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Halligalli am historischen Ort

Politik: Philipp Heinisch protestiert gegen die Fashion Week auf dem Berliner Bebelplatz

MAZ, 22.1.2010

Rund um das Denkmal, das an die Bücherverbrennung erinnert, wummern die Bässe. Philipp Heinisch hält die Fashion Week an diesem Ort für eine Kulturbarbarei.

BERLIN
So etwas hat Philipp Heinisch noch nie erlebt. „Wir stehen hier an einem historischen Ort, wo so ein Halligalli nicht hinpasst.“ Der 64-jährige Berliner spricht vom Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung, das seit 1995 auf dem Bebelplatz in Berlin-Mitte zu sehen ist. Und von der Fashion Week, die momentan dort stattfindet.

Bässe wummern. Technomusik wabert durch das beheizte Zelt. Heinisch sitzt auf einem Stuhl und blickt das Denkmal an. Eine Scheibe voller Kratzer, darunter ein beleuchteter Raum, in dem ein weißes, leeres Regal zu sehen ist. Es erinnert an die Bücherverbrennung der Nazis im Jahre 1933.
Dass an dieser bedeutenden Stelle ein derartiger Rummel stattfindet, kann der Mann nicht verstehen. Deshalb ist er hier: „Wenn ein Denkmal so verschandelt wird, da muss man doch protestieren.“ Kulturbarbarei nennt er das. Zwei Stunden schon wacht er am Denkmal mitten im Modezelt. „Mein Vater galt im Nationalsozialismus als entarteter Künstler“, erzählt er. „Er war freier Maler in Frankfurt am Main und ganz gut im Geschäft.“ Heinischs Vater malte Porträts von Juden. „Die Nazis urteilten: gekonnt gemalt, Gesinnung verjudet.“
Diese Geschichte hat Philipp Heinisch im Kopf, während er am Denkmal sitzt und beobachtet, wie immer wieder Leute stehen bleiben und sich ansehen, was sich unter der Scheibe befindet. Oft werfen sie auch einen Blick aufHeinischs Plakat. Darauf steht: „1933 Bücherverbrennung – 2010 Modeparty“. „Zwei oder drei Leute fragen dann auch schon mal nach“, erzählt Heinisch, der heute selbst in Berlin als freier Maler und Zeichner arbeitet.

Am meisten erstaunt ihn, dass die Politik das Spektakel auf dem Bebelplatz zulässt. „In Berlin regieren Sozialdemokraten und Sozialisten, da hätte ich etwas anderes erwartet“, sagt der ehemalige Anwalt. Immerhin kann jeder Interessierte das Denkmal sehen. Nicht offiziell, nirgendwo wird auf einem Schild darauf hingewiesen. Aber es funktioniert. Wer am Seiteneingang des Zeltes bei den Sicherheitsleuten nachfragt, darf hinein. Das Abgeordnetenhaus hatte das so beschlossen. „Die Veranstalter verhalten sich da auch sehr kooperativ“, so Heinisch. „Sonst wäre hier wohl auch sehr schnell der Teufel los.“

Links neben ihm, hinter der schwarzen Wand, wummern weiter die Bässe. Für den Protestierenden nicht sichtbar, werden hinter der Sperre Models frisiert und geschminkt. Überall hängen moderne Klamotten. „Irgendwie surreal“, findet Philipp Heinisch die Szenerie.
Die könnte es bald nicht mehr geben. Die Fashion Week vom Winter 2010 ist wohl nach derzeitigem Stand die letzte auf dem Bebelplatz. Ein endgültiges Wort ist aber noch nicht gesprochen. 30 Modenschauen sind in den kommenden Tagen geplant. Schon am Sonntag protestierten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, Vertreter der CDU und weitere Berliner gegen die Modewoche auf dem Bebelplatz. Die Stätte müsse „frei von trivialisierenden Massenveranstaltungen bleiben“, schrieben sie in einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

Philipp Heinisch wartet unterdessen auf seine Ablösung bei der Mahnwache. Er würde durchaus gern mal einen Blick auf die andere Seite der Wand wagen und sich die Models, die Mode und die Glitzerwelt ansehen. Da winken die Sicherheitsleute aber dann doch ab. „Auch nicht schlimm“, sagt er.

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