Wie kann man sich das eigentlich vorstellen? Der 80-jährige Starautor John Irving kommt mit einem fetten Ordner in den Verlag und knallt ihn auf den Tisch. Und der Verlagschef blättert einmal durch und murmelt: Das wird unser Lektor ja nie schaffen, und dann guckt er den Autor an und sagt: Ach, ist ja egal, wir nehmen das so, wie es ist. Da vertrauen wir dir total.
Und da liegen sie jetzt: die 1081 Seiten des Romans „Der letzte Sessellift“, und als das Ding in Deutschland erscheint, da überlegen sie dann, was sie denn hinten in den Klappentext schreiben. Irgendwas, was halt irgendwo in den 1081 Seiten vorkommt…
So könnte das abgelaufen sein.
Erzählt wird die – natürlich – epische Familiengeschichte von Adam Brewster. Er wird 1941 geboren, und wir begleiten ihn bis in die 2010er-Jahre. Von den Zeiten, in denen seine Mutter Rachel Ski gefahren ist. Sie gewinnt zwar keine Medaille, ist aber schwanger – mit Andrew. Wer der Vater ist, sagt sie zunächst nicht, aber Andrew will es rausfinden.
Im Grunde ist das nur ein Mini-Ausschnitt aus der Handlung, und überhaupt weiß man als Leser sehr lange nicht, ob der Roman überhaupt eine nennenswerte Handlung hat.
john Irving mäandert durch die Story, er scheint jede Kleinigkeiten auszuwalzen, und es fehlt eindeutig an Schwerpunkten und spannenden Ankern in diesem Roman. Immer wieder schimmern interessante Aspekte auf, die dann aber wieder versanden oder erst später wieder kurz aufgegriffen werden.
Wer einen 1081-Seiten-Wälzer geschrieben hat, muss das auch irgendwie rechtfertigen, und die wenigsten Romane fesseln, wenn sie 600 oder 700 Seiten und mehr haben. Das ist leider auch in diesem Fall so.
An einigen Stellen blitzt sie durchaus durch die eigentlich lesenswerte Geschichte, aber es sind kleine Schublade in einem riesigen Schrank.
Der Roman ist stattdessen ausschweifend und überladen mit Randgeschichten. So hat das leider über weite Strecken kaum Spaß und Freude gemacht.
John Irving: Der letzte Sessellift
Diogenes, 1081 Seiten
3/10
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