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Vor 20 Jahren (1): Wiedersehen in der Tagesschau

Donnerstag, den 20. August 2009
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Sonntag, 20. August 1989.
Ein warmer Tag. Mit unseren Nachbarn verbrachte ich den Nachmittag am Stolzenhagener See. Damals fuhren wir allerdings noch nicht zum Sandstrand, sondern blieben vorn im Ort auf der Badewiese. 1989 konnte man dort auch noch parken.

Am Abend dann gemütliches Fernsehen mit meinen Eltern. Es beginnt die Spätausgabe der “Tagesschau”. Berichtet wird über die Flüchtlinge, die aus der DDR über Ungarn in den Westen flüchten. Es werden immer mehr Menschen. In dem Bericht erzählt ein Mann von seinen Erlebnissen auf der Flucht über die ungarisch-österreichische Grenze. Es ist ein großer Mann, die Kamera schwenkt hoch zu seinem Gesicht – und dann der Schock. Dieser mann ist ein Bekannter meines Vaters. Auch dessen Frau und die Kinder sind zu sehen.
Somit betraf uns die Fluchtwelle erstmals auch persönlich.
Die Familie lebte dann lange in Nürnberg, inzwischen jedoch wohnt sie wieder in Oranienburg.

aRTikel

Wendejahr 1989: Der Westen beginnt hinter den Sonnenblumen

Donnerstag, den 13. August 2009
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Geschichte: Vor 48 Jahren ließ Walter Ulbricht die Mauer bauen – vor 20 Jahren trug die Massenflucht über Budapest zu ihrem Ende bei

MAZ, 13.8.2009

Viele DDR-Bürger reisten jedes Jahr nach Ungarn in den Urlaub. Im Sommer 1989 nutzen dann Tausende die Ferien für die Flucht in den Westen. Eine Spurensuche.

BUDAPEST
Ein schmaler, enger Hof. Ein kleines Stück Wiese. Ein paar Wege. Es ist still rund um die Kirche Zugliget am Rande von Budapest. Vor 20 Jahren campierten hier Tausende DDR-Bürger.
Gut 100 Meter weiter finden Touristen im Haus der ungarischen Malteser das Museum der Aufnahme. Im Garten davor erinnern ein Stück der Berliner Mauer und ein Trabant mit Kennzeichen aus dem Bezirk Potsdam an die Ereignisse vor 20 Jahren. Daneben steht ein Denkmal. Zu sehen sind zwei sich umarmende Menschen – auf einem Sockel, durch den ein Riss geht: Ost und West getrennt. Die Inschrift lautet: „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ Erinnerungen an die Flüchtlingswelle. Als die Ostdeutschen über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik auswandern wollten.

1989, im Sommer. In der ungarischen Hauptstadt Budapest halten sich im August etwa 30000 DDR-Bürger auf. Sie sind im Urlaub. Für viele steht aber fest: Es wird ein Urlaub sein ohne Rückkehr in die DDR. Nachdem die Ungarn Anfang Mai 1989 die Grenzanlagen abbauten, sahen die Ostdeutschen eine neue Möglichkeit, in den Westen zu gelangen. Imre Kozma, der damalige Pfarrer in Zugliget, erinnert sich: „Mit ihren Zelten bedeckten sie die Wiesen der Parks.“ Die Wohnwagen prägten das Straßenbild. Tausende besetzten die Budapester Botschaft und das Konsulat der Bundesrepublik. Die Lage drohte außer Kontrolle zu geraten. Allein in Budapest entstanden vier Flüchtlingslager. Eines davon bei den Maltesern.
Am 14. August 1989 öffnete Kozma die Tore der Pfarrgemeinde, um Flüchtlinge aufzunehmen. Über dem Eingang schrieb der heutige Präsident der ungarischen Malteser den lateinischen Spruch „Lanua patet, cor magis!“ Das Tor steht offen, mehr noch das Herz. „So dachten wir und handelten auch danach“, sagt Kozma heute. Der Hof füllte sich.

Mária Szondi denkt gerade in diesen Wochen oft an diese Zeit. Die heute 76-Jährige war damals mit einem hohen ungarischen Beamten verheiratet und half in den Flüchtlingslagern. Im blauen Jeansanzug sitzt sie nun in einem Budapester Café und zieht an ihrer Zigarette. „Draußen waren über 30 Grad, es war schrecklich heiß“, erzählt sie. Es gab zunächst keinen Strom im Lager auf dem Kirchhof. „Jeden Tag kamen 300 Leute in den kleinen Garten, immer mehr und mehr und mehr. Das war ein großes Problem für uns.“ Der Westen schickte Zelte, sorgte für die Verpflegung.
In kleinen Gruppen wurden die Flüchtlinge in die Nähe der Grenze gebracht. Die Sonnenblumen standen auf den Feldern. „Sie waren riesig, größer als ich“, erinnert sich Mária Szondi. „So konnten die Menschen von den Grenzposten nicht gesehen werden.“ Die Flüchtlinge bekamen gezeigt, wohin sie laufen mussten: „Hinter dem Blumenfeld war ein kleiner Wald. Das war Österreich.“ Ab dem 11. September verbesserte sich die Situation, als die Grenzen zwischen Ungarn und Österreich komplett geöffnet wurden. Trotzdem kamen weiterhin bis zu 100 Menschen täglich nach Zugliget. Bis November, bis in Berlin und an der deutsch-deutschen Grenze die Mauer fiel. 57000 Menschen flüchteten allein über Budapest, insgesamt 150000 über Ungarn.
Mária Szondi zündet sich ihre dritte Zigarette an. „Nach dieser Zeit fiel die tägliche Spannung weg. Und wir hier in Ungarn wussten ja auch nicht, was auf uns zukommt.“ Die Fluchtwelle über Ungarn verebbte, nachdem die DDR die Grenzen öffnete. Die vielen halterlosen Trabants und Wartburgs standen an den Straßen Budapests und wurden erst nach Wochen abgeschleppt.

Auch am Balaton wurde es erst im Spätherbst 1989 wieder ruhiger. Auf einen der größten Zeltplätze am Plattensee in Balatonfüred kamen im Sommer 1989 mehr Touristen als sonst. „Ein trauriges Jahr“, sagt Elisabeth Purger. Die 58-Jährige arbeitete damals auf dem Zeltplatz. „Die Stimmung war angespannter als sonst. Wir sind am Abend oft gar nicht mehr nach Hause gefahren. Wir haben geholfen, wo wir konnten.“
Das größte Ferienlager Osteuropas in Zánka verwandelte sich nach Saisonende in ein Flüchtlingslager. „Wir hatten noch einige Schulklassen bei uns, als plötzlich ein paar DDR-Touristen bei uns klingelten“, erinnert sich Katalin Angyal, die damals die Direktorin des Jugendferienheimes war. Von da an kamen die Menschen in Massen. Jeden Tag mehr. Ab dem 2. September 1989 galt auch die Pionierstadt als Flüchtlingslager. „Viele Mitarbeiter mussten wir aus dem Jahresurlaub zurückholen“, erzählt Angyal.

Bis zur Wende 1989 war der Balaton bei DDR-Bürgern ein begehrtes Urlaubsziel und ein wichtiger Treffpunkt von Ost- und Westdeutschen. „Bei uns kamen für zwei Wochen Familien zusammen, die sich nur einmal im Jahr gesehen haben“, so Elisabeth Purger. „Am Ende flossen Tränen, weil keiner wusste, wann sie sich wiedersehen.“ Trotzdem bewegten sich die Deutschen vorsichtig im Urlaub. „Wir wussten nie, wer von der Stasi war“, so Purger. „Klar war nur: Sie war da.“
Bettwäsche war auf den Zeltplätzen eine begehrte Tauschware, Geschirrtücher ebenso. Und nur in Ungarn, während des Balaton-Urlaubs, konnten auch DDR-Bürger Pepsi-Cola trinken.
Heute ist es sehr viel ruhiger auf dem Zeltplatz in Balatonfüred. Die Zahl der deutschen Touristen sank nach 1989 rapide. „Jetzt kommen mehr Dänen und Holländer“, erzählt Elisabeth Purger. Der Platz ist, anders als vor 20 Jahren, parzelliert, die Imbissbuden sehen hübscher aus. Für das Retrogefühl steht aber noch heute Lángos, ein Fladenbrot, auf den Speisekarten. Und der Aprikosenschnaps Palinka.

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Ungarngrippe

Montag, den 1. Juni 2009
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Ich will an dieser Stelle nicht jammern.
Nein, das stimmt nicht. Ich will an dieser Stelle jammern.
Ich bin krank, und die Ungarn sind schuld. Das heißt, eigentlich ist nur einer schuld, nämlich unser Busfahrer, der die Klimaanlage betätigt hatte. Die pustete die kühle Luft direkt auf mich, und ich konnte sie nicht ausschalten.
Das habe ich jetzt davon. Schnupfen, Halskratzen, Niesanfälle, die durch Mark und Bein gehen.
Ich gehe jetzt ins Bett. Schöne Grüße nach Ungarn.

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Ungarn (3): Zu Lande, zu Wasser und in der Luft

Donnerstag, den 28. Mai 2009
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Die Nacht war viel zu kurz in unserem Hotel in Hévíz, und die Abreise sollte pünktlich – ganz pünktlich – um 8 Uhr erfolgen. Unsere Reiseleiterin zeigte sich streng, so trauten wir uns erst gar nicht, nach einer Abfahrtszeit um 8.30 Uhr zu fragen. Dann wäre zum Beispiel mehr Zeit gewesen, um das Thermalbad des Hotels zu testen.
Die Abfahrt erfolgte dann auch ganz pünktlich um 8.25 Uhr.

In Keszthely waren wir gestern schon mal. Diesmal warteten zwei Trabants auf uns. Ein paar Kilometer gab es die Gelegenheit, die Rennpappe über die ungarische Landstraße zu jagen. Nicht jeder konnte mitfahren, und da ich eigentlich nie ein Fan des Trabis war, verzichtete ich. Mein Bruder hatte mal einen Trabant, und ich erinnere mich noch gut.
Dennoch war es lustig, mit den anderen Kollegen von der Busrückscheibe aus die beiden Trabis zu beobachten. Die Pappenfahrer hatten ihren Spaß, auch wenn der Blinker öfter mal dauerblinkte, weil das früher nicht automatisch aussprang. Nur einige ungarische Großwagenbesitzer schienen genervt angesichts unserer nostalgischen Kolonne.

Wir erreichten als letzte Station unserer Ungarntour die Stadt Siófok. Und das Sprichwort bewahrheitete sich: Das Beste kommt zum Schluss.
Wir hatten immer relativ wenig Zeit, uns in den Städten näher umzusehen. Siófok konnten wir fühlen und spüren. Der Bürgermeister lud uns zu einer Radtour durch den Ort ein. Und so radelten wir durch die Tourimeile des Seebades.
in Siófok herrscht im Gegensatz zu den anderen von uns besuchten Städten echtes Touristenfeeling. Auf einer Meile stehen von Pavillons, in denen es zu Essen und zu trinken gibt, viele kleine Geschäfte und vor allem ein langes Balaton-Ufer – mit Meeresgefühl. Der Balaton schlägt vor Siófok Wellen, es rauscht. So stelle ich mir das eigentlich vor, und nur dort habe ich das so vorgefunden.
Ein Teil der Radtour führte einen Weg entlang, der sich direkt am Seeufer entlangzog – inklusive einiger Wellenspritzer. Herrlich!

In Siófok lernten wir auch Maria Császárné Lits kennen. Das heißt, eigentlich lernten wir sie schon in Hévíz kennen, sie reiste schon im Bus die Etappe mit uns mit und erzählte aus ihrem Leben und von ihrer Arbeit.
Sie leitet das Hotel Napfény in Siófok, ein Drei-Sterne-Hotel, das nur von Mai bis Anfang Oktober geöffnet ist. Wir haben einige Stunden mit ihr verbrachtet, aber eines haben wir schnell gemerkt: Sie trägt nicht nur das Herz auf der Zunge, sondern scheint sich auch rührend um ihre Gäste zu kümmern. Nicht nur das: Sie arbeitet auch in der Tourismusverwaltung von Siófok, und das nicht unbedingt nur aus Eigennutz. Sie sagt, die vielen Hotels im Ort seien nicht nur Konkurrenten, sondern müssten an einem Strang ziehen, um die Menschen in die Stadt zu holen.

Zu guter Letzt ging es dann noch auf den Balaton. Auf einem Segelboot verließen wir den Hafen von Siófok und fuhren raus auf den See. Mitunter herrschte ein ordentlicher Wellengang, und der Bürgermeister wurde fast von einem Seil stranguliert, als das Segel gesetzt wurde – aber es war herrlich. Sonne, eine leichte Brise, dazu das Schiffsschukeln und keine Anzeichen von Seekrankheit. Leider hatten wir nur 30 Minuten, so dass das Abenteuer viel zu schnell vorbei ging.
Siófok konnte sich bei uns tatsächlich als Urlaubsort empfehlen.

Von Budapest aus flogen wir zurück nach Berlin – mit Verzögerung.
Die Ungarn sollten sich schleunigst um den Ausbau ihres Flughafens kümmern. Die gates reichen hinten und vorne nicht. Die Frequenz der Flieger, die an einem Gate abgefertigt werden ist eng. Da die Venedig-Maschine vor uns später losflog, kamen auch wir später dran. Und dann gab es auch noch einen Check-in-Stop, dessen Grund wir aber nur inoffiziell erfahren haben: Aus einer Sondermaschine kam ein Strafgefangener in Hand- und Fußfesseln in Budapest an und sollte keinen Kontakt mit weiteren Reisenden haben.

Drei Tage Ungarn sind vorbei. Das Programm war voll, und hätte gut und gerne um einen Tag gestreckt werden können. Dann hätten wir noch mehr von Land und Leute kennenlernen können. So wie in Siófok.

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Ungarn (2): Kommunismus kompakt

Donnerstag, den 28. Mai 2009
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(1) -> 27.5.2009

Was für eine Nacht am Rande von Budapest! Auf dem Balkon im fünften Stock ließ ich noch ein wenig die Seele baumeln und versuchte, Blitze zu fotografen. In den Bergen in der Ferne blitzte es ordentlich, und es ist mir tatsächlich dreimal gelungen, das Naturphänomen aufs Foto zu bannen – demnächst bei meinVZ.

Tag 2 in Ungarn. Auf unserer Reise an den Balaton legten wir im südlichen Teil von Budapest einen Zwischenstopp ein.
Im Mementopark stehen 44 Statuen aus der Kommunismuszeit in Ungarn. Eine interessante Sache: In Ungarn wurden die denkmäler nach der Wende nicht verschrottet. Stattdessen wurde 1993 am Standrand ein Park eröffnet, wo alle diese Denkmäler zu besichtigen sind. Mitunter gewaltige Dinger, Sportkämpfer, Marx und Engels und viele mehr.
Aus meiner Sicht ist es sinnvoller an so einer Stelle diese Statuen auszustellen, als sie für immer wegzuschließen. Hätte auch ein gutes Modell für Deutschland, für die Ex-DDR sein können – Kommunismus kompakt.
Und eine interessante Begegnung hatten wir dort auch: Eine 35-jährige Münchnerin, die seit langem in London lebt, ist gerade in Budapest, um in diesem Freiluftmuseum Fotokunst herzustellen. Sie modelliert Puppen, die sie an die Denkmäler posiert. So sah es von weitem aus, als ob eine Asiatin an Lenins ausgestrecktem Arm hängt. Irgendeine Protestaktion oder so. Es war stattdessen Kunst.

Weiter ging’s nach Balatonfüred. Dort war einer der größten Campingplätze der Region, auf dem bis 1989 auch viele DDR-Bürger Urlaub machen und unter Umständen auch ihre Westverwandtschaft treffen konnten. Und Pepsi trinken. Und Langos essen.
Für die DDR-Bürger war es bis zur Wende ein Ort, der in gewisser Hinsicht magisch war – aus eben genannten Gründen. Und vor allem war Ungarn eines der wenigen Länder, wo sie hindurften.
Aus heutiger Sicht finde ich wenige Gründe, warum ich am Balaton Urlaub machen sollte. Der Balaton ist ein riesiger See. Sandstrände gibt es kaum, jedenfalls keinen auf dem Zeltplatz. Von der Grasliegewiese läuft man zum Wasser, über eine Leiter geht es rein. Ansonsten ist es zu steinig. Nun ja, als Ostseefreak ziehe ich hier natürlich die Stirn kraus.
Heute kommen auch nur noch wenige Deutsche dorthin. Die Urlauber auf dem Zeltplatz sind nun eher aus Dänemark oder den Niederlanden.

Das Golfspielen musste auch Zeitmangel ausfallen, deshalb stoppten wir als nächstes in Zánka, wo sich eines der größten Ferienlager Europas befand, und noch heute gibt es in Mitteleuopa kein größeres Jugendzentrum. Auf einem riesigen Gelände können sich Kinder und Jugendliche, aber auch Familien und Reiseggruppen austoben – viele Straßen, Sportplätze, ein Strand und und und. Wer’s mag – warum nicht…

Keszthely. So langsam konnten wir nicht mehr. So viele Eindrücke, so viele Gespräche. Die Riese führte uns in ein Kutschenmuseum mit lauter – Überraschung – Kutschen. Was aber an sich interessant war. Mitunter stehen dort 160 Jahre alte Gespanne.
Wir besuchten ein Hotel, dessen Preise aber dermaßen überteuert sind, dass ich den Namen am besten mal unter den Tisch fallen lasse.

Jetzt sind wir in Héviz. Von der Stadt sehen wir morgen früh hoffentlich mehr. Die Fahrt mit dem Discoschiff musste leider ausfallen, weil der Balaton wegen Gewitterwarnung gesperrt war. Das Gewitter oder Sturm blieben aus.
Mal sehen, ob es morgen besser wird, denn dann steht eine kleine Segeltour auf dem Balaton an. Davor eine Trabi- und eine Fahrradfahrt. Es wird also sportlich, bevor es am Abend zurück nach Hause geht.

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Ungarn (1): Im Sommer vor 20 Jahren

Mittwoch, den 27. Mai 2009
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Es wurde mal wieder Zeit für eine Kurzreise, und diesmal war Ungarn das Ziel. Natürlich ist das hier keine Vergnügungsreise. Für drei Tage sind wir in Budapest und am Balaton, um herauszufinden, wo im Jahr 1989, also vor genau 20 Jahren, die damaligen DDR-Flüchtlinge auf ihre Ausreise gewartet haben, und was damals in der Zeit hier passiert ist.

Abreise in Berlin-Tegel mit einem Bilderbuchstart. Da wir über den Osten aus der Hauptstadt gen Budapest flogen, konnten wir noch einen grandiosen Blick auf die Stadt genießen – bei strahlendem Sonnenschein.
Vorher hatten wir allerdings noch eine längere Busreise hinter uns zu bringen. Vom Terminal zum Flugzeug. Und am Angang, als wir im Bus standen, fanden wir es noch lustig, dass in Sichtweite, nur einmal um die Ecke, ein Flugzeug unserer Airline stand. Doch nach etwa einminütiger Fahrt stellte sich heraus: Es war unsere Maschine. Laufen wäre schneller gewesen. Aber wir hätten ja von einem Flugzeug überrollt werden können…

Unser Hotel ist kein Hotel, sondern ein Resort. Und es ist großartig. Das muss man ganz klar sagen. Ein modernes Zimmer mit Blick auf eine Poollandschaft, ein geräumiges Badezimmer, außerdem einen Wellnessbereich, eine Badelandschaft, ein Fitnesscenter, Friseur, Zahnarzt, pipapo…
Aber leider auch mehrere Schönheitsfehler: Es liegt gerade noch so in Budapest, am nördlichsten Standrand – aber eigentlich schon weit außerhalb. Da stellt sich natürlich die Frage: Welcher Budapest-Reisender wird in einem Resort wohnen wollen, dass etwa 20 Kilometer außerhalb der eigentlichen Stadt liegt? Er wird lieber mittendrin wohnen wollen, an der Donau, um abends noch in der Stadt zu schlendern. Von hier raus kann nicht geschlendert werden. Einen Bus oder die Bahn gibt es nicht, ein Taxi oder Mietwagen kostet Geld – und wird auch nicht vom Hotel gezahlt. Selbst dann nicht, wenn man vom Flughafen hierher kommt. Das schreckt ab. Außerdem ist der kasten im Nirgendwo so gewaltig, dass die Kosten immens sein müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob das funktioniert…

Beim Anflug auf Budapest war ich erstmal bestürzt: Von oben sieht die Donau aus wie eine braune Plörre. In Budapest selbst sieht es nicht so dramatisch aus, vielleicht wird der Fluss aber auch erst außerhalb der Stadt braun.
Ansonsten erinnert mich Budapest an einigen Stellen an Wien. Die ungarische Hauptstadt hat einige wirklich schöne Plätze zu bieten. Alte, architektonisch sehenswerte Gebäude.
Ein Hauch von DDR weht immer dann an einem vorbei, wenn mal wieder einer der alten Ikarus-Busse die Straße entlang tuckert.

Dann waren wir in Zugliget, einer Pfarrei am Rande von Budapest. Von August bis November 1989 lebten im kleinen Garten hunderte DDR-Flüchtlinge, die in den Westen wollten. Im Laufe der Zeit waren es 48000. Die Ungarn sorgten für Essen und Trinken und vor allem dafür, dass die Ausreise möglich wurde. Heute ist in der Nähe der Kirche im Malteserhaus das “Museum der Aufnahme” mit interessanten Zeitdokumenten aus der damaligen Zeit.
Danach trafen wir auf eine heute 76-Jährige, die 1989 auf dem Gelände half, dass das alles funktionierte. “Jeden Tag kamen mehr und mehr und mehr”, erzählte sie. Viele der DDR-Bürger seien nach dem Urlaub am Balaton nach Budapest gekommen, weil sie beschlossen, rüberzumachen. “Sie hatten oft nicht mal Jacken dabei.” Die Frau half bei der Organisation der Flucht, gab Tipps. Am 11. September 1989 wurde die Grenze zwischen Ungarn und Österreich geöffnet, doch bis November noch kamen DDR-Bürger in den Pfarrgarten nach Budapest.

Beim Spaziergang durch eine Einkaufspassage dann eine Überraschung: Vor uns steht die Schauspielerin Ulrike Folkerts (”Tatort”) – sinnierend auf der Straße stehend. Dann lief sie weiter.
Später sahen wir dann noch das Filmteam, das sich die gerade gedrehte Szene ansah. Wenig später musste Frau Folkerts nochmal sinnierend durch Budapest laufen. Vielleicht hätte ich mal durchs Bild laufen sollen…

Morgen geht es weiter an den Balaton – zu einem früher bei den DDR-Bürgern beliebten Campingplatz, auf einen Golfplatz (den es vermutlich 1989 noch nicht gab) und auf ein Discoschiff, das bei Ostdeutschen sehr beliebt sein soll.
Jó éjszakát – gute Nacht!

aRTikel

Die Sprachbarriere ist groß

Mittwoch, den 10. Januar 2007
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Robert Meseck (21) aus Hennigsdorf studiert im ungarischen Debrecen Medizin

MAZ Oranienburg, 10.1.2007

HENNIGSDORF
Platz 1300. Etwa neun Semester Wartezeit. So lange wollte Robert Meseck nicht warten, bis er sein Medizinstudium anfangen konnte. Der 21-jährige Hennigsdorfer hat sich stattdessen in Ungarn beworben.
“Hier hat mein Abi nicht ausgereicht”, erzählt er. Seine Prüfungen an der Evangelischen Schule in Frohnau hatte er 2004. “Ich hatte einen Durchschnitt von 1,9. Was aber wohl Welten entfernt ist von der deutschen Norm, die fängt wohl bei 1,5 an.”
Bei der zentralen Studienvergabestelle in Deutschland hatte Robert Meseck keine Chance. Da half auch der Zivildienst und Praktika in der Oranienburger Rettungsstelle und der Regenbogenschule in Hennigsdorf wenig. “Ich habe dann im Internet nach anderen Möglichkeiten gesucht”, erinnert er sich. Schnell bot sich Debreceni Orros Tudomani Egyetem (DOTE) an. Die Uni liegt in Debrecen, im Osten Ungarns, etwa 50 Kilometer entfernt von der Grenze zu Rumänien. “Ich bin da hingefahren und habe mich beworben.”
Am Ende wurde er angenommen. “Für mich war es kein Problem, nach Ungarn zu gehen”, sagt Robert Meseck. “Ich wollte weg und ein Studium im Ausland bot sich sowieso an.” Über Ungarn wusste er vorher nur, “dass es ein temperamentvolles südosteuropäisches Volk ist und eine komische Sprache spricht.”
Seit 2005 lebt Robert nun in Debrecen. “In einer WG unweit der Uni, gemeinsam mit einer anderen Deutschen.” Das Leben in Ungarn ist nicht immer einfach. Robert: “Das ist schon etwas anderes. Im Kino oder im Theater versteht man nichts. Im Laden habe ich Probleme zu sagen, was ich möchte. Nur wenig sprechen englisch oder deutsch.” An der Uni hat er zwar auch Ungarisch Kurse, “aber es ist trotzdem super schwierig”. Hinzu kommt, dass es “wenige Berührungspunkte mit den ungarischen Studenten gibt, da wir kaum Kurse gemeinsam haben”. Die Kurse in Medizin hat der Hennigsdorfer allesamt auf Englisch. “Das ist ein internationales Studienprogramm.” Junge Leute aus 36 Ländern sind dabei.
Insgesamt vier Semester will Robert Meseck in Ungarn absolvieren. “Dann habe ich das Physikum und die Vorklinik, den ersten Ausbildungsabschnitt, abgeschlossen.” Derzeit prüft das Bundesbildungsministerium, ob das Studium in Debrecen in Deutschland anerkannt wird.
Während seiner Semesterferien bis Ende Januar arbeitet er in der Chirurgie des Oranienburger Krankenhauses. In welche Richtung der Medizin er später mal gehen möchte, weiß er noch nicht genau. “Ich versuche so viel wie möglich zu lernen und kann mir durchaus vorstellen, später mal in die Forschung zu gehen.”
Das Studium finanziert die Familie von Robert Meseck privat. Auch in der Hoffnung, später einige Vorteile zu haben: “Ich konnte in Ungarn schon Auslandserfahrungen sammeln, spreche fließend Englisch und komme mit vielen Kulturen zusammen.”
Nach den vier Semestern in Debrecen will sich Robert in Deutschland bewerben.