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Ein Herz für Füße

Donnerstag, den 5. November 2009
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Wirtschaft: Heiko Jaenicke ist orthopädischer Schuhmachermeister in Neuruppin – seine Arbeit sieht er als Berufung

MAZ Neuruppin, 4.11.2009

40 bis 60 Stunden arbeitet Heiko Jaenicke in seiner Neuruppiner Werkstatt an einem Paar orthopädischer Schuhe – damit seine Patienten richtig laufen können.

NEURUPPIN
Heiko Jaenicke kennt alle seine Patienten. Vor allem ihre Füße. Oft sogar noch Monate nachdem sie bei ihm waren. Jaenicke ist ein orthopädischer Schuhmacher, stellt maßgefertigte Schuhe für die Leute her, die nicht mehr richtig laufen können.

Auf dem Tisch in der Werkstatt in der Neuruppiner Präsidentenstraße stehen lauter hellbraune Schuhe aus Holz. So scheint es jedenfalls auf den ersten Blick. In Wirklichkeit handelt es sich um Leisten, um Abbilder von Füßen der Patienten. „Sie kommen entweder zu mir oder ich fahre zu ihnen“, erzählt der 41-Jährige, der in Storbeck wohnt. Er erstellt einen Blauabdruck des Fußes, ein Seiten- und manchmal auch ein Frontalprofil. „Manchmal wird dazu auch gegipst“, sagt der Schuhmachermeister. So bekommt er sein Abbild des Fußes.
Jaenicke greift zu einem der Leisten und nimmt die Fußbettung ab. Er streicht über den ausgebeulten Abdruck. „Hier sieht man, dass bei dem Patienten die Zehen nach unten stehen und dass ein Knochen raussteht.“ Jaenicke muss einiges beachten: „Wo fange ich das Körpergewicht ab? Wo halte ich den Fuß, damit kranke Gelenke entlastet werden?“
Zu guter Letzt schneidet er den Schaft, das Oberteil des Schuhs, zu. „Die Leute können sich wünschen, wie er aussehen soll.“ So hat Jaenicke bereits Westernschuhe gefertigt und ein Paar mit dem Emblem des Hamburger Sportvereins. Er schneidet, formt, zwickt, schleift und polstert. Am Ende verbrachte der Handwerker zwischen 40 und 60 Arbeitsstunden mit diesem einen Paar Schuhe. „Und das mit Herzblut“, sagt er und schmunzelt ein bisschen. Wichtig ist, dass der Kunde, der Patient, zufrieden ist. „Er muss schließlich den Schuh tragen, der zur Erleichterung seines täglichen Lebens beitragen soll“, so Heiko Jaenicke.

Seit 24 Jahren arbeitet er in diesem Handwerk. Seine Lehre absolvierte er einst in der PGH, der Produktionsgenossenschaft des Handwerks in Neuruppin. Seit zehn Jahren ist er Meister, acht Jahre schon arbeitet er in seiner Werkstatt. Ehefrau Corina bedient derweil die Kunden vorn im Laden. „Mehrere tausend Paar Schuhe habe ich wohl schon geschafft“, sagt Jaenicke. Und viele werden wohl noch dazukommen. „Die Zahl der Erkrankungen nimmt zu“, sagt er. „Gleichzeitig wird aber die orthopädische Versorgung immer weniger.“ Schuld sei die aktuelle Gesundheitspolitik. Die Krankenkassen würden immer mehr Anträge auf Maßschuhe ablehnen und stattdessen nur noch Einlagen verordnen. „Ich sehe unser Handwerk in gewisser Hinsicht in Gefahr“, erklärt er und meint damit nicht nur seinen Familienbetrieb. Nach der Gesundheitsreform hatte Jaenicke Auftragsverluste von 30 bis 35 Prozent hinzunehmen. „Die Kosten für Energie, Miete und Material steigen, und der Verdienst wird immer weniger.“ Es werde an der falschen Stelle gespart.
Noch allerdings kann die Familie davon leben. „Aber irgendwann wird es wohl so kommen, dass das Handwerk ins Ausland verlagert und dort nur ein Dumpinglohn gezahlt wird“, glaubt Heiko Jaenicke. „Hier bleiben dann nur noch kleine Firmenniederlassungen übrig.“

Doch der Unternehmer gibt seinen Betrieb nicht so schnell auf. Er sucht sogar noch einen Mitarbeiter – und das schon seit zwei Jahren. „Wir würden gern einen Gesellen einstellen“, so Jaenicke. „Einen oder eine mit Liebe zum Beruf.“ Das Problem sei, dass gut ausgebildete Leute bereits einen Job haben. In der Werkstatt wären die Aufgaben vielfältig: „Er könnte die Schuhbodenanfertigung übernehmen, Einlagen schleifen, Reparaturen erledigen. Alles, was das Handwerk mitbringt.“

Heiko Jaenicke wendet sich wieder einem der orthopädischen Schuhe zu. Der Schaft muss als nächstes über den Leisten. Anpassen, falten, formen, schleifen. Und vor Augen hat er wieder den Fuß seines Patienten. „Das ist meine Berufung“, sagt er und lächelt wieder ein bisschen.