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Das Rotkäppchen-Syndrom

Tierforschung: Die Menschen haben Angst, wenn ein Wolf in ihre Nähe kommt – dabei ist er ihnen gegenüber eher scheu

MAZ spezial, 30.4.2009

BOLTENMÜHLE
Es war einmal ein böser Wolf. Der war so gefräßig, dass er sechs Geißlein, eine Großmutter und das kleine Rotkäppchen verschluckte. Diese Geschichten aus dem 19. Jahrhundert bereiten Rolf Jäger, dem Vorstandmitglied der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe, viel Arbeit. Denn der Wolf hat unter anderen durch diese alten Märchen ein schlechtes Image beim Menschen. Die haben nämlich Angst vor ihm, auch heute noch. Der Wolf leidet am Rotkäppchen-Syndrom.
„Das ist eine Urangst, die da geschürt wurde“, sagt Rolf Jäger, der am vergangenen Wochenende von Bonn aus zum Wolfssymposium nach Boltenmühle (Ostprignitz-Ruppin) angereist war. „Die Wolfsangst begann im Mittelalter“, erzählt er, „weil er andere Tiere angriff, die für die fürstliche Jagd vorgesehen waren.“ Die Menschen hatten sich niedergelassen, Kultur geschaffen, ihre Äcker bestellt und sich Vieh gehalten. Da störte der Wolf nur, der auf der Suche nach Futter war.
In der Lausitz leben derzeit fünf Wolfsrudel, das sind etwa 40 Tiere, schätzt Rolf Jäger. Weitere Paare sollen sich in der Tornower Heide (Oberspreewald-Lausitz) sowie auf dem Gelände des geplanten „Bombodroms“ (Ostprignitz-Ruppin) aufhalten. „Sie leben meist auf Truppenübungsplätzen“, sagt Rolf Jäger. „Die sind sehr sandig, und dort können wir die Spuren gut beobachten.“ Anhand dieser Spuren oder auch Untersuchungen des Kots ließen sich Schlüsse daraus ziehen, wo sich Wölfe aufhalten.
Große Aufregung erzeugte unlängst ein Wolf, der nur wenige Hundert Meter von einem Dorf entfernt einen Hirsch erlegt hatte. „Da gab es ein Riesentheater“, erzählt Rolf Jäger. Die Menschen gerieten in Sorge, der Wolf könne auch ihnen schaden. Dabei sei das Tier gegenüber dem Menschen eher scheu, vorsichtig, fast schon ängstlich. „Der Wolf hält sich von den Menschen fern“, sagt Tierexperte Jäger. Und das müsse den Menschen vermittelt werden. Für sie sei der Wolf ungefährlich. Was für die Tiere zählt, ist die Suche nach Futter. Deshalb würden Wölfe beispielsweise durch Abfälle oder angeleintes Vieh angelockt. „Wenn er bei den Menschen etwas zu fressen findet, kommt er wieder“, sagt Rolf Jäger. „Aber der Wolf geht nicht ins Dorf, um sich ein Kind zu schnappen.“
Auch für Schafshirten gäbe es Mittel, den Wolf fern zu halten. „Ein Herdenschutzhund macht sehr viel aus“, so Rolf Jäger. Bei den Jägern sei die Überzeugungsarbeit jedoch schwieriger. Ihnen sei kaum vermittelbar, dass Wölfe bei ihrer Beutesuche selektieren – sich die langsamen, kranken Tiere aussuchen.
Das Wichtigste, so der Tierexperte, sei die Aufklärung, damit Märchen auch nur für Märchen gehalten werden.

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