Tagesarchiv für 16. Juli 2013

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Die Hoppe-Chronik (2): Angst und Schrecken in der Endphase des Zweiten Weltkrieges

Dienstag, den 16. Juli 2013
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(1) -> 12.7.2013

Irene Hoppe – eine Neu-Vehlefanzer Lebenschronik (2): Im April 1945 tauchten 300 KZ-Häftlinge auf dem Weg nach Sachsenhausen in Wolfslake auf

MAZ Oranienburg, 16.7.2013

NEU-VEHLEFANZ
Die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges brachten die Angst und den Schrecken auch nach Wolfslake und Umgebung. Bis Ende April 1945 sind 32 Bomben auf das Gebiet der Gemeinde Neu-Vehlefanz gefallen. Das ist zumindest die Zahl, die Irene Hoppe bekannt ist. Auf einer Karte hat sie alle Punkte vermerkt, besonders viele sind zwischen Groß-Ziethen und Klein-Ziethen zu finden sowie in Neu-Vehlefanz selbst.

Etwa von dort, wo sich heute die Autobahnbrücke nahe Wolfslake befindet, bis Karlsruh erstreckte sich eine Scheinwerferanlage, die die Nazis aufgebaut hatten. Gewissermaßen eine Mini-Imitation von Berlin. Hinter Klein-Ziethen sowie im Krämerwald standen ebenfalls Scheinwerfer. Sie sollten die Bomber, die zur Reichshauptstadt unterwegs waren, ablenken.
„Wenn Fliegeralarm war, mussten wir verdunkeln“, sagt Irene Hoppe. „Wir lagen in der Einflugschneise von Berlin.“ Dennoch haben sich die Menschen auf dem Land insgesamt ein wenig sicherer gefühlt. „In der Stadt war es auf jeden Fall gefährlicher.“ Trotzdem: „Bei Fliegeralarm haben wir unten im Keller gesessen und gezittert. Das hat manchmal ganz schön gekracht. Wir haben schon am Klang gehört, wo sie runtergehen. Über uns hat es regelrecht gebrummt.“ Am Tag waren diese Situationen besser auszuhalten, da waren die Flieger zu sehen. Aber nachts. Nachts herrschten Ungewissheit und Angst.
Einer der vielen Bomber, die über das Gebiet flogen, ist eines Tages bei Neu-Vehlefanz abgestürzt. „Es gab einen gewaltigen Knall.“ Viele Leute seien in Richtung der Absturzstelle gelaufen.

Der 15. März 1945 war ein sonniger Tag mit einem wolkenlosen Himmel. Für die Stadt Oranienburg wurde er jedoch bald zum Albtraum. „Wir haben ja schon im Radio gehört, dass die Flieger kommen.“ Wenig später war es so weit. „Es sah aus, als ob silberne Vögel über unser Haus fliegen“, erinnert sich Irene Hoppe. „Wir wussten aber auch: Wo die abladen, da wächst kein Gras mehr.“ Sie spürten die zitternde Erde von den Bombenabwürfen in Oranienburg bis nach Wolfslake. „Die Erde brannte.“

Es muss Anfang April 1945 gewesen sein, da passierte etwas Ungeheuerliches. „Etwa 300 Häftlinge kamen aus dem Wald auf die Wiese ins Dorf gelaufen“, erinnert sich Irene Hoppe. Schnell sei klar gewesen: Das sind Häftlinge aus dem Konzentrationslager. Sie kamen aus Perwenitz und sollten wohl weiter bis Sachsenhausen laufen. Begleitet wurden sie von 30 bis 40 Aufpassern. „Wir haben auf die SS-Leute, die sie begleiteten und immer wieder verprügelten, geschimpft.“ Irenes Mutter Luise traute sich, die SS-Schergen anzusprechen. „Die Leute haben doch Hunger!“, rief sie ihnen entgegen, so erinnert sich ihre Tochter heute daran. Sie forderte, dass sie eine Pause machen können, um etwas zu essen. „Die SS-Leute mussten sich Mutti fügen.“ Offenbar war sie eine sehr resolute Frau. Tatsächlich gab es dann ein paar Kartoffeln und was sonst noch in Wolfslake aufzutreiben war. Bald war der Spuk wieder vorbei. „Die SS war ein grausames Volk!“, sagt Irene Hoppe.
Am 20. April 1945 ging es dann nicht mehr anders. Die Familie musste flüchten.

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Pfarrer Fincke verlässt Bötzow im Herbst

Dienstag, den 16. Juli 2013
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Der 54-Jährige geht nach Erfurt / Abschlussgottesdienst am 22. September

MAZ Oranienburg, 16.7.2013

BÖTZOW
Pfarrer Andreas Fincke ist vor etwas mehr als einem Jahr offiziell ins Bötzower Pfarramt berufen worden. Insgesamt lebte er zweieinhalb Jahre im Dorf und war für Bötzow, Wansdorf, Pausin und Grünefeld zuständig. Doch nun nimmt er schon wieder Abschied.

MAZ: Wie lange bleiben Sie noch in der Region?
Andreas Fincke: Bis Ende September.

Wie kommt’s, dass Sie schon wieder weggehen?
Fincke: Ich habe eine interessante Aufgabe in Erfurt angeboten bekommen. Ich werde Studentenpfarrer und Leiter der kirchlichen Stadtakademie. Das hat mich gereizt, ich komme aus ja der Wissenschaft. Mir ist aber auch klar, dass ich hier zu schnell wieder weggehe. Ich bitte die Leute um Verständnis. Ich bin jetzt 54, und ich stand vor der Frage: Bleibe ich bis zur Rente hier oder mache ich noch mal etwas ganz anderes.

Wie haben die Leute reagiert, die schon von Ihrem geplanten Weggang erfahren haben?
Fincke: Manche sind enttäuscht, das will ich nicht wegreden. Ich habe zuerst den Kirchenvorstand informiert, da ist das wie eine Bombe eingeschlagen. Er hat damit nicht gerechnet. Wir haben ja mit großem persönlichen Engagement das Gemeindehaus saniert, anfangs haben wir ja auch gedacht, dass wir sehr lange bleiben.

Ist es denn eine schöne Aufgabe, Pfarrer auf dem Dorf zu sein?
Fincke: Ja, ich habe hier sehr schöne Begegnungen gehabt. Ich empfinde die Leute als sehr bodenständig. Problematisch ist, dass sich ein Pfarrer in einer Dorfgemeinde sehr stark auch in der Rolle eines Hausmeisters befindet. Ich habe hier unheimlich viele Managementaufgaben. Das ist manchmal frustrierend. In Grünefeld renovieren wir das Gemeindehaus. Die Arbeit machen Firmen, aber wohin die Steckdosen sollen, muss ich sagen. Ich investiere auch enorm viel Kraft in die Vermietung. Auch sonst ist ja das Landleben sehr speziell, man muss dafür geschaffen sein. Wir haben vorher in Berlin gelebt, uns fehlt hier einiges.

Was zum Beispiel?
Fincke: Es gibt hier überhaupt keinen sinnvollen Nahverkehr nach Berlin. In Hennigsdorf gibt es an der Bahn zwar viele freie Parkplätze, aber nur zeitlich begrenzt, nirgendwo kann man als Pendler parken, das ist eine spießige Arroganz der Verwaltung. Wir haben ein riesiges Problem mit der Landflucht, aber die kommunalen Verwaltungen tun nichts dagegen. Die Fahrt nach Berlin-Mitte mit mit den Öffentlichen ist eine Weltreise.

Aber weiß man das nicht vorher, wenn man aufs Dorf zieht?
Fincke: In dieser Dramatik nicht. Und man sieht ja, die Jugend verlässt die Dörfer. Warum bekomme ich denn sonst die Wohnung in Grünefeld nicht vermietet? Wir haben inzwischen zwei Autos und fahren deutlich mehr als 30 000 Kilometer im Jahr. Wir können das bezahlen, aber ökologisch gesehen ist das ein Problem.

Gibt es etwas von dem Sie sagen würden, das habe ich hier geschafft?
Fincke: Die Leute sagen, ich habe hier frischen Wind in die Gemeinde gebracht. Außerdem haben wir das Haus an der Dorfaue saniert und ein paar buntere Veranstaltungen ins Leben gerufen. Da kommen dann auch viele Leute, während den klassischen Gottesdienst immer weniger Menschen besuchen. Deshalb will ich immer das Besondere versuchen und anbieten. Erstaunlicherweise haben wir hier ja immer noch mehr Taufen als Beerdigungen.

Wie schätzen Sie die Chance ein, dass bald ein neuer Pfarrer herkommt?
Fincke: Ganz gut. Die Gemeinde ist in einem ordentlichen Zustand, die Nähe der Stadt ist attraktiv. Allerdings ist es immer schwieriger, den Bedürfnissen in den Dörfern nachzukommen. In den vier Orten haben wir 1400 Gemeindeglieder, da steht man schon unter Druck, wenn man entscheiden muss, zu welchem Geburtstag oder zu welcher Taufe ich gehe. Alles ist nicht zu schaffen.

Sind in Bötzow Freundschaften entstanden?
Fincke: Es gab eine Menge Begegnungen, die mich sehr berührt haben. Ich habe Geschichten von Leuten gehört, die einen prägen, keine weltpolitischen Dinge, aber schöne Geschichten über das wirkliche Leben.

Wie gestalten Sie Ihren Abschied?
Fincke: Am 22. September gibt es um 14 Uhr in Bötzow einen Gottesdienst, bei dem ich mich verabschieden werde.

Wie geht es dann weiter?
Fincke: Es gibt eine Vakanzvertretung, die wird von Pastorin Katherina Plume aus Paaren übernommen. Es wäre aber nicht schön, wenn meine Stelle zu lange frei wäre. Beim letzten Mal gab es genau eine Bewerbung, nämlich meine. Im Kirchlichen Amtsblatt ist die Stelle schon ausgeschrieben. Und ich mache auch Werbung für die Stelle. Hilfreich ist, dass wir hier in Bötzow einen sehr engagierten Kirchenvorstand haben, der ist super. Deshalb wird das kirchliche Leben nicht brachliegen.

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Daniel Höra: Braune Erde

Dienstag, den 16. Juli 2013
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Bütenow, irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Das Dorf blutet aus, wer kann, zieht weg. Aber dann geschieht etwas Erstaunliches: In das alte Gutshaus zieht eine Familie ein. Sie wollen wieder selbst für ihr Essen sorgen, sagen sie. Gemüse anbauen, Brot backen. Aber nicht nur das. Nach und nach nehmen die Neuen Kontakt zu den Leuten ins Dorf auf. Auch zu Ben, der Zutrauen fasst und sogar hilft, das Gutshaus auszubauen.
Aber diese Familie – da ist noch was. Diese Deutschtümelei, die Söhne konnten gerade noch daran gehindert werden, die Reichskriegsflagge ins Haus zu hängen.
Ben gerät immer weiter in einen Sumpf, den er zunächst gar nicht als solchen erkennt. Erst als die Neuen Stimmung gegen Ausländer und Andersdenkende machen – da ist es eigentlich schon zu spät, denn sie haben schon so ziemlich alle Leute im Dorf auf ihre Seite gezogen.

Die “Braune Erde”, die Daniel Höra in seinem Roman beschreibt, ist ganz bestimmt nichts, was er sich einfach nur so ausgedacht hat. Vermutlich funktioniert die moderne Nazimasche genau so: Erst die Gutmenschen spielen, um nach und nach das wahre Gesicht zu zeigen. Ausländerhass, brutale Gewalt, ja, auch Mord.
Gerade im Osten von Mecklenburg-Vorpommern haben die Nazis sich eingerichtet und bekommen noch immer erschreckend hohe Wahlergebnisse. Es gibt dort wohl Orte, wo die Nazis so ziemlich “dazugehören”.
Höra zeigt eindrucksvoll, wie einfach es als Außenstehender sein kann, in eine solche Situation reinzugeraten – und vor allem, wieder rauszukommen. Der junge Ben merkt zunächst gar nicht, dass er ins Nazinest aufgenommen worden ist. Er macht zwar Gedanken, wird aber dennoch zum Mitläufer.
Das ist alles sehr kurzweilig erzählt. Zum Ende hin geht Höra jedoch die Luft aus, das Ende kommt allzu plötzlich, fast aus heiterem Himmel.

Daniel Höra: Braune Erde
Bloomsbury, 300 Seiten
8/10

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