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Eine Entscheidung fürs Leben

Bildung: Bis 1. März müssen sich Sechstklässler und ihre Eltern darüber klar werden, welche Schule ab Klasse 7 die richtige ist

MAZ spezial, 28.1.2010

Die Grundschullehrer empfehlen den Bildungsweg. Die Suche nach der richtigen Schule müssen die Eltern und ihre Kinder selbst übernehmen.

Stichtag ist der 1. März. Dann müssen sich die Schüler der sechsten Klassen und ihre Eltern entschieden haben, wohin der Weg nach der Grundschulzeit gehen soll. Die ausgefüllten Formulare mit den Erst- und Zweitwünschen müssen abgegeben werden. An welcher Schule werden die besten Kurse angeboten? Wo ist die angenehmste Atmosphäre?

Sabine Brand lächelt. Die Oranienburgerin und ihre Tochter Sophie haben sich bereits entschieden. „Sophie soll auf das Mosaikgymnasium gehen.“ Die Privatschule in Oranienburg (Oberhavel) sei für Sophie genau die Richtige. „Die Klassenstärke ist kleiner als bei den staatlichen Einrichtungen“, sagt Sabine Brand. Auch die künstlerisch-musische Ausrichtung war ausschlaggebend. Das örtliche Louise-Henriette-Gymnasium ist bei den Brands die zweite Wahl.
Dass es das Gymnasium sein wird, steht bei Sophie schon eine Weile fest, obwohl die endgültigen Gutachten an der Oranienburger Havelschule erst am 19. Februar ausgegeben werden. „Sophie lernt sehr gern“, sagt die Mutter, und ihre Tochter nickt. „Wir haben sie nicht gedrängt, aber gut motiviert. Wichtig ist auch, dass sie nicht vor lauter Ehrgeiz alles andere vergisst“, ergänzt sie.

So wie Sophie stehen brandenburgweit 18 643 Sechstklässler vor der Entscheidung, welche Schule sie ab 23. August besuchen wollen. Von den Grundschulen bekommen sie jedoch die Empfehlung über den Bildungsgang, also Gymnasium, Ober- oder Förderschule. „Wir befinden uns gerade im entscheidenden Halbjahr der Klasse sechs“, sagt Andreas Deutschländer, Leiter der Havelschule in Oranienburg. Die Lehrer der Grundschule beobachten ihre Schützlinge ganz genau. „Vor Weihnachten kommen die Fachlehrer zusammen und beraten über jedes einzelne Kind“, so Deutschländer.
Jetzt, in diesen Tagen, werden die Eltern zu einem persönlichen Gespräch gebeten. „Wir wollen ja auch wissen, wie sie die Zukunft ihrer Kinder sehen“, sagt der Grundschulleiter. „Dass die Eltern die Leistungen ihrer Kinder überschätzen, kommt recht selten vor“, erklärt Andreas Deutschländer. Nach dem Gespräch schreiben er und seine Kollegen das Gutachten. Auf dem Papier steht, wie die schulische Entwicklung des Kindes abgelaufen ist, welche Kompetenzen es hat. Daraus folgt dann die Empfehlung für die weitere Schullaufbahn. „Dabei lassen wir uns nicht von Einmaligkeiten leiten“, erläutert Deutschländer. „Wenn das Kind einmal Mist baut, hat das noch keinen Einfluss auf unsere Entscheidung.“
Eine große Rolle spielen natürlich auch die Schulnoten. Am morgigen Freitag werden im ganzen Land Brandenburg die Zeugnisse verteilt. Ergeben die Zensuren in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik eine Summe kleiner als sieben, dann steht dem Gymnasium kaum noch etwas im Weg. Im vergangenen Jahr wechselten 43,9 Prozent der Sechstklässler in Brandenburg an ein Gymnasium. „Aber auch für alle anderen, denen das Lernen schwerer fällt, ist es wichtig, eine gute Schule zu finden“, sagt Andreas Deutschländer. Viele Oberschulen böten spannende Lernprojekte an. „Außerdem ist Bildung keine Einbahnstraße“, sagt er weiter. „Nach der zehnten Klasse besteht ja weiterhin die Möglichkeit, auf das Gymnasium oder eine Gesamtschule zu wechseln, wo das Abitur ebenfalls möglich ist.“

Mit der Empfehlung in der Hand beginnt dann die konkrete Suche nach der richtigen Schule. „Wir raten auf jeden Fall, die Tage der offenen Tür zu nutzen, die alle Schulen anbieten“, sagt Stephan Breiding, Sprecher des Potsdamer Bildungsministeriums. Gleichzeitig verweist er auf die Internetseite des Ministeriums. Auf www.bildung-brandenburg.de/schulportraets sind alle Schulen des Landes vertreten. „Es handelt sich um Schulporträts, die online abrufbar sind“, so Breiding. „Die Einrichtungen informieren dort über ihre Schwerpunkte.“ Die Fontane-Oberschule in Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) berichtet über ihre praxisnahe Berufsorientierung. Das Goethe-Gymnasium in Nauen (Havelland) preist den „neuen Geist im alten Gemäuer“ an. Die Maxim-Gorki-Gesamtschule in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) gibt sich als besonders tolerant, höflich, respektvoll und weltoffen.

Ein Vierteljahr dauert es dann, bis die Entscheidung gefallen ist, ob der Erst- oder der Zweitwunsch in Erfüllung geht. Nach den Sommerferien im August müssen sich die neuen Siebtklässler dann an die neue Umgebung gewöhnen. „Ich freue mich schon darauf“, sagt Grundschülerin Sophie Brand. „Vor allem auf die Mädchen dort.“ Dass sie auf dem Gymnasium mehr lernen muss, weiß sie. „Aber das wird schon.“ Auch ihre Mutter Sabine ist sich klar, dass sich die Zeiten für ihre Tochter ändern werden. „Aber wir reden viel darüber“, sagt sie. „Wir besprechen alle Eventualitäten. Meine Tochter weiß, dass es vielleicht Rückschläge geben wird, aber ich denke, sie meistert es.“ Wichtig für sie sei, dass ihre Tochter lieber leichter lernt, als ständig um ihre Leistungen zu kämpfen.

Monika Kreft, Lehrerin in einer siebten Klasse am Hedwig-Bollhagen-Gymnasium in Velten (Oberhavel) kennt die Situation. „Die größte Umstellung auf dem Gymnasium ist, dass die Kinder nun mehr selbstständig lernen müssen, sie sollten ständig vorbereitet sein.“

Für die Kinder ist der Einschnitt groß, wenn sie die Grundschule verlassen. „Sie sind in der sechsten Klasse schon in einem Alter, wo sie cool sein wollen“, sagt Schulleiter Deutschländer. „Aber wenn einige unserer Kinder im September bei uns noch mal vorbeischauen und erzählen, wie es ihnen nun geht, dann freuen wir uns auch.“

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