Monatsarchiv für September 1998

RTZapper

Wahl 1998

Montag, den 28. September 1998
Tags: , ,

SO 27.09.1998, ZDF/N3

Seit gestern weht in Deutschland ein anderer Wind. Die diesjährige Bundestagswahl brachte uns den Regierungswechsel. Klar, daß diese Sache ein großes Fernsehereignis war.
Da war zum Beispiel der ZDF-Zuständige für die Hochrechnungen, Dieter Zimmer, der gar nicht glauben wollte, daß die Grünen mit 6,6 Prozent den Einzug in den Bundestag geschafft haben. Ob er seinen Leuten von der Forschungsgruppe Wahlen nicht mehr traut? Oder war Dieter einfach nur zu verwirrt?
Der Apltraum des Abends für die Sender waren wohl die Reden von Gerhard Schröder und Helmut Kohl Deren “Danke an meine Wählerinnen und Wähler” kam nämlich gleichzeitig. Die Verantwortlichen mußten sich nun die Frage stellen, wer denn nun wichtiger ist? Das ZDF war damit leicht Überfordert, schaltete wie wild hin und her. Bei der letzten Schaltung zu Kohl war der aber schon längst fertig. An dieser Stelle wären Schröders Worte wohl interessanter gewesen. (Ich wunderte mich übrigens, daß Gerhard seine Rede vollständig ablesen mußte, während Helmut frei sprach.)
Und daß die Politiker auch nur Menschen sind, konnte man auf N 3 während der Berichterstattung Über die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern feststellen. Dort ist eine Politikerin während eines Interviews fast zusammengebrochen. Das war wirklich einer der ganz wenigen Momente, wo mir eine Politikerin richtig leid tat…

RTelenovela

In der AGA (16): Schießbiwak

Sonntag, den 27. September 1998
Tags: , ,

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mal so ganz genau, wo wir jetzt eigentlich sind. Ich weiß nur, dass wir heute morgen in Havelberg in einen Bus gestiegen und in einem kleinen Ort namens Wesendorf wieder ausgestiegen sind. Wesendorf, irgendwo in Niedersachsen. Fünf Tage werden wir hier auf einem Truppenübungsplatz verbringen. Unser bisher längstes Biwak, und für mich mein erstes. Das Ganze nennt sich Schieß-Biwak, denn das ist unsere Hauptbeschäftigung in den nächsten Tagen: schießen, schießen, schießen. Damit wir in der Übung bleiben.

Das erste Schießen haben wir bereits erfolgreich abgeschlossen. Beziehungsweise, die anderen wesentlich erfolgreicher als ich. Aber im Gegensatz zu Uffz G. ist mir das vollkommen egal. Volker Rühe, oder wer immer sein Nachfolger werden wird, wird das schon verstehen. Oder auch nicht. Aber selbst das ist mir nun wirklich absolut wurscht!
Wieder einmal laufen wir im Wald eines Übungsplatzes herum, um unser Gruppennest zu tarnen. Unsere Zelte stehen bereits, Patrick hat mal wieder gute Arbeit geleistet und alles akkurat aufgestellt, befestigt und überhaupt. Also, wenn er nicht wäre, würde ich ziemlich alt aussehen.

RTZapper

ZAPPER VOR ORT: Lindenstraße on Tour (2)

Samstag, den 26. September 1998
Tags: , ,

-> 14.6.1998

SA 26.09.1998, Berlin

Im Mai berichtete ich euch davon, daß einige Stars der Fernsehserie „Lindenstraße” in Potsdam zu Gast gewesen waren, um in Ostdeutschland populärer zu werden. Am Sonnabend waren sie in Berlin-Hellersdorf – und ich war natürlich wieder dabei!
Ist euch der Name Dagmar Frederic ein Begriff? Die (räusper) etwas älteren Leser unter euch (ich duze euch alle!) werden sich vielleicht an den „Ost”-Star erinnern. Diese Frau jedenfalls moderierte das Ganze. Wir kamen gerade richtig, als sie uns ihr neuestes Repertoire an Super-Hits vorstellte – die gleichen wie auch schon in Potsdam. Ich fühlte mich damals schon wie in der Schlagerparade: Um mich herum saßen lauter Leute, die wie wild in ihre Hände klatschten und dabei einen etwas wirren Eindruck machten. Es war wie ein Horror-Déjà-vu!
Und ich gebe es ja zu: Manchmal schämt man sich ja doch dafür, daß man Fan einer solchen Serie ist. Angesichts der teilweise wirklich merkwürdigen Menschen, die sich auf dieser Veranstaltung herumtrieben, kam ich schon ein wenig ins Grübeln! Klar, daß den Fans erst einmal schnuppe ist, daß mit der Tournee die Einschaltquoten im Osten angekurbelt werden sollen, trotzdem fragte eine Frau in der anschließenden Diskussion, ob denn im Osten überhaupt schon die Quoten gemessen werden. Dazu kann ich nur sagen: ja, werden sie – und Strom, Farbfernsehen, und Telefone gibt’s im Osten auch schon!
Einen ganz großen Vorteil habe ich aber doch, liebe restlichen „Lindenstraßen”-Fans: Ich habe schon die Folge vom kommenden Sonntag gesehen!

RTelenovela

In der AGA (15): Zusatzdienst

Freitag, den 25. September 1998
Tags: ,

Es ist Freitagmittag und Hauptmann J. richtet seine für diese Woche letzten Worte an uns. Wir sollen doch bitte am Sonntag alle wählen gehen. Das ist leichter gesagt als getan. Da wir hier ständig auf Trapp gehalten wurden, sind wir in den vergangenen Wochen überhaupt nicht dazu gekommen, irgendwas von der Wahlpropaganda mitzubekommen. Der einzige Wahlwerbespot, den ich im Fernsehen gesehen habe, war der von der Partei Bibeltreuer Christen. Und ich werde ich nicht wählen.
J. ruft: „Vierte Kompanie – ins Wochenende weggetreten!“ Und alle: „Hurra!!“ Ich und ein paar andere verzichten aufs „Hurra!!“-Rufen. Es gibt dazu auch gar keinen Grund. Für uns bricht das Wochenende nämlich erst morgen, am Sonnabend, an. Zusatzdienst. Weil wir ja krank waren und nicht mit ins Biwak gefahren sind. Die spinnen doch! Eine Strafe dafür, dass man krank war (allerdings glaube ich nicht, dass es die hohen Tiere auch nur ansatzweise wagen würden, den Dienst als Strafe zu bezeichnen – zumindest nicht öffentlich).

Freitagnachmittag, noch immer in Havelberg, nicht zu Hause. Ein kleines Grüppchen hat sich jetzt auf unserer kleinen Wiese versammelt. Ein Unteroffizier aus einer anderen Kompanie hat die Ehre, uns durch diesen Zusatzdienst zu begleiten. Wer weiß – vielleicht hat er ja auch was verbrochen – vielleicht zu viel gehustet?
Wir werden in kleine Grüppchen aufgeteilt, um das Leben im Feld zu simulieren. Nur dass unser Biwak nicht auf einem Truppenübungsplatz stattfindet, sondern direkt auf dem Kasernengelände. Ist natürlich angenehmer, nur einen 300-Meter-Marsch vor sich zu haben, als 10 Kilometer.
Leben im Feld also. Dazu müssen wir unsere Zelte aufbauen. Toll! Patrick ist nicht da, ich wurde irgend so einem Trollo zugeteilt, dem ich es schon ansehe, dass er nicht sehr helle ist. Zusammen mit diesem Typen fummele ich die Zeltbahnen aneinander und irgendwie bekommen wir das mit den Stäben auch hin, so dass das Ding vollendet wird.

Als nächstes dürfen wir unsere Stellung ausbuddeln. Das ist gar nicht so einfach auf einer Wiese. Zunächst muss das Gras sauber ausgestochen werden. Allerdings wird es nicht irgendwo in die Landschaft geschmissen, sondern zum Tarnen genutzt. Ansonsten würde uns der Feind, der diesmal aus Blauland kommt, sofort abknallen.
Eine mühselige Arbeit. Meine Stellung ist als solche noch nicht unbedingt erkennbar. Mit einem Spaten buddele ich lustlos in meinem Loch herum. „Soll das eine Stellung werden, Pionier?“, ruft der Unteroffizier. Ich ziehe es vor, gar nicht zu antworten. Schließlich will ich morgen nach Hause und nicht einen zusätzlichen Zusatzdienst abfassen. Denen hier traue ich alles zu…

Die dritte Art, uns den Freitagnachmittag zu versüßen, ist, aus unserem Zeltlager, von einem Nest kann man hier ja nicht sprechen, zu unseren Stellungen zu rennen.
Na ja, natürlich nicht rennen. Bei einem Alarm springen wir auf, laufen in gebückter Haltung Richtung Stellung. Ein paar Meter davor schmeißen wir uns auf den Boden und robben den Rest des Weges. Gleiten heißt das offiziell. Ich erreiche meinen kleinen Graben, der mit ein bisschen (mehr) Fantasie eine Stellung sein könnte, als letzter. Mir ist das egal, dem Unteroffizier überraschenderweise auch.

„So, Soldaten! Jetzt ist Nachtruhe“, meint der Unteroffizier. Was wir nicht alles tun, um das Feldleben wirklich realistisch darzustellen! Nachtruhe um 16 Uhr.
Na gut, wenn er das so will, dann machen wir es auch so. Ich ahne allerdings, dass der Typ irgendwas im Schilde führt. Meine Gutgläubigkeit, dass er uns jetzt zwei Stündchen ruhen lässt, habe ich schon lange abgelegt. Also lege ich mich in voller Montur in den Schlafsack.
Tatsächlich kehrt so etwas wie Ruhe ein in unserem kleinen Zeltlager. Zeit, einen kleinen Moment abzuschalten.
„Alarm! Aufstehen, Männer!! Alarm!!“ Wusst ich’s doch, der Penner lässt uns nicht schlafen! Natürlich habe ich durch meine kleine Schummelei eine gute Ausgangsposition. Diesmal bin ich keineswegs der Letzte in der Stellung. Überraschenderweise ist dem Unteroffizier aber auch das egal.

Zeit fürs Frühstück, denn inzwischen ist die Zeit schon ganz schön fortgeschritten. Es ist gleich 17 Uhr.
Die trockenen und harten Kekse sind noch das Beste, was der E-Pack so hergibt. Für Pulverkaffee und was da sonst noch so drin ist, haben wir sowieso keine Zeit – und keine Möglichkeiten, den zu richtigen Kaffee zu machen…

Inzwischen ist es Abend geworden und ich bin ganz allein auf der Stube. Niemand da, meine Zimmergenossen genießen höchstwahrscheinlich gerade das Wochenende. Ich werde morgen den Luxus genießen, bis 6 Uhr schlafen zu dürfen. Am Wochenende darf man eine Stunde länger an der Matratze horchen.

RTZapper

Heiner, Peter, Anja

Dienstag, den 22. September 1998
Tags: ,

Laßt uns mal über unsere tollen Nachrichtensprecher reden! Ich meine, sie haben immer wichtige Sachen zu verkünden, da kann man ja auch ruhig mal darüber sprechen, ob sie ihren Job auch vernünftig machen!
Heiner Bremer beispielsweise. Wer hat ihm eigentlich erlaubt, sich noch vor eine Kamera, oder besser, vor einen Teleprompter zu stellen? Man ist doch normalerweise froh, daß man um Mitternacht noch einigermaßen die Augen aufkriegt. Doch das RTL-„Nacht-Journal” gibt einem dann den Rest. Ein alter grauer Mann liest mit heiserer Stimme seine vorgefertigten Texte ab. Und das monoton und einfach schlecht. Einmal ist doch glatt der Teleprompter ausgefallen! Der liebe Heiner wußte gar nicht mehr, was er sagen sollte. Außer ein paar undefinierbaren Stotterern und Satzfetzen kam nix mehr…
Wenn etwas wirklich Schlimmes auf der Welt passiert ist, sollte man lieber nicht „RTL aktuell” sehen! Denn der Moderator Peter Kloeppel ist dann nämlich auch so was von betroffen, daß man fast mitweinen möchte.
Den ähnlichen Effekt erzielt Anja Wolf im „heute-Journal” des ZDF. Ihre Stimme klingt, als ob sie wirklich jeden Moment anfängt zu weinen! Wenn sie eine Meldung liest, habe ich immer echt angst, daß ihr Stimmchen wegbricht. Und ich frage mich, wie das kommt! Wird sie von ihren Kollegen ständig und immer aufs Neue, gemobbt? Also das täte mit dann aber wirklich leid …

RTelenovela

In der AGA (14): Im Innendienst

Montag, den 21. September 1998
Tags: , ,

Montag, 5.24 Uhr. Stabsunteroffizier Neubaldt geht beim morgendlichen Antreten die Liste aller, jetzt vereidigten, Pioniere durch. Als er bei meinem Namen ankommt, rufe ich: „Neukrank!“
Da ich am Freitag wegen des Gelöbnisses, zu dem wir ja mit dem Bus gefahren sind, mein Auto in Havelberg stehen gelassen habe, musste Patrick diesmal fahren. Und das war gut so, denn ich hatte dermaßen rasende Kopfschmerzen, dass ich wohl höchstwahrscheinlich in den nächstbesten Straßengraben gefahren wäre.
Viel besser ist es heute auch nicht, und wer will schon in so einem desolaten Gesundheitszustand ins Biwak?

Während die anderen also wieder mal nach Nitzow aufbrechen, besuche ich das StoSanz, das Standortsanitätszentrum. Dort wundert sich der Herr Oberstabsarzt erst einmal darüber, dass ich überhaupt solche Kopfschmerzen bekommen konnte. Erzählte er mir doch bei der Hauptuntersuchung vor drei Wochen, dass hier die Luft ja dermaßen gut sei, dass das gar nicht passieren könne. „Ich habe sie ja schon seit gestern, wo ich noch zu Hause war.“ – „Na dann ist mir ja alles klar! Vielleicht sollten Sie am Wochenende nicht nach Hause fahren und hier im wunderschönen Havelberg bleiben!“ Sonst noch was? So richtig klar denken kann der Doktor aber auch nicht mehr. Wer weiß, wo er sein Wochenende verbracht hat.

Einen Erfolg hat das Ganze zumindest gebracht: Ich brauche nicht nach Nitzow nachfahren. Mit fünf Paracetamol bewaffnet begebe ich mich in den Innendienst. Im GeZi, dem Geschäftszimmer, wo gerade zwei OGs (Obergefreite) auf ihren Stühlen rumlümmeln, gebe ich den Krankenschein ab. „Und was passiert jetzt?, frage ich. Einer von den OGs meint: „Abwarten… Wir müssen erst sehen, wie viel von den Innendiensttoten wir überhaupt haben.“ Besonders zu interessieren scheint ihn das aber nicht, denn äußerst gelangweilt schlägt er wieder die Magdeburger Volksstimme auf.

Die Langweiligkeit im GeZi ändert sich schlagartig, als Hauptfeldwebel W., der Spieß, den Raum betritt. Er ragt mich, wie lange ich krank sei.

Meine Kopfschmerzen sind unterdessen gerade dabei, sich in einen handfesten Migräneanfall zu verwandeln. Als liebsten würde ich auf die Stube gehen und nur noch schlafen. Aber ich glaube, daran ist nicht zu denken. „Am besten, Sie gehen erst einmal zum GvD und vertreten den, dann kann er für mich ein paar Akten in die erste Kompanie bringen“, meint W.

Glücklicherweise liegt auch hier im GvD-Zimmer eine Zeitung. Die „Bild“, aber immerhin bin ich ein paar Minuten von den Kopfschmerzen abgelenkt.
Insgesamt sind wir acht Leute im Innendienst. Ich wurde von W. zum Treppefegen eingeteilt. Wie in Trance schiebe ich den Dreck von stufe zu Stufe. Die können mich doch alle mal am Arsch lecken!
Wenn ich jetzt die Treppe runterfalle, was passiert dann? Hier interessiert es doch keine Sau, wie es einem geht. Hier denken doch alle, man simuliert, weil man nicht mit ins Biwak geht. Ich wünsche mir nur noch ein Bett und eine Decke, unter die ich mich legen kann – und Schlaf. Nur noch Schlaf.

„Schlafen können Sie in der Nacht“, sagt mir der Spieß, als ich ihm meine Lage schildern will. Stattdessen darf ich nun das Bad auf unserer Etage wischen.
Na gut, hier bin ich wenigstens alleine. Beim Wischen kann ich mir gaaaaanz viel Zeit lassen… Und die Fliesen… müssen auch abgewischt werden… Ganz langsam… Ich habe Zeit… Ganz viel Zeit… So blitz-blank war dieser beschissene Waschraum wahrscheinlich lange nicht mehr!

RTelenovela

In der AGA (13): Das Gelöbnis

Freitag, den 18. September 1998
Tags: , ,

Verdammt früh war es heute Morgen, als wir geweckt wurden. Seit 6 Uhr sitzen wir nun im Bus, der uns zu unserem feierlichen Gelöbnis nach Strausberg bringen soll.
Überraschenderweise geht das Ganze relativ locker über die Bühne, wir werden unseren Eid in unseren Tarnuniformen sprechen. In den vergangenen Tagen haben wir noch mal das Marschieren (möglichst im Gleichschritt) geübt und auch das „Havelberg-Lied“ können wir inzwischen nahezu perfekt.

Strausberg. Auf einem großen Parkplatz kommen Busse aus den verschiedenen Kasernen. Soldaten aus Prenzlau, Storkow, wir aus Havelberg und eben auch aus Strausberg nehmen am Gelöbnis teil. Vor den Bussen stehen große getarnte Trauben von teilweise rauchenden Soldaten.

Der große Augenblick rückt näher. Oberfeldwebel S. befiehlt uns, uns zu formieren. Natürlich werden wir unser „Havelberg-Lied“ schmettern, wenn wir den Sportplatz betreten, auf dem das ganze Brimborium stattfindet. Das Besondere ist, dass wir diesmal in der ganzen Kompanie marschieren und uns unser Kompanieführer Hauptmann J. anzählt. „Vierte Kompanie – Im Gleichschritt – Marsch!“ Und wir setzen uns in Bewegung. „Vierte Kompanie – Ein Lied!“ Nachdem wir uns alle mitgeteilt haben, dass wir überraschenderweise das „Havelberg-Lied“ schmettern werden, geht’s auch schon los, im Takt unseres Marsches. „In Havelberg – am Havelstrand – da dienen wir – mit Herz und Verstand. – Tsching Tschinging Bajuh – Tsching Tschinging Bajuh – und die Sonne scheint – weit über das Land!“

Wie wir es nicht anders erwartet haben, hat uns die Strausberger Kaserne keine Stühle für die Prozedur zur Verfügung gestellt. So heißt es: stehen bleiben – und warten. Lange warten. Denn ehe alle anderen Kompanien auf ihren Plätzen stehen, vergeht schon eine gewisse Zeit.

Nach einer Stunde warten auf den Beginn der Zeremonie beginnt das Warten auf das Ende der selbigen.
Das wird uns versüßt durch die Musik einer Militärkapelle, die an uns vorbeimarschiert. Wir heucheln Interesse. Was bleibt uns auch anderes übrig? Als nächstes stolziert irgend so ein hoher Offizier an uns Soldaten vorüber. Wir heucheln Ehrfurcht vor ihm. Was sollen wir auch anderes machen? Dann steht ein junger Typ und erzählt uns, wie toll es doch beim Bund ist. Wir heucheln Zustimmung. Was soll der arme Kerl da vorne auch anderes erzählen? Er wird ganz sicher dazu gezwungen.

Es gibt noch weitere spannende Reden, diverse musikalische Einlagen. Ein paar von uns haben dann die zweifelhafte Ehre, nach vorn zur Fahne zu dürfen, um den Eid auf die selbige zu sprechen. Inzwischen habe ich mitbekommen, dass sich meine Familie ausgerechnet hinter uns eingefunden hat.

„Gelöbnisaufstellung – Still gestanden!“, ruft das hohe Tier da vorne ins Mikro. Wir gehorchen. „Augen links!“ Wir starren zur Fahne. „Soldaten! – Ich gelobe…“ Und wir (das heißt, ich bewege nur die Lippen): „Ich gelobe…“ – „… der Bundesrepublik Deutschland…“ – „… der Bundesrepublik Deutschland…“ – „… treu zu dienen…“ – „… treu zu dienen…“ – „… und das Recht…“ – „… und das Recht…“ – „… und die Freiheit des deutschen Volkes…“ – „… und die Freiheit des deutschen Volkes…“ – „… Kraftvoll zu verteidigen.“ – „… Kraftvoll er verteidigen.“ Dann wird die Nationalhymne gespielt und wir sind vereidigt. „Gelöbnisaufstellung – Augen geradeaus!“ Bei der Brandenburger Hymne, „Märkische Heide“, brauchen wir nicht auf die Fahne zu glotzen.

Nach dem offiziellen Akt dürfen die Angehörigen auf den Sportplatz kommen, um uns zu fotografieren oder uns in Großaufnahme auf den Videofilm zu bannen. Man kommt sich echt vor wie im Zoo.
Und alle sind sie gekommen. Vati, Mutti und mein Bruder.
Nun kommt noch Hauptmann J., wünscht uns alles Gute. Oberfeldwebel S. meint, wir sollten uns am Wochenende nicht zu sehr betrinken, am Montag gehe es ins Biwak nach Nitzow.
J. schreit: „Vierte Kompanie – Auf Ihr feierliches Gelöbnis jetzt ein dreifaches Anker…“ Und wir: „… wirf!“ – „Anker…“ – „… wirf!“ – „Anker…“ – „… wirf!“ – „Und jetzt wünsche ich Ihnen noch ein angenehmes Wochenende – und einen guten Heimweg. Vierte Kompanie – Ins Wochenende weggetreten!“ – Und wir zackig (und ehrlich): „Hurra!!“