die Übernahme durch Discovery, die eigentlich durch Dokuformate bekannt sind. Senderchef Kai Blasberg nimmt den Hut.
2020 mussten wir aber noch weitere Abschiede nehmen. Jan Hofer verlässt nach mehr als 35 Jahren die Tagesschau. Die Moderatorin Sabine Sauer geht nach ebenso vielen Jahren in den Ruhestand, ebenso wie ZDF-Wettermann Gunther Tiersch. Hans-Ulrich Jörges verabschiedet sich vom “stern”. Mit Zee.One hat sich ein ganzer Sender verabschiedet – wobei ihn wohl kaum jemand vermissen wird. Und nach fast 35 Jahren endete die “Lindenstraße”. Mit Helga Beimers 80. Geburtstag mussten die Fans sich von der Dauerserie trennen. Das Fernsehballett wird aufgelöst. Die Formel 1 läuft letztmals bei RTL, wandert zu Sky. Eine Ära endete Ende Dezember bei radioeins: Nach 33 Jahren und 1627 Sendungen lief letztmals die Musiksendung “Roots”. Moderator Wolfgang Doebeling geht mit 70 Jahren in Rente.

Sie werden uns fehlen. Die Schauspieler Sean Connery, Michael Gwisdek, Claude Brasseur, Irm Hermann, Kirk Douglas, Renate Krößner, Otto Mellies, Burkhart Driest, Sonja Ziemann, Thilo Prückner, Michel Piccoli und Birol Ünel. Die Komiker Karl Dall, Herbert Feuerstein und Fips Asmussen. Die Comiczeichner Albert Uderzo und Uli Stein. Künstler Christo. Promifriseur Udo Walz. Die Musikschaffenden Gotthilf Fischer, Little Richard, Ennio Morricone, Werner Böhm (Gottlieb Wendehals), Kenny Rogers, Harry Jeske und Trini Lopez. Die Journalisten Gert Müller-Gerbes, Horst Schättle, Mathias Puddig, Hermann Schreiber, Ulrich Kienzle, Geri Nasarski, Sabine Zimmermann, Volker Panzer und Julitta Münch. “Bummi”-Gründerin Ursula Böhnke-Kuckhoff. Fußballer Diego Maradona. Die Politiker Norbert Blüm, Hans-Jochen Vogel, Thomas Oppermann, Wolfgang Clement, Ingrid Stahmer und Barbara Rütting. Die Unterhalter Roy Horn und Mike Shiva. Der Filmemacher Joseph Vilsmeier. Dramatiker Rolf Hochhuth. Der Autor Carlos Ruiz Zafón.

Immer noch da ist die AfD. Da wird von Ermächtigungsgesetzen gefaselt, es werden rechte Youtuber in den Reichstag eingeschleust, und die Querdenker-Bewegung findet man dort auch irgendwie sehr gut. Nicht gut findet die AfD den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Lieber setzt man auf sogenannte alternative Medien oder sorgt gleich selbst für den Content.
Dass die CDU in Sachsen-Anhalt vorsichtshalber nicht über die Erhöhung des Rundfunkbeitrages abstimmen lässt – im Fall dessen, dass die CDU selbst ablehnt, sitzt man in einem Boot mit der AfD und riskiert einen Koalitionsbruch -, und so die geplante Erhöhung vorerst kippt, gefällt der AfD.
Immerhin gibt es bei ARD und ZDF nicht Sendungen bei wie BILD, wo die Moderatoren aus Sponsoringgründen Milchflaschen ins Bild halten und schütteln müssen. “Reif ist Live” war mehr Milchreklame als Fußball-Analyse.

Überhaupt, die BILD. Nach dem Anschlag von Hanau geht “Bild live” auf Sendung, und es werden krude Theorien on Air geschickt. Fakten prüfen? Ach was. Wozu denn?
Nach einem Familiendrama in Solingen veröffentlicht die BILD einen Chat zwischen einem Jungen, dessen Mutter und Brüder tot sind, und dessen Freund. RTL zerrt den Freund vor die Kamera. Die Sensationsgeilheit kennt keine Grenzen. Die Öffentlich-Rechtlichen machen es nicht immer besser: Nach einem Anschlag im hessischen Volkmarsen wird auch in einer hr-Sondersendung rumorakelt.

Und sonst so? Die Ärzte rocken die Tagesthemen. Joko und Klaas müssen sich für Fake-Beiträge entschuldigen – sorgen aber auch für Begeisterung, als sie ihre 15-Minuten-Live-Sendung auf ProSieben für Hinweise auf Frauenrechte und Flüchtlinge nutzen. Die CSU kann ihren Parteitag nur virtuell abhalten. Mal was anderes live auf phoenix: Angelika Niebler hat echt wenige Bücher in ihrem Regal – hätte man sonst gar nicht erfahren. Rezo hat mal wieder zerstört: diesmal die Presse, vor allem die Lügen der Klatschpresse. Der rbb kuschelte im Sommerinterview mit dem Neonazi Andreas Kalbitz (Ex-AfD) an einem lauschigen See. Blöd: Die Recherchen aus dem eigenen Haus haben die Redaktion irgendwie nicht erreicht. Und dann war da noch der Bachelor bei RTL, der am Ende einfach gar keiner Frau eine Rose schenkte. Single zu sein ist doch auch was Schönes.

2021. Bleiben Sie gesund. Werden Sie gesund. Alles wird gut. Hoffentlich.

Hits: 610

RTZapper

Der hr Comedy Marathon

Montag, den 7. Dezember 2020
Tags:

SA 05.12.2020 | 20.15 Uhr | hr fernsehen

Das Anliegen ist gut, aber so ein Anliegen kann auch ganz schnell torpediert werden.
Der Hessische Rundfunk veranstaltete von Sonnabend, 16 Uhr, bis Sonntag, 16 Uhr den “hr Comedy Marathon”. 24 Stunden lang live traten im Laufe des Tages 50 Comedians und Kabarettisten auf.
Der hr gab also einen Tag lang denen eine Bühne, die momentan keine Bühne haben. Das ist gut und wichtig, und so was sollte das öffentlich-rechtliche Fernsehen viel öfter veranstalten.

Volle 24 Stunden lang wurde das Spektakel allerdings nur im Internet übertragen, das hr fernsehen war aber immerhin 16 Stunden live dabei – von 20.15 Uhr am Sonnabend bis zum Sonntagmittag. Warum allerdings ab 12.25 Uhr lieber alte Filme und Serien gezeigt werden mussten als das das Ende des Marathons, ist eher unklar.

Es gab aber noch ein ganz anderes Problem mit dieser Show: Natürlich gab es kein Publikum vor Ort, und man entschied sich offenbar, dass man es akustisch einspielt. Allerdings muss jemand in der Regie gesessen haben, der sich vorgenommen hatte, seine ganze Kraft darin zu verwenden, alle drei Sekunden Lacher und Applaus einzuspielen. Blöderweise kann das aber auch Auftritte völlig ruinieren.
Am Sonnabendabend trat Johann König auf, und egal, was er sagte, immer gab es Lacher, Klatschen oder sonstige Emotionen. Quasi im Sekundentakt. Als König darüber spottete, dass das sein erster Auftritt seit langem sei, war das eigentlich gar nicht so lustig gemeint, dennoch wurde die Szene erbarmungslos akustisch verlacht und verklatscht. Es war schlicht nicht zu ertragen, und es war auf so sehr vielen Ebenen unangenehm.
Auch später, in der Nacht, wurde das nicht besser., und in den wenigen Reaktionen auf Twitter zur Show, wurde genau das moniert.
Einmal mehr gilt: Weniger ist mehr!

-> Der 2. Teil des Marathons beim hr auf Youtube

Hits: 340