Die große Reiberei

Es ist eine dieser Zwickmühlen, in denen man steckt. Sag ich was oder sag ich nichts?
Ich war in einem klassischen Konzert in der Oranienburger Orangerie – Gesang und Klavier. Da fällt also jedes Geraschel im Publikum auf. Und hinter mir raschelte es. Immer und immer wieder.

Ich drehte mich dezent um und sah hinter mir eine ältere Dame, die ich permanent die Hose und das Bein rieb. Immer wieder, auf und ab, raschel, raschel.
Ich hätte es gern ignoriert. Aber es ging nicht, auch weil die große Reiberei quasi genau neben meinem Ohr stattfand.

In einer Musikpause gab ich mir einen Ruck und flüsterte nach hinten, ob es denn möglich sei, mit dem Geraschel aufzuhören. Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr. Die Dame war überrascht, dass ihre Reiberei so laut war, sie sagte, sie habe Schmerzen, und deshalb reibe sie ihr Bein. Und ich bereute sofort, dass ich überhaupt was gesagt hatte, irgendwie steht man ja gleich als Buh-Mann da.
Kurz danach tippte mir die Frau noch mal von hinten an die Schulter. Sie hätte nicht gedacht, dass das so laut sei und bitte um Entschuldigung. Es sei nicht so schlimm, antwortete ich. Und ich glaube, wir hatten beide irgendwie ein schlechtes Gewissen, sie und ich.


Beitrag veröffentlicht

in

von

Schlagwörter:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert