Das Lehrerzimmer

Carla (Leonie Benesch) ist gern Lehrerin. Sie ist neu am Gymnasium, langsam lebt sie sich ein. Aber sie macht eine Beobachtung, die sie stutzig werden lässt. Es gibt in der Schule diverse Diebstähle. In der 7. Klasse, in der sie unterrichtet, gibt es mehrere Verdächtige. Die Klassensprecher werden quasi genötigt, Namen rauszurücken. Daraufhin muss sich Ali (Can Rodenbostel) erklären. Er besteht darauf, es nicht gewesen zu sein.
Carla lässt es drauf ankommen. Sie lässt im Lehrerzimmer ihre Jacke auf dem Stuhl. Samt Geldbörse. Die Laptop-Kamera zeichnet auf, was vor sich geht.
Und tatsächlich: Als Carla wiederkommt, fehlt Geld. Und im Video ist ein Arm zu sehen – und am Ärmel das Muster einer Bluse. Die Bluse, die die Schulsekretärin Friederike Kuhn (Eva Löbau) trägt. Es kommt zur Aussprache.

Welche Folgen diese Aussprache hat, zeigt der Film „Das Lehrerzimmer“ von İlker Çatak sehr nachdrücklich. Denn der Fall zieht Kreise.
Die Schulsekretärin bestreitet alles, trotz Videobeweis. Sie wird beurlaubt. Ihr Sohn Oskar (Leonard Stettnisch) gerät ins Visier der anderen Kinder, er widerum fordert Beweise. Die Lehrer fordern Konsequenzen, regen sich aber auch auf, dass ungefragt gefilmt worden ist. Und dann springt auch noch die Schülerzeitung auf das Thema auf, lässt den Schulfrieden endgültig zerbrechen.
Wir sehen, welche Dynamiken entstehen. Wie sich ein Fall, der im kleinen Kreis gehalten werden soll, zu einem Mega-Skandal ausweitet, weil alle mitreden wollen. Und mittendrin Carla, die die ganze Zeit versucht, alle zu beschwichtigen – und dabei selbst aufgerieben wird.
Das erscheint – bis auf die Tatsache, dass es kaum noch gedruckte Schülerzeitungen gibt und soziale Medien im Film dagegen keine wirkliche Rolle spielen – ziemlich realistisch. Vermutlich wollten sich die Filmemacher auf das Zwischenmenschliche konzentrieren, alles andere hätte vielleicht auch die Handlung ausufern lassen.
Leonie Benesch spielt die Lehrerin am Rande des Nervenzusammenbruchs hervorragend, aber auch Leonard Stettnisch als Oskar zwischen Wut, Frust und Angst ist schauspielerisch top.
Schade und fast schon ärgerlich ist das Ende, das auf so unbefriedigende Weise offen ist, dass man darüber den Kopf schüttelt.
„Das Lehrerzimmer“ (eigentlich ist der Titel nicht ganz passend, denn das Geschehen spielt im Laufe des Films nicht mehr dort) gewann den Deutschen Filmpreis in Gold, noch vor „Im Westen nichts Neues“. Für meinen Geschmack hätten Gold und Silber getauscht werden müssen.

-> Trailer auf Youtube

Das Lehrerzimmer
D 2022, Regie: İlker Çatak
Alamode Film, 98 Minuten, ab 12
8/10


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