Tip Toe

SO 30.08.2026 | HBO Max

Es sind zwei Sätze, die in dieser britischen Serie ins Herz treffen, weil sie einen düsteren Blick in die Zukunft zeigen. Sie fallen während einer Unterhaltung.
Zum einen: Queere Menschen sind in die Falle getappt. Viele, sehr viele haben sich geoutet und leben offen ihr Leben. Jetzt aber dreht sich der gesellschaftliche Wind, und Gruppen wie die Rechtsextremen sehen nun ganz offen, wer ihr Feind sei.
Zum anderen: Ein älterer queerer Mann erzählt, dass er früher ganz selbstverständlich sein Dasein leben konnte, voller Selbstbewusstsein. Heute schleiche er auf Zehenspitzen in den Raum, weil er verunsichert sei. „Tip Toe“, so die Übersetzung, und so heißt auch die 5-teilige Serie auf HBO Max, die so fesselnd, wie grausam ist.

Grausam weil: Leo (Alan Cumming) hängt tot an einer Straßenlaterne. So fängt es an, mit diesem Wissen startet die Handlung.
Leo ist Betreiber einer Bar für queeres Publikum, er selbst lebt seit vielen Jahren offen schwul. Der Elektriker Clive (David Morrissey), seine beiden Söhne und seine Frau leben im hellhörigen Doppelhaus nebenan. Sie haben eigentlich nicht so viel miteinander zu tun.
Für Clive laufen die Geschäfte schlecht, er ist froh, in Leos Bar einen Auftrag bekommen zu haben. Dass er und sein 25-jähriger, ihm helfender Sohn während der Arbeit angemacht werden, nimmt er zunächst hin.
Aber die Spirale beginnt sich zu drehen. Das Personal findet raus, dass der Sohn explizite Onlyfans-Videos dreht, die sich zwar an Frauen richten, aber natürlich abonnieren ihn auch schwule Männer. Und Leo findet raus, dass der jüngere Sohn schwul ist, sich aber nicht traut, sich zu outen. Vor allem beim Vater.
Aber wie es so ist: Irgendwann kommt alles raus, und Clive sieht Leo in der Schuld.

Natürlich erzählt Russell T.Davies in „Tip Toe“ eine spezielle Geschichte unter einem Brennglas. Aber sie steht exemplarisch für die Gesellschaft, die wieder queerfeindlicher wird. Für eine Gesellschaft, die weniger Akzeptanz übrig hat. Aber das Ganze ist nicht einseitig. Die Serie zeigt auch, dass unter den Queeren nicht immer Akzeptanz herrscht.
Einmal mehr wird zudem das Bild vom starken Mann gezeigt, der in der Gruppe bestehen muss, der in der Gruppe nicht weich werden darf. Die Geschehnisse in der letzten Folge sind gerade beängstigend und schockierend, weil sich die Spirale so sehr dreht, dass es zu Hass und Gewalt kommt, die unendlich erscheint.
„Tip Toe“ ist ein Weckruf an die Gesellschaft, ein Plädoyer im Gespräch zu bleiben, andere Sichtweisen zuzulassen, Schwächen nicht niederzumetzeln, zusammenzuhalten.

-> Trailer auf Youtube (englisch)
-> Die Serie auf HBO Max


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