Mikita Franko: Die Lüge

Mikita ist fünf, als seine Mama stirbt. Soll er ins Heim? Zu seiner Oma? Seine Mutter hatte aber schon vor ihrem Tod verfügt, dass Miki zu ihrem Bruder Slawa soll, um bei ihm aufzuwachsen.
Tatsächlich erlebt er eine glückliche Kindheit. Slawa ist ein sehr guter Ersatzvater, zeigt ihm Kunst und Kultur.
Allerdings merkt Miki schon als Kind, dass es da etwas gibt, das es zu verstecken gilt. Denn Miki hat in seiner neuen Familie zwei Vater. Slawa lebt mit Lew zusammen, und in Russland sind solche Beziehung immer noch verpönt.
Spätestens als Miki in die Schule kommt, muss er damit klarkommen, mit einer Lüge leben zu müssen, anderen nicht sagen zu dürfen, dass er zwei Papas hat und dass das für ihn vollkommen normal ist.

Mikita Franko hat schon früh Tagebuch geschrieben, und irgendwann begann er, seine Geschichte über einen Blog öffentlich zu machen. Er war 23, als sein erster Roman „Die Lüge“ erschien, die seine Geschichte erzählt.
Das ist auf verschiedenen Ebenen toll. Einerseits weil es wahnsinnig rührend ist, zu lesen, wie ein Kind solche schwierigen Situationen erlebt. Wie er mit sich, mit seinen Eltern, aber vor allem mit seiner Umwelt hadert. Dass er keinem etwas über sein Zuhause erzählen darf, hat für den Jungen Folgen. Es macht ihn fertig, so vieles für sich behalten zu müssen, Angst um sich und seine Familie haben zu müssen. Aber es ist mehr und mehr auch Wut – und auch diese richtet sich an viele Seiten, auch an ihn selbst.
Das alles ist rührend, traurig, auch mal lustig und fast immer sehr spannend – weil diese Story aus der Ich-Perspektive auf eindringliche Weise erzählt, was solche Geheimniskrämerei anrichten kann.
Mikita Franko erzählt von warmherzigen Menschen, die aber auch leiden müssen, die auf verschiedene Weise ihre tiefempfundene Liebe zeigen. Er zeigt aber auch, dass jede Beziehung auch Schattenseiten haben kann.
Zum Ende hin beschleunigt die Geschichte an einigen Stellen etwas, und das ist fast schon schade – andererseits hat Mikita je älter er wird auch mehr mit sich selbst zu tun.
„Die Lüge“ gehört jedenfalls zu den Romanen, die allein schon durch ihre Sprache sehr schnell in den Bann ziehen.

Mikita Franko: Die Lüge
Hoffmann und Campe, 383 Seiten
9/10


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