Die S-Bahn kommt, aber kein Bus

Lehnitz ist der größte Oranienburger Ortsteil, aber einen Linienbus gibt es dennoch nicht – der Ortsvorsteher sieht einen Bedarf, aber die finanziellen Mittel geben es wohl nicht her

MAZ Oberhavel, 23.6.2026

Lehnitz.
Mit dem Linienbus in den Oranienburger Ortsteil nach Lehnitz fahren, das könnte schwierig werden. Es gibt nämlich keinen.
Obwohl Lehnitz nach der Oranienburger Kernstadt gemessen an der Einwohnerzahl der größte Ortsteil der Kreisstadt ist und direkt daneben liegt, fährt dort kein Bus hin.
Im Gegensatz zu den entlegeneren Orten Malz oder Zehlendorf führt keine Buslinie nach Lehnitz. Immerhin hat der Ort einen S-Bahnhof, die S1 hält dort in beiden Richtungen im 20-Minuten-Takt – völlig abgeschnitten ist er somit nicht.
Aber insbesondere entlang der langgezogenen Friedrich-Wolf-Straße und der Magnus-Hirschfeld-Straße mit allen daran angeschlossenen Wohngebietstraßen fehlt ein Bus.

„Wir sind als Lehnitzer dran gewöhnt“, erzählt Björn Ruberg, der im Ort wohnt und zu den Organisatoren des Lehnitzer Energiestammtisches gehört. Gerade Familien mit Kindern hätten es „nicht gerade leicht“, in die Stadt zu kommen.
„Auch Ältere sind davon betroffen, und eben die, die kein Auto haben“, sagt er. Denn hinzu kommt, dass Lehnitz auch keinen eigenen Supermarkt oder Discounter hat. Am nächsten gelegen sind der Rewe-Markt an der Oranienburger Lehnitzstraße oder Netto in Schmachtenhagen.

Aber warum ist das eigentlich so, dass in Lehnitz kein Bus fährt, dass der Ort vom Oranienburger Busverkehr abgeschnitten ist?
Im Landkreis fahren die Busse der Oberhavel Verkehrsgesellschaft (OVG). Sabine Fussan, die Sprecherin der OVG, erklärt dazu: „Welche Linien wo fahren, entscheidet der Kreistag mit dem Nahverkehrsplan, der den Rahmen für den ÖPNV in unserem Landkreis setzt. Aktuell ist ein neuer Nahverkehrsplan für die Jahre ab 2027 in Vorbereitung.“
Tatsächlich ist eine Busverbindung für Lehnitz wohl immer mal wieder im Gespräch. „Anknüpfend an den Nahverkehrsplan bis 2026 wurde eine Busanbindung von Lehnitz geprüft“, so Sabine Fussan.
Angedacht gewesen sei eine Verbindung ab Bahnhof Oranienburg, die via Friedrich-Wolf- und Magnus-Hirschfeld-Straße und die B273 um den Lehnitzsee herum zurück zum Bahnhof fahre. „Dies konnte wegen der örtlichen Gegebenheiten nicht realisiert werden.“
Die Gründe: Die Magnus-Hirschfeld-Straße ist zu schmal für den Busverkehr, und an der Einmündung zur B273 ist eine Durchfahrtsbreite von 2,10 Metern angegeben, die Busbreite beträgt mindestens 2,50 Meter.
„Ein Linienende an der Magnus-Hirschfeld-Straße erfordert den Bau einer Wendeschleife. Die Stadt Oranienburg müsste dafür die baulichen Voraussetzungen schaffen.“

In der Kreisverwaltung in Oberhavel sieht man hingegen keinen Bedarf für einen Bus nach Lehnitz. Sprecherin Mandy Oys verweist auf den S-Bahn-Anschluss. „Dass ein zusätzlicher Bus von einer ausreichenden Anzahl an Fahrgästen genutzt werden würde, ist aufgrund der Anbindung an den Schienenverkehr nicht zu erwarten“, erklärt sie.
Auch sie bringt den Nahverkehrsplan ins Spiel, der von Politik und Verwaltung erarbeitet werde. „Die Städte, Gemeinden und das Amt werden hier im Vorfeld beteiligt, um den Bedarf – beispielsweise bei der Erschließung neuer Wohngebiete – zu melden“, so Mandy Oys weiter.

Der Ball liegt also auch bei der Oranienburger Stadtverwaltung. „Die Idee einer Stadtbuslinie durch Lehnitz ist nicht neu und wäre durchaus wünschenswert“, erklärt dazu Eike-Christin Fehlauer, die Verwaltungssprecherin in Oranienburg.
Die Stadt Oranienburg habe im Rahmen der Fortschreibung des Nahverkehrsplans 2027 bis 2031 die Anbindung von Lehnitz als zu berücksichtigenden Belang eingebracht. „An sich könnten neue Erschließungsangebote durchaus eingerichtet werden, müssen jedoch finanziert werden“, so die Sprecherin weiter.
Sie gibt aber auch zu bedenken: „Es zeichnet sich aber sowohl auf Kreis- als auch auf Stadtebene ein begrenzter finanzieller Spielraum für zusätzliche ÖPNV-Angebote ab.“

Nicole Walter-Mundt, die für die CDU im Stadtparlament sitzt, verweist auch auf die finanziellen Rahmenbedingungen für Kommunen und Landkreise, die sich „seit 2023 deutlich verschärft haben. Neue Angebote im Busverkehr müssen deshalb sorgfältig hinsichtlich Nutzen, Nachfrage und Finanzierbarkeit bewertet werden.“ Aber auch sie sieht einen Bedarf. „Lehnitz ist mit fast 4000 Einwohnern der größte Ortsteil Oranienburgs“, so Nicole Walter-Mundt. „Deshalb ist der Wunsch vieler Bürgerinnen und Bürger nach einer besseren Busanbindung nachvollziehbar.“
In Lehnitz gebe es zwar eine Angebotslücke im Busverkehr, aber auch die S-Bahn. Die erschließe aber nur einen Teil von Lehnitz, „aber eben nicht alle Wohngebiete“, so die CDU-Stadtverordnete weiter.
„Grundsätzlich halte ich eine bessere ÖPNV-Anbindung von Lehnitz für wünschenswert. Denkbar wären beispielsweise die Verlängerung bestehender Linien oder eine Anpassung vorhandener Linienführungen. Ob dies wirtschaftlich, verkehrlich und betrieblich sinnvoll ist, muss jedoch fachlich durch die zuständigen Stellen geprüft werden.“
Sie stellt auch klar, dass eine mögliche Verbesserung für Lehnitz „nicht zu einer Verschlechterung des Angebots in anderen Ortsteilen führen“ dürfe.

Der Lehnitzer Ortsvorsteher Matthias Hennig (SPD) verweist auf die historische Netzplanung, die bislang keinen Busverkehr im Ort vorsah. Der S-Bahnhof sei immer ein Hauptargument gegen die Erschließung mit einer Buslinie gewesen.
„Die Forderung einer Buslinie in Lehnitz, aber vor allem von Lehnitz in die Kernstadt, existiert seit vielen Jahren“, so Matthias Hennig, der auch Stadtverordneter ist. „Finanzielle Mittel zur Umsetzung zahlreicher Ideen wurden nie im Haushalt verankert.“
Ein Busverkehr innerhalb von Lehnitz, welcher immer über den S-Bahnhof fahren würde, „würde die meisten Bedürfnisse abdecken. Der Ortsteil erstreckt sich von der Magnus-Hirschfeld-Straße bis zum Havelkorso.“ Das seien gut fünf Kilometer.
2003 habe Lehnitz etwa 1900 Einwohner gehabt, jetzt seien es etwa 4000. Das Argument, dass Lehnitz relativ klein sei, zählt also nicht mehr.
Zum Bahnhof sind es für viele Menschen in Lehnitz mehr als zwei Kilometer. „Wer einmal im Auto sitzt, kann dann auch zum Ziel durchfahren.“
Matthias Hennig verweist aber auch auf die Kosten. „Neue Buslinien sind sehr unwahrscheinlich“, sagt er. „Eine Möglichkeit wäre aus meiner Sicht eine Linienänderung einer bestehenden Verbindung, um Lehnitz einzubinden. Das wäre auch aus Sicht des Ortsbeirates sehr wünschenswert.
Allerdings müssten dafür Wendeschleifen am Ende der Magnus-Hirschfeld-Straße oder am Havelkorso gebaut werden. „Eine Stadtbuslinie wäre ein Quantensprung für Lehnitz, Oranienburg und die anderen sieben Ortsteile. Dieser Wunsch ist berechtigt, richtig, langfristig nachhaltig, zeitgemäß und überfällig. Absehbar und realistisch ist es aber nicht.“


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Kommentare

Ein Kommentar zu „Die S-Bahn kommt, aber kein Bus“

  1. Daggi

    Havelkorso ist für mich spätestens seit der Wende das schlimmste Beispiel für urban sprawl nach US Vorbild hier in der Gegend, man läuft da fast 20 Minuten bis zum Bahnhof, es gibt nicht mal einen Gehsteig und auf der holprigen Straße ist selbst das Rad kaum zu gebrauchen. Warum braucht es denn eine Wendeschleife am Havelkorso und der M-Hirschfeld-Str? Der Bus könnte dort doch durch eine andere Nebenstraße (Agnetenstr bzw Fuchsstr.) zurückfahren, wie das in Berlin in den Aussenbezirken auch oft gemacht wird.

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