phoenix vor Ort: AfD-Pressekonferenz nach der Wahl in Sachsen-Anhalt

MO 07.09.2026 | 10.15 Uhr | phoenix

Das Selbstbewusstsein der AfD-Leute geht seit den ersten Wahlprognosen aus Sachsen-Anhalt komplett durch die Decke. Selbstgefällig lächelnd sitzen sie am Sonntag in den Talkrunden, sie strahlen regelrecht. Dass da jede Kritik an ihnen abperlt, verwundert nicht.
Am Montagvormittag übertrug phoenix live die Pressekonferenz der AfD im Berliner Regierungsviertel.

Ulrich Siegmund saß mit strahlenden Augen und lächelnd vor den Journalisten, er schien regelrecht geflasht von der Situation, die ihn am Sonntagabend ereilte. Auch Alice Weidel und Tino Chrupalla neben ihm waren das Selbstbewusstsein in Person. Ihnen konnte an diesem Montag keiner was, das war die Botschaft.

Tatsächlich zeigte (nicht nur) diese Pressekonferenz einen Paradigmenwechsel: Die AfD-Leute sind seit den fast 44 Prozent in Sachsen-Anhalt kaum noch angreifbar. Sie können nun immer mit dieser Zahl argumentieren, wenn es darum geht, unliebsame Themen abprallen zu lassen.

Exemplarisch dafür steht Thilo Jung. Der Journalist ist bekannt für sein Talkformat „Jung & Naiv“ und für provokante Fragen in der Pressekonferenz. Er zeigte am Montag wie man es in Zukunft nicht mehr machen kann.
Jung meinte, Siegmund habe von historischer Wahl und Aufgabe gesprochen. 1932 sei Alfred Freyberg der erste Ministerpräsident der NSDAP, im Freistaat Anhalt. „Ist Ihr Land einfach schon immer gemacht für historische Aufgaben?“
Ulrich Siegmund antwortete nicht, begann stattdessen zu schauspielern: „Wer sind Sie?“, fragte er, worauf Tilo Jung sich nochmals vorstellte.
Woraufhin Siegmund meinte, dass er ja mal eine Interview-Anfrage von ihm bekommen habe. Jetzt erinnere er sich, und es sei ganz gut, dass er nicht ihm ihm gegangen sei, er glaube, die Zeit sinnvoller investiert, Sie sehen ja, was die Sachsen-Anhalter von Leuten wie Ihnen halten.“

Das war unverschämt, und das saß. Natürlich war das geschauspielert, und das auch nicht sehr gut. Das Problem: 44 Prozent für die AfD. Dass Ulrich Siegmund da mit den Menschen in Sachsen-Anhalt argumentiert, die Tilo Jung vermutlich nicht so toll finden, ist erwartbar.
Und das ist das Problem: Die Nicht-Antwort von Ulrich Siegmund ist erwartbar, das Verächtlichmachen stattdessen ebenfalls. Der Unterschied nach der Wahl ist aber, dass Ulrich Siegmund inzwischen eine riesige Anhängerschaft hinter sich weiß, fast eine Mehrheit.

Tilo Jung hat vermutlich einen großen und wichtigen Punkt, wenn er auf die Historie anspricht, und in der tat muss man darüber reden. Aber Ulrich Siegmund eine solche Frage zu stellen, bringt einfach mal gar nichts. Das ist keine Strategie, das ist eine Methode aus dem Berliner Journalisten-Elfenbeinturm.
Tilo Jung veröffentlichte den Ausschnitt unter dem Titel „Maske gefallen: Ulrich Siegmund (AfD) beschimpft Tilo & verweigert Antwort auf Geschichtsfrage“. Nur dass gar keine Maske gefallen ist, weil Siegmund und Co. seit Sonntag gar keine Maske mehr tragen müssen.

Und das zog sich durch den Montag. Überall, wo AfD-Leute in Talkshows saßen, waren sie selbstbewusst gelassen. Jegliche Kritik prallte ab, jede Anmerkung über Mehrheiten oder Wahlprogramm – und schon kam der Hinweis, dass aber 44 Prozent dahinterstünden.
Viele Argumente, die Sonnabend noch galten, sind am Sonntagabend hinfällig geworden. Sowohl Journalisten wie Tilo Jung als auch Politiker-Talkshowgäste müssen sich nun sehr genau überlegen, wie sie argumentativ gegen die AfD vorgehen oder welche Fragen an bestimmte Leute Sinn machen, wen man nicht einfach nur erwartbare Effekte erzielen will.
Ja, am Sonntagabend ist vieles ins Rutschen gekommen. Kein guter Rutsch.

-> Die Übertragung von phoenix auf Youtube


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