Geheimdiplomat Bundeskanzler – Wie Helmut Kohl die Staatssicherheit narrte

MO 27.05.2024 | 23.35 Uhr | Das Erste

Vom 27. bis 29. Mai 1988 war der damalige Bundeskanzler unterwegs in der DDR. Allerdings: ohne Empfang durch Erich Honecker, ohne Staatsakt, ohne Hymne, ohne großes Aufsehen. Helmut Kohl war privat in der DDR, und im Nachhinein betrachtet, war das ein großer Coup.
Und ich kann an der Stelle sagen: Ich wusste das nicht und habe viel Neues erfahren. Am Montagabend lief im Ersten die sehr spannende Doku „Geheimdiplomat Bundeskanzler – Wie Helmut Kohl die Staatssicherheit narrte“.

Es war ein ungewöhnlicher Deal, den Helmut Kohl damals mit Erich Honecker machen konnte. Als der DDR-Staatschef 1987 zu Besuch in der Bundesrepublik war, kündigte Kohl einen DDR-Besuch an – hatte aber Bedingungen. Siehe oben. Niemand sollte das vorher wissen, auch nicht die Presse. Und Kohl wollte, dass die Stasi ihm fern bleibt.

Letzteres war natürlich ein unerfüllter Wunschtraum – die Stasi war ihm immer auf den Fersen. Aber: Sie durfte nirgendwo eingreifen, das war der Deal. Allerdings hat sich die DDR-Stasi den Kohl-Besuch ganz anders vorgestellt.
Mit zwei Autos reiste Kohl mit Frau Hannelore und Sohn Peter sowie mit drei weiteren Begleitern über einen der Autobahn-Grenzübergänge ein.
Für die Stasi war dieses Wochenende Großeinsatz angesagt – mehr als 1000 (!) Leute wurden auf diesen Besuch angesetzt.
Kohl bereiste Gotha, Erfurt, Weimar und Dresden. Und überall postierte die Stasi ihre Leute. Überall da, wo sie glaubten, dass Kohl und seine Leute hinfahren würden. An allen Sehenswürdigkeiten. Denn: Die Stasi konnte nur vermuten, keiner wusste, wo Kohl eigentlich hin will. Bekannt war nur, wo er übernachtet, dass er in Dresden zum Fußball will und abends in die Semperoper. Mehr nicht.

Kohl aber schaute sich keine Sehenswürdigkeiten an. Stattdessen flanierte er durch die Stadtzentren – um mit den Menschen in Kontakt zu treten. Mit den „normalen“ Menschen. Durch die spontanen Begegnungen war es der Stasi nicht möglich, ihre Leute zu platzieren. So bekam Kohl ein ungefiltertes Bild von den Leuten und von dem, was sie ihm zu sagen hatten.
Die Stasi war mit zig Leuten an Orten, wo Kohl letztlich gar nicht hinwollte – und wo er war, durfte die Stasi nicht stören.

Mehr als 35 Jahre danach erzählt diese Doku von diesem wahnsinnigen Coup. Denn selbst beim Fußball in Dresden musste die Stasi mitanschauen, wie Kohl quasi in der Menge badete und mit Menschen ins Gespräch kam.

Laut Stasi-Protokolle habe Kohl sich den Menschen geradezu aufdrängen müssen, um mit ihnen überhaupt ins Gespräch zu kommen. Was Quatsch war. Aber Erich Honecker habe dies tatsächlich geglaubt, so steht es in einem Stasi-Dokument.
Was für eine absurde Geschichte, bei der der DDR-Geheimdienst am Ende extrem dumm dastand. Und was für eine faszinierende Doku!

-> Die Doku in der ARD-Mediathek (bis 25. Mai 2025)


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