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„Wir sollten hier Modellregion werden“

Donnerstag, den 8. April 2021
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Kremmens Bürgermeister Sebastian Busse über Coronaregeln, die Finanzlage und das Erntefest

MAZ Oberhavel, 8.4.2021

Kremmen.
Zum Abschluss der diesjährigen Reihe „MAZ zu Hause in Kremmen“ äußert sich Bürgermeister Sebastian Busse (CDU) zu aktuellen Themen.

Halbzeit im Amt des Bürgermeisters. Macht’s noch Spaß?
Sebastian Busse: Ja, definitiv. Am 21. März war Halbzeit. Wie schnell doch die Zeit vergeht, das ist Wahnsinn. Es macht immer Spaß, die Bürgernähe zu haben. Jeder kann sich an mich wenden, egal ob auf der Straße oder über die sozialen Medien, ich versuche stets zu helfen.

Corona hat Ihnen nichts vom Spaß genommen?
Nein. Corona hat uns ja unter Umständen auch wieder mehr Zeit geschenkt für die Familie. Dafür bin ich sehr dankbar. Abendveranstaltungen, Einweihungen fallen ja alle aus. Man sollte bei allen Schwierigkeiten, die die Pandemie mit sich bringt, auch wieder zu schätzen lernen, dass unser Wasser aus der Wand kommt und wir jederzeit Grundnahrungsmittel zur Verfügung haben. Lösungen muss man finden, und kompromissbereit muss man sein.

Vergeht Ihnen manchmal der Spaß, wenn Sie auf die Finanzen der Stadt schauen?
Wir müssen schon mit offenen Augen haushalten und wirtschaften. Aber die Stadt hat die Finanzlage im Blick, da vergeht mir auch nicht der Spaß daran. Ich weiß ja, was passieren wird und kommen kann, so dass die Großprojekte mit Kita, Schule, Feuerwehr und Turnhalle finanzierbar sind. Aber ja, Kremmen kann nur mit Krediten und Fördermitteln solche Großprojekte stemmen. Als Nächstes werden wir einen Nachtragshaushalt für die Feuerwache und die Erweiterung der Kremmener Schule brauchen. Aber wir haben auch schon viel geschafft. Das Rathaus ist digitalisiert, da sind wir weiter als manch andere Kommunen oder Institutionen im Landkreis. Im Juni kann zudem der Erweiterungsbau der Kita Rhinstrolche bezogen werden.

In Oberkrämer wird gebaut ohne Ende, und das Geld dafür scheint immer da zu sein. Kremmen scheint da irgendwie auf der Stelle zu stehen.
Wir haben im Vergleich einiges auf den Weg gebracht. In den letzten zehn Jahren ist Oberkrämer enorm gewachsen, an Einwohnern sowie Gewerbebetrieben, und um wie viel Kremmen? Wir sind minimal gewachsen. Dadurch hat Oberkrämer schon mal höhere Einkommens- und Gewerbesteuereinnahmen. Wenn wir in den nächsten zehn Jahren um 1000 Einwohner wachsen, dann haben wir auch höhere Einnahmen. Ich finde es auch unsolidarisch, dass einer der größten Arbeitgeber in Kremmen hier bei uns keine Steuern zahlt. Da müsste es klare rechtliche Leitlinien von Bund und Land geben.

Im Kremmener Ortsbeirat wurde neulich über einen Grundstücksverkauf durch die Stadt in Groß-Ziethen diskutiert. Es ging an den Meistbietenden, zu einem höheren Preis als der geschätzte Wert. Im Ortsbeirat gab es Kritik, man wolle ein Einheimischenmodell. Was halten Sie davon?
Dazu muss man wissen: Wir haben wenig eigene Grundstücke. Wir haben vielleicht als Stadt noch ein paar eigene Fleckchen. Die große Fläche nahe der Straße der Einheit kann die Stadt Kremmen nicht selbst entwickeln. Da werden wir sicher einen Investor finden, der die Wohnbebauung vorantreibt. Was den Grundstücksverkauf in Groß-Ziethen angeht: Da hieß es, Einheimische hätten da keine Chance gehabt. Es gab zwar Anfragen. Aber am Bieterverfahren haben sich keine Einheimischen beteiligt. Auch nicht die, die vorher nachgefragt hatten. Es gab fünf Bieter, keiner von hier, und da geht es nun mal an den Meistbietenden. Da hat Kremmen auch nichts zu verschenken.

In acht Ortsspaziergängen wurde immer darauf hingewiesen, welche Geschäfte es früher mal gab, die heute nicht mehr da sind. Schmerzt das?
Ja, das schmerzt schon. Im Konsum in Staffelde war ich ja früher selbst noch einkaufen. In der Altstadt in Kremmen gab es früher mehrere Bäcker, die haben alle selber gebacken. Aber da gab es auch noch nicht die großen Discounter. Die Menschen mussten auch noch nicht so viel in der Tasche haben. Es muss Miete gezahlt werden, die Angestellten müssen bezahlt werden, und übrig bleiben muss auch noch was. Immerhin haben wir auf dem Markt wieder mehr Bewegung.

Kremmen hat den Kirchplatz, die Altstadt, das Scheunenviertel und relativ viel Wasser. Täuscht mein Eindruck, dass das touristische Potenzial noch nicht ausgeschöpft wird?
Da liegt es immer am Interesse des touristischen Ortes und des Betreibers, was man denn selber für Ziele hat. Kremmen kann viel bieten, aber das ist noch lange nicht ausgereizt. Wir sind unter anderem gerade dabei, eine Wanderkarte, die die neuen Brücken am Kanal mit aufzeigen soll, zu erstellen. Da soll es drei Wanderrouten geben, eine führt auch durch die Altstadt. Kremmen bietet außerhalb von Corona viele private Initiativen, die die Stadt gerne unterstützt. Stadtführungen sind auch immer wieder gut besucht.

Immer mal wieder heißt es in den Dörfern, dass durch die großen und wichtigen Projekte das meiste Geld in die Kernstadt fließe. Flatows Ortschef Gert Dietrich sagte gar, dass die Entscheidung, sich Kremmen anzuschließen, falsch gewesen sei.
Über die Aussage von Gert Dietrich war ich enttäuscht, dass er da nach 20 Jahren nicht mal über seinen Schatten gesprungen ist. Es fehlt doch an nichts in Flatow! Alles, was ein Problem war, haben wir angepackt oder versuchen wir zu machen. Dass alles seine Zeit braucht, ist normal. Da muss man geduldiger sein. Ich empfand die Zusammenarbeit mit dem Ortsteil Flatow immer positiv. Die Leute in Flatow profitieren von allen großen Investitionen in Kremmens Infrastruktur.

Die Sommerfelder wünschen sich ein neues Bürgerhaus. Angesichts der großen Kremmener Projekte, besteht doch da aber gerade auch keine Chance, oder?
Ich arbeite mit dem Ortsvorsteher Kurth eng zusammen, und er hat es realistisch dargestellt. Wir hatten zwei Orte im Fokus, der Wunschort des Beirates ist nicht genehmigungsfähig. Vielleicht klappt so was in den nächsten zehn bis 20 Jahren, auch in Verbindung mit einer neuen Feuerwache nahe des Sommerfelder Sportplatzes. Momentan ist ja alles da, und die Gaststätten, wo man sich treffen kann, müssen ja auch von etwas leben.

Ihr Parteikollege Frank Bommert setzt sich für eine Öffnungsstrategie ein, für einen Test, wie auch in Coronazeiten Theater und Restaurants wieder öffnen könnten. Könnten Sie sich vorstellen, sich mit der Stadt Kremmen an einem solchen Test zu beteiligen?
Wir sollten hier zu einer Modellregion werden. Ich unterstütze das überall, wo ich kann. Ich sehe hier in Kremmen ganz klar die Gastro- und Beherbergungsbetriebe, auch unser Scheunenviertel mit dem Theater. Wer einen negativen Test vorliegen hat, sollte die Möglichkeit haben, sich zu erholen, essen zu gehen oder Kultur zu erleben. Ich kann den Landrat nur ermutigen, den nächsten Schritt zur Normalität zu wählen! Wir haben seit dem ersten Lockdown nicht viel geschafft.

Angesichts des Regel-Wirrwarrs rund um die Corona-Pandemie kündigte Leegebruchs Bürgermeister Martin Rother kürzlich den Austritt aus der CDU an. Können sie das nachvollziehen?
Ich habe wirklich gezweifelt, als der Donnerstag vor Ostern ein Ruhetag werden sollte. Aber ich werde deshalb jetzt nicht aus der CDU austreten. Die CDU ist in anderen wichtigen Punkten für mich ein Eckpfeiler. Ich versuche immer, das Ganze zu sehen.

Wird es ein Erntefest 2021 geben?
Ja. Abgespeckt. Daran arbeiten wir gerade. Es wird in diesem Jahr was geben. In welcher Größenordnung weiß ich noch nicht.

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KeineWochenShow

#222 – Corostern II

Sonntag, den 4. April 2021
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Seit mehr als einem Jahr begleiten wir in KeineWochenShow die Coronakrise. In dieser Zeit haben wir einst über den ersten Coronatest gesprochen, Anfang dieses Jahres hatten wir ein Gespräch zur ersten Corona-Impfung. Wir haben gezeigt, wie der Schnelltest in Lehnitz funktioniert, und nun zeigen wir in der Sendung auch, wie man einen Selbsttest macht.
Aber ehrlich gesagt, warten wir auf die Sendung, wo wir das Ende der Krise verkünden und feiern können. Nun feiern wir schon das zweite Corostern. Wie schon 2020 sind wir auch 2021 in einem Lockdown.

In unserer Oster-Ausgabe zeigen wir auch den Osterbrunnen, den es neuerdings in Kremmen gibt. Wir sprechen wir die #NichtSelbstverständlich-Aktion von Joko und Klaas zur Pflegebranche.
Das und mehr in KeineWochenShow #222 auf Youtube. Frohe Ostern!

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RTelenovela

Hier ist jemand gestorben (2)

Sonntag, den 4. April 2021
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(1) -> 18.12.2020

Sie fahre an dieser Unfallstelle auch nicht gern vorbei.
Ich weiß erst gar nicht so genau, was die Frau, die mich auf dem Spargelhof in Kremmen, genau meint.
Es geht um die Unfallstelle im Wald zwischen Germendorf und Sommerswalde, wo eine Frau nach einem Unfall gestorben war. Ihr Auto war nach einem Crash in Flammen aufgegangen.
Ich hatte einen Text darüber geschrieben, und die Frau in Kremmen hatte mich darauf angesprochen.

Sie fahre sogar manchmal Umwege über Bärenklau, erzählte sie mir.
Monatelang noch war der kaputte Asphalt an der Unfallstelle noch zu merken, die Geschwindigkeit wurde herabgesetzt. Und immer, wenn man da langfuhr, dachte man an das Unglück – zumal ich damals aus der Ferne das Auto habe brennen sehen.
Im März ist die Stelle ausgebessert worden. Wobei: Was heißt ausgebessert. Es wurde Split aufgetragen, und nun ist diese Stelle mehr denn je ein Mahnmal. Man wird dort immer merken, dass die Straße dort bearbeitet werden musste, und die Gedanken werden dort immer bleiben.

Das sei gruselig, sagte mir die Frau in Kremmen. Sie könne es kaum ertragen, dort langzufahren. Aber selbst auf der anderen Ausweichstrecke über Hohenbruch hat es in letzter Zeit zwei schwere Unfälle gegeben. Es werde immer schlimmer, sagte die Frau.
Das darf man aber nicht an sich rankommen lassen, denke ich. Umwege werde ich deshalb nicht fahren.

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aRTikel

„Ich bin nicht der smarte Typ“

Samstag, den 3. April 2021
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Der ehemalige Kremmener Bürgermeister Klaus-Jürgen Sasse wird am Ostersonntag 70 Jahre alt

MAZ Oberhavel, 3.4.2021

Beetz.
Zwei Jahre habe er gebraucht, um aus der Wahlniederlage so richtig Kraft zu schöpfen. „Zwei Jahre habe ich mich richtig zurückgezogen“, sagt Klaus-Jürgen Sasse. Nach 23 Jahren als Amtsdirektor und später Bürgermeister in Kremmen war im März 2017 Schluss. Als er sich damals, nach der verlorenen Wahl im November davor, auf Fotos angesehen hat, fand er: „Ich sehe müde aus, und ich war extrem körperlich müde.“ Das ist inzwischen anders. Klaus-Jürgen Sasse ist bis auf eine angeschlagene Stimme fit. „Dem Alter entsprechend geht es mir ziemlich gut“, sagt er. „Aber natürlich hat man mit fast 70 ein paar gesundheitliche Einschränkungen.“ Am Ostersonntag feiert der Beetzer seinen 70. Geburtstag, aber die große Feier muss pandemiebedingt ausfallen.

Eigentlich wäre er in diesem Jahr mit dem Rad unterwegs gewesen – an der Donau von Budapest nach Donaueschingen, etwa 1500 Kilometer. Den ersten Teil der Strecke, vom Schwarzen Meer nach Budapest, hat er schon 2019 absolviert. „2000 Kilometer auf dem Rad an der Donau“, sagt er und lächelt. „Reisen waren schon immer mein Steckenpferd, aber diese Fahrradtour war von allen Reisen das schönste, was ich gemacht habe.“ Dafür hat er sogar noch ein bisschen Englisch gelernt, damit er sich unterwegs verständigen kann. Er war alleine unterwegs. „Ich bin ja sowieso ein relativer Einzelgänger.“

Klaus-Jürgen Sasse ist am 4. April 1951 in Germendorf geboren worden, im Haus seiner Oma. Er kommt aus einer Arbeiterfamilie. „Mein Vater war Walzendreher, meine Mutter Transportarbeiterin.“ Das sei eine ganz andere Erziehung gewesen als heute. „Den Unterschied habe ich erst spät bemerkt. Der Mann bringt das Geld nach Hause, die Mutter erzieht die Kinder. Diese Einstellung habe ich viele Jahre in mir getragen. Eigentlich erst in den letzten 20 Jahren habe ich gemerkt, dass Familie bei mir zu wenig eine Rolle spielte.“ Als Kind dagegen sei er schnell selbstständig gewesen. „Die Arbeit und der Erfolg bei der Arbeit war mir lange wichtiger als die eigene Familie.“ Nach dem 10.-Klasse-Abschluss an der Oranienburger Comeniusschule machte er eine Ausbildung zum Elektromonteur, später konnte er in einem Sonderlehrgang sein Abi machen. Er arbeitete dann im Feinstahlwerk in Hennigsdorf, zum Schluss als Abteilungsleiter. Nach dem Mauerfall war klar, dass er in der Branche vermutlich keine Zukunft habe.

„Politik fand ich eigentlich abschreckend“, sagt er heute. Aber es war nach der Wende auch klar: „Ich wollte das System kennenlernen, an der Basis, und die Basis ist die Gemeinde.“ Er hatte dabei aber eine Schwierigkeit: „Ich wusste, dass ich nicht der smarte, liebenswerte Typ bin.“ Er wurde Bürgermeister in Germendorf. In die Phase fielen die Entscheidung für einen Bushof am Ortsrand und die Ideenfindung für die Trasse der neuen B 96.
Er bewarb sich dann für den Posten als Amtsdirektor in Kremmen – und bekam den Job. Er blieb aber gleichzeitig Ortschef in Germendorf, das war dann nur noch ein Ehrenamt – bis zur Auflösung des Amtes Kremmen zur Stadt mit den Ortsteilen. Als wichtige Station nennt er die Umstrukturierung des Zweckverbandes. Auch der Bau der neun Flüchtlingshäuser an der Berliner Straße, die nach dieser Nutzung für den Wohnungsmarkt offen stehen sollten, sieht er als großen Erfolg. „Alle 36 Wohnungen sind jetzt vermietet. Die Idee ist voll aufgegangen.“ Damals sei in einer Bürgerversammlung gefragt worden, ob er keine Angst vor der Aggression der Ausländer habe. Er habe mehr Angst vor den Reaktion der hiesigen Bevölkerung, habe er damals gesagt. „Der Brandanschlag später hat mich sehr betrübt.“

Aber natürlich lief nicht alles gut. „Es gab so viele Dinge, die ich taktisch falsch angepackt habe. Ich bin nicht der smarte Typ“, schiebt er noch mal hinterher. Jeder, der in den mehr als 25 Jahren mit ihm als Politiker zu tun hatte, wird eine Geschichte erzählen können, wo Sasse schon mal, nun ja, laut geworden ist. „Ich war immer überzeugt von dem, dass das, was ich mache, richtig ist. Nirgendwo spielte einfach eine Laune eine Rolle.“ Aber er sagt auch: „Ich habe immer bewundert, wie moderat Bernd-Christian Schneck in Löwenberg seine Gemeinde führt. Auf eine Art, wie ich eben nicht war. Menschen machen Fehler.“ War er ein guter Chef im Rathaus? „Ich war hart“, sagt er.

Er lebt in Beetz, in einem Haus mit Seeblick. Geradezu idyllisch. Es gibt Leute, die sagen „Schloss“ dazu. Er ist sichtlich stolz darauf, was er da geschaffen hat. Und er pocht darauf, dass rechtlich alles einwandfrei verlaufen sei. Als er noch im Amt war, hatte es eine staatsanwaltschaftliche Ermittlung gegeben, die für viel Wirbel gesorgt hatte. „Die haben jeden Winkel untersucht, sämtliche Rechnerplatten.“ 2015 wurde das Verfahren eingestellt – ohne dass juristisch etwas hängen blieb. Bis heute arbeitet er an seinem Haus, das er mit seiner Lebensgefährtin bewohnt. Als nächstes will er im Keller einen Pool einbauen.

Das politische Geschehen in Kremmen beobachtet er nur sporadisch. Was nicht heißt, dass zu bestimmten Themen keine Meinung hat. „Es gibt auch heute noch Leute, die mich auch noch um Rat fragen.“ Dennoch habe er von Anfang an gesagt, er wolle sich nicht aufdrängen.
Dass er seinen 70. nicht feiern kann, findet er schade. Aber er schließt natürlich nicht aus, dass ab und zu jemand zum Gratulieren vorbeikommt.

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RTelenovela

Früher hatte jedes Dorf seine Ladenstraße

Sonntag, den 28. März 2021
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Wer wissen möchte, welchen wirtschaftlichen Kahlschlag die Wende in Ostdeutschland mit sich gebracht hat, muss nur mal durch die vielen Dörfer spazieren und sich erzählen lassen, an welchen Stellen welche Geschäfte waren.

In den vergangenen zwei Wochen habe ich in Kremmen und Umgebung die Kleinstadt und sieben Dörfer besucht. Dazu gehörte ein kleiner Spaziergang durch den Ort, und oft war jemand dabei, der oder die den Ort schon länger kannte und mir erzählt hat, was früher im Ort so los war.

In Sommerfeld zum Beispiel. An der Dorfstraße gibt es noch eine kleine Gaststätte und einen Getränkehandel. Früher gab es dort eine Post, mehrere Gaststätten, ein Haushaltswarengeschäft, ein Bäcker und noch einiges mehr. Es ist und war ein kleines Dorf, aber es gab dort in der DDR eine Infrastruktur.
Ähnlich in Beetz. Dort gibt es in der Dorfstraße praktisch kein Geschäft mehr. Zu DDR-Zeiten waren auch dort mehrere Gaststätten, zwei (!) Fleischer, ein Bäcker, ein Konsum – und und und. Immerhin gibt es dort heute noch die Grundschule mit einer Turnhalle.
Die Kremmener Altstadt war früher ein sehr wirtschaftlicher Ort. Läuft man durch die Straßen, dann erfährt man, was es dort alles gab. Ebenfalls diverse Kneipen, mehrere Bäcker, Fleischer, Schuster, Konsumläden und so weiter. Die Altstadt war mal ein Ort, an dem viel los war. Heute wohnen dort immer noch viele Leute, es gibt auch noch einen Friseur und einen Partyservice – da hört es aber schon langsam auf. Die restlichen, noch aktiven Läden befinden sich nur noch an den Hauptstraßen und auf dem Marktplatz.
In Staffelde gibt es noch einen Fleischer. Aber der Konsum ist weg, mehrere Gaststätten – und so weiter.
In Groß-Ziethen gab es auch einen Konsum, mehrere Gaststätten, ein Ärztehaus, sogar einen Tanzsaal. Es ist nur noch der Bäcker übrig, und immerhin gibt es dort noch das Schloss Ziethen.
Selbst im kleinen Ludwigsaue, 100 Einwohner, gab es früher eine Post, eine Schule, einen Konsum. Dort allerdings starb das meiste alles schon vor der Wende aus.

Vermutlich würde man das in so ziemlich allen Dörfern erfahren, in denen man unterwegs ist. Und sicherlich gibt es auch im Westen Deutschlands Orte, in denen ein wirtschaftlicher Kahlschlag stattgefunden hat. Aber dass in jedem Kremmener Dorf Geschichten vom Niedergang der Konsumwirtschaft nach dem Ende der DDR erzählt werden, ist bemerkenswert und traurig.
Natürlich hat der Niedergang viele Gründe. Nach der Wende verlagerte sich der Konsum in die Städte, in denen es mehr und billigere Produkte gab. Alles sollte besser, westlicher werden. Da konnten die Dörfer offenbar nicht mithalten.
Heute braucht man nicht mehr davon zu träumen, die Dörfer auf diese Art wiederzubeleben. Selbst Handelsketten überlegen knallhart, wo sie Märkte eröffnen und wo nicht.

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Irgendwann wird die Kasse schon öffnen

Sonntag, den 14. März 2021
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Bei Edeka in Kremmen gibt es vier Kassen, genaugenommen sogar fünf. Es ist Donnerstagmittag, ich habe mir schnell ein paar Getränke in den Korb gelegt. Ich stehe an der Kasse ganz rechts, vor mir sind – mit Abstand – noch zwei Leute.

Auf der linken Seite sehe ich, wie sich ein älterer Herr langsam mit seinem Wagen dem Kassenbereich nähert. Er steuert die Kasse ganz links an. Dort wird gerade nicht bedient. Momentan nur ganz rechts, und gerade setzt sich eine Kassiererin an die Kasse daneben.
Der ältere Herr beginnt dennoch seelenruhig seine Waren auf das Kassenband zu legen. Zwischendurch sieht er sich immer mal wieder um, aber an seiner Kasse tut sich nichts. Sie ist geschlossen.
Aber es bemerkt ihn auch niemand. Zwischendurch räumt ein Mann vom Personal am Eingang etwas um, und einmal blickt er kurz in Richtung des Mannes. Dabei bleibt es aber auch.
Inzwischen hat der Herr alle Waren aufs Band gelegt, und nun steht er da und wartet. Obwohl die Kasse geschlossen ist. Keine Ahnung, warum er dort wartet. Hinter ihm legt unterdessen eine Frau weitere Waren auf das Band.
Und das unbemerkt vom restlichen Personal, das weiter die Leute an den Kassen bedient, die geöffnet sind. Ich bezahle und verlasse den Supermarkt, weshalb ich leider nicht weiß, wie lange der Herr warten musste, bis er bemerkt worden ist.

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„Ich war fast weg gewesen“

Donnerstag, den 25. Februar 2021
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Ein 15-Jähriger aus Velten erzählt, wie er in die Drogensucht geriet – und von den Problemen danach

MAZ Oberhavel, 25.2.2021

Velten.
Es begann alles mit Frust. Viel Frust. Aber vor allem mit einem Verlust an Vertrauen. Gegenüber der Mutter, gegenüber allen. Jonas* war zwölf, als es losging. Als er mit Drogen in Kontakt kam.

Damals hatte er eine Freundin. Sie war vier Jahre älter als er. „Sie wollte, dass er mit zu ihr zieht“, sagt Michaela*, seine Mutter. „Ich habe gesagt: Das geht nicht, das funktioniert nicht.“ Er setzte sich durch. „Ich wollte, dass er nach Hause kommt.“ Jonas war dann eine Weile mit ihr zusammen, aber es kam dann zur Trennung. Der Schock: Das Mädchen war schwanger. Von Jonas, sagte das Mädchen. „Ich war mir sehr sicher, dass das nicht sein konnte“, sagt Jonas. Und er wusste auch von einem anderen Jungen. Geglaubt hat ihm das keiner. Auch nicht seine Mutter. Die war sich sicher, dass das Mädchen die Wahrheit sagte. „Wenn er der Vater ist, dann muss er zu seiner Verantwortung stehen“, sagte sie stattdessen. Erst als das Kind auf der Welt war und nachdem Michaela es schon als Enkelkind akzeptiert hatte, kam das Testergebnis. „An dem Punkt war dann leider klar, dass er nicht der Vater ist“, sagt Michaela. Sie überlegt kurz. „Jonas hat sich gefreut. Ich war hin- und hergerissen. Aber innerlich auch froh. Aber dann fing der Stress richtig an.“ Denn die Vertrauensbasis zwischen Mutter und Sohn war zerstört.

Jonas ist abgehauen. Immer wieder. Er begann, sich von Velten aus in der Gegend rumzutreiben. „Ich wollte einfach weg. Irgendwo hin“, sagt er. „Wo nicht Menschen oder Behörden auf mich einquatschen.“ Durch ältere Freunde kam er mit Drogen in Kontakt. „Ich habe alles probiert. Hauptsächlich Speed und Ecstasy.“ Speed hält lange wach, der Hunger vergeht einem. Am Hennigsdorfer Hafen habe er dann Leute kennengelernt, die ihm Crystal verkauft haben. „Ein paar Mal“ habe er das genommen. Durch das Zeug dauert der Rausch länger. Und er kam nicht mehr von den Drogen weg. Er hat dann begonnen, Speed günstig anzukaufen. Zehn Gramm für 30 bis 50 Euro. Er verkaufte es für 100 Euro weiter, „um mir meine Drogen kaufen zu können.“

Tatsächlich werde im Gesundheitsamt im Landkreis Oberhavel eine Zunahme des Konsums von Amphetaminen und Crystal Meth festgestellt. „In diesem Zusammenhang stellen wir insbesondere auch eine steigende Nachfrage von Eltern an unsere Kinder- und Jugendpsychiaterin im Gesundheitsamt fest“, sagt Kreis-Pressesprecherin Ivonne Pelz. „Die Entwicklung verfolgen wir sehr aufmerksam und sensibilisiert.“
„Die Jüngste, die ich kenne, war zwölf, als sie angefangen hat“, erzählt Jonas. „Viele chillen mit 16-Jährigen ab.“ Es gebe da bei vielen Probleme mit den Eltern, ähnlich wie bei ihm. Viele würden LSD nehmen, „um das Selbstbewusstsein zu erweitern. Dadurch wurde mir auch alles egal.“ Gras gebe es an jeder Ecke zu kaufen. Einmal hatte er gestrecktes Speed. „Ich war fast weg gewesen.“
Cathrin Pelz, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, erklärt: „Der Konsumbeginn für die genannten Drogen liegt inzwischen nicht selten schon bei zwölf Jahren. Der Konsum hat insbesondere bei früh beginnender psychischer und körperlicher Abhängigkeit gravierende Folgen auf die seelische und körperliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen: Je früher der Beginn des Konsums, desto gravierender sind die Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns, das in dieser Lebensphase besonders empfindlich ist.“

Für Jonas’ Mutter war klar: „Er war abhängig. Er brauchte Hilfe.“ Von einer Depressionsstation haute er nach einem Tag wieder ab. Es war schwer, an Jonas ranzukommen. Und auch schwer, Hilfe zu bekommen. Das Ziel war: „Er muss in eine Klinik, die ihm hilft.“ In Hamburg gab es eine. Acht Monate müsse er allerdings dort bleiben, hieß es. „Am Anfang wollte ich das nicht“, sagt Jonas. „Ich habe mich verarscht gefühlt.“ Er sah dort keine Perspektive. „Für mich war das aber Grundvoraussetzung, dass er dahin geht“, sagt Michaela. Ansonsten hätte sie nicht weiter gewusst. Sie hätte ihn ans Jugendamt übergeben müssen, sagt sie. „Damit er wieder zurecht kommt.“ Er bekam den Platz in Hamburg. Von September 2019 bis April 2020 war er in dieser Klinik. Weg von den Drogen.

„Ich kam zu einem blöden Zeitpunkt zurück“, sagt Jonas. Corona hatte die Welt im Griff. Michaela erzählt: „Wir haben Kontakt zur Schule aufgenommen. Da hieß es, wir unterstützen ihn.“ Er kam in die 8. Klasse. Doch da gibt es ein Problem, denn Jonas darf kein Internet benutzen. „Damit er keinen Kontakt zu seinen alten Freunden aufnehmen kann.“
Es gab Gespräche mit einem Einzelfallhelfer. „Da sollte es um seinen Förderstatus gehen. Den braucht er.“ Mit seinem Einzelfallhelfer ist Jonas immer wieder im Kontakt. Als Schule auch in Coronazeiten möglich war, gab es dennoch Sorgen. „Ich wollte nicht, dass jemand was von meiner Vergangenheit erfährt“, sagt Jonas. „Aber der Lehrer fragte dann vor der Klasse, warum ich kein Internet habe. Ich hatte einfach den Wunsch, dass wir das unter vier Augen klären.“ Mit dieser Bloßstellung kam er nicht klar. Vertrauensverlust.
Als dann wegen des Lockdowns die Schule wieder nur zu Hause weiter ging, war das ohne Internet schwierig. Nur Jonas’ Mutter hat Zugriff, wenn E-Mails kommen. Aber dann ging auch noch der Drucker kaputt, sagt Michaela. „Sie schicken immer Aufgaben und gehen davon aus, dass ich online einen neuen Drucker bestelle.“

Beatrix Scheeren, die Leiterin der Kremmener Goethe-Oberschule beurteilt die Lage anders. „Er wird unterstützt“, sagt sie. „Wenn er den Willen hätte. Aber er will sich nicht unterstützen lassen.“ Die Schulleiterin sagt, das Problem liege bei Jonas’ Mutter, sie spiele ein falsches Spiel, es werde nicht auf Angebote reagiert. Näher könne sie sich nicht äußern, erklärt sie.
Jeder habe seine eigene Wahrheit, sagt sein Einzelfallhelfer, der aber betont, allgemein zu sprechen, nicht über den speziellen Fall. Über spezielle Fälle könne er grundsätzlich nichts sagen. Allgemein könne er sagen, es sei immer wieder eine Herausforderung, die globale Wahrheit zu erfassen, es sei fast unmöglich. Es sei immer wichtig zu sehen, wie jeder Beteiligte etwas wahrnehme. Warum tut jemand was oder auch nicht? Das sei immer eine neue Herausforderung.

Jonas, inzwischen ist er 15, will tatsächlich nicht mehr. Er hat das Vertrauen verloren. Wieder mal. Aber wie soll es weiter gehen? Für ihn ist klar, dass er nach der 8. Klasse abgehen will. „Ich möchte mich um einen Ausbildungsplatz bewerben.“ Seine Mutter ergänzt: „Aber ich fände es besser, wenn er ein Berufsorientierungsjahr macht.“ Er kümmere sich, sagt er. Vielleicht was bei der Bundeswehr. Vielleicht Küchenhilfe. „Mein Traum wäre es, Notfallsanitäter zu werden“, sagt er. „Oder was mit Elektronik.“ Wie er das ohne Schulabschluss schaffen kann, ist unklar.

Ist Jonas clean? Endgültig? Er überlegt. Ein Rückfall sei möglich, sagt er. Der Frust ist groß, und auch weil das Vertrauensverhältnis zur Mutter gestört ist. Hört man den beiden zu, dann stehen oft gegenseitige Vorwürfe im Raum. Bekommt Jonas Geld zum Einkaufen, muss er den Kassenzettel mitbringen.
„Ich als Mutter kann sagen, dass ich alleine gekämpft habe“, sagt Michaela. „Selbst den Einzelfallhelfer zu finden, war schwierig. Aber er bemüht sich.“ Das sieht Jonas ähnlich. Es gebe kaum Einrichtungen für Minderjährige, sagt er. Oder Ansprechpartner. Er überlegt, später eine Selbsthilfegruppe zu gründen.

Beim Landkreis will man an den Maßnahmen zur Drogenprävention schrauben. Angestrebt werde „noch 2021 die Einrichtung einer Fachstelle für Konsumkompetenz “, teilt Kreis-Pressesprecherin Ivonne Pelz mit. Die Fachstelle solle in erster Linie der Sensibilisierung sowie der Fort- und Weiterbildung von Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe, in Schule und Elternschaft dienen.
Hilfe für Betroffene und Angehörige gebe es für Jugendliche insbesondere bei der Drogenberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Möglich sei das in Gransee, Hennigsdorf und Oranienburg.

*Die Namen von Mutter und Sohn wurden geändert.

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