SO 11.10.2026 | Berlin, Theater des Westens
Dieses Musical setzt Berlin ein Denkmal. Das Berlin der frühen 90er. Aber auch dem deutschen Osten.
„Wir sind am Leben – Das Berlin-Musical“ am Berliner Theater des Westens ist eine emotionale Reise in die Zeit kurz nach der Wende. Sie lässt vermutlich die wenigsten Leute kalt, gerade auch die, die mit den 90ern und mit der Wendezeit etwas anfangen können.
Berlin, 1990 also. Nina ist schon vor dem Mauerfall in den Westen geflohen. Sie lebt jetzt in der WG eines besetzten Hauses in West-Berlin. Nun ist die Mauer gefallen, und nun steht ihr Bruder Mario ebenfalls vor der Tür. Er hat Wittenberg verlassen, um in Berlin den Neuanfang zu wagen.
Der besetzte Altbau ist der „Konsum Hoffnung“. Denn dort war früher mal die Telefonseelsorge, und noch immer rufen dort Leute an, um ihre Sorgen loszuwerden. Die WG übernimmt das nun.
Zum Beispiel Bruno. Er hat aber auch selbst Sorgen. Er hat AIDS und wohl nicht mehr lange zu leben.
Dass plötzlich auch noch Rosi vor der Tür steht, macht die Lage nicht einfacher. Rosie ist Ninas und Marios Mutter, in Wittenberg hatte sie einen sehr bekannten Friseursalon. Doch mt dem Ende der DDR begann auch der Niedergang des Ladens.
Das Musical zeigt auf emotionale Weise den Zeitgeist und das Lebensgefühl in Berlin im Jahr 1990. Es gab viele Unsicherheiten. Hausbesetzungen, AIDS-Krise und die Unsicherheiten die der DDR-Niedergang mit sich brachte.
Peter Plate und Ulf Leo Sommer haben daraus eine Geschichte gebastelt und ein wirklich sehenswertes, phantastisches Musical geschaffen.
Wir tauchen ein in eine alternative Szene, in die queere Szene der damaligen Zeit, in eine Gesellschaft im Umbruch, bei der einige drohen, nicht schnell genug mitzukommen.
Die 23 Songs dazu unterstützen die Emotionalität der Geschichte. Es geht schon los mit dem „Konsum Hoffnung“, der davon handelt, was für Leute bei der Seelsorge anrufen. Schon das geht ans Herz, weil hier die Facetten von Trauer und Verzweiflung aufgezeigt werden. „Supernovadiscoslut“ erzählt von der Freiheit einer Stadt und den Orten, die den Spaß bringen – voller Melancholie. In „Salon Rosie“ besingt besagte Rosie das Ende ihres Salons und der DDR – was auch als Gleichnis gesehen kann auf die Situation vieler Menschen in der DDR nach der Wende.
Das Ensemble ist immer auf den Punkt. Auch die, die im Hintergrund agieren, stehen immer voll in ihren Rollen, das ist alles richtig toll durchchoreografiert.
Manchmal wirkt das Musical ein wenig überfrachtet an Nebengeschichten. Alle diese sind jede für sich wichtig und rührend, aber vielleicht hätte man auf eine dennoch verzichten können, um die fast drei Stunden ein bisschen zu raffen.
Das heißt aber nicht, dass Langweile aufkommt. Das passiert bei diesem Musical tatsächlich nie.
Stattdessen freut man sich. Man lacht, man weint, man singt mit – zum Beispiel bei der Hommage an Anna R.
Das Schöne an diesem Musical ist: Bei allem, was uns auch mal Schlimmes passiert – man kann immer etwas Positives daraus ziehen. Und wenn es „nur“ die Gewissheit ist, Leute um sich zu haben, die sich um mich kümmern. Man geht mit einem guten Gefühl raus. Von diesem Musical geht sehr viel Liebe aus. Es hinterlässt Eindruck, und es ist das Beste, was der Berliner Kultur passieren konnte.
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