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Hart aber fair: Aus Worten werden Schüsse – Wie gefährlich ist rechter Hass?

Donnerstag, den 4. Juli 2019
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MO 01.07.2019 | 21.15 Uhr | Das Erste

Wenn man über die AfD spricht, ist es durchaus sinnvoll, auch jemanden von der AfD einzuladen. Und wenn es vor allem um die AfD und deren Umgang mit bestimmten Themen geht, dann kann es durchaus passieren, dass der Vertreter der AfD in einer Talkshow die meiste Redezeit bekommt – ganz einfach, weil sich alle Diskussionen an ihn richten.
Um so merkwürdiger ist die Diskussion um die Sendung “Hart am fair”, die am Montagabend im Ersten lief.

Schon im Vorfeld war die Aufregung groß. Der Auftritt des AfD-Politikers Uwe Junge wurde hart diskutiert. Dass er überhaupt eingeladen worden ist, sorgte mitunter für Empörung. Und der Auftritt soll sogar Thema für die Medienwächter sein. Es heißt, der WDR-Rundfunkrat werde sich in der nächsten Sitzung auch damit befassen.

Konkret ging es um den Mord des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke – und um den Hass davor und danach. Für Aufregung sorgte speziell ein Twitter-Tweet von AfD-Mann Uwe Junge: „Der Tag wird kommen, an dem wir alle Ignoranten, Unterstützer, Beschwichtiger, Befürworter und Aktivisten der Willkommenskultur im Namen der unschuldigen Opfer zur Rechenschaft ziehen werden! Dafür lebe und arbeite ich. So wahr mir Gott helfe!“.
So einen könne man nicht einladen, hieß es.

Ja, das ist sicherlich schwer auszuhalten, weil niederträchtig. Aber genau diesen Twitter-Tweet hielt Moderator Frank Plasberg seinem Gast auch vor. Uwe Junge wand sich und redete sich raus, und als Zuschauer merkte man schon, was man davon zu halten hat. Aber sollte das nicht Aufgabe einer solchen Sendung sein, Leute dort hin zu holen, um solche Dinge vorzuhalten und zu diskutieren?
Soll man über die AfD diskutieren, ohne die AfD dabei zu haben? Halten wir es inzwischen nicht mal mehr aus, diese Leute einzuladen, um mit ihnen zu diskutieren und gegen sie zu argumentieren? Möchte man stattdessen immer im eigenen Saft schwimmen und sagen, wie schlimm alles sei und wie scharf das zu verurteilen sei?
Uwe Junge redete viel. Manches war unerträglich. Aber hin und wieder sollte und muss man das in einer Fernsehdiskussion aushalten. Und vor allem sind ja auch die anderen Gäste dazu da, dem etwas entgegenzusetzen. Was sie auch taten. Auch Frank Plasberg griff hin und wieder ein, auch wenn er einige Aussagen Junges vielleicht hätte revidieren können.

Nach der Sendung erntete “Hart aber fair” harte Kritik von vielen Seiten, auch von vielen Journalisten. Wer das gelesen hat, hätte meinen können, im Ersten habe sich am Montag ein unglaublicher Skandal abgespielt. Hat er nicht. In einigen Beiträgen wurde sogar aufgerechnet, wer wie viel gesagt hat – und es wurde sich empört, warum AfD-Junge am meisten reden durfte. Dabei ist die Antwort klar – siehe oben.

Und wie kopflos man inzwischen ist, zeigte ein Twitter-Pingpong danach. Frank Plasberg beendete seine Sendung mit den Worten an Uwe Junge: „Ich hoffe, es kam Ihnen nicht vor wie ein Tribunal.“ Dieser Satz war in der Tat fatal, weil er wie eine Streicheleinheit wirkte, die absolut nicht angebracht war. Auch das sorgte für Empörung, und das durchaus zurecht.
Das Erste twitterte zum Vorwurf, warum man überhaupt einem AfD-Mann ein Forum gebe: „Die Redaktionen der Talksendungen bemühen sich insbesondere, AfD-Vertreterinnen kein Forum für ihre Zwecke zu bieten. Je nach Thema ist es aber von Fall zu Fall nötig, AfD-PolitikerInnen selbst zu Wort kommen zu lassen.“
Das ist harter Tobak. Einerseits weil es durchaus irritiert, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender sagt, dass man sich bemühe, eine Partei auszuschließen. Und andererseits nutzen CDU, SPD und Co. Sendungen ja auch als Forum für ihre Zwecke. Die Wortwahl ist jedenfalls extrem unglücklich.
Später schrieb Sabine Knott, die Leiterin der Zuschauerredaktion im Ersten auf Twitter: „Dieser Tweet war leider nicht mit der Redaktion von „Hart aber fair“ abgestimmt. Dafür entschuldigen wir uns. Wir betonen, dass bei uns für alle Parteien dieselben Standards gelten. Im Übrigen entscheidet jede Redaktion für sich, wen sie zu welchem Thema einlädt.“ Eine sehr nötige Richtigstellung, und es wirkt, als ob da jemand zuvor seine private Meinung mit der Haltung eines TV-Senders verwechselte.

Um das zusammenzufassen: “Hart aber fair” am Montag war unbequem, aber kein Skandal. Bemerkenswert ist viel mehr die Diskussion rund um diese Sendung.

-> Die Sendung in der ARD-Mediathek (bis 1. Juli 2020)

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Markus Lanz: Klima-Diskussion

Samstag, den 6. April 2019
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DO 04.04.2019 | 23.15 Uhr | ZDF

“Ich finde politisches Engagement von Schülerinnen und Schülern toll. Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis.”
Christian Lindner, 10. März 2019, Twitter

Eskalation! Zoff! Hasselhoff vs. Lindner. Die Medien kannten am Freitag nur ein Thema: dass sich David Hasselhoff bei “Markus Lanz” mit Christian Lindner angelegt hat. Dass er sich zum Klimawandel äußerte. Dass Politiker nichts tun würden. Das brachte Klicks.
Ein wenig vernachlässigt wurde dabei, dass es am Donnerstagabend im ZDF ganz allgemein eine sehr spannende Diskussion zum Klimawandel gab und zur Frage, was wir denn nun tun können und welche Rolle die Politik spielt und spielen sollte.

Und es war vermutlich nicht der beste Abend von FDP-Chef Christian Lindner. Er traf in der Talkshow auf Luisa Neubauer, eine der wichtigen, jungen Klimaschutzkämpferinnen aus Deutschland. Natürlich musste er sich seinen Twitter-Tweed vorhalten lassen.
Lindner relativierte, was er am 10. März schrieb, aber Neubauer ließ das nicht gelten. Man müsse kein Klimaexperte sein, um demonstrieren zu gehen. Worauf Lindner meinte, er habe das auch so nicht gemeint. Ahja.
Die Politiker müssten weg davon, im Kampf um das Klima parteipolitisch zu agieren. Es reiche den Menschen. Sie wollen die Kämpfe nicht mehr sehen, das Austeilen gegen andere Parteien, die Streitigkeiten, die polemischen Debatten. Handeln sollen sie, die Politiker.
Lindner kam mit seinen Abwiegelungen kaum durch, und das war sehr interessant, zu beobachten. Ein Politiker wurde aus seiner Komfortzone geschubst.

Als dann auch noch David Hasselhoff in die Diskussion einstieg und Lindner die Politiker-Untätigkeit vorwarf und sich in Rage redete, da war Lindner endgültig auf verlorenem Posten.

Sicher, auch solche Diskussion ändern das Klima nicht. Aber sie rütteln vielleicht den einen oder anderen wach. Wobei da bei den allermeisten Politikern wenig Hoffnung besteht.

-> Der Teil der Sendung von “Markus Lanz” auf Youtube.

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Die Conners

Samstag, den 16. Februar 2019
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MI 13.02.2019 | 22.05 Uhr | Disney Channel

So schnell kann es gehen. Ein rassistischer Tweet auf Twitter reichte, und Roseanne flog aus ihrer eigenen Serie. Schwupp und Aus.

“Roseanne” gehörte zu den diversen 90er-Comedyserien, die im vergangenen Jahr wiederbelebt worden ist. Der Erfolg war in den USA ganz ordentlich, in Deutschland war sie im Free-TV noch nicht mal angelaufen.
Da setzte sie auf Twitter einen Spruch ab, der sich gegen eine afroamerikanische Politikerin richtete. Die Empörung war groß, Roseanne Barr stand mitten im Shitstorm, und ihr Sender hat sie kurz danach entlassen. In Deutschland verzichtete der Disney Channel relativ spontan ganz auf die Ausstrahlung der Serie.

Aber die Show muss weitergehen, und sie geht weiter. Roseanne ohne Roseanne heißt nun “Die Conners” und ist am Mittwochabend im Disney Channel angelaufen.
Die neue Staffel – im Grunde ist es ja keine neue Serie – beginnt mit Roseanne Tod. Eine Überdosis Tabletten. Das passt sogar, weil das in den USA wohl ein echtes Problem ist. Damit ist aus der Comedy zwar zwischendurch ein Drama geworden. Aber hauptsächlich hat dieser Vorgang eines gezeigt: Niemand ist unersetzlich. Niemand ist so berühmt, dass er oder sie sich alles erlauben kann. Was man auch tut, es kann Folgen haben, und Roseanne hat das zu spüren bekommen.

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Bambi 2018

Sonntag, den 18. November 2018
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FR 16.11.2018 | 20.15 Uhr | Das Erste

Eines muss man dem Bambi 2018 zugute halten: Die Show war kürzer als geplant. Zehn Minuten früher als vorgesehen endete die, so sagen das die Bambi-Leute selber, bedeutendste Preisverleihung Deutschlands. Daran können sich andere mal ein Beispiel nehmen!

Es ging eben alles ein bisschen fixer, und eine wollte besonders fix sein. Als Heino Ferch die Preise in der Rubrik “Beste Schauspielerin” vergeben will, lobt er als erste Marie Bäumer. Die fühlt sich sofort angesprochen und rennt schon auf die Bühne. Zu früh! Heino Ferch muss sie wieder verscheuchen. Nicht so schnell, Marie! Und am Ende gewinnt sie nicht mal! Stattdessen bekommt Paula Beer einen Bambi. Ziemlich peinlich!

Auch Thomas Gottschalk war bei der Show. In Kalifornien ist zwar gerade seine Hütte bei den Großbränden vernichtet worden. Aber dass er deswegen dort mal gucken fährt, scheint keine große Priorität zu haben. Aber die Entscheider beim Bambi hatten ein Herz für ihn. Damit er sich wenigstens wieder einen Bambi ins neue, noch zu bauende (!) Haus stellen kann, bekam er einen Sonderpreis, den Abgebrannt-Bambi.

Und sonst so? Sophia Loren kommt mit dem Übersetzer im Ohr nicht klar und wirkt völlig verwirrt, auf sie mit Gottschalk (warum auch immer) auf der Bühne steht. Die wunderbare Lilo Pulver bekommt den Lebenswerk-Bambi und hält eine erfrischend kurze Dankesrede – weshalb die Show vielleicht auch “unterzogen” hat.

Florian Silbereisen hat unterdessen den besten Auftritt seines Lebens hingelegt: Erstens, weil er nur wenige Sekunden gebraucht hat, um seine Band Klubbb3 in der Show zu nennen. Und zweitens, weil er nach seiner Eröffnungsmoderation nicht mehr aufgetaucht ist. Obwohl er davon erzählt hat, dass er wegen des Fehlens von Barbara Schöneberger endlich mal zu Wort kommen könne. Dass stattdessen die Show von vielen Leuten durchmoderiert worden ist, damit kamen viele Zuschauer nicht klar, wenn man Twitter glauben kann. Das Konzept war wohl zu anspruchsvoll für die unaufmerksamen Twitterer.

*

Zum Weiterlesen: Sammlung von Texten zum Bambi im Blog.

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Moma – Das Erste am Morgen: #netzreporter

Samstag, den 22. September 2018
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FR 21.09.2018 | 5.30 Uhr | Das Erste

Ist ja wieder unglaublich, was die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles vom Stapel gelassen hat. Die “#netzreporter” von Radio Bremen haben bei Twitter was gefunden und den Tweet in einen Beitrag des Morgenmagazins der ARD eingefügt.

Zum Thema Maaßen soll Nahles gesagt haben: “Wenn Sie mir alle Ihr Ehrenwort geben, dass Sie bei Neuwahlen SPD wählen, gehe ich heute noch ins Kanzleramt und lasse die Koalition platzen, wenn Frau Merkel die Herren Seehofer und Maaßen nicht unverzüglich entlässt.”
Kawumm! Das knallt natürlich, und dass man diesen Twett mal zeigen muss – na, das ist doch klar!

Wenn er denn mal von Andrea Nahles gewesen wäre. Die RB-Netzreporter sind unglücklicherweise auf einen Satire-Account namens @VorsitzNahles reingefallen.
Hätte man übrigens drauf kommen können. Der vorherige Tweet lautete: “Sie müssen mich auch verstehen. Maaßen hat Informationen. Sensible Informationen. Er kennt meine Konfektionsgröße und Frau Merkels geheimes Kartoffelsuppenrezept.” Und oben links auf der Twitter-Seite steht: “SPD-Vorsitzende. Zukünftige Kanzlerin und Twitterkönigin. ACHTUNG: Satire.”
Warum es den Netzreportern trotzdem nicht gelungen ist, die Twitter-Nahles als Satire zu entlarven, ist eine Frage, die man stellen muss. Immerhin ist der Beitrag gleich zweimal ausgestrahlt worden – am Freitagfrüh gegen 6.38 Uhr und noch einmal zwei Stunden später. Und immerhin ist es nicht das erste Mal, dass Medienleute auf Satireaccounts bei Twitter reingefallen sind.
Sollte nicht mehr passieren.

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Breaking News: Seehofer kündigt Unionsbündnis auf

Samstag, den 16. Juni 2018
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FR 15.06.2018 | 12.24 Uhr | ntv

Heiner Bremer, der alte Nachrichtenhaudegen hat die Lunte gerochen. Aber da war es leider schon zu spät.
Um 12.24 Uhr erschien am Freitagmittag bei ntv der rote Breaking-News-Schriftzug, und die Moderatorin verkündete die Nachricht, dass Horst Seehofer das Unionsbündnis aufkündige. Würde heißen: CDU und CSU gehen getrennte Wege, und das Ende der Großen Koalition wäre gleich mitbesiegelt. Ein politisches Mega-Erdbeben.

Das musste einfach stimmen. Der Teilzeitnachrichtensender Welt haute die Meldung schon 12.23 Uhr raus – um dann vorsichtshalber erst mal in die Werbung abzugeben. Die Nachrichtenagentur Reuters hat das verkündigt und bezog sich auf eine Twittermeldung vom Hessischen Rundfunk.
Also eher: Vom angeblich Hessischen Rundfunk.

Bei ntv las die Moderatorin die heiße News vor, und dann sagte sie, dass sie und Heiner Bremer sich nun fragen würden, was an dieser Meldung tatsächlich wahr sei.
Was soll das heißen? Hat sie gerade was verkündet, wovon gar keiner weiß, dass es stimmt? Hat es keiner geprüft? Glaubt man der eigenen Schlagzeile nicht? Hält die Moderatorin von ntv den Sender ntv für eine Fake-News-Anstalt und muss deshalb alles hinterfragen?

In dem Moment, in dem Heiner Bremer vermutet, dass da Comedians ihre Hand im Spiel haben könnten, grätscht auch gleich die Moderatorin wieder rein und hat schon die nächste Breaking News: Nämlich, dass die vorherige Breaking News Quatsch war. Die Satirezeitschrift “Titanic” hat sich mal wieder einen Scherz erlaubt, und Reuters und alle anderen sind auf einen falschen hr-Twitter-Account reingefallen (und wohl nicht das erste Mal).
Bei Welt sprach man vom nervösen Berlin, was man ja an diesem Fall der Falschmeldung sehen könne.

Wieder ging es darum, eine Nachricht zügig rauszuhauen. Überprüft worden ist sie offenbar nicht. Jeder plapperte die Breaking News nach, in Windeseile. Nur ein paar Minuten warten – es dauerte ungelogen eine (!!) Minute, bis die ntv-Moderatorin schon wieder Entwarnung geben konnte/musste. Mal kurz abwarten war nicht drin – im nervösen Deutschland sind es auch die Medien, die nervös sind und nervös machen.
Und die beiden Damen bei ntv und Welt, die die falsche Nachricht raushauen mussten, die müssen ihr Gesicht herhalten für die schlechte Arbeit der Kollegen im Hintergrund.

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Das war 2017!

Sonntag, den 31. Dezember 2017
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I bims, und hier kommt schon wieder der Jahresrückblick, vong Silvester her.
Nein, nein, das Jahr 2017 hat mir nicht das Hirn eingefroren. “I bims” ist aber das Jugendwort des Jahres, und die dazu passenden “vong … her”-Nachsätze gehören auch zur Jugendsprache. Soll wohl den verkürzenden und fehlerhaften Internet-Chat-Sprech darstellen, und es gibt Leute, die das lustig finden.
Ach, überhaupt das Internet. Was in den sozialen Netzwerken abgeht, das ist nicht mehr feierlich. Da kotzen sich die Wutbürger überall da aus, wo es auch nur entfernt um Politik geht. Man könnte meinen, Deutschland ist zur Wuthochburg verkommen, aber es ist wohl eher so, dass alle anderen sich immer mehr zurückziehen und sich gar nicht mehr äußern. Was auch nicht gut ist. Mehr und mehr wird Pöblern der Platz überlassen – immer mehr angefeuert durch die AfD, und die “Bild” macht auch immer gern und fleißig mit.

2017 war geprägt von einem Schwarz-Weiß-Denken. Entweder ist alles gut oder alles schlecht. Zwischentöne? Werden oft vermisst. Donald Trump ist US-Präsident, und alle, die nicht das berichten, was er für die Wahrheit hält, bezeichnet er als Fake-News. Er liefert sich einen Kampf mit den US-Medien, verbreitet seine Weisheiten lieber über Twitter.
Ein anderer Diktator tobt sich in der Türkei aus. Aus fadenscheinigen Gründen werden Journalisten, Menschenrechtler und andere Menschen festgenommen, die aus Sicht von Staatschef Erdogan schlecht für die Türkei seien. Der deutsch-türkische Journalist und Türkei-Korrespondent der WeltN24-Gruppe, Deniz Yücel, sitzt seit weit mehr als 300 Tagen in Haft – #freeDeniz.

Eine harte Debatte wird auch um die Öffentlich-Rechtlichen Sender geführt. Insbesondere zwischen den Zeitungsverlagen und ARD/ZDF gibt es Streit darüber, was die Sender im Internet machen dürfen und was nicht. Der Lobbyist Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, schießt gegen ARD und ZDF, nennt sie Staatsfunk, obwohl er es besser wissen müsste. Er sieht die Presse in Gefahr, wenn auch die ARD Texte auf ihren Internetseiten verbreitet. Aber auch der Ton unter den Zuschauern ist rauer geworden. In den sozialen Netzwerken kübeln Pöbler Häme über die Öffentlich-Rechtlichen aus, schimpfen über die angeblichen Lügenmedien, Staatssender und über die angebliche Regierungslinie.
Allerdings geben ARD und ZDF den Kritikern auch immer wieder Futter. Gerade im Umgang mit der AfD tun sich viele Journalisten noch schwer. Statt mit Fakten bloßzustellen, geht es scheinbar oft immer noch um eigene Befindlichkeiten. Da werden Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und zu Skandalen aufgeblasen.
Was aber die AfD auch sehr gut kann – und sich zum Opfer zu machen. In einer ZDF-Wahlsendung verließ AfD-Frau Alice Weidel die Arena, als sie kritische Fragen zu hören bekam. Als sie sagte, dass die Zeit der politischen Korrektheit vorbei sei, und sie in der NDR-Satiresendung “extra 3” daraufhin als Nazi-Schlampe betitelt worden ist, da war die Zeit der politischen Unkorrektheit offenbar auch schon wieder vorbei. Weidel klagte. Und bekam kein Recht.
Dennoch und gerade wegen des Hypes und die vielen Skandalisierungen – die AfD schaffte es im September in den Bundestag, und die Medien müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, daran zumindest eine Mitschuld zu haben.

Es war ein politisches Medienjahr. Auch wegen der Bundestagswahl. Die hat SPD-Chef Martin Schulz in nicht ganz so guter Erinnerung. Was vielleicht auch daran lag, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel ständig mehr Redezeit bekommen hat als er. Für Inhalte hatte er da nicht immer so viel Zeit – weil er sich darüber ja erst mal mokieren musste.
Bei Sat.1 hat man sich ab eh lieber damit beschäftigt, ob FDP-Chef Christian Lindner scharf ist und ob die Linke Katja Kipping irgendwie auf ihn stehen könnte.

Zeiten ändern sich. Auch im Sport. Als in Dortmund ein Anschlag auf den Bus der Fußballer von Borussia Dortmund verübt wird, wird aus Sky Sport News plötzlich ein Nachrichtensender im Breaking-News-Modus.
In der Pause des DFB-Pokal-Finales wollten die Fußballfunktionäre mal ein bisschen US-Entertainment-Luft schnuppern. Ganz im Sinne der Halbzeitshow beim SuperBowl gab es das beim Fußball erstmals auch. Mit Helene Fischer. Fanden die Fans eher so mittel.
Überhaupt, der Fußball: Die Bundesliga zerbröselt immer mehr. Nun sind nicht nur Sky und die ARD an Bord oder das ZDF und Sport 1. Auch Eurosport hat ein paar Rechte (wenn der Player mal funktioniert) und bei Nitro laufen montags auch noch ein paar (bislang weitgehend unbeachtete) Häppchen.
Niki Lauda hat sich vor laufenden RTL-Kamera und unerwartet als Formel-1-Co-Moderator verabschiedet. Und hinterließ einen verstörten Florian König. Nico Rosberg wird sein Nachfolger.
Ach ja, und da dann war ja noch Handball-WM. Hat aber kaum jemand sehen können, weil sich der Rechteinhaber belN sich mit keinem Sender einigen konnte – weder mit ARD und ZDF, noch mit Sky. So liefen die Spiele auf Youtube im Internet, aber der Seite einer Bank. Auch mal was Neues.

Apropos kleines Publikum: Es wird immer schwerer für die Sender, Serienhits zu landen. Selbst hochgelobte Serien wie “This is us” floppen, und es gibt noch viele mehr davon, die als Disaster abgebucht werden müssen. Der hochgelobte “Mr. Robot” hatte bei Nitro quasi keine Zuschauer. Es scheint, dass sich das Seriengeschehen mehr und mehr bei Amazon und Netflix abspielen. Auch deutsche Serien wie “Dark” oder Schweighöfers “You are wanted” laufen nicht im Fernsehen (oder ist im ORFeins in Österreich gefloppt), sondern bei den Streaminganbietern. Ob “Berlin Babylon” ein Hit ist, wissen wir auch erst im Herbst 2018. Die Co-Produktion zwischen Sky und ARD lief bislang nur im Pay-TV. Der Jubel ist groß – aber das muss ja nichts heißen.
Dennoch: Langsam kommt für das Fernsehen die Wende. Angebote wie Amazon Prime, Netflix und das altbekannte Sky haben immer mehr Nutzer.
Die jungen Zuschauer treiben sich eher auf YouTube rum und schauen sich dort ihre Stars an. Oder mobben sie gleich mal. Als rauskommt, dass der YouTube-Star Tanzverbot in Oranienburg wohnt, erlebt er die Aufdringlichkeit und Widerwärtigkeit seiner Fans und Hater. Er muss raus aus seiner Wohnung und zieht um.

Lineares Fernsehen ist unterdessen immer mehr out. Auch weil insbesondere das Privatfernsehen, immer mieser wird. Oder wer möchte wirklich sehen, wie irgendwelche Z-Stars ein Baby bekommen? “Janni & Peer … und ein Baby!” lief bei RTL II eher nicht so gut. Auf demselben Sender zieht man sich bei der Datingshow “Naked Attraction” gleich ganz nackt aus – weil das ja angeblich die ehrlichste Art des Datings ist. Aber auch das ZDF greift ins Klo: “Das Pubertier – Die Serie” ist einfach nur doof-albern, die Show “Flieg mit mir” im Ersten schrecklich betulich. “Das Sommerhaus der Stars” bei RTL ist nur noch Fremdschämen. VOX wollte die Echo-Verleihung aufpolieren und liefert eine Katastrophe ab. Die pure Ödnis.
Aber es gab natürlich auch gutes Fernsehen: der ZDF-Mehrteiler “Der gleiche Himmel” war ebenso ein Hit wie die letzte Staffel vom “Club der roten Bänder” bei VOX.

Schluss war auch für den “Circus Halligalli”. Dabei sorgte die Show noch fix für die deutsche Fernsehpeinlichkeit des Jahres: Bei der “Goldenen Kamera” schmuggelt das Team einen falschen Ryan Gosling ein. Er nimmt in der Live-Show im ZDF den Preis entgegen, und danach kam raus, dass selbst die Kategorie ein Fake war, weil die von der “Goldene Kamera”-Redaktion nur mit der Aussicht auf den Gosling-Besuch eingeführt wurde.
Aber die Amis können mithalten. Bei der Oscar-Verleihung kommt ausgerechnet beim besten Film ein falscher Umschlag in Umlauf. Die Leute von “La La Land” (schon wieder Gosling) stehen schon auf der Bühne, wollen sich bedanken – um dann zu erfahren, dass “Moonlight” der beste Film ist. Ups.

Da möchte man im Boden versinken. Das gilt auch für den Eurovision Song Contest. Vorletzter. Wobei es natürlich nicht an der Qualität des deutschen Songs (wie hieß der noch gleich?) oder an der Dings (wie hieß die noch gleich?) lag, sondern weil uns Deutsche einfach keiner mag. Na klar. Vielleicht gibt es ja 2018 ein Comeback, gerade wird mal wieder am Konzept für den deutschen Vorentscheid gefeilt.

Dabei ist das mit Comebacks so eine Sache: Als Thomas Gottschalk mit der neuen Sat.1-Show “Little Big Stars” um die Ecke kam, war das Interesse gering. Auch dass Christian Rach bei RTL wieder Restauranttester war, ließ viele kalt – was aber auch an den bekloppten Fällen lag, um die sich Rach kümmern musste. Die Wiederkehr von “Der Preis ist heiß” bei RTLplus war dagegen ein voller Erfolg – auch weil sich alle große Mühe gaben, den Klassiker nur behutsam zu modernisieren. Heraus kam netter, guter Trash. Ach, und dann ist ja auch MTV wieder da. Also, eigentlich war MTV nie weg, nur eben im Pay-TV versteckt. Nun gibt es angeblich wieder Interesse an dem Sender, die Rückkehr ins Free-TV war perfekt.

Aber auch Ankünfte sorgten für Wirbel. Der rbb übertrug mit großem Aufwand die Landung von Schätzchen und Träumchen in Schönefeld – zwei Pandabeeren. Sehr wichtig. Und noch eine Flugzeuglandung war dem rbb eine Live-Übertragung wert: die der letzten Air-Berlin-Maschine. Nie gab es vermutlich eine emotionalere Pleite eines Unternehmens. Es hieß Abschied nehmen.

Abschied. Auch 2017 wieder von vielen prominenten Menschen. Helmut Kohl ist gestorben, ebenso die Politiker Heiner Geißler und Roman Herzog. Die Schauspieler Roger Moore, Karin Dor, Christine Kaufmann, Jerry Lewis, Dieter Bellmann, Andreas Schmidt, Mikael Niqvist, Ingeborg Krabbe, Bill Paxton, Margot Hielscher, Martin Lüttge und Klaus Wildbolz. Die Musiker Fats Domino, Chris Roberts, Tom Petty, Chuck Berry, Malcolm Young, Joy Flemming, Chester Bennington, Chris Cornell, Gunter Gabriel, Daliah Lavi, Andrea Jürgens und Robert Miles. Die Comiczeichnerin Lona Rietschel, die Journalisten Ulrike von Möllendorff und Udo Ulfkotte, Playboy-Gründer Hugh Hefner, Joachim Kardinal Meisner, die Tennisspielerin Jana Novotna und die Synchronsprecher Oliver Grimm (“Kimba, der weiße Löwe”, “Hugo”) und Anderas von der Meden (Kermit, David Hasselhoff).

Man hätte außerdem den Eindruck gewinnen können, dass das Fernsehen stirbt – dabei wurde nur das alte DVB-T-Signal abgeschaltet – zugunsten des neuen DVB-T2. Die Kampagne machte den Eindruck, als seien sehr viel mehr Zuseher betroffen. Der Übergang verlief dennoch recht reibungslos. Eher reibungsvoll verläuft es beim Lokalsender Oberhavel TV. Die Qualität der Sendungen ließ immer mehr nach, es gab immer weniger, die Verbreitung via Satellit und im Vodafone-Kabel ist eingestellt – inzwischen gibt es wohl ein Insolvenzverfahren.

Aber was ist denn im Fernsehen 2017 wirklich Wichtiges passiert? Natürlich! Marc Terenzi ist Dschungelkönig geworden, obwohl sich Kader Loth so angestrengt hat, ein neues Image zu bekommen. Als Anne Will über den G20-Ausschreitungen diskutiert, fällt für zehn Minütchen das Bild aus, während im Studio weitergesprochen wird. Als beim selben Thema bei Maischberger sich die Gemüter erhitzen, verlässt Wolfgang Bosbach wütend die Arena, weil er sich von Jutta Ditfurth beleidigt gefühlt hat – nicht ohne auch selbst auszuteilen. Als in Frankfurt/Main eine Bombe entschärft werden muss, überträgt das hr fernsehen 13 Stunden (!) live – weil der Sender selbst evakuiert ist. Aus “Schlag den Raab” und “Schlag den Star” ist “Schlag den Henssler” geworden. Na ja. Birgit Schrowange ist erst ungeschminkt bei RTL aufgetreten (einmalig) und dann mit grauen Haaren (für immer).

Wird 2018 alles besser? Werden wir alle immer irrer? Oder ist uns einfach alles wurscht, so lange man sich auf YouTube weiter Schminktipps reinziehen kann? Oder alternativ den Livestream von der Demorandale wie bei G20 in Hamburg?
I bims, vong Spannung her.

PS: Ach, Mensch, Herr Eumann, habe ich Sie doch glatt wieder vergessen! Herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum neuen Direktor der rheinland-pfälzischen Landesmedienanstalt. Nicht dass Sie wieder angepisst sind!

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