Abba und der „Schrei nach Liebe“

Jeden Montag probt der Popchor Oberhavel im Kremmener Scheunenviertel. Martin Constantin (61) leitet ihn und schreibt die Arrangements – Heute Auftritt beim Dorffest Klein-Ziethen

MAZ Oberhavel, 4.7.2026

Kremmen.
Links stehen die hohen, hellen Stimmen, rechts die tiefen, dunklen Stimmen, in der Mitte alle anderen. 35 Frauen, fünf Männer. Vorn steht Martin Constantin am E-Piano. Das Einsingen beginnt. Die Mitglieder des Popchores Oberhavel trainieren ihre Stimmbänder.
Zehn Minuten später proben sie den ersten Song. Er soll am kommenden Sonnabend beim Dorffest in Klein-Ziethen erklingen: „Happy“. Das bekannte Lied von Pharrell Williams ist extrem anspruchsvoll – wegen der Mehrstimmigkeit, wegen der schwierigen Einsätze, da ist Konzentration gefragt.

Jeden Montagabend um 19.30 Uhr kommt der Popchor in der oberen Etage der Museumsscheune in Kremmen zusammen. Gesungen wird dort alles, was die moderne Popmusik in den vergangenen Jahrzehnten hergegeben hat.
„Mamma Mia“ von Abba gehört ebenso zum Repertoire wie „Don’t stop believing“ von Journey oder „Nothing else matters“ von Metallica. Oder auch „We are the World“ von „USA for Africa“. „Ich will, dass wir Friedenslieder machen“, sagt Martin Constantin über das Credo seines Chores.

„Den Chor gibt es seit knapp zwei Jahren“, erzählt Martin Constantin. Um ihn bekannt zu machen, hatte er damals rund 5000 Flyer drucken lassen. „Ich bin 60 Kilometer gelaufen und habe die Flyer verteilt“, erinnert er sich mit einem Lächeln.
Zur ersten Probe kamen 17 Leute. „Und es sind noch einige von damals mit dabei.“ Inzwischen habe der Chor 50 Mitglieder. Nicht alle schaffen es montags zu jeder Probe, aber der Raum war an diesem Montag gut gefüllt. Martin Constantin ist der Chef der Truppe, und er bringt auch die meisten Ideen ein.

Er bezeichnet sich als „sächsischer Wikinger“. Sein Vater stammte aus Sachsen, studierte aber in Schweden. „Dort hat er meine Mutter kennengelernt.“ Martin Constantin ist in Stockholm geboren worden.
Es folgten spätere Lebensstationen in Berlin, im Schwarzwald und bei Kiel, wo er seine Jugend verbracht hat. „Ich habe dann ‚Disco‘ gesehen“, erinnert er sich. Das war eine Show im ZDF. „Ich war fasziniert von der Musik.“ Er bekam sein erstes Schlagzeug und konnte es sofort spielen. Später kam eine Gitarre dazu und auch eine erste Komposition.
Mit 17 hatte er eine eigene Band, mit 18 nahm er Gesangsunterricht. Er schloss eine Toningenieursausbildung ab. „Ich dachte, ich werde Tonmann.“ Stattdessen hatte er es in den Chor der Deutschen Oper geschafft. „Obwohl ich mich gar nicht so gut fand.“ Später kam ein Musical-Engagement hinzu, dann war er 20 Jahre lang am Opernhaus in Zürich. Inzwischen betreibt er den „Gesangsladen“, ein Sprach- und Gesangsinstitut in Kremmen und Berlin.

Der 61-Jährige lebt seit fünf Jahren in Kremmen. „Ich bin der Liebe wegen hergezogen.“ Zum Chor und dessen Leitung sei er wie die Jungfrau zum Kinde gekommen, erzählt er. Wobei seine Vita ja durchaus sehr musikalisch ist.
Ein Freund betreibt in Berlin-Zehlendorf eine Musikschule, dort sollte ein Popchor gegründet werden. „Und ich dachte mir, wenn du das da unten kannst, kann ich das doch hier auch machen.“

Es funktioniert. Die Chormitglieder haben sichtlich Spaß, sind aber auch konzentriert bei der Sache. Das ist auch nötig, denn die Arrangements sind durchaus anspruchsvoll. Alle müssen aufpassen, ihre Einsätze und Text- und Melodiestellen nicht zu verpassen.
„Die Leute sind wirklich tiefenentspannt nach der Probe, obwohl Martin einen Anspruch erhebt“, sagt Joachim Kaiser aus Sommerfeld. „Er kann die Leute gut motivieren.“ Popmusik sei ohne Anleitung relativ schwer nachzumachen. „Da braucht man einen Profi. Singen ist ein echtes Glücksgefühl.“
Allerdings sei es auch eine Umstellung gewesen. Als es hieß, dass der Chor „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten singen würde, da wollte sich Joachim Kaiser eigentlich weigern. „Er hat den Titel am Anfang gehasst“, erinnert sich Martin Constantin. „Ich meinte dann: Du musst nicht mitsingen, höre einfach zu.“
Der Knackpunkt beim „Schrei nach Liebe“: Im Song wird sehr explizit „Arschloch“ gesungen und gerufen. Joachim Kaiser fand dann doch Gefallen am Lied, gerade wegen des Textes. „Jetzt ist es sein Lieblingslied“, so der Chorleiter schmunzelnd.

Auch die 77-jährige Gisela Köhn aus Kremmen ist dabei – seit der ersten Stunde. „Ich war früher schon im Chor. Singen ist meine Leidenschaft.“ Ihren Chorleiter findet sie „top! Er ist locker, hier wird nicht gebrüllt, es werden Scherze gemacht.“
Wer sich im Raum umschaut, sieht, dass hier auch verschiedene Generationen zusammenkommen, jüngere, ältere – alle singen sie hier zusammen. Ein paar mehr Männer könnte der Chor sicherlich noch gebrauchen.

Viele Auftritte hat der Chor. „Wir haben schon Anfragen für 2027 bekommen“, sagt Joachim Kaiser. Nicht alle Wünsche können erfüllt werden. „Wir müssen schon viel absagen.“ Die Gage geht dann für neues Equipment drauf, für neue Noten, für die Gema.
Als Nächstes stimmt der Chor einen echten Heimatsong an: das „Kremmen-Lied“ von Andreas Dalibor. Martin Constantin hat es – wie alle Lieder, die hier gesungen werden – neu arrangiert.


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