Der ehemalige Lehrer Olaf Hahn (67) betreibt immer donnerstags in Zehdenick einen ehrenamtlich betriebenen Buchladen – Zusammenarbeit mit einem Geschäft in Oranienburg
MAZ Oberhavel, 11.4.2026
Zehdenick.
Der kleine Buchladen von Olaf Hahn entsteht jeden Donnerstag neu. Woche für Woche baut der 67-Jährige alles auf, legt die Bücher sorgfältig auf die Regale. Er bereitet alles vor, bevor er das Geschäft um 10 Uhr öffnet. Am späten Nachmittag baut er alles wieder ab.
Das Besondere: Der Laden ist eigentlich kein Buchladen, und Olaf Hahn ist eigentlich kein Buchhändler, sondern Rentner. Aber Olaf Hahn liebt Bücher, und er möchte, dass andere Menschen weiterhin Bücher lesen – und sie in Zehdenick auch weiterhin kaufen können.
„Immer am Donnerstag bin ich hier“, erzählt er. Er nutzt das Ladenlokal „Hallo Nachbar!“. Das ist ein Stadtteilladen in der Marktstraße 2, betrieben vom Kulturverein Zehdenick. Donnerstags verwandelt er sich in ein kleines Buchgeschäft. Gerade hat er das zweite Jubiläum gefeiert.
Es sind allerdings keine Liebhaberstücke oder Second-Hand-Ware, die er dort anbietet. Stattdessen hat er brandneue Bücher vorrätig. Dafür arbeitet er mit der Oranienburger Runge-Buchhandlung zusammen, die ihm die neuesten Bücher und auch einige Klassiker zur Verfügung stellt.
„Von 2017 bis 2024 gab es in Zehdenick keine Buchhandlung mehr“, erzählt Olaf Hahn. „Die Leute haben eigene Wege gefunden, Bücher zu kaufen, die meisten über Amazon.“ Aber er wollte wieder einen Ort schaffen, wo man sich die Bücher ansehen, sie in die Hand nehmen und kaufen kann – und einen Ort, der zugleich Treffpunkt ist.
Wie es dazu kam, ist ein beeindruckendes Beispiel für Engagement. Ganz unbekannt ist Olaf Hahn in der Region nicht. Mehr als 40 Jahre lang arbeitete er als Lehrer. Am Granseer Strittmatter-Gymnasium unterrichtete er Deutsch und Geschichte.
„Kultur und Literatur haben mich immer interessiert“, sagt er. Als er Veranstaltungen in der Zehdenicker Klosterscheune besuchte, sei der Funke zwischen ihm und dem Leiter Christian Seipel übergesprungen. In Zusammenarbeit mit Buchhandlungen in der Region veranstalteten sie zum Beispiel eine kleine Buchmesse oder die Reihe „Zehdenick liest“.
Es stellte sich heraus: Olaf Hahns Stärke ist die Literatur. Die Idee, einen ehrenamtlich betriebenen Buchladen zu betreiben, war geboren. Der Kontakt zur Oranienburger Buchhandlung war besonders eng. „Ich fragte dann dort, ob sie mir Bücher für eine eigene Buchhandlung geben könnten.“
Kerstin Pelz, die Leiterin des Oranienburger Buchladens, erinnert sich: „Er stand eines Tages hier und fragte, ob ich für ‚Zehdenick liest‘ Bücher zur Verfügung stellen kann. Das hat ihm Spaß gemacht.“ Es war der Beginn einer Zusammenarbeit, die nun schon zwei Jahre dauert.
„Zehdenick hatte ja keine Buchhandlung mehr, und es hat sich jemand gefunden, der Bücher sehr gern mag“, erzählt sie weiter. In der Regel komme Olaf Hahn dienstags in den Laden, um Bestellungen abzuholen, aber auch, um sich vor Ort umzusehen.
„Er bekommt auch Vorschläge von uns, aber er sucht sich Bücher auch selber aus.“
Für Olaf Hahn geht auch ein kleiner Traum in Erfüllung. „Ich darf einfach durch die Buchhandlung gehen und mir nehmen, was ich möchte“, erzählt er mit einem Lächeln. Mit den Kisten voller Bücher macht er sich dann wieder auf den Weg nach Zehdenick. Im Grunde genommen ist es eine Leihgabe. Bezahlen muss er die Bücher dann, wenn sie in Zehdenick auch wirklich gekauft werden – oder wenn er sich auch selbst mal eins kauft, was hin und wieder auch vorkommt. Regelmäßig schickt er per E-Mail die Abrechnung und bezahlt dann vor Ort. Was nicht gekauft wird, geht irgendwann wieder zurück.
Am Donnerstagmorgen gegen 8 Uhr beginnt er dann, alles aufzubauen. Für den ehemaligen Lehrer ein echtes Herzensding. „Ich möchte hier keinen Donnerstag missen“, sagt er. „Ich lerne Zehdenick jetzt aus einem ganz anderen Blickwinkel kennen. Ich mochte schon immer Literatur, und ich dachte, ich kenne viel.“
Jetzt lerne er vieles Neues kennen, auch weil die Leute im Laden fragen: „Kennen Sie das? Haben Sie das?“ Dadurch habe er auch schon ein Gespür dafür, was in Zehdenick ganz gut laufe. „Krimis gehen ganz gut, vor allem welche, die in der Region spielen.“ Dazu gehören zum Beispiel die Brandenburg-Krimis von Richard Brandes. Auch Comics seien beliebt.
Mitte März hat Olaf Hahn sein 1000. Buch in Zehdenick verkauft. „Anfangs dachten die Leute, ich habe hier nur gebrauchte Bücher, das hat ein Vierteljahr gebraucht. Diese Zeit musste ich durchhalten.“
Es können nicht nur die vorhandenen Bücher gekauft werden. Olaf Hahn bestellt für seine Kundschaft auch Bücher direkt in Oranienburg.
Inzwischen werde der wöchentliche Buchladen auch als Treffpunkt genutzt. „Viele möchten sich einfach nett unterhalten, die setzen sich dann hierhin.“ Oder ein ehemaliger Schüler steckt den Kopf durch die Ladentür und ruft: „Herr Hahn, was machen Sie denn hier?“
Es bleibt nicht nur donnerstags beim Buchladen. Olaf Hahn kümmert sich auch um Kaffeezeit-Lesungen im Laden, aber auch in Orten wie Klein Mutz, Menz oder Fürstenberg. „Zehdenick liest“ finde darüber hinaus an 14 verschiedenen Orten statt, wie Olaf Hahn erklärt.
Er selbst liest übrigens gerade den Roman „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ von Alena Schröder. Es sei ein Roman, der auf zwei Zeitebenen die Geschichte zweier Frauen erzähle, deren Leben durch eine unscheinbar wirkende Leinwand für immer verbunden sei. „Ich bin noch nicht durch, aber es ist faszinierend.“
Wenn er sich mal nicht mit Büchern befasst, dann stehen die Enkelkinder ganz oben auf der Hobbyliste. „Ich hätte nicht gedacht, dass das mal einen so hohen Stellenwert kriegt“, sagt Olaf Hahn und lächelt. Nur donnerstags – da hat sein kleiner Buchladen in Zehdenick Vorrang.
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