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Kneipen – die Verlierer der Umgehungsstraßen

Dienstag, den 3. Juni 2014
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Umgehungsstraßen sind was Tolles. Wer fix von A nach B will, muss nicht durch jedes Dorf tuckern. Keine Ampeln, keine Kreuzungen, keine Tempo-50-Zonen. Aber so eine Umgehungsstraße hat auch seine Nachteile.

Am Wochenende waren wir auf der B5 nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze unterwegs – und hatten Hunger. In Lauenburg in Niedersachsen haben wir nichts Passendes gefunden. Nun aber: Die nächste Kneipe an der Bundesstraße, die sollte unsere sein. Deshalb freuten wir uns auf den nächsten größeren Ort: Boitzenburg. Wir haben extra in der Karte nachgesehen.
Blöd nur: Die B5 führt nun an Boitzenburg vorbei. Umgehungsstraße. Kneipe? Fehlanzeige. Aber runter von der Schnellstraße wollten wir auch nicht.

Aber ging die fahrt weiter, an Boitzenburg vorbei. Erst sehr viel später, in einem kleinen Dorf namens Dersenow, stoppten wir an einer netten Gaststätte. Sie liegt direkt an der B5 und ist weithin sichtbar. So stellten wir uns das vor.

Die Kneipen aber werden es jedoch immer schwerer haben, wenn es kaum noch Reiseverkehr gibt. In Teschendorf, nördlich von Oranienburg an der B96, zum Beispiel: Dort gibt es gleich mehrere Kneipen. Irgendwann, wenn sich Planer und Politiker mal auskäsen und Geld da ist, dann bekommt die B96 auch da eine Umgehung. Wenn die Bundesstraße am Dorf vorbeiführt, gehen ihnen sicherlich Touristen verloren. So gibt es bei dem geplanten Neubau sicherlich nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer.

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Im Atlas: Der Blick in die Zukunft

Montag, den 25. Juli 2011
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Manchmal brauchen Straßenprojekte etwas länger, bis sie Wirklichkeit werden. Einige liegen ewig auf Eis, fallen dem Sparzwang zum Opfer, andere Projekte sind erst nach langem Hin und Her fertig.
Einige Straßenatlanten schaffen jedoch schon überraschende Fakten. Im Travelmag-Reiseatlas 2011/12 sind bereits der Verlauf der B96 in Richtung Norden gekennzeichnet. Immerhin mit dem zusätzlichen Kürzel “i.Pl.” – in Planung.

In Nassenheide zeigt der Atlas eine Strecke, die westlich um den Ort herumführt. Nördlich davon kreuzt die Planungsstrecke die alte B96, bevor sie zwischen Neuendorf und Teschendorf wieder nach links abknickt. Weiter nach Norden, in Höhe Wackerberge, an der Kreuzung nach Grüneberg, kreuzt die im Altas gestrichelte Strecke wieder die alte Bundesstraße. Dann geht es westlich von Löwenberg weiter.
Und auch die Umgehung der B167 ist eingetragen. Diese Umgehung führt von südlich von Löwenberg am Ort vorbei, kreuzt dort die B96. erst östlich von Neulöwenberg schwenkt die B167 wieder auf die alte Trasse.
Und auch um Gransee herum ist eine Umgehung eingetragen, die so ziemlich in den Sternen liegt. Östlich der Stadt führt bis nördlich von Altlüdersdorf wieder auf die alte B96. Eine weitere Umgehung führt im Atlas westlich an Fürstenberg vorbei. Auch östlich von Neubrandenburg soll es eine neue außerörtliche Strecke geben.

Was davon wirklich umgesetzt, ist noch völlig unklar. Am ehesten wird noch die Strecke von Nassenheide nach Löwenberg gebaut, alle weiteren Projekte liegen momentan auf Eis.

aRTikel

1991: Olympia auf dem Schießplatz in Lehnitz

Samstag, den 21. Mai 2011
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April 1991 II -> 28.4.2011

Rückblick: Mega-Sportevent geplant / Kampf für S-Bahn Velten

Was passierte vor 20 Jahren im Altkreis Oranienburg – und was stand in der MAZ? Diesmal: die erste Hälfte im Mai 1991.

MAZ Oranienburg, 21.5.2011

OBERHAVEL
Aus der Utopie könnte Realität werden: Innerhalb weniger Jahre soll die S-Bahn-Strecke von Schönholz nach Tegel und weiter nach Hennigsdorf und Velten wiedereröffnet werden. Das berichtet die MAZ am 3. Mai 1991. Der Reinickendorfer Bezirksbürgermeister Detlef Dzembritzki und Oranienburgs Landrat Karl-Heinz Schröter sind schon mal jetzt Ehrenmitglieder des Fördervereins Kremmener Bahn. Einen Termin gibt es auch schon: Spätestens im Herbst 1993 soll die S-Bahn nach Velten rollen.

Die Oranienburger wollen noch mehr Lebensmittelmärkte. In der Kreisstadt gibt es erst vier – zu wenig für den täglichen Bedarf. Die Verkaufsfläche soll sich von 2500 auf 17 000 Quadratmeter steigern. Dafür sind im Mai 1991 sieben verschiedene Standorte geplant, unter anderem auf dem Territorium des Klinkerbeckens.

Die Lehnitzer träumen unterdessen von Olympia. Falls Berlin im Jahr 2000 zum Zug kommt, sollen die Sportschützen auf dem Areal des Militär-Schießplatzes in Lehnitz aktiv und damit olympischer Austragungsort werden. Lehnitz habe gute Bedingungen für den Ausbau der Fläche. Richard Wienicke, Bürgermeister von Lehnitz, äußert sich vorsichtig optimistisch.

Der Herrentag 1991 artet im Kreis Oranienburg zum Randaletag aus. Die Polizei berichtet von mehreren Verletzten, zwei Festnahmen und Anzeigen wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und Landfriedensbruch. In Birkenwerder, Borgsdorf, Lehnitz und Sachsenhausen gibt es Randale und Schlägereien – allesamt ausgehend von Jugendlichen.

Teschendorf erlebt eine Provinzposse: Peter Reimann aus Berlin kaufte 1990 eine Kneipe im Dorf und setzte neben den morschen Altbau einen schickeren Neubau. Gemeindevertreter Ralf Dietrich besitzt den Imbiss gegenüber und zeigte Reimann an: Er habe ohne Genehmigungen gebaut. Nun droht der Abriss. Weil sich die Teschendorfer über die neue Gaststätte freuen, muss ein Kompromiss her. Unterlagen sollen nachgereicht werden. Doch Landrat Schröter – der extra zur Gemeinderatssitzung kommt – winkt ab. Der schlimme Verdacht: Reimann soll ausgeschaltet werden, denn Schröter und Dietrich sind „über sieben Ecken“ verwandt. Und dann kommt plötzlich auch noch der Eigentümer des Grundstücks, auf dem die Kneipe steht.
Fortsetzung folgt.

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B96 – Sackgasse ohne Alternativen

Donnerstag, den 28. April 2011
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Mist, hätte ich mal einen Radiosender gehört, der zur halben Stunde die neuesten Verkehrsmeldungen bringt – und nicht den, der angeblich zehn Minuten früher auf den Punkt informiert.
So wurde ich auf der B96 zwischen Löwenberg und Teschendorf von Blinklichtern überrascht. Und einem Polizeiwagen. Ein Unfall. Straße gesperrt, bitte fahren Sie links herum.

Und ich saß in der Falle. Die B96 wurde in Höhe des kleinen Ortes Wackerberge zur Sackgasse. Das Problem: Es gibt nicht wirklich eine Parallelstrecke in Richtung Oranienburg.
So fuhr ich erstmal in Richtung Grüneberg und weiter ins Dorf rein.
Von Grüneberg aus geht’s nach Liebenberg und weiter nach Neuholland – ein extrem weiter Umweg. Was es nicht gibt: einen Weg in Richtung Teschendorf und Nassenheide.
Die Alternative: Zurück nach Löwenberg und weiter auf der B167 nach Herzberg, von dort über Rüthnick und Sommerfeld in Richtung Oranienburg. Auch das ist ein extremer Umweg.

In Grüneberg telefonierte ich erst mal. In der Zwischenzeit überholte mich ein Kleinlaster mit einem Unfallwagen. Der schien von der Unfallstelle bei Teschendorf zu kommen.
Also drehte ich um und fuhr zurück nach Wackerberge und zur B96. Gerade in diesem Augenblick baute die Polizei ihre Sperre ab. Ich konnte weiterfahren und viel Zeit sparen. Glück gehabt.
Wenn irgendwann die neue B96 gebaut wird, könnte sich das Problem der fehlenden Alternative erledigt haben.

aRTikel

1990 – Jahr der Einheit: Kohl-Sieg macht Schröter betroffen

Samstag, den 18. Dezember 2010
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November 1990 -> 18.11.2010

Rückblick: Im Dezember 1990 zieht der Landrat in den Bundestag ein / Hooligan-Überfall in Hennigsdorf

MAZ Oranienburg, 18.12.2010

Was passierte im Jahr der Einheit im Altkreis Oranienburg – und was stand in der MAZ? Diesmal: die erste Hälfte im Dezember 1990.

OBERHAVEL
Zum vierten Mal im Jahr 1990 treten die Bewohner des Kreises Oranienburg an die Wahlurnen. Bei der Bundestagswahl gewinnt in der Region Oranienburg/Nauen die CDU mit 36,9 Prozent vor der SPD (34,6), FDP (10,0), PDS (9,2) und Bündnis 90/Grüne (6,0). Die CDU-Hochburg liegt in Staffelde. Dort erhält die Kohl-Partei 62,5 Prozent der Stimmen. Die SPD schneidet mit 47,2 Prozent besonders gut in Malz ab. In Hohen Neuendorf erhalten die „Mündigen Bürger“ gerade mal eine einzige Stimme. Landrat Karl-Heinz Schröter (SPD) kann die meisten Erststimmen erringen und zieht in den Bundestag. Dass Helmut Kohl erfolgreich ist, mache ihn „nachdenklich, sogar betroffen“.

Inzwischen weihnachtet es sehr. Außer in Oranienburg. Die Mitarbeiter des dortigen Marktcafés sind sauer. Der Weihnachtsmarkt habe kein Flair. Nur DJ Ossi mit seiner Disko verbreite festliche Stimmung, ansonsten sei eigentlich alles wie immer auf dem Markt.

Den Stadtverordneten in Velten steht der Sinn noch nicht nach Weihnachtsfeiern. Die Stadt muss einen Kredit in Höhe von 5,8 Millionen Euro aufnehmen. Bürgermeister Frank-Michael Reinhardt sagt, dass das Geld für neue Ampeln, Straßen und die Sanierung von Schulen gebraucht werde.

Auf den Imbiss an der Veltener Straße der Freundschaft wird unterdessen am 3. Dezember 1990 ein brutaler Überfall verübt. „Geld her!“, schreit der Unbekannte und besprüht die Verkäuferin mit Reizgas. Die Beute: 1000 Mark.

Schockierende Szenen spielen sich fünf Tage danach im Hennigsdorfer LEW-Haus ab. Etwa 30 Hooligans im Skinhead-Look tauchen bei einer Feier auf. Als sie die Bar stürmen, stellen sich ihnen jedoch mutige Männer entgegen. Mit Feuerlöschern schlagen sie die Glatzen in die Flucht. Die Polizei lässt 30 Minuten auf sich warten. Sie findet kaputte Scheiben, demolierte Lampen und eingedrückte Türen vor.

Nach der Währungsunion kaufen sich immer mehr Leute neue Autos. Und die alten? Die lassen sie einfach irgendwo stehen. Die Stadt Oranienburg kündigt nun an, die Wracks zu entfernen. „Der Kundendienst wird ein teurer Spaß“, so ein Sprecher aus dem Landratsamt. Am Ende der Aktion stehen 19 Schrottautos weniger in der Stadt herum.

Auch gefragt nach der Wende: neue Immobilien. Doch einen entsprechenden Markt gibt es bislang noch nicht. Am 6. Dezember 1990 öffnet die Firma Bendzko-Immobilien die erste Filiale vor den Toren Berlins.

Der Arbeitsmarkt erholt sich leicht. Die Quote der Erwerbslosen im Kreis sinkt von 8,7 auf 8,1 Prozent.

Teschendorf bekommt zum Jahresende eine neue Kita mit 60 Plätzen. Der Rohbau war bereits im Frühjahr 1990 fertig, doch nach der Währungsunion im Sommer ging das Geld aus. Die Kreisverwaltung gab 240.000 Euro dazu.

Der Gewerbepark in Hohenschöpping soll sehr viel kleiner werden als bislang geplant. Aus ursprünglich 270 Hektar sind nun 60 geworden. Der Ökologie-Kreistagsausschuss stimmt dem neuen Plan zu.

Der Kreis Oranienburg bekommt Mitte Dezember ein neues Wappen: Zu sehen sind ein roter Adler, darunter zwei silberne Schwäne auf grünem Grund – eine Zusammenfassung der alten Kreiswappen von Niederbarnim und Osthavelland.

Unterdessen versinkt der Kreis im Schnee. Der Winterdienst ist im Dauereinsatz. Es will einfach nicht aufhören zu schneien. Auf der B96 zwischen Birkenwerder und Borgsdorf stürzt ein Baum auf die Straße. Unfälle passieren jedoch nicht. Alle fahren vorsichtig.

aRTikel

1990 – Jahr der Einheit: Der Unmut hört nicht auf

Freitag, den 22. Januar 2010
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Dezember 1989 -> 12.12.2009

Rückblick: Im Januar 1990 sind die Menschen im Altkreis Oranienburg misstrauisch: Was wird aus dem Stasi-Ministerium?

MAZ Oranienburg, 22.1.2010

OBERHAVEL
Was passierte im Jahr der Einheit im Altkreis Oranienburg – und was berichtete die Märkische Volksstimme (MV)? Wir blättern zurück. Diesmal der Januar 1990.

Der Beginn des neuen Jahrzehnts ist bitterkalt, und viele Bewohner von Velten-Süd sitzen in kühlen Wohnungen. Seit Monaten klappt die Wärme- und Trinkwasserversorgung nicht, klagt eine MV-Leserin am 5. Januar. Das Wasser ist oft braun und ungenießbar.

Auch die Menschen in Schönfließ sind sauer. Ihr „Alter Dorfkrug“ ist geschlossen. Dabei versuchte der Rat der Gemeinde seit fünf Jahren Mittel und Wege zu finden, das Haus zu rekonstruieren und die Gaststätte zu halten. Aber es fehlen das nötige Geld und die Kapazitäten. Das sofortige Aus kann jedoch nicht verhindert werden.

Ärger gibt es auch in Teschendorf. Die Gemeindevertreter sind mit der Konsumgenossenschaft unzufrieden. Der Zustand der Verkaufsstelle im Ort war so schlecht, dass sie geschlossen werden musste. Mit dem Notverkauf im Saal des Ortes können sich die Leute nicht anfreunden, denn: Was wird nun aus den Kulturveranstaltungen?

Die jungen Leute drängen ebenfalls auf Veränderungen. An der Oranienburger Pablo-Neruda-Oberschule starten mehrere Unterschriftenaktionen: dafür, dass der Russischunterricht nur noch auf freiwilliger Basis stattfindet. Außerdem wollen die Schüler einen Schulfunk und die Erlaubnis, in den Pausen in die benachbarte Kaufhalle gehen zu dürfen.

Ganz neue Nachrichten kommen aus dem Oranienburger Jugendclub „Freundschaft“: Demnächst findet ein Abend unter dem Motto „Die Geschichte des Sex“ statt. Aufklärung live vor Ort. Unterdessen sind die Glienicker auf die Idee des Oranienburger Jugendclubs aufmerksam geworden, eine regelmäßige Talkshow zu veranstalten. Sie soll nun monatlich im Kulturhaus stattfinden. Erster Gast am 10. Januar: SED-PDS-Politiker Gregor Gysi.

Die Menschen in Germendorf wehren sich: Die Mülldeponie soll erweitert werden. Die neue Recyclinganlage ist für den Abfall aus West-Berlin gedacht. Etwa 300 Bürger sprechen sich bei einer Versammlung am 10. Januar dagegen aus.

In Stolpe-Süd wird am 13. Januar der erste Grenzübergang für Fußgänger eingerichtet. Zehntausende kommen zu dem Fest. Stolpe-Süd und Hennigsdorf sowie der Berliner Stadtteil Heiligensee rücken ein Stück zusammen. Die Glienicker und Hohen Neuendorfer müssen noch warten.

In Oranienburg tagt der Runde Tisch. Die Teilnehmer fordern erneut die nachweisliche Auflösung der Staatssicherheit. Außerdem sollen dessen Mitarbeiter in die Volkswirtschaft eingegliedert werden, allerdings ohne ihnen unangemessene Überbrückungsgelder zu zahlen. Ähnliche Forderungen haben die 5000 Teilnehmer der Montagsdemo am 15. Januar in Oranienburg. Die Kraftfahrer vom VEB Versorgungstransporte bestreiken sogar den Milchhof Berlin, um gegen die Stasi zu protestieren. Betroffen sind Schulen, Kindergärten und Läden im S-Bahn-Bereich. Das ruft wiederum Unmut hervor.

Die Märkische Volksstimme sagt sich vom Sozialismus los und erscheint ab dem 18. Januar als unabhängige Tageszeitung – und mit einer Beilage. Der „Havelland-Anzeiger“ ist ein Anzeigenblatt und eine Kooperation zwischen der MV und dem Spandauer Volksblatt. Diese erste Ost-West-Zusammenarbeit sorgt für deutschlandweite Schlagzeilen.

In ganz Europa unterwegs sind Elisabeth und Alexander Kuffel. Das Ehepaar aus Berlin-Tiergarten pilgert seit Jahren von Kirche zu Kirche. Im November 1987 besuchte es als 10 000. Kirche den Petersdom in Rom – und im Januar 1990 steht die evangelische Kirche in Oranienburg auf der Liste. Ihre Nummer 12 730.

aRTikel

Wendejahr 1989: Zwischen Party und Pflegenotstand

Sonntag, den 8. November 2009
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Oktober 1989 II -> 27.10.2009

Rückblick: Anfang November 1989 reden die DDR-Bürger Tacheles – und feiern an der Mauer

MAZ Oranienburg, 7.11.2009

Was stand im Wendejahr in der Märkischen Volksstimme (MV)? Und was nicht? Wir blättern zurück. Diesmal die erste November-Hälfte 1989.

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Jetzt werden die Karten auf den Tisch gelegt. Die DDR-Bürger machen ihrem Ärger Luft. „Dialog“ ist das Wort der Stunde im November 1989. Die MV wird in diesem Monat zum Ankündigungsorgan für Dialog-Termine. Friedrichsthal, Lehnitz, Birkenwerder, Hohen Neuendorf, Schildow, Teschendorf, Hennigsdorf, Velten. Dort und in vielen weiteren Orten im Kreis Oranienburg treffen sich die Menschen, um Tacheles zu reden.

Und auch in der „Meckerstimme“, wie die MV im Volksmund hieß, standen plötzlich ganz andere Überschriften und Kommentare. „Kreistag lernt aus Widerspruch“, heißt es am 2. November. Und weiter: „Ein Versammlungsbericht alten Stils ist nicht möglich.“

Einen Tag davor, am 1. November, steht in der MV: „Es war nützlich, den Sonntagabend im Gespräch zu verbringen. Ich habe dazugelernt.“ Die Rede ist von einer Diskussion im Oranienburger Jugendklub „Freundschaft“. Dort beklagen die Lehrer der Pablo-Neruda-Oberschule fehlende Sportanlagen und „nervende Bedingungen bei der Essenseinnahme“. Die Schüler der Neruda- und der Allendeschule müssen seit Jahren in die sogenannte Essenbaracke in die Augustin-Sandtner-Straße laufen, um Mittagspause zu machen. Vom Kreisschulrat seien bisher keine Antworten zu diesem Thema gekommen.

In derselben Veranstaltung sprechen die Oranienburger die Missstände im Gesundheitswesen an. Die Wartezeit in den Arztpraxen betrage schon mal sieben Stunden. Das Personal des Oranienburger Kreiskrankenhauses geht noch weiter in seiner Kritik. Die Mitarbeiter seien kaum mehr vertretbaren Belastungen ausgesetzt. Es fehle Personal, ebenso das Material und natürlich Geld. Auf der inneren Abteilung herrsche ein drastischer Pflegenotstand.

Bei einem Dialogabend im Glienicker Jugendklub wird der „absolute Machtanspruch der Partei in Frage gestellt“. Der Umgang in der SED mit Menschen unterschiedlicher politischer Auffassungen müsse sich ändern.

Jede Menge Zoff gibt es auch in Velten. Die Sportler der Ofenstadt fühlen sich verschaukelt. 80 Frauen und 40 Kinder (wohl keine Männer) der Sektion Popgymnasitik der BSG Chemie Velten trainieren mittwochs und donnerstags in der Sporthalle in Velten-Süd. Oder wollen es zumindest. Seit acht Wochen passiert nichts. Die Hallenzeiten seien zwar im September vergeben worden, doch die Halle ist Anfang November noch immer verschlossen. Einen Hallenwart gibt es ebenfalls nicht. Und auch die Sektion Turnen und Gymnastik protestiert: Die Halle in der Rathausstraße diene immer öfter als Versammlungsraum für Bürgersprechstunden – und keiner von ihnen hat Turnschuhe an! Ein Skandal.

Auch die Bewohner von Staffelde ärgern sich. Seit zwei Jahren warten sie auf einen neuen, befestigten Fußweg im Dorf. Doch die Firma wurde für andere Zwecke abgezogen, heißt es am 7. November in der MV.

Aber dann kommt das Wochenende, an dem vorübergehend alle Sorgen vergessen sind. Am Abend des 9. November 1989 werden in Berlin die Grenzen geöffnet. Einen Tag später bildet sich auf der Autobahn, der heutigen A111, am Grenzübergang Stolpe, ein langer Stau. Ein Ereignis, über das die Oranienburger MV jedoch nicht berichtete. Dennoch war der Jubel groß. Von Stolpe nach Berlin-Heiligensee: freie Fahrt in den Westen, und der Beginn einer Party.