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Bahnbekanntschaften (84): Die Klugscheißer-Familie

Dienstag, den 11. August 2015
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(83) -> 6.1.2015

Kurze Schrecksekunde für einen jungen Mann in der S-Bahn in Bissendorf bei Hannover. Fast wäre er nicht rechtzeitig aus dem Waggon gekommen, weil die Tür, zu der er gerannt ist, defekt war.
Fast hätte er einen Kinderwagen umgerissen, der stattdessen an dieser Tür stand. Er ruft noch ein “Sorry!”, spurtet auf den Bahnsteig und hinterlässt eine empörte Familie. Das heißt, Mama ist empört, und weil Mama empört ist, ist die Tochter natürlich auch empört.

“Und dabei habe ich den Wagen doch extra dahin gestellt”, sagt die Mutter. “Also, ich hätte das ja gleich gesehen, dass die Tür kaputt ist.” Das Kind stimmte ihr zu: “Ich auch, das sieht man doch!” Und die Mutter: “Ich wäre ja gleich zu der Tür gelaufen, wo ich auch eingestiegen bin.” Das Kind ist derselben Meinung. Und die Mutter: “Deshalb stehe ich auch nicht immer erst auf den letzten Drücker auf, damit so was nicht passieren kann.” Das Kind war wieder derselben Meinung.

Wir waren uns schnell einig: Eine Klugscheißerfamile! Da wissen alle alles besser. Wie anstrengend…

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Ruhe in Frieden!

Mittwoch, den 15. April 2015
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Vor gut zwei Monaten haben wir uns in Barsinghausen das letzte Mal gesehen. Er war nicht mehr der alte, er war kleiner geworden, älter, der Lebensmut immer kleiner.
Seinen 80. Geburtstag hat er noch geschafft, genau 14 Tage danach ist er für immer gegangen. Er hat seinen Bruder, meinen Vater, um etwas mehr als vier Jahre überlebt.

In unserer Familie gehörte er immer ein wenig zu den Intellektuellen, was gar nicht böse gemeint ist. Er war sehr klug, seine Ratschläge hörte man sich immer an, ob man sie auch umsetzte, war eine andere Frage. Aber seine Ratschläge waren immer mindestens anhörenswert.

Er ist ein gebürtiger Oranienburger, ging in den 50ern nach West-Berlin und weiter nach Hannover und in die Wedemark. Direkt nach der Wende besuchten wir ihn in seinem Haus, das auf einer offenen Wiese in Bissendorf stand.
In den 90ern schloss er sich mit meinem Vater zusammen, sie machten gute Geschäfte. Seine letzten Jahre verbrachte er dort, wo er sich besonders wohl fühlte: nahe der Ostsee.

Die Zeit, in der er abbaute, war verhältnismäßig kurz. Auch wenn sie für ihn sicherlich nicht sehr schön war. Aber gelitten, hart gelitten, hat er, musste er nicht. Man könnte sagen, er hat es nun geschafft.
Mit ihm geht wieder ein Stück einer Generation in unserer Familie, und jetzt feiern sie da oben eine Party.
Ruhe in Frieden, Heinz!

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Wolkiger Stein

Sonntag, den 9. Dezember 2012
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Normalerweise kennt man Uli Stein von seinen vielen Comics, der er malt. Katzen, Hunde, Mäuse oder Männlein mit Knollennasen.
Was viele nicht wissen: Uli Stein fotografiert auch und stellt seine Werke aus.

Am Sonnabend haben wir den Künstler nur um eine Stunde verpasst. Er lebt in der Wedemark bei Hannover, wo ich ja in den vergangenen Tagen auch war. Im Bürgerhaus in Bissendorf stellt er noch bis zum 16. Dezember Fotos unter dem Titel “Himmel auf Erden” aus. Es sind mitunter beeindruckende Fotos: Landschaften mit einem gewaltigen Himmel drüber. Schwere Wolken, ganze Formationen, Gewitterwolken, Sonnenuntergänge.
Es sind ganz verschiedene Stimmungen, die Stein da einfängt, und es sind nicht immer nur angenehme. Wenn die schweren Gewitterwolken über den Feldern hängen, wenn man ahnt, dass da gleich ein Unwetter losbricht, dann wird einem schon vom Anblick mulmig.

Die Mitarbeiter vom Imago-Kunstverein erzählen, dass Uli Stein öfter mal in Bissendorf vorbeischaut. Im italienischen Lokal “Firenze” geht er immer wieder essen, danach bringt er den Vereinsleuten, die die Ausstellung begleiten, schnell mal einen Kaffee rüber. Das ist doch mal ein Künster, der sich kümmert.

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Mittagspause, aber bitte bedienen Sie sich!

Samstag, den 27. August 2011
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Bissendorf in der Wedemark scheint das Paradies zu sein. Diebstähle scheint es dort nicht zu geben. Ein Stück heile Welt mitten in Niedersachsen.

Vor einem Laden steht ein offener BMW auf dem Parkplatz. Ein schickes Auto. Natürlich, ist ja auch ein BMW. Während überall geschrieben steht, man solle nichts im Auto liegen lassen, scheint das für Bissendorf nicht zuzutreffen.
Dort lässt der Fahrzeughalter sogar sein Navi in der Halterung. Ich hätte mich einfach nur runterbeugen brauchen.

Vor dem Laden selbst, ein Modegeschäft, standen unterdessen mehrere Kleiderständer mit lauter Oberteilen für Frauen. Untergesetzt. Sale. Heute heißt der Sommerschlussverkauf ja nicht mehr Sommerschlussverkauf, sondern Sale. Klingt wahrscheinlich besser.
Meine beiden weiblichen Begleiterinnen betrachteten die Klamotten ausführlich, fanden schließlich sogar etwas. Um dann festzustellen, dass der Laden geschlossen war. Mittagspause.
Seltsam: Vor dem Geschäft hingen unzählige Klamotten, und es war niemand da, der hätte aufpassen können, ob sie vielleicht geklaut werden.
Nur im Nagelstudio nebenan nagelte ein Mann gerade seine Kundin. Frage: Ist nebenan niemand da? Frage 2: “Können wir trotzdem mal abprobieren?”
Ergebnis: Klamotte gekauft. Bezahlt beim Nagelmann.
Interessante Verkaufsstrategie. So etwas gibt es wahrscheinlich nur in Bissendorf. In der heilen Welt ohne gemeine Diebe.

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Macht sie platt, die Bayern!

Samstag, den 5. März 2011
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Eine Region im Ausnahmezustand: Wenn in der Fußball-Bundesliga Hannover gegen die Bayern aus München antritt, dann fiebern in der Region alle Leute mit. In Hannover selbst, aber auch nördlich davon, in der Wedemark.
Schon als wir uns in Meitze ins Auto setzen, muss erst mal das Radio lauter gedreht werden. NDR2 berichtet live. Hannover führt. 1:0. Erster Jubel.

Wir spazieren durch Bissendorf, sehen uns die alten Häuser und Höfe an, laufen um das Heimatmuseum rum. Das Handy klingelt. Meldung aus Meitze: Es steht nun 2:0. Noch mehr Jubel.
Wir gehen schließlich ins Café im Bürgerhaus. Und auch dort beherrscht ein Thema den Raum. Und, wie steht’s?
Inzwischen 3:1. Wahnsinn! Die Frau hinterm Tresen erzählt, dass ihr Mann heute nicht zu gebrauchen gewesen sei. Schon den ganzen Tag sei er aufgeregt gewesen, haben sich seinen Hannover-96-Schal umgelegt. Die Kollegin nickt, bei ihr zu Hause sieht es wohl heute nicht anders aus. “Und wie steht’s noch mal? 2:1?” – “Nein, inzwischen 3:1?” Und schon wieder Jubel.
Minuten später. Das Handy klingelt erneut. Kurzer Blick auf die Uhr. Das Spiel müsste jetzt vorbei sein. “Und? Gewonnen?”
Es blieb beim 3:1, und im Bissendorfer Café sind nun alle Hannoveraner. Aber jetzt schnell nach Hause. “Sportschau” gucken! Sehen, wie die Bayern blöd aus der Wasche schauen.

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Vor 20 Jahren (47): Abwääääärts!!

Montag, den 30. August 2010
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(46) -> 25.8.2010

Donnerstag, 30. August 1990.
Da gibt es das Foto, auf dem meine Eltern und ich in einer großen Gondel sitzen. Es geht steil bergab. Ins Wasser. Unsere Gesichter sind sehr angestrengt. Wildwasserbahn im Heidepark Soltau.

Ich erinnere mich noch an den riesigen Parkplatz. Einen viertägigen Ausflug zu unseren Verwandten nach Niedersachsen, nutzten wir auch für einen Besuch im Heidepark Soltau.
Nach der Wende wurde der Vergnügungspark besonders stark beworben. Die Schilder vom Heidepark standen an diversen Stellen bei uns rum, im Radio lief ständig die Werbung.
Die Wildwasserbahn war so ziemlich das einizige Gefährt, was wir nutzten, denn ich war schon immer nicht der Typ für den Kram, in dem man hoch und runter katapultiert wird. Die Wildwasserbahn war schon das Äußerste der Gefühle. Abwäääärts!! Schon dazu musste ich mich überwinden…
Abgesehen von diesem Foto, habe ich tatsächlich keine weiteren bilder mehr aus Soltau vor Augen. 20 Jahre danach ist das Erlebnis so ziemlich aus dem gedächtnis gewischt.

Aber nicht nur in Soltau waren wir in diesen Tagen. Wir sahen uns auch Hannover an und besuchten meine Tante in einem Hochhaus in Langenhagen. Am 1. September 1990 war ich das das erste Mal in Hamburg. Ob ich mich damals schon in die Stadt verliebt habe, weiß ich allerdings nicht. Eine Hafenrundfahrt haben wir aber auf jeden Fall gemacht.

Und ich, die Fernseheule, war völlig fasziniert, denn in Bissendorf konnte ich RTL plus sehen. Den Sender kannte ich von zu Hause nicht…

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Vor 20 Jahren (11): Mein Mauerfall-Pistazienträuma

Dienstag, den 10. November 2009
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(10) -> 9.11.2009
Original -> 22.11.1989

Freitag, 10. November 1989.
Ich weiß nicht mehr, wann ich aufgewacht bin. Aber ziemlich schnell nach dem Aufwachen, wusste ich: Dieser Tag wird ein ganz besonderer. Im Radio, auf SFB2, hörte ich schon einige Berichte über die Ereignisse, die sich in der Nacht in Berlin zugetragen hatten.
Im Wohnzimmer saß schon mein Bruder und sah sich das Frühstücksfernsehen von Rias-TV an. Jubelbilder von der Grenze. Tausende Leute, die feiern.
Die Mauer ist gefallen, jeder kann in den Westen reisen.

Und doch war einiges noch unklar. Mein Bruder war wohl ganz aufgeregt, wollte sich nun ganz schnell um ein Visa kümmern. Davon hatte Schabowski ja noch am Tag zuvor geredet.
Ich jedoch ging erst mal zur Schule. Erinnerungen daran habe ich allerdings nicht mehr. Ich weiß nicht mehr, ob die Schule an diesem 10. November besonders leer war oder nicht. Aus meinem damaligen Beitrag weiß ich, dass am Ende eine Stunde ausgefallen war.
Gegen 13.30 Uhr jedenfalls war ich wieder zu Hause.

Und da ist schon Hektik ausgebrochen. Meine Tante war da und war ganz aufgeregt. Mein Bruder hatte sein Visa wohl bekommen, ob es meine Eltern auch hatten, weiß ich nicht mehr.
Wir brachen gegen 14 Uhr mit unserem Lada auf. Von meinen Eltern weiß ich, dass er wohl erst mal gar nicht angesprungen ist. Was einer mittleren Katastrophe glich. Aber das Ding muss dann doch funktioniert haben.
Im Auto habe ich noch schnell die Märkische Volksstimme durchgeblättert, die wir gerade aus dem Briefkasten vorn an der Straße geholt hatten. Damals kam die Tageszeitung erst am Mittag mit der Post. In der MV standen zwar die Reiseregelungen, aber ansonsten nichts weiter dazu. Typisch, dachten wir.

Mein Vater steuerte die Autobahn an. Auf der heutigen A111 wollten wir über über den Grenzübergang Stolpe nach West-Berlin einreisen.
In Höhe der Abfahrt Stolpe begann der Rückstau, etwa eine Stunde brauchten wir bis zur Übergangsstelle.
Der Akt selbst ging recht zügig. Man sah in unsere Ausweise und dann ging es weiter.
Der Wahnsinn. Ich weiß heute noch: Ich war sehr aufgeregt.

Der Westen war für mich immer präsent. Durch die Familie, durchs Fernsehen, Radio, durch Westpakete, Fotos und vieles mehr. Wie oft ist man mit der S-Bahn zwischen Pankow und Schönhauser Allee in Berlin dicht an der Mauer vorbeigerauscht. Wie oft standen wir an einem Rastplatz an der Autobahn bei Stolpe, weil wir irgendjemanden aus dem Westen getroffen haben. Und jetzt: Freie Fahrt nach West-Berlin.

In Heiligensee gab es einen weiteren Zoll-Kontrollpunkt, den wir aber recht schnell passieren konnten. Und dann war es wirklich klar: Wir sind drüben. Und das war der Satz aller Sätze, der mir im Kopf herumschwirrte: ICH BIN IM WESTEN. ICH BIN IM WESTEN.

Unser West-Berlin-Trip begann aber mit Umwegen. Das Ziel: Hermsdorf. Wir wollten erstmal zu unseren Verwandten in die Burgfrauenstraße.
Leider haben wir eine Abfahrt zu früh genommen, sind schon an der Schulzendorfer Straße runter von der Autobahn gefahren. Und irrten durch die Gegend. Bis uns ein anderer Autofahrer ansprach, wir ihm unser Problem schilderten und er uns daraufhin den Weg von Heiligensee nach Hermsdorf zeigte. Wir sollten ihm einfach nachfahren.

Wir betraten den Hof meines Cousins. Ganz aufgeregt. Ganz fröhlich. Ganz gespannt. Plötzlich kommt jemand um die Ecke gelaufen: meine Tante. Die wohnte eigentlich in Bissendorf bei Hannover und war wohl zufällig gerade in Berlin. Ein absolut unverhofftes, aber umso fröhlicheres Wiedersehen.
Und dann ritten wir also ein. Wir, die Ossis im Westen bei unseren Verwandten. Da, von wo sonst immer die Westpakete kamen, gerade mal 100 Meter von der Mauer nach Glienicke entfernt. Aber eben bisher unerreichbar.

Nach einiger Zeit ging es weiter – zu Kaisers in Hermsdorf. Zum ersten Mal in einen West-Supermarkt.
Und wieder: Wahnsinn! Dort waren sie alle, die ganzen Westprodukte aus der Werbung. Wirklich alle. In dem zweigeschossigen Supermarkt, gab es alles, was das Ossi-Herz begehrte. Mich faszinierte natürlich vor allem das riesige Regal mit den Zeitschriften. Natürlich nahm ich mir welche mit.
Außerdem: eine Alf-Kassette. Es müsste Folge 2 gewesen sein: Die Nacht, in der die Pizza kam. Ich habe sie heute noch.
Außerdem kauften meine Eltern Eis – und sicherlich noch einiges anderes, an das ich mich nicht erinnere.

Dann habe ich Gedächtnislücken. Ich meine, dass wir an diesem Abend zumindest einmal durch Tegel gefahren sind. Denn auf jeden Fall haben mich an diesem Abend die blinkenden Lichter und Reklametafeln fasziniert. Der helle, bunte Westen.

In Stolpe ging wieder alles zügig, gegen 20.30 Uhr waren wir wieder zu Hause.
Und ich fasste es immer noch nicht: ICH WAR IM WESTEN. Und noch immer war nicht so ganz klar, ob das jetzt alles dauerhaft bleibt.
Im Fernsehen sahen wir noch die Sondersendungen zum Mauerfall. Nebenher packten wir unsere Einkäufe aus.
Und ich war entsetzt: Meine Eltern kauften zwar Eis, aber: Pistazieneis. Pistazie!! Wieso, bitte schön, kauft man Pistazieneis?? ich war fassungslos, sauer und bockig. Ich kannte keine Pistazie. Und das Wort Pistazie klang eklig. Ich beschloss jedenfalls, kein Pistazieneis zu essen.
Ich habe bis heute kein Pistazieneis gegessen. Mein Mauerfalltrauma.

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