Tagesarchiv für 11. Dezember 2016

RTelenovela

Dreimal Handymania

Sonntag, den 11. Dezember 2016
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Eine Frau schlendert ganz gemütlich über die Oranienburger Schulstraße. Ihr Blick liegt auf ihrem Handy, das sie in der Hand hat. Von ihrem Umfeld bekommt sie nichts mit. Auch nicht, dass hinter ihr ein Auto kommt, es muss abbremsen. Es kommt nicht vorbei. Erst als die Frau auf der anderen Straßenseite angekommen ist.
Erst dachte ich: Boah, wie blöd ist das denn?! Aber dann sah ich: Auch die Frau am Steuer des Autos hatte das Handy am Ohr – war also selbst beschäftigt.

Wenig später bei Subway in der Schulstraße. Zwei Tische sind besetzt. An Tisch 1 sitzen zwei Mädchen. Sie essen nichts (mehr?), schweigend sitzen sie sich gegenüber und daddeln auf dem Smartphone. An Tisch 2 sitzen zwei Jungs. Sie schweigen auch, gucken sich nicht an, sondern starren auf ihren Smartphones.
Irgendwie unheimlich.
Ich setze mich an Tisch 3 und versinke auch im Nirwana – ich lese eine Zeitschrift. Oldschool.

Bei Freunden. Spät am Abend durchstöbern wir die alte Plattensammlung und stoßen auf eine Schallplatte mit Weihnachtsgeschichten von Fred Rodian – unter anderem mit der bekannten Geschichte von “Hirsch Heinrich”. Wir legen die Platte auf und hören schweigend zu. Und beginnen nach und nach unsere Telefone rauszuholen und nebenher zu daddeln.
Drei Leute, drei Smartphones und das Hörspiel.

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RT liest

Harald Schmidt: Nachwende-Notizen eines Betagten

Sonntag, den 11. Dezember 2016
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Die erste Notiz stammt vom 10. November 1989. Gerade war die Mauer gefallen, es herrschte Jubel. „Es kommt mir vor wie ein Traum“, schrieb Harald Schmidt damals. Der 79-jährige Sommerfelder veröffentlicht in diesen Tagen die „Nachwende-Notizen eines Betagten“.
Immer wenn besondere Ereignisse geschahen oder wenn er in der Märkischen Allgemeinen interessante Themen fand, schrieb er etwas auf. Früher handschriftlich, seit einigen Jahren auf dem Computer. Nun hat er daraus besagtes Buch gemacht.

Es sind Erlebnisse, Ereignisse, aber auch sehr persönliche Notizen, die es in das Buch geschafft haben. So berichtet er von einem Arbeitseinsatz 1998 in Sommerfeld, bei dem er dabei war. Oder auch wie er Heiligabend 2003 als Notorganist beim Gottesdienst in der Kirche in Beetz einspringen sollte. Auch erzählt er von seinen Buchlesungen, bei denen er sich vorher nie sicher war, wie viele Leute denn kommen würden.
Er möchte mit seinem Buch aber auch Mut machen. Denn er berichtet auch von seinen Operationen. Im März 2005 entdeckte man bei ihm einen bösartigen Tumor im Dickdarm. Er ist entfernt worden, aber zwei Jahre danach trat das Problem wieder auf, weitere zwei Jahre später nochmals. Anfang 2014 folgte eine Bypass-Operation. „Mir geht es darum, den Leuten zu zeigen, dass man nicht so schnell aufgeben sollte“, sagt er.

Es sind viele kurze Notizen, kleine Geschichten, Anekdoten. Lustig, traurig, informativ, auf jeden Fall überwiegend sehr interessant. Wer die Nachwende-Notizen liest, bekommt auch einiges vom Leben auf dem Dorf und in der Kleinstadt mit. Harald Schmidt erzählt über den Sommerfelder Seniorentreff ebenso wie über den Stammtisch im Kremmener „Altstadtstübchen“, wo schon mal erörtert wird, wer denn nun wieder gerade das Zeitliche gesegnet hat – und wo über die Politik in der Stadt und im ganzen Land diskutiert wird. Natürlich ist auch die 800-Jahr-Feier ein Thema, über das der Sommerfelder sich Notizen gemacht hat.
Der Kreis im Buch schließt sich mit seinem Eintrag vom 4. Oktober 2016 – 26 Jahre nach der deutschen Einheit. Schmidt macht sich Sorgen über die Zwietracht in Deutschland. Hass, Pöbeleien, Proteste. Obwohl man trotz aller Probleme froh und dankbar sein sollte. „Ich möchte in keinem anderen Land leben“, schreibt er.

Harald Schmidt: Nachwende-Notizen eines Betagten
Veltener Verlagsgesellschaft, 115 Seiten
7/10

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