Regionalkrimis brauchen die entsprechende PR. Deshalb muss im Fall des Ermittlers Karsten Schwinka auch „Rügen“ im Romantitel vorkommen, und auf dem Cover muss ein Rügen-typisches Foto stehen.
Nun spielt dieser Roman aber weder in einem der Küstenorte, wo man die vereiste Mole und den Leuchtturm verorten könnte. Der Ort, in dem die Story spielt, gibt es nicht mal. Insofern ist es schon ein bisschen Etikettenschwindel, was der Autor Jens-Uwe Berndt da betreibt, denn er hätte seinen Roman auch ganz woanders spielen lassen können.
Kommissar Karsten Schwinka reist undercover in das sehr kleine Dorf Gratzitz, das sich abseits der Touristenströme befindet. Eine Frau wurde dort erhängt aufgefunden, und eigentlich war der Fall schon gelöst. Aber Schwinka geht davon aus, dass es dort ganz andere Hintergründe gibt, und dass die Frau sich nicht selbst umgebracht hat.
In Gratzitz nimmt er sich ein Zimmer bei einem Ehepaar und erlebt im Nirgendwo lauter gruselige Sachen. Die Nachbarn sind seltsam, es spielen sich merkwürdige Dinge ab.
Hat in diesem Ort womöglich ein Mord stattgefunden? Oder gehen hier noch ganz andere Dinge vor sich?
„Grausames Rügen“ ist der sehr wahllose Titel des Romans von Jens-Uwe Berndt. Was in dem Dorf geschieht, ist aber in der Tat grausam.
Allerdings braucht man als Leser ziemlich lange, bis man in den Sog gerät. Sehr lange wird einfach nur erzählt, was der Kommissar erlebt und mitbekommt, das kommt lange noch keine wirkliche Spannung auf.
Das liegt allerdings auch daran, dass dem Roman komplett die verschiedenen Ebenen fehlen. Wir bleiben ausschließlich an Schwinka dran, erleben nur seine Sichtweisen. Nie erleben wir Szenenwechsel mit einer zweiten Handlungsebene, nie erleben wir etwas aus anderen Blickwinkeln. So fehlt es dann doch sehr an Tempo. Erst im letzten Drittel kommt durchaus Spannung auf.
Ärgerlich ist der allerletzte Satz des Romans, weil er schlichtweg Quatsch ist: „In Gratzitz war nichts mehr wie zuvor, aber alles ging weiter wie bisher.“ Eine seltsam lapidare Feststellung, die ziemlich unsinnig ist.
PS: Ganz hinten ist im Anhang der Soundtrack zum Roman – sinnvoll wäre es gewesen, den an den Anfang zu stellen.
Jens-Uwe Berndt: Grausames Rügen
Hinstorff, 368 Seiten
5/10
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