Eurovision Song Contest 2026 – 1. Halbfinale

DI 12.05.2026 | 21.00 Uhr | one

Eines muss man den Zuschauern des Eurovision Song Contests ja lassen: Im Halbfinale wählen sie treffsicher die lahmsten Acts.
Polen ist im Finale mit einem sehr halbgaren Song, Litauen mit einer merkwürdigen Performance und Serbien mit Heavy-Schreihals-Sounds. Es scheint selbst für missglückte oder schlicht öde Auftritte ein Publikum zu geben.

In Österreichs Hauptstadt Wien hat am Dienstagabend der Jubiläums-ESC begonnen. Der 70. Eurovision Song Contest startete mit dem ersten Halbfinale, und der hatte seine Höhen und Tiefen, nicht nur wegen der musikalischen Beiträge, auf die es ja immer noch am meisten ankommt.
Die Highlights: Schweden mit einer Elektronummer von Felicia, „My System“. Außerdem Akylas und „Ferto“ für Griechenland, Dance-Pop, der aber auch Griechenland-typische Klänge anschlägt. Finnland kommt mit der Geigerin Linda Lampenius und Sänger Pete Parkkonen mit dem Song „Liekinheitin“ sehr gut an, die Geige wird teilweise sogar live gespielt. Israel bringt diesmal mit „Michelle“ eine Liebesballade ein.

Nicht ins Finale geschafft hat es leider Portugal. Mit einem sehr ruhigen, etwas unmodernen, aber charmanten Song namens „Rosa“ ist das Land gescheitert. Ebenso San Marino: Senhit hatte sich extra Boy George dazugeholt. Umsonst. Was einmal mehr zeigt, dass große Namen beim ESC schlicht keine Rolle spielen. Auch das ESC-Comeback von Vanilla Ninja für Estland brachte kein Glück.

Die Show des ORF begann mit einem sehr rührenden Rückblick auf 70 Jahre ESC. Ein junger Mann ist Fan der Show und schaut sie jedes Jahr. Die Show wird moderner, der Mann wird älter, und irgendwann gesellt sich ein Partner dazu. Sie schauen jedes Jahr, manchmal sind Freunde dabei. Sie werden älter, und irgendwann sitzt der Mann, inzwischen alt geworden, wieder allein vorm Fernseher. Der ESC füllt inzwischen ein Menschenleben. Ganz am Ende saß der ältere Herr in der Halle am Klavier, spielte „Love is blue“, und Vicky Leandros erschien, um diesen, ihren ESC-Hit von 1967 zu singen.

Ansonsten aber war es eher durchwachsen, was der ORF in Wien ablieferte. Victoria Swarovski und Michael Ostrowski gehören leider zu den schlechtesten Moderatoren des ESC seit längerer Zeit. Die beiden harmonierten nicht miteinander, sondern sprachen einfach ihren Text runter, alles wirkte einstudiert, Lockerheit: null. Manchmal wirkte es, als würden sie sich echt nicht mögen. Swarovski wirkt wie eine KI. Dass Ostrowski Schauspieler ist, merkt man auch – er spielt die Rolle des Moderators, das wirkt sehr bemüht.

Auch die sogenannten Postkarten sind ein Flop. Sie wurden offenbar mit KI erstellt. Bilder aus der Heimat der Künstler werden mit einem Reiseziel in Österreich kombiniert. Allerdings geht aus dem Film nie hervor, wo man ist. Es fehlt eine entsprechende Einblendung. Da ist man auf den Kommentator Thorsten Schorn angewiesen. Wer aber unkommentierte Livestreams ansieht, schaut unwissend in die Röhre. Der Schnitt ist wirr, so dass man am Ende irgendwie nichts richtig mitbekommt.

2025 in Basel begeisterte im ersten Halbfinale als Pausenact „Made in Switzerland“, wo die Moderatorinnen zeigten, was die Schweiz ausmacht. Mit viel Witz und Selbstironie und dazu einem guten Song.
So was Ähnliches wollte man nun in Wien versuchen. Man wollte aufs Korn nehmen, dass man „Austria“ und „Australia“ verwechseln könnte. Es ging um die Gegensätze. Was leider sehr an den Haaren herbeigezogen und auch nicht gut komponiert und inszeniert wurde. Weil Swarovski und Ostrowski sowieso verkrampft wirkten, konnten sie auch dort nicht glänzen.
Da ließ sich auch Thorsten Schorn zu einem ziemlich bösen Kommentar hinreißen.

Da ist noch viel Luft nach oben. Am Donnerstag geht es mit dem zweiten Halbfinale weiter. Und vielleicht packt der ORF ja alle guten Ideen in das Finale am Sonnabend.

-> Die Sendung in der ARD-Mediathek (bis 11. Mai 2027)


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Kommentare

5 Kommentare zu „Eurovision Song Contest 2026 – 1. Halbfinale“

  1. Daggi

    Es bestätigt sich für mich jedes Mal, dass Politik bzw nationale Gefühle bei dem ganzen wichtiger sind als die Musik. Länder mit einer großen Diaspora oder engen historischen Verbindungen zu anderen Nationen (Polen, Ex-Jugoslawien, Türkei, Israel, Skandinavien…) schneiden deswegen tendenziell besser ab, eher isolierte Länder wie Portugal, San Marino, Großbritannien und auch Frankreich, Österreich und Deutschland haben es schwerer und müssen musikalisch schon sehr gut performen, um gut anzukommen.

  2. RT

    Es hat eben (meistens) nichts mit Politik und nationaler Identität zu tun. Sondern mit Kulturräumen. Bist du in Schweden ein bekannter Musiker, bist du meist in ganz Skandinavien bekannt. Dementsprechend kennen die Schweden aus den norwegischen Act bevor er beim ESC auftritt. Die sind halt sehr viel mehr vernetzt. Ebenso viele Länder im Osten, das Baltikum etc.
    Deutschland hingegen isoliert sich vor allem selbst. Was wissen wir denn darüber, was in polen oder Tschechien kulturell los ist? Welche Bands kennen wir von dort? Interessiert die Deutschen nicht. Wir wissen viel weniger über Österreich, als Österreich über uns.
    Frankreich punktet ja allein schon mit der Sprache, die geben sich allerdings mal mehr, mal weniger Mühe in der Songauswahl. Richtige gute Songs – und um die geht es am Ende – punkten auch.
    Deutschland hat in den letzten 15 Jahren in 8-10 Fällen einfach Schrott zum ESC geschickt. Warum sollte den jemand wählen?

  3. […] dem ersten Halbfinale am Dienstag herrschte ja ein bisschen Ernüchterung über die Show, die der ORF da auf die Beine gestellt hat. […]

  4. Daggi

    Also zum einen bestätigst du doch meine Aussage, dass kulturelle/historische Verbundenheit die größere Rolle spielt als objektiver Musikgeschmack, obwohl das sich natürlich auch gegenseitig beeinflusst. Und Großbritannien ist das perfekte Gegenbeispiel zum zweiten Teil deiner Argumentation, die haben gute, bekannte Acts, die außerhalb vom ESC ja unbestreitbar erfolgreich sind, nur hier versagen sie regelmäßig. Ja, natürlich treten die wirklichen Megastars dort nicht an, aber es kann ja dann doch nicht nur daran liegen, dass die Kultur generell zu fremd und isoliert wäre und dass die Leute in zB Rumänien damit deswegen nichts anfangen können.

  5. RT

    Kulturelle/historische Verbundenheit und objektiver Musikgeschmack schließen sich nicht aus. Aber was man schon kennt, ist ja im Gehirn schon parat.
    2022 hatte GB einen guten Act, der auch prompt zweiter wurde. Ansonsten sah es ja eher düster aus. Gerade in diesem Jahr war das ziemlich trashig.

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