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Firenze und ein Ära-Ende

Mittwoch, den 30. September 2020
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Wir haben mehrfach Abschied gefeiert. Meine Tante und ihr Lebensgefährte haben gute 20 Jahre lang in der Wedemark gelebt, in Meitze.
Das Gehöft, auf dem sie gelebt haben, war ein sehr schönes Fleckchen Erde. Wenn der Lärm von der ein paar Kilometer entfernten A7 nicht rüberwehte, herrschte eine stille, dörfliche Atmosphäre. Sah ich dort aus dem Fenster, blickte ich auf ein kleines Waldstück, auf der anderen Seite auf weites Feld.
Es gab eine große Terrasse, auf der anderen Seite des Zauns war eine Pferdekoppel.
Ich bin immer gern dort gewesen.
2015 sind die beiden dort weggezogen, nach Hannover rein, auf eine altersgerechte Wohnanlage. Kürzlich ist Werner gestorben, mit 92.

Fünf Jahre danach sind wir noch mal nach Meitze gefahren, um einmal ums Gehöft zu laufen. Es wohnen nun andere Leute dort, und wir leben nun von unseren Erinnerungen.
Das Lieblingslokal von ihm, und von dir auch, ist “Firenze” im Nachbardorf Bissendorf. Weil es keine richtige Trauerfeier gibt – wie von ihm gewünscht -, kam unsere Familie dennoch im italienischen Lokal zusammen, um an ihn zu denken.

Aber im “Firenze” endete noch eine Ära. Am selben Tag als Werner gestorben war, wurde vermeldet, dass der Cartoonist Uli Stein gestorben ist. Er lebte in Bissendorf-Wietze, und beim Italiener hatte er einen Stammplatz. Immer wieder war er dort, aß und rauchte. Sein Tisch wird erstmal nicht vergeben.

Die Wedemark war die Heimat des zweiten Teils unserer Familie. Nachdem mein Onkel vor fünf Jahren verstorben ist – auch er liebte Firenze in Bissendorf – gibt es kaum noch Berührungspunkte mit der Wedemark. Nur noch Erinnerungen. Firenze ist eine davon.

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Offener Parmesan in Zeiten des Coronavirus

Dienstag, den 29. September 2020
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Zu meinen Nudeln mit Lachs im Restaurant im niedersächsischen Bissendorf hätte ich gern Parmesan, und ich frage den Keller, ob ich welches haben kann. Zwei Minuten später taucht er hinter mir auf. Er steht links von mir, beugt sich mit Schüssel und Löffel runter, kommt mir dabei unangenehm nah – auch wenn er eine Art Plastikhaube vor seinem Gesicht hat -, und beginnt, den Parmesan auf meinen Teller zu schaufeln. Einen Löffel, zwei, drei, vier, und er nuschelt etwas, was ich nicht verstehe. Denn eigentlich will ich nur, dass er aufhört zu schaufeln und die doofe Schüssel auf den Tisch stellt. Und das sage ich dann auch.

Aber er verneint. Er dürfe die Schüssel nicht auf den Tisch stellen, weil das gegen die Coronavirus-Schutzregeln wäre. Er müsse den Parmesan-Rest wieder mitnehmen.
Da bin ich kurz platt. Denn immerhin darf er mir ja auch ein offenes Glas Cola bringen. Und wie Weinschorle bei uns auf dem Tisch hat er auch gebracht. Insofern ist das unlogisch. Zumal der gute Mann ja auch einfach Handschuhe tragen könnte und mir mit diesen die Schüssel hinstellen könnte. Aber das wäre vielleicht zu einfach.

Zumal man sich ja auch ansonsten um andere Regeln auch nicht schert. Zwar müssen Masken getragen werden, wenn man ins Lokal kommt. Aber eine Namensliste wird nicht geführt.
Anderthalb Stunden vorher haben wir einen kleinen Cappucchino-Zwischenstopp in einem Lokal in Mellendorf eingelegt, gerade mal 15 Minuten waren wir da, und was als erstes auf dem Tisch lag, war der Zettel, auf dem wir unseren Namen eintragen mussten.
Aber Hauptsache, ich darf die Parmesan-Schüssel nicht anfassen, aber am Cola-Glas nippen, das der Kellner in den Fingern hatte.

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Bahnbekanntschaften (84): Die Klugscheißer-Familie

Dienstag, den 11. August 2015
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(83) -> 6.1.2015

Kurze Schrecksekunde für einen jungen Mann in der S-Bahn in Bissendorf bei Hannover. Fast wäre er nicht rechtzeitig aus dem Waggon gekommen, weil die Tür, zu der er gerannt ist, defekt war.
Fast hätte er einen Kinderwagen umgerissen, der stattdessen an dieser Tür stand. Er ruft noch ein “Sorry!”, spurtet auf den Bahnsteig und hinterlässt eine empörte Familie. Das heißt, Mama ist empört, und weil Mama empört ist, ist die Tochter natürlich auch empört.

“Und dabei habe ich den Wagen doch extra dahin gestellt”, sagt die Mutter. “Also, ich hätte das ja gleich gesehen, dass die Tür kaputt ist.” Das Kind stimmte ihr zu: “Ich auch, das sieht man doch!” Und die Mutter: “Ich wäre ja gleich zu der Tür gelaufen, wo ich auch eingestiegen bin.” Das Kind ist derselben Meinung. Und die Mutter: “Deshalb stehe ich auch nicht immer erst auf den letzten Drücker auf, damit so was nicht passieren kann.” Das Kind war wieder derselben Meinung.

Wir waren uns schnell einig: Eine Klugscheißerfamile! Da wissen alle alles besser. Wie anstrengend…

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Ruhe in Frieden!

Mittwoch, den 15. April 2015
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Vor gut zwei Monaten haben wir uns in Barsinghausen das letzte Mal gesehen. Er war nicht mehr der alte, er war kleiner geworden, älter, der Lebensmut immer kleiner.
Seinen 80. Geburtstag hat er noch geschafft, genau 14 Tage danach ist er für immer gegangen. Er hat seinen Bruder, meinen Vater, um etwas mehr als vier Jahre überlebt.

In unserer Familie gehörte er immer ein wenig zu den Intellektuellen, was gar nicht böse gemeint ist. Er war sehr klug, seine Ratschläge hörte man sich immer an, ob man sie auch umsetzte, war eine andere Frage. Aber seine Ratschläge waren immer mindestens anhörenswert.

Er ist ein gebürtiger Oranienburger, ging in den 50ern nach West-Berlin und weiter nach Hannover und in die Wedemark. Direkt nach der Wende besuchten wir ihn in seinem Haus, das auf einer offenen Wiese in Bissendorf stand.
In den 90ern schloss er sich mit meinem Vater zusammen, sie machten gute Geschäfte. Seine letzten Jahre verbrachte er dort, wo er sich besonders wohl fühlte: nahe der Ostsee.

Die Zeit, in der er abbaute, war verhältnismäßig kurz. Auch wenn sie für ihn sicherlich nicht sehr schön war. Aber gelitten, hart gelitten, hat er, musste er nicht. Man könnte sagen, er hat es nun geschafft.
Mit ihm geht wieder ein Stück einer Generation in unserer Familie, und jetzt feiern sie da oben eine Party.
Ruhe in Frieden, Heinz!

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Wolkiger Stein

Sonntag, den 9. Dezember 2012
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Normalerweise kennt man Uli Stein von seinen vielen Comics, der er malt. Katzen, Hunde, Mäuse oder Männlein mit Knollennasen.
Was viele nicht wissen: Uli Stein fotografiert auch und stellt seine Werke aus.

Am Sonnabend haben wir den Künstler nur um eine Stunde verpasst. Er lebt in der Wedemark bei Hannover, wo ich ja in den vergangenen Tagen auch war. Im Bürgerhaus in Bissendorf stellt er noch bis zum 16. Dezember Fotos unter dem Titel “Himmel auf Erden” aus. Es sind mitunter beeindruckende Fotos: Landschaften mit einem gewaltigen Himmel drüber. Schwere Wolken, ganze Formationen, Gewitterwolken, Sonnenuntergänge.
Es sind ganz verschiedene Stimmungen, die Stein da einfängt, und es sind nicht immer nur angenehme. Wenn die schweren Gewitterwolken über den Feldern hängen, wenn man ahnt, dass da gleich ein Unwetter losbricht, dann wird einem schon vom Anblick mulmig.

Die Mitarbeiter vom Imago-Kunstverein erzählen, dass Uli Stein öfter mal in Bissendorf vorbeischaut. Im italienischen Lokal “Firenze” geht er immer wieder essen, danach bringt er den Vereinsleuten, die die Ausstellung begleiten, schnell mal einen Kaffee rüber. Das ist doch mal ein Künster, der sich kümmert.

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Mittagspause, aber bitte bedienen Sie sich!

Samstag, den 27. August 2011
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Bissendorf in der Wedemark scheint das Paradies zu sein. Diebstähle scheint es dort nicht zu geben. Ein Stück heile Welt mitten in Niedersachsen.

Vor einem Laden steht ein offener BMW auf dem Parkplatz. Ein schickes Auto. Natürlich, ist ja auch ein BMW. Während überall geschrieben steht, man solle nichts im Auto liegen lassen, scheint das für Bissendorf nicht zuzutreffen.
Dort lässt der Fahrzeughalter sogar sein Navi in der Halterung. Ich hätte mich einfach nur runterbeugen brauchen.

Vor dem Laden selbst, ein Modegeschäft, standen unterdessen mehrere Kleiderständer mit lauter Oberteilen für Frauen. Untergesetzt. Sale. Heute heißt der Sommerschlussverkauf ja nicht mehr Sommerschlussverkauf, sondern Sale. Klingt wahrscheinlich besser.
Meine beiden weiblichen Begleiterinnen betrachteten die Klamotten ausführlich, fanden schließlich sogar etwas. Um dann festzustellen, dass der Laden geschlossen war. Mittagspause.
Seltsam: Vor dem Geschäft hingen unzählige Klamotten, und es war niemand da, der hätte aufpassen können, ob sie vielleicht geklaut werden.
Nur im Nagelstudio nebenan nagelte ein Mann gerade seine Kundin. Frage: Ist nebenan niemand da? Frage 2: “Können wir trotzdem mal abprobieren?”
Ergebnis: Klamotte gekauft. Bezahlt beim Nagelmann.
Interessante Verkaufsstrategie. So etwas gibt es wahrscheinlich nur in Bissendorf. In der heilen Welt ohne gemeine Diebe.

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Macht sie platt, die Bayern!

Samstag, den 5. März 2011
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Eine Region im Ausnahmezustand: Wenn in der Fußball-Bundesliga Hannover gegen die Bayern aus München antritt, dann fiebern in der Region alle Leute mit. In Hannover selbst, aber auch nördlich davon, in der Wedemark.
Schon als wir uns in Meitze ins Auto setzen, muss erst mal das Radio lauter gedreht werden. NDR2 berichtet live. Hannover führt. 1:0. Erster Jubel.

Wir spazieren durch Bissendorf, sehen uns die alten Häuser und Höfe an, laufen um das Heimatmuseum rum. Das Handy klingelt. Meldung aus Meitze: Es steht nun 2:0. Noch mehr Jubel.
Wir gehen schließlich ins Café im Bürgerhaus. Und auch dort beherrscht ein Thema den Raum. Und, wie steht’s?
Inzwischen 3:1. Wahnsinn! Die Frau hinterm Tresen erzählt, dass ihr Mann heute nicht zu gebrauchen gewesen sei. Schon den ganzen Tag sei er aufgeregt gewesen, haben sich seinen Hannover-96-Schal umgelegt. Die Kollegin nickt, bei ihr zu Hause sieht es wohl heute nicht anders aus. “Und wie steht’s noch mal? 2:1?” – “Nein, inzwischen 3:1?” Und schon wieder Jubel.
Minuten später. Das Handy klingelt erneut. Kurzer Blick auf die Uhr. Das Spiel müsste jetzt vorbei sein. “Und? Gewonnen?”
Es blieb beim 3:1, und im Bissendorfer Café sind nun alle Hannoveraner. Aber jetzt schnell nach Hause. “Sportschau” gucken! Sehen, wie die Bayern blöd aus der Wasche schauen.

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