Anschlag auf den CSD in Berlin – Gedanken am Tag danach

Es ist schwierig, nach so einem Tag die Gedanken zu sortieren. Deshalb jetzt ein paar Stichpunkte zu dem, was am Wochenende in Berlin passiert ist.

Ich war nicht beim CSD in Berlin, aber ich war schon ein paarmal dabei. Am Sonnabendnachmittag habe ich die Übertragung im rbb verfolgt.
Am Abend schaute ich eine Serie, als ich eine Push-up-Mitteilung aufs Handy bekam: CSD abgebrochen, Sicherheitslage.
Das ist der Moment, wo man nach weiteren Infos sucht, nach möglichen Live-Sendungen. Tatsächlich war gerade ein Livestream auf Youtube an den Start gegangen. Julian Miethig war bei Queer4mat live in Berlin. Er hatte keine wirklichen Infos, zeigte erst mal, was los war. Viel war nicht zu sehen, er war nicht direkt am Tatort.
Aber relativ schnell suchte er einen Polizei-Pressesprecher, und er war dann tatsächlich der erste, der live einen Pressesprecher zu ersten Informationen befragen konnte. Immerhin war jetzt erst mal klar, was Sache ist.

Schock. Auch Trauer. und Wut. Die Emotionen an diesem Abend. Mehr als zwei Stunden verfolgte ich, was das Fernsehen hergab.

Grundsätzlich bin ich ziemlich rat- und sprachlos, was diese Tat angeht. Klar ist: Es ist en Angriff auf unsere Freiheit, auf unsere offene Gesellschaft. Solche Täter wollen Ängste schüren, sie wollen spalten.
Dagegen hilft: Zusammenhalt. Liebe. Füreinander da zu sein. Keine Angst zu haben. Oder sich der Angst zu stellen. Sich nicht aufhetzen zu lassen.

Und jetzt kommen sie alle: Der Kanzler und die Regierung bedauern. Das mag aufrichtig sein. Aber andererseits werden queere Projekte gecancelt, Hilfsmittel gekürzt oder gekappt. Andererseits lässt man Streits über Regenbogenfahnen zu, diskutiert über das Gendern, als ob es lebensentscheidend sei. Jetzt spricht Merz der queeren Community gut zu, wo es doch in letzter Zeit auch seitens der Regierung Rückschritte gibt.
Und auch die rechten und rechtsextremen Hetzer stellen sich jetzt hin, um zu sagen, dass das mit ihnen nicht passieren würde und dass man an der Seite der queeren Menschen stehe. Oder so ähnlich. Dass sie Queerness hassen – kurz mal vergessen. Und wenn sich AfD-Leute hinstellen und sagen, dass das mit ihnen nicht passieren würde, dann heißt das ja vielleicht eher, dass es bei ihnen eh keinen CSD mehr geben würde, den man auch noch schützen müsste.

Der Tag zeigte, warum CSDs weiter nötig sind. Islamisten hassen Queerness. Rechtsradikale hassen Queerness. Die Bedrohungen kommen von verschiedenen Seiten, und keine davon ist kleinzureden. So zu tun, als seien Nazis ja gar keine Gefahr, ist naiv. Gerade bei den kleinen CSDs im Osten marschieren immer öfter Nazis auf – die sich übriegens öfter auch genauso nennen (von wegen, es gibt keine Nazis mehr).

Die Berichterstattung kommt mir manchmal larifari vor. Es war immer mal davon die Rede, dass das Auto beim CSD in die Menschenmasse raste. Ganz so war es nicht, das Auto raste abseits des CSD in den Tiergarten, und der Fahrer steuerte auf Menschen zu.
Deshalb ist auch die Debatte um den Schutz solcher Events schwierig, weil das Event selbst gar nicht betroffen war. Und man kann schlicht nicht immer größere Schutzringe ziehen. Den umfassenden Schutz gibt es nicht, den kann keiner versprechen.

Dass der Täter am Sonntagabend in Spandau erschossen wurde, erscheint einerseits beruhigend. Andererseits hat man dem Täter genau das geschenkt, was er vielleicht wollte: ein Märtyrer zu sein. Ein Held, der für die Sache gestorben ist – dafür wird er in seiner Szene sicherlich gefeiert werden.
Und uns gehen vermutlich wichtige Informationen verloren, die er in Vernehmungen nun nicht mehr aussagen kann.

Von dem, was da in Berlin passiert, werden Extremisten weiter profitieren, auch etwas, was solche Täter erreichen wollen. Bestimmte Kräfte werden Abschiebedebatten führen, dabei war der Täter in Deutschland geboren, den hätte man nicht mal abschieben können. Und wollen wir uns wirklich wieder komplett abschotten, damit angeblich sow as nicht mehr passiert? Wollen wir unsere Freiheit aufs Spiel setzen für ein trügerisches Sicherheitsgefühl?
Der Hass wird größer, und die Angst wird auch größer. Alle verlieren. Deshalb sollten wir besonnen bleiben. Aber momentan bin ich da nicht sehr optimistisch.


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