RTelenovela

Rügen 2012 (5): Leitwolf

Montag, den 21. Mai 2012
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(4) -> 20.5.2012

Ich, der Leitwolf. Weil unser eigentlicher Rallyeboss sein Auto schon auf seinen Trailer geladen hat, bin ich heute derjenige, der den Oldtimertross anführt. Und das, obwohl ich selbst gar nicht mit einem Oldtimer unterwegs bin. Aber glücklicherweise ist die Anzahl der Autos an unserem dritten und letzten Rallyetag nicht mehr so groß, dass die Fahrt kompliziert werden könnte.

Wir starten wieder in Göhren und fahren am Bahnhof vom Rasenden Roland vorbei. Wie wir am Abend zuvor schockiert festgestellt haben, war einigen unserer Mitreisenden (oder eher -innen) nicht klar, dass Göhren einen Bahnhof hat – und wo der sein soll. Dass wir dort schon oft vorbei gefahren sind, ist ihnen irgendwie entfallen. Aber irgendwohin muss Roland ja fahren…

Als Leitwolf muss man einige Rücksichten nehmen. Am Ortsausgang gebe ich erst später Gas, damit die Truppe beisammen bleibt. Am Abzweig zwischen Lancken-Granitz und Serams müssen wir nach links in Richtung Putbus abbiegen. Da ist es wichtig, eine besonders große Lücke im Gegen verkehr zu finden, damit so viele wie möglich hinter mir noch abbiegen können. Und glücklicherweise gibt es auch immer wieder Autofahrer, die erkennen, dass Gruppen unterwegs sind und dann auch mal anhalten, um alle durchzuwinken.

Ein echtes Erlebnis ist die Straße in Vilmnitz. Obwohl es sich um eine Landesstraße handelt, macht sie eher einen musealen Eindruck. Ein extrem holpriges, uraltes Pflaster, enge Kurven, ausgefahrene Ränder. Mit raffinierten Kameraeinstellungen lassen sich in dem Dorf sicherlich Filme drehen, die im frühen 20. Jahrhundert spielen. Oder noch früher.

In Lauterbach legen wir am Hafen einen Zwischenstopp ein. Pflichtbewusst kaufe ich mir ein Parkticket, schließlich haben fast alle anderen Autos auf dem Parkplatz schon ein Knöllchen. Merke: In Lauterbach geht das Ordnungsamt auch am Sonntag um. Allerdings hätten die Oldtimerfreunde sicherlich eine gute Verhandlungsbasis gehabt, warum sie kein Parkticket kaufen müssen.
In einem Miniauto fährt ein Mann umher, hört italienische Musik und macht Faxen. Immerhin bekommt er unsere Aufmerksamkeit. Er wirbt für ein italienisches Lokal am Putbuser Bahnhof, und wir würden einen Kaffee kostenlos bekommen. Wir kündigen uns an und bitten darum, dass er uns Parkplätze freihalte.

Am Bahnhof von Putbus fährt an diesem Nachmittag eine Lok des Rasenden Roland hin und her. Immer wieder. Mal tutet sie, mal schnauft sie. Es ist Bahnhofsfest, und deshalb dürfen Interessierte mit der Lok fahren.
Wir beobachten das vom Italiener aus, wo wir zwar keinen kostenlosen Kaffee bekommen, dafür aber Pizzen, Fisch und Wasauchimmer.
Mit einer Ehrenrunde rund um den Putbuser Circus (nein, keine Artistik und Tiere, sondern weiße Häuser im Rondell), verlassen wir die Stadt.

Unser letztes Ziel auf Rügen ist Glewitz. Dort, wo mein Mai-Rügen-Aufenthalt begann, endet er auch wieder. Wir sind pünktlich, die Fähre aus Stahlbrode ist gerade angekommen, wir können gleich rauffahren.
Diesmal gibt es kaum Wellen, dafür viel Sonne und einen Surfer, der spannende Kunststücke auf dem Strelasund macht.

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Rügen 2011 (2): Mücken – Der Vilm

Sonntag, den 22. Mai 2011
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(1) -> 2.1.2011

Den Süden von Rügen kenne ich eigentlich nur vom Durchfahren. Wenn ich von der Glewitzer Fähre komme, führt meine Reise eigentlich immer über Garz und Putbus nach Binz. Unsere Reise jedoch führte in genau diesen Süden der Insel.

Erster Stopp: Lauterbach. Vom dortigen Hafen aus fährt die Fähre zur Insel Vilm. Vor der Wende war sie ein Sperrgebiet, weil dort der Ministerrat der DDR sein Urlaubsdomizil hatte. Normale DDR-Bürger durften nicht auf den Vilm, das änderte sich erst 1990. Deshalb ist die Insel für viele heute noch sagenumwoben.
Heute ist Vilm ein Naturschutzgebiet – wie übrigens auch schon 1936. Nur wenige Menschen dürfen pro Tag überhaupt dorthin. Nur eine bestimmte Reederei fährt zur Insel.

Auf der Fähre meinten ein paar Rentner, dass es ja angeblich Mücken auf Vilm gebe. Ich fand das lustig. Die sollen sich mal nicht so haben, dachte ich.
Auf Vilm änderte sich meine Meinung.
Nur mit geführten Touren geht es über die Insel. Als unser Ranger an der Stelle des Weges, die in den Wald hinein führt, auch meinte, es gäbe viele Mücken – da wussten wir schon: Er hat Recht.
Vilm ist an sich ganz schön. Naturbelassene Wälder, uralte Bäume. Der älteste Baum auf der Insel ist etwa 850 Jahre alt.
Allerdings hat Vilm tatsächlich eine Plage: die Mücken. Vilm hat wirklich viele Mücken. Sehr viele Mücken. Während uns der Ranger also irgendwas zeigte und erklärte, standen wir mitten im Mückeschwarm. Herrlich.

Eines der wenigen Häuser auf Vilm diente übrigens bis 1989 als Urlaubsdomizil der Honeckers. Erich, der Staatsratsvorsitzende, selbst war allerdings nur zwei- oder dreimal da. Dafür kamen seine Frau Margot und die Tochter wohl öfter.
Viele Leute fragen nach dem Honecker-Haus, wenn sie auf Vilm sind. Es ist noch da, aber nichts erinnert an die Vorwendezeit. Im Grunde erinnert auf Vilm gar nichts an die Vorwendezeit. Ein bisschen schade ist das schon, wenn man mal überlegt, welche Geschichte Vilm in der DDR-Zeit mitgemacht hat.
Die Rügener Tourismusverantwortliche sah das ganz anders, man müsse doch nicht überall an die DDR-Geschichte erinnern, das sei völlig unnötig. Es scheint, als ob das ein Reizthema auf Rügen ist.

Und weil wir sowieso schon im Wald unterwegs waren, nahmen wir auch noch den nächsten mit. Abseits von Lauterbach bei Putbus steht am Ufer des Greifswalder Boddens der Goor. Das ist ein Wald-Naturschutzgebiet, in dem es den Pfad der Muße und Erkenntnis gibt. Toll, sich die alten Buchen und Eichen anzusehen, die verschiedenen Landschaften und Wildnisinseln. Kleine Moore, Hügelgräber und vieles mehr.

Aber eines steht fest: Unser Bedarf an Wald und Mücken ist für die nächste Zeit gedeckt.
Jetzt sitzen wir im Gutshaus in Zicker und lassen die nächtliche Seele baumeln. In völliger Abgeschiedenheit auf einem kleinen Dorf in geräumigen Wohnungen. Eine echte Rückzugsinsel.