Tagesarchiv für 13. August 2009

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Wendejahr 1989: Der Westen beginnt hinter den Sonnenblumen

Donnerstag, den 13. August 2009
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Geschichte: Vor 48 Jahren ließ Walter Ulbricht die Mauer bauen – vor 20 Jahren trug die Massenflucht über Budapest zu ihrem Ende bei

MAZ, 13.8.2009

Viele DDR-Bürger reisten jedes Jahr nach Ungarn in den Urlaub. Im Sommer 1989 nutzen dann Tausende die Ferien für die Flucht in den Westen. Eine Spurensuche.

BUDAPEST
Ein schmaler, enger Hof. Ein kleines Stück Wiese. Ein paar Wege. Es ist still rund um die Kirche Zugliget am Rande von Budapest. Vor 20 Jahren campierten hier Tausende DDR-Bürger.
Gut 100 Meter weiter finden Touristen im Haus der ungarischen Malteser das Museum der Aufnahme. Im Garten davor erinnern ein Stück der Berliner Mauer und ein Trabant mit Kennzeichen aus dem Bezirk Potsdam an die Ereignisse vor 20 Jahren. Daneben steht ein Denkmal. Zu sehen sind zwei sich umarmende Menschen – auf einem Sockel, durch den ein Riss geht: Ost und West getrennt. Die Inschrift lautet: „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ Erinnerungen an die Flüchtlingswelle. Als die Ostdeutschen über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik auswandern wollten.

1989, im Sommer. In der ungarischen Hauptstadt Budapest halten sich im August etwa 30000 DDR-Bürger auf. Sie sind im Urlaub. Für viele steht aber fest: Es wird ein Urlaub sein ohne Rückkehr in die DDR. Nachdem die Ungarn Anfang Mai 1989 die Grenzanlagen abbauten, sahen die Ostdeutschen eine neue Möglichkeit, in den Westen zu gelangen. Imre Kozma, der damalige Pfarrer in Zugliget, erinnert sich: „Mit ihren Zelten bedeckten sie die Wiesen der Parks.“ Die Wohnwagen prägten das Straßenbild. Tausende besetzten die Budapester Botschaft und das Konsulat der Bundesrepublik. Die Lage drohte außer Kontrolle zu geraten. Allein in Budapest entstanden vier Flüchtlingslager. Eines davon bei den Maltesern.
Am 14. August 1989 öffnete Kozma die Tore der Pfarrgemeinde, um Flüchtlinge aufzunehmen. Über dem Eingang schrieb der heutige Präsident der ungarischen Malteser den lateinischen Spruch „Lanua patet, cor magis!“ Das Tor steht offen, mehr noch das Herz. „So dachten wir und handelten auch danach“, sagt Kozma heute. Der Hof füllte sich.

Mária Szondi denkt gerade in diesen Wochen oft an diese Zeit. Die heute 76-Jährige war damals mit einem hohen ungarischen Beamten verheiratet und half in den Flüchtlingslagern. Im blauen Jeansanzug sitzt sie nun in einem Budapester Café und zieht an ihrer Zigarette. „Draußen waren über 30 Grad, es war schrecklich heiß“, erzählt sie. Es gab zunächst keinen Strom im Lager auf dem Kirchhof. „Jeden Tag kamen 300 Leute in den kleinen Garten, immer mehr und mehr und mehr. Das war ein großes Problem für uns.“ Der Westen schickte Zelte, sorgte für die Verpflegung.
In kleinen Gruppen wurden die Flüchtlinge in die Nähe der Grenze gebracht. Die Sonnenblumen standen auf den Feldern. „Sie waren riesig, größer als ich“, erinnert sich Mária Szondi. „So konnten die Menschen von den Grenzposten nicht gesehen werden.“ Die Flüchtlinge bekamen gezeigt, wohin sie laufen mussten: „Hinter dem Blumenfeld war ein kleiner Wald. Das war Österreich.“ Ab dem 11. September verbesserte sich die Situation, als die Grenzen zwischen Ungarn und Österreich komplett geöffnet wurden. Trotzdem kamen weiterhin bis zu 100 Menschen täglich nach Zugliget. Bis November, bis in Berlin und an der deutsch-deutschen Grenze die Mauer fiel. 57000 Menschen flüchteten allein über Budapest, insgesamt 150000 über Ungarn.
Mária Szondi zündet sich ihre dritte Zigarette an. „Nach dieser Zeit fiel die tägliche Spannung weg. Und wir hier in Ungarn wussten ja auch nicht, was auf uns zukommt.“ Die Fluchtwelle über Ungarn verebbte, nachdem die DDR die Grenzen öffnete. Die vielen halterlosen Trabants und Wartburgs standen an den Straßen Budapests und wurden erst nach Wochen abgeschleppt.

Auch am Balaton wurde es erst im Spätherbst 1989 wieder ruhiger. Auf einen der größten Zeltplätze am Plattensee in Balatonfüred kamen im Sommer 1989 mehr Touristen als sonst. „Ein trauriges Jahr“, sagt Elisabeth Purger. Die 58-Jährige arbeitete damals auf dem Zeltplatz. „Die Stimmung war angespannter als sonst. Wir sind am Abend oft gar nicht mehr nach Hause gefahren. Wir haben geholfen, wo wir konnten.“
Das größte Ferienlager Osteuropas in Zánka verwandelte sich nach Saisonende in ein Flüchtlingslager. „Wir hatten noch einige Schulklassen bei uns, als plötzlich ein paar DDR-Touristen bei uns klingelten“, erinnert sich Katalin Angyal, die damals die Direktorin des Jugendferienheimes war. Von da an kamen die Menschen in Massen. Jeden Tag mehr. Ab dem 2. September 1989 galt auch die Pionierstadt als Flüchtlingslager. „Viele Mitarbeiter mussten wir aus dem Jahresurlaub zurückholen“, erzählt Angyal.

Bis zur Wende 1989 war der Balaton bei DDR-Bürgern ein begehrtes Urlaubsziel und ein wichtiger Treffpunkt von Ost- und Westdeutschen. „Bei uns kamen für zwei Wochen Familien zusammen, die sich nur einmal im Jahr gesehen haben“, so Elisabeth Purger. „Am Ende flossen Tränen, weil keiner wusste, wann sie sich wiedersehen.“ Trotzdem bewegten sich die Deutschen vorsichtig im Urlaub. „Wir wussten nie, wer von der Stasi war“, so Purger. „Klar war nur: Sie war da.“
Bettwäsche war auf den Zeltplätzen eine begehrte Tauschware, Geschirrtücher ebenso. Und nur in Ungarn, während des Balaton-Urlaubs, konnten auch DDR-Bürger Pepsi-Cola trinken.
Heute ist es sehr viel ruhiger auf dem Zeltplatz in Balatonfüred. Die Zahl der deutschen Touristen sank nach 1989 rapide. „Jetzt kommen mehr Dänen und Holländer“, erzählt Elisabeth Purger. Der Platz ist, anders als vor 20 Jahren, parzelliert, die Imbissbuden sehen hübscher aus. Für das Retrogefühl steht aber noch heute Lángos, ein Fladenbrot, auf den Speisekarten. Und der Aprikosenschnaps Palinka.

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Lauf, Forrest, lauf! (4): Stolpern durch die Nacht

Donnerstag, den 13. August 2009
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(3) -> 6.8.2009

Ich habe getrödelt. Und ich bin, völlig gegen meine Gewohnheiten, nach der Arbeit erst nach Hause und dann noch zu meinen Eltern gefahren.
So war es schon ziemlich dunkel, als ich letztens wieder mal nach Havelhausen aufgebrochen bin. So dunkel, dass ich eigebtlich gar nicht mehr so genau gesehen habe, wo ich hingelaufen bin. Würde ich die Strecke nicht kennen, wäre das schwierig geworden.
Und so lief ich los. Im letzten Fünkchen Dämmerung.
In den beiden Waldstücken war es bereits düster. Ich stolperte über die Unebenheiten des Weges und konnte gerade noch Hindernissen ausweichen. Wo ich sonst gekonnt um jedes Loch in der unbefestigten Straße rumlaufe, bin ich diesmal noch gekonnter mitten rein gelatscht. Es war, als liefe ich blind.
Und dann noch die Geräusche im zweiten Waldstück, auf dem Weg zur Bungalowsiedlung: das Knacken in der Wiese. Irgendwelche Tiere. Und ich konnte nichts sehen. Unheimlich. Kurz überlegte ich, das Waldstück auszulassen. Aber da bin ich schon mitten reingelaufen. Einfach weitergelaufen. Bis zum Ende. Die vollen zwei Runden.

Dafür lief es heute umso mieser: Gleich zweimal Seitenstechen. Es ging irgendwie nichts. Abbruch nach der ersten Runde. Was für eine Schmach.

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