Wie war das damals eigentlich, in der DDR? Und wie erlebten die Menschen diese DDR? Warum machten sie mit?
Christoph Hein bringt uns diese DDR näher – sowohl geschichtlich, politisch als auch gesellschaftlich: „Das Narrenschiff“.
Er macht das anhand von drei Personen und ihren Familien und Freunden. Sehr geschickt bringt er de DDR-Geschichte mit den Geschichten der Menschen zusammen.
Karsten Emser floh vor den Nazis in die Sowjetunion und überlebte die stalinistischen Säuberungen. Er kam mit der Gruppe Ulbricht zurück, ist Mitglied des Zentralkomitee, die wirkliche Macht bleibt ihm aber verwehrt.
Johannes Goretzka war Soldat bei der Wehrmacht, er war ein überzeugter Nazi. Nach Kriegsende bleibt er im Osten und wird strammer Kommunist. Durch eine politische Intrige kann aber auch eher keine echte Karriere machen.
Benaja Kuckuck ist ein international anerkannter Shakespeare-Experte. Zur Nazizeit flüchtet der Jude ins britische Exil. Nachdem Krieg geht er in die DDR, in der Hoffnung, er könne dort wieder arbeiten. Aber das klappt nicht, und in den Westen kann er auch nicht mehr gehen. Stattdessen soll er nach Babelsberg, in die Kinderfilmproduktion.
All die erleben die DDR. Johannes Stieftochter sitzt plötzlich in einer Schulveranstaltung neben Walter Ulbricht. Johannes Frau leitet erst einen Jugendclub und muss später mit Benaja Kuckuck nach Babelsberg. Später lernen wir auch die Kinder und Enkel der Goretzkas kennen.
Dazu der 17. Juni 1953, der Aufstand von Prag, die wechselnde kulturelle Linie der SED, der Ulbricht-Putsch…
Mit sehr großer Kenntnis erzählt Christoph Hein ostdeutsche Geschichte. Er macht das, gerade am Anfang, in einem extrem nüchternen Stil. Denn der Autor zeigt zunächst, wie es den Protagonisten vor der DDR erging, in den 30ern und im Krieg. Lange wirkt der Roman wie eine Dokumentation, wie ein Bericht. Als ob man irgendwelche Stasi-Unterlagen studiert.
Was ein wenig wie ein Prolog wirkt, ändert sich vom Stil her später aber nur wenig. Wenn man als Leser dann aber auch tief in den Familiengeschichten steckt, will man auch wissen, wie diese weitergehen.
In diesem Roman haben wir es mit Leuten zu tun, die Mitläufer sind, die sich irgendwie eingerichtet haben. Die unglücklich sind, sich aber fügen. Die wissen, dass es mies läuft, aber ohnmächtig sind.
Die Leute im Roman werden älter, die Kinder spielen später eine größere Rolle. Das ist durchaus faszinierend. Und hat der Roman gute 750 Seiten, hätten es gern noch mehr sein können. Christoph Hein hätte gut und gerne einen Zweiteiler draus machen können. Denn während er sich mit den späten 40ern, den 50ern und 60ern ausführlich befasst, huschen wir dann ziemlich schnell durch den Rest bis 1990. Auch das hätte man aber – dann schon mit den Kindern und Enkeln – auch noch ausführlicher erzählen können.
So oder so ist „Das Narrenschiff“ eine lesenswerte und lehrreiche DDR-Studie.
Christoph Hein: Das Narrenschiff
Suhrkamp, 751 Seiten
8/10
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