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Die Werkstatt ist sein Wohnzimmer

Porträt: Der 78-jährige Erhard Becker verbringt selbst als Rentner noch den ganzen Tag in der Tischlerei

MAZ Neuruppin, 7.10.2009

Er ist absolut glücklich: Seit 1955 arbeitet Erhard Becker in der Tischlerei an der Poststraße – auch noch im Ruhestand.

NEURUPPIN
An der Wand hinter der Arbeitsplatte hängen viele Sägen. Daneben Pinsel und Raspel. Auf dem flachen Schrank und im Regal auf der anderen Seite der Werkstatt hat Erhard Becker stapelweise Kartons zu liegen, davor ein paar Holzbalken, alte und neue. Seit 1955 arbeitet und lebt der 78-Jährige in der Tischlerei auf einem Hinterhof in der Neuruppiner Poststraße. Auch jetzt noch, als Rentner. „Es ist mein zweites Wohnzimmer“, sagt er.
Morgens läuft er die Treppen runter aus seiner Wohnung in den schmalen Hof, in seine Werkstatt. Dort liest er Zeitung, hört im Radio den Schlagersender und bekommt hin und wieder Besuch. Dann gibt’s ein Schnäpschen. Zwischendurch kümmert er sich noch um den Hof und seine Karnickel. Erhard Becker hat viel zu tun.

Geboren bei Posen im heutigen Polen und zum Ende des Zweiten Weltkrieges nach Neuruppin geflüchtet, begann Becker 1946 eine Tischlerlehre. Das sind die Gene: Schon als Jugendlicher stand er in der Werkstatt seines Vaters. Ein anderer Beruf kam zunächst nicht in Frage. Bis 1948, da nahm er eine Arbeit im Hüttenwerk in Hennigsdorf an. „Wir haben da wirklich schwer gearbeitet“, sagt er und nickt ein bisschen.
Es blieb ein Zwischenspiel, dann rief wieder die Tischlerei. Vor 60 Jahren, am 1. Oktober 1949, machte sich Beckers Vater Artur selbstständig und eröffnete in der Neuruppiner Poststraße seinen eigenen Betrieb. Und Erhard als Lehrling mittenmang. 1955 zog die Firma ein paar Häuser weiter, in die heutigen Räume im Hinterhof.
1963 bekam Erhard Becker seinen Meisterbrief. Er hängt noch heute eingerahmt im Büro neben der Werkstatt – neben vielen anderen Erinnerungen: Familienfotos, Auszeichnungen, Telefonlisten. Als im folgenden Jahr sein Vater starb, übernahm er die Werkstatt. „Wir hatten immer Lehrlinge und Gesellen“, erzählt Erhard Becker. „Genügend Arbeit war auch da. Damals haben wir noch richtige Möbel angefertigt, als es die noch nicht im Handel zu kaufen gab.“ Der Andrang war groß, die Wartezeichen betrugen schon mal zwei Jahre. Nachdem der Meister 1972 lange im Krankenhaus war, machte er allein weiter. Bis Ende 1991, dann ging er in Rente.

Aber Rente, was heißt das bei einem echten Handwerker schon? Hin und wieder legt er noch Hand an. Für ein paar alte Stammkunden leimt er gern mal einen Stuhl. Für einen Fünfer, wie immer. „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben“, sagt Erhard Becker, der es sich in seinem Sessel bequem gemacht hat. Er blickt sich um und sagt: „Ich habe immer gedacht, entweder sterbe ich auf dem Tanzboden oder in der Werkstatt.“ Er lächelt. „Aber tanzen kann ich nicht mehr.“

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Ein Kommentar zu “Die Werkstatt ist sein Wohnzimmer”

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