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Bahnbekanntschaften (64): Wider den Klischees

(63) -> 1.5.2012

Manchmal kann man mit Vorurteilen und Klischees, die man über bestimmte Menschen im Kopf hat, ziemlich auf die Nase fallen. Am Sonntag ist mir das gleich zweimal passiert.
In der Berliner S-Bahn zwischen Potsdamer Platz und Friedrichstraße. Mir gegenüber sitzen zwei Männer. Der eine: tätowiert, Unterhemd und Jacke, Glatze. Der andere: Hemd, Anzug, schicke Schuhe. Beide hatten nichts miteinander zu tun.
Einer von ihnen hatte eine Flasche Jägermeister in der Hand, fast leer. Der andere eine Flasche Wasser. Aber wer von beiden?
Der Anzugträger hatte den Jägermeister im Schoß. Gerade trank er einen der letzten Schlucke. Sein Blick war glasig, immer wieder rollte er mit den Augen. Er schien sein Limit erreicht zu haben. Der Glatzenmann dagegen nippelte an der Wasserflasche.
Eigentlich hätte das Klischee andersrum ausgesehen.

Eine gute Stunde später auf dem Bahnhof Oranienburger Straße. Ich laufe ganz nach vorne, um dann in Oranienburg ebenfalls ganz vorne wieder aussteigen zu können.
Hinter einer Mauer lauern fünf junge Männer, vermutlich Türken. Sie verfolgen mich mit Blicken, flüstern sich irgendwas zu. Mein Gedanke: Hm. Mein zweiter Gedanke: Muss ich mir Sorgen machen?
Die S-Bahn nach Oranienburg fährt ein. Als sie steht, laufen auch die Männer zum Waggon, sie sehen sich noch einmal um und steigen schließlich ein.
Zwar sind sie zwei Türen weiter hinten zugestiegen, aber sie setzen sich auf den Platz genau neben mir. Wieder flüstern sie: Einer sagt was von einem Revolver, den jemand dabei hätte. Das Wort Verfolgung fällt.
Gegenüber sitzen welche, die wohl vom Karneval der Kulturen kommen. Einer spricht den an, der sich neben ihm gesetzt hat. Es kommt heraus, dass die Jungs offenbar auf der Flucht sind, angeblich hatten sie eine Pöbelei mit Nazis. Es sei zu viel Alkohol geflossen, sagt einer der Jungs. Jetzt beraten sie, ob sie in Gesundbrunnen aussteigen oder ob sie getrennt weiterfahren sollen.
Es waren nicht sie, von denen Gefahr ausging, viel mehr waren sie selbst in Gefahr.
Schon wieder so ein falsches Klischee.

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Ein Kommentar zu “Bahnbekanntschaften (64): Wider den Klischees”

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