Es war der ganz große Medienskandal. Im Dezember 2018 wurde bekannt, dass der Spiegel-Journalist Claas Relotius Artikel gefälscht hat. Er schrieb über Orte und Themen, war aber gar nicht vor Ort, hat sich Interviews ausgedacht – er hat gelogen, sich eine Art Phantasiewelt geschaffen. „Der Spiegel“ war betroffen, aber auch viele andere Zeitungen und Zeitschriften.
Sein Kollege Juan Moreno war es, der den Skandal aufgedeckt hatte. 2019 erschien sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“. Aus diesem Buch hat Michael Bully Herbig nun einen Film gemacht.
Lars Bogenius (Jonas Nay) gilt als Edelfeder. Seine Reportagen gelten als Höhepunkte des Journalismus. Seine Texte sind berührend, sie gehen nah, und sie sind immer nah dran an den Menschen, über die Bogenius schreibt. Damit gewinnt er Preise, und er steigt bei der Zeitschrift „Chronik“ zum Ressortleiter auf.
Bei einer Reportage über die Grenze zwischen der USA und Mexiko soll der freie Journalist Juan Romero (Elyas M’Barek) mit Bogenius zusammenarbeiten. Doch die beiden kommen nur schwer zusammen, und Romero fallen bald seltsame Ungereimtheiten auf. In dessen Reportageteil taucht nämlich ein Mann auf, der in einer Doku noch ganz anders hieß. Doch Romero findet bei seinen Chefs kein Gehör – also recherchiert er auf eigene Faust.
Dass so ein ernster und wichtiger Stoff von Michael Bully Herbig umgesetzt wird, verwundert zunächst mal. Andererseits hat er mit „Ballon“ schon mal einen ernsten Film geschaffen. In „Tausend Zeilen“ versucht er aber einen Spagat zwischen Krimi und Komödie. Der allerdings nur so mittel gelingt.
Wenn er die Männer aus der Spiegel-Chefetage zeigt, dann sind das überzeichnete Karikaturen. Man kann sie nicht ernst nehmen, sie werden komödienhaft dargestellt. Dabei sind auch diese Männer ein spannender Knackpunkt in der Relotius-Affäre. Man hätte sie ernster nehmen und auch näher beleuchten müssen. Auch kratzt Herbig im Fall Bogenius nur an der Oberfläche. Er wagt keinen Versuch, die Person näher zu zeigen, er hält sich strikt an die Buchvorlage – was aber vielleicht auch juristische Gründe haben könnte.
„Tausend Zeilen“ arbeitet sich an den Fakten aus dem Buch ab – und das nicht sonderlich kreativ. Wenn die eine oder andere unangenehm klamaukige Szene besser, ernsthafter umgesetzt worden wäre, hätte ein größerer Wurf draus werden können.
Tausend Zeilen
D 2020, Regie: Michael Bully Herbig
Warner, 93 Minuten, ab 12
6/10
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