Tagesarchiv für 18. Januar 2017

RTelenovela

Zu mickrig, um gefährlich zu sein

Mittwoch, den 18. Januar 2017
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Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Verbot der NPD viel gebracht hätte. Die Partei wäre zwar verboten, aber die Leute ja deshalb nicht gleich verschwunden. All die Menschen – und gerade die Netzwerker und Abendspaziergänger – hätten sich anderen Gruppierungen angeschlossen oder irgendwas im Hintergrund organisiert. Ein Verbot hätte zwar eine Signalwirkung gehabt, aber sehr nachhaltig wäre es wahrscheinlich nicht gewesen.

Am Dienstag hat das Bundesverfassungsgericht gegen ein NPD-Verbot geurteilt. Die Begründung aber hat mich irritiert: Die NPD sei verfassungsfeindlich, aber zu bedeutungslos, zu erfolglos, um verboten zu werden.
Ab wann ist man denn erfolgreich genug, um verboten zu werden? Reicht da ein Landtag oder müssen es alle 16 sein? Oder muss die Machtübernahme bevor stehen? Und müsste das Gericht dann schnell genug entscheiden, bevor es abgeschafft wird?

Und was macht die NPD jetzt, wenn die Anhänger wieder nüchtern sind? Wenn sie ihre Wahlergebnisse verbessert – ist sie dann doch erfolgreich genug, um verboten zu werden? Macht da ein Aufstieg überhaupt Sinn? Welche Ziele hat man denn jetzt bei der NPD?
Vielleicht ja: Fresse halten. So oder so. Wird aber leider nicht passieren.

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RT liest

Sören Kohlhuber: Retrofieber – Wenn Neonazis die ostdeutschen Straßen zurückerobern

Mittwoch, den 18. Januar 2017
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(1) -> 3.5.2016

In seinem ersten Buch schrieb der Journalist Sören Kohlhuber über Neonazi-Aufmärsche im Jahr 2014. Und auch 2015 war er wieder unterwegs – bei rund 50 Demonstrationen beobachtete er, fotografierte er und machte sich Notizen.
Seine Reise führt von Berlin-Hohenschönhausen im Januar bis nach Lübben im Spreewald im Dezember. Was er erlebt hat, ist mitunter erschreckend, wie NPD-Mitglieder agieren bedenklich – gerade in Hinblick auf das gerade gerichtlich abgewiesene NPD-Verbot.

Eine der beunruhigendsten Kapitel in dieser Demo-Doku spielt in Zehdenick, nördlich von Berlin. In der Region fanden zu dieser Zeit immer wieder Abendspaziergänge statt. Angeblich von besorgten Bürgern angemeldet, aber im Hintergrund agierten NPD-Kader. Neonazis behinderten Journalisten daran, ihre Arbeit zu machen. Sie wurden belauert, bedrängt, verfolgt – psychologische Einschüchterung, und die Polizei greift nach Kohlhubers Erzählung nicht nennenswert ein.
Wie es überhaupt auffällig ist, wie sich die Polizei verhält. Auffällige Demoteilnehmer werden nicht belangt, Außenstehende oft wenig bis nicht beschützt. Bringen Journalisten Beschützer mit, bekommen die von der Polizei mangels Journalistenausweis einen Platzverweis.

“Retrofieber” bietet einen interessanten, wenn auch teilweise erschreckenden Ein- und Rückblick auf das Demojahr 2015. Der Autor berichtet in den meisten Kapiteln einleitend, was den Ort, den er besucht, geschichtlich ausmacht und bringt das in den Zusammenhang mit der aktuellen Demo.
Seine Berichte sind detailliert, sie lesen sich spannend. da es sich um keine Presseartikel handelt, sondern um subjektive Beschreibungen, fehlen natürlich an einigen Stellen die Antworten der Polizei auf im Buch erzählten Begebenheiten, und die Rechtsextremen werden ihm sowieso Lügen vorwerfen – was Kohlhuber aber erstens gewöhnt ist und zweitens ignoriert. Und eines muss man ihm sowieso lassen: Der Typ hat Mut und einen sehr langen Atem.
Zum Buch selbst: Es ist wesentlich besser gestaltet und gesetzt als der Vorgänger. Manche Fotos aber leider kaum erkennbar. Offenbar sind leider die Gestaltungselemente seitenverkehrt konzipiert. Die Seitenzahlen stehen innen, Kapitelmarkierungen ebenfalls – Letztere sind so tief in der Falz vergraben, dass sie nicht erkennbar sind. Aber auf den Inhalt kommt’s ja an.

Sören Kohlhuber: Retrofieber – Wenn Neonazis die ostdeutschen Straßen zurückerobern
Epubli, 204 Seiten
8/10

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