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Birgits starke Frauen

Mittwoch, den 1. Juni 2022
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MO 30.05.2022 | 20.15 Uhr | Sat.1

Es ist immer wieder höchst erstaunlich, zu beobachten, wie Fernsehmacher irgendwie ihren Kompass verloren haben. Das Gespür dafür, welche Sendungen in der Primetime eines ehemals großen deutschen Privatsenders funktionieren könnten.

“Birgits starke Frauen” heißt das neue Format von Birgit Schrowange bei Sat.1. Vor einiger Zeit verabschiedete sie sich bei RTL, um ihren Ruhestand zu genießen. Doch das mit dem Ruhestand scheint irgendwie doch ein bisschen langweilig gewesen zu sein, weshalb sie nun doch wieder Fernsehen macht – bei Sat.1.

In ihrer mehr als zwei Stunden langen Primetimesendung begrüßt Birgit Schrowange Frauen, die eine interessante Lebensgeschichte haben. Eine Frau, die als Notärztin und Feuerwehrfrau arbeitet. Eine engagierte Tierschützerin. Eine Musikerin, die sich für mentale Gesundheit einsetzt.
All das wird in verschiedenen Beiträgen gezeigt und in einer Gesprächsrunde besprochen.
Aber ist das ein zweistündiges Primetimeformat im Privatfernsehen? Die Antwort gab es prompt am nächsten Tag: Nein, ist es nicht. Nicht mal eine halbe Million Menschen sahen zu – ein Desaster. Noch übler als das “Club der guten Laune”-Desaster.

Es ist ja ein gutes Anliegen: Menschen zeigen, die etwas anpacken. Aber um 20.15 Uhr möchten die Leute offenbar etwas anderes sehen. Schrowanges Sendung ist eher etwas fürs Spätprogramm. und dann doch bitte nicht zwei Stunden lang.

-> Die Sendung bei Joyn

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Club der guten Laune

Samstag, den 7. Mai 2022
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MI 04.05.2022 | 20.15 Uhr | Sat.1

Mobbing und Hass. Wie sich bestimmte “Promis unter Palmen” verhalten haben, war 2020 und 2021 extrem unangenehm. 2021 so schlimm, dass schon Folge 2 nur noch extrem geschnitten ins Fernsehen kam – und weil dann Willi Herren starb, war dann ganz Schluss. Für immer. “Promis unter Palmen” würde es nicht mehr geben, hieß es erstaunlich schnell von Sat.1.

Das stimmt. Und das stimmt auch wieder nicht. Denn am Mittwochabend lief bei Sat.1 zwar offiziell die erste Folge vom “Club der guten Laune”. Bei näherer Betrachtung handelte es sich aber um eine neue Staffel von “Promis unter Palmen”, nur eben umetikettiert.

Nach den von Sat.1 mitprovozierten Hassattacken hatte man bei Sat.1 auf eben jenem Hass keine Lust mehr. Positiv soll nun alles sein! Gut gelaunt! Kein Streit! Alle sollen sich lieb haben!
Dennoch: Wieder geht es in die Villa nach Thailand. Am Strand gibt es lustige Spielchen, zwischendurch Gelaber, und am Ende ein Auswahlspiel, das so ziemlich dem entspricht, das auch bei “Promis unter Palmen” für die Auszüge aus dem Haus sorgte.

Heißt: Man will keinen Zoff, aber das Format an sich fand man eigentlich ganz gut, kann es aber nicht mehr so nennen wie früher.
Aber, nun ja: Ein “Club der guten Laune” ist nicht wirklich etwas, was besonders neugierig macht. Denn bei Sat.1 hat man erneut einen riesigen Denkfehler gemacht.
Ja, es ist richtig, dass man keine Beleidigungen und Mobbingattacken mehr erleben will. Aber immer nur gute Laune? Darauf hat man auch nicht so richtig Bock. Eine gute Reality-Show lebt davon, dass es auch mal Streit gibt. Und Streit muss ja nicht gleich tief beleidigend sein.

Und so sahen wir mehr oder weniger bekannten Promis dabei zu, wie sie sich einigermaßen brav unterhielten – Julian F.M. Stöckel war dabei noch am unterhaltsamsten -, wie sie lustige Spielchen spielten und sich brav unterhielten.
Viele waren es nicht, die das interessiert hat – weit weniger als eine Million Menschen schauten bei Sat.1 zu. Ein Megaflop.
Und das Erstaunliche an diesem Flop ist, wie wenig Gefühl man scheinbar bei Sat.1 für das Promi-Format hat. Mit guter Laune allein ist keine gute Reality zu machen.

-> Die Sendung bei sat1.de

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Let’s Dance

Sonntag, den 27. März 2022
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FR 25.03.2022 | 20.30 Uhr | RTL

Daniel Hartwich hat Corona.
Es gab ja mal Zeiten, da war das quasi eine Eilmeldung wert, wenn ein Promi sich mit dem Coronavirus angesteckt hat. Heute sorgt das fast schon für ein Schulterzucken.
Bei Fernsehproduktionen kommen sie allerdings in dieser Saison ordentlich ins Schwitzen. Insbesondere bei der RTL-Tanzshow “Let’s Dance” kann man in diesem Jahr nicht wirklich wirklich von einem geordneten Ablauf sprechen.
Gleich in Folge 1 war Juror Joachim Llambi wegen Corona ausgefallen. In Laufe der nächsten Wochen mussten ständig Profitänzer ausgewechselt werden, und auch diverse Promitänzer fielen aus. Mal wurde dementsprechend niemand am Ende der Show rausgewählt, mal dann plötzlich zwei – um irgendwie noch so etwas wie eine regelkonforme Show abliefern zu können. Aber im Grunde genommen ist in dieser Staffel scheinbar eh schon alles wurscht.
Und in dieser Woche dann auch noch der Moderator: Jan Köppen sprang ein und machte seine Sache gut. Und vielleicht ist das ja schon ein Signal in Richtung Dschungelcamp-Nachfolge für Hartwich?

Aber die Liste der Corona-Ausfälle ist inzwischen schon sehr lang. Kein Wunder, wenn sich inzwischen pro Woche 1,5 Millionen Menschen (!) in Deutschland anstecken.
Maybrit Illner konnte ihre ZDF-Talkshow nicht moderieren. Matthias Opdenhövel fiel bei ProSieben in gleich zwei Shows aus, den Auftakt von “The Masked Singer” durfte stattdessen in der vergangenen Wochen Thore Schölermann moderieren. Und in dieser Woche der nächste Ausfall: Einer der Promis unter einer Maske ist krank.
Katja Burkard bei “Punkt 12” von RTL fällt ebenfalls aus. Jan Böhmermann musste seine ZDF-Show neulich von zu Hause aus moderieren. Thea Dorn musste im “Literarischen Quartett” im ZDF neulich auch passen. Sebastian Pufpaff musste bei “TV total” auf ProSieben auch einmal an Elton abgeben. Birgit Schrowange musste gleich komplett den Start ihrer neuen Sat.1-Sendung um Wochen verschieben. Kim Fisher durfte am Freitag im rbb nicht das “Riverboat” betreten.
Und so weiter, und so weiter…

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Sound of Peace – Das große Friedensevent vor dem Brandenburger Tor

Montag, den 21. März 2022
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SO 20.03.2022 | 15.00 Uhr | ProSieben

Und plötzlich bekommt ein Lied wie “Freiheit” von Marius Müller-Westernhagen eine ganz neue Bedeutung. Wenn man sich der Freiheit plötzlich bewusst wird. Wenn man sieht, dass anderswo Krieg herrscht und die Menschen von der Freiheit nur träumen können.
Westernhagen sang seinen Song am Sonntagabend auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Dort fand das Event “Sound of Peace” statt, ein Konzert für den Frieden. Innerhalb weniger Tage ist es auf die Beine gestellt worden, ProSieben und Sat.1 übertrugen am Nachmittag, ProSieben und der rbb am Abend live.
War eine Demonstration mit viel Musik, aber auch mit Gesprächen, Reden und Gedanken rund um den Krieg in der Ukraine. Und den vielen anderen Kriegen auf der Welt, die am Sonntag auch nicht vergessen worden sind.

Silbermond präsentierten einen emotionalen Auftritt, Oliver Kalkofe mahnte, das es Frieden geben müsse, Sarah Connor berichtete von ihrem Einsatz für Flüchtlinge, Peter Maffay sang von den sieben Brücken, über die du gehen müsstest. Clueso sang gemeinsamen mit einer Lehrerin aus der Ukraine.
Ein Tag voller Emotionen. Dazu sind mehr als 12 Millionen Euro gespendet worden.

Natürlich beendet ein Konzert keinen Krieg. Und auch Appelle und eine Demonstration nicht. Dafür aber den Zusammenhalt unter Menschen, die zeigen, dass sie zusammenstehen und Flagge zeigen. 15.000 waren laut Polizei gekommen, was zunächst für die Straße des 17. Juni fast schon wenig erscheint. Andererseits waren über das Fernsehen sicherlich noch sehr, sehr viel mehr Menschen dabei. Es sind Bilder, die in die Welt getragen worden sind.

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Nachricht von Mama

Samstag, den 5. März 2022
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MO 28.02.2022 | 20.35 Uhr | Sat.1

Mama ist tot. Dennoch spricht sie noch zu ihren Lieben. Über Videos, die sie vor ihrem Tod aufgenommen hat. Für ihren Mann. Für ihren Sohn. Für ihre Tochter. Für ihre Mutter.
Für Rainer ist der Tod seiner Frau ein Schock. Am Ende hatte sie keine Kraft mehr, gegen den Krebs zu kämpfen. Wie soll er nun klar kommen? Das gilt auch für die Kinder. Lennart hat sich seit Ewigkeiten in seinem Zimmer eingeschlossen. Denn er ist wütend. Dass seine Mutter nicht mehr da ist, aber vor allem, weil sie ihn angelogen hat. Lennart hat vor ihrem Tod rausgefunden, dass sie eine Affäre hatte.
Till hat Elli bei der Arbeit an seinem Buch kennengelernt, sie haben sich verliebt – und Elli konnte bei ihm ihre Krankheit vergessen.
Und nun trauern alle – auf ihre Weise. Und alle müssen sich irgendwie zusammenraufen.

“Nachricht von Mama” hieß die 8-teilige Serie, die Sat.1 immer am Montagabend gezeigt hat. Ähnlich wie auch die RTL+-Serie “Friedmanns Vier” ging es um den Umgang mit dem Tod und darum, wie eine Familie so ein Schicksal verkraften kann. Zwar reicht “Nachricht von Mama” bei weitem nicht an “Friedmanns Vier” heran, und die ersten Folgen sind noch ein wenig mau – aber die Spannung steigt durchaus. Denn mit dem Bekanntwerden der Affäre von Elli und wie Lennart damit klarkommt, nimmt auch die Handlung noch Fahrt auf. Denn Lennart sucht Trost bei seiner Lehrerin, in die er sich verknallt – was natürlich zu neuen Problemen führt.
Handwerklich ist die Serie solide gemacht, wenn auch kein Hochglanzprodukt. Die extrem schlechten Zuschauerzahlen hat “Nachricht von Mama” aber jedenfalls auch nicht verdient.

-> Die Serie bei Joyn

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tagesschau24: Angriff auf die Ukraine

Dienstag, den 1. März 2022
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DO 24.02.2022 | 23.50 Uhr | tagesschau24

Wer am Morgen des 24. Februar 2022 aufgewacht ist, befand sich in einer anderen Welt als die, in der er am Abend noch eingeschlafen war. Russland, Wladimir Putin hat einen Angriff auf die Ukraine gestartet. Nicht nur auf den Osten des Landes, sondern auf die komplette Ukraine.
Und plötzlich befand sich Europa in einem Krieg. In einem, der droht, sich weiter auszubreiten. In einem, der Auswirkungen auf Deutschland haben wird.

Und das deutsche Fernsehen ging in den Breaking-News-Modus über, am Donnerstag quasi dauerhaft. Aus Sicht der Medien-Beobachtung gab es dabei insbesondere im Ersten eine interessante Neuerung. Denn normalerweise schaltete sich tagesschau24 bei solchen besonderen Nachrichtensituationen auf das Signal des Ersten, wo dann eine Tagesschau begann. Nun wurde aber tagesschau24 zum wirklichen Nachrichtenkanal befördert. Nun ist Das Erste auf das Signal von tagesschau24 geschaltet worden. Der Nachrichtenkanal mit allen entsprechenden Einblendungen ist im Ersten zu sehen gewesen. Allein dort durchgehend von 9 bis 13, von 14 bis 17, von 18 bis 19.45 Uhr und von 23.50 bis 1 Uhr.
Dazwischen lief um 17.15 Uhr eine “Brisant”-Ausgabe, in der zunächst aber auch Ukraine-Berichte liefen, gefolgt von den Promi-News, die Moderatorin Kamilla Senjo mit fast brüchiger Stimme ansagte, weil es ihr fast peinlich zu sein schien.

RTL und ntv schalteten sich stundenlang ebenfalls zusammen. Sat.1 zeigte dagegen weitgehend das übliche Programm, aber immerhin gab es um 20.15 Uhr ein Spezial. Das ZDF zeigte auch stundenlange Sondersendungen, “Bares für Rares” lief zwischendurch dennoch – was angesichts der Dauerbeschallung mit Kriegsberichten aber auch verständlich war. Der Mensch muss gedanklich an so einem Tag auch mal abschalten.

Eine weitere interessante Allianz gab es in der Nacht zu Freitag. Für die öffentlich-rechtliche Nachrichtenversorgung war allein phoenix zuständig. Sowohl Das Erste, als auch tagesschau24 und das ZDF schalteten sich die komplette Nacht bis zum Morgenmagazin zu phoenix.

Krieg. Eine völlig neue Situation. Ein mulmiges Gefühl. Diese Dauerbeschallung ist ganz sicher angemessen. Aber im Laufe des Tages musste ich dann einfach mal abschalten.

-> tagesschau24 (ab 9 Uhr) in der Livestream-Aufzeichnung auf Youtube

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Das war 2021!

Freitag, den 31. Dezember 2021
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So ruhig hat ein Jahr noch nie begonnen – selbst vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Das ZDF sendet seine große Silvesterparty ohne Publikum vor Ort. Es muss zu Hause bleiben.
Es beginnt das Corona-Jahr 2.

Corona wird die Menschen und die Medien auch 2021 durchgehend beschäftigen – nur im Sommer gibt es eine kleine Verschnaufpause. Die eigentlich eher ein Wegignorieren ist.
Das Programm ist geprägt von Sondersendungen, vom “ARD extra”, “ZDF spezial”, und auch die Privaten sind dazu übergangen, wieder aktuellen Nachrichten einen höheren Stellenwert zu geben.
Die großen Shows müssen lange ohne Publikum auskommen. Die “Fastnacht in Franken” im BR ist zu einer leise-lahmen Veranstaltung geworden, der Karneval fällt gleich ganz aus. In der “heute show” lacht keiner mehr. Die großen Silbereisen-Shows werden zu Studio-Produktionen, bei denen die Gäste selbst für Stimmung sorgen müssen. Das Dschungelcamp in Australien wird abgesagt, stattdessen ziehen die Stars in ein Tinyhouse in Hürth. Erst später kehrt Publikum zurück, und auch der Eurovision Song Contest kann stattfinden – und wird zu einer großen Wiedersehensparty. Auch wenn Australien zu Hause bleiben muss und Island in Rotterdam in Quarantäne ist – und auch der Vorjahressieger wegen Corona ausfällt.
Laufende Programme werden unterbrochen, um die Pressekonferenzen mit Merkel zur Corona-Lage zu übertragen – nur wenn die Beratungen bis nachts um 2.35 Uhr hinziehen, verzichten die Sender, bis auf tagesschau24.

Corona zerrt an den Nerven – bei allen Leuten. Kritiker der Coronamaßnahmen und überhaupt der Politik der Regierung und der Gesellschaft, die ihr folgt, werfen auch den Medien Einseitigkeit vor. Vom Regierungsfernsehen ist die Rede, von Staatsmedien – ein schwieriger Vorwurf, wenn davon die Rede ist, man werde die Journalisten aus den Medienhäusern jagen, wenn man erst mal, nun ja, an der Macht sei. Was immer das auch heißt. Aber es klingt nicht gut. Bei Demonstrationen werden Journalisten zunehmend angegriffen.

Nicht nur in Deutschland. Auch in den USA. Als im Capitol in Washington die Wahlniederlage von Donald Trump endgültig besiegelt werden soll, stürmen Trumps Anhänger das Gebäude. Und auch dort gehen sie auf Journalisten los. Prügeln und zerstören Technik. Es trifft auch ein Team des ZDF.

Den Hatern in Deutschland passt die Youtube-Kampagne “#allesdichtmachen” gut ins Anti-Corona-Stimmungsmache-Konzept. Mehr als 50 mehr oder viel weniger bekannte Schauspielende sprechen in den Clips über Corona und die Folgen. Ricky Müller atmet in eine Tüte, weil ausatmen gefährlich sei. Jan-Josef Liefers findet, dass man in den Medien nicht so richtig informiert worden sei. Unterschiedliche Meinungen zum Coronavirus und zu dessen Eindämmung würden nicht gehört. Diskussionen fänden nicht statt. Oder erst seit Neuestem wieder. Es heißt, das sei Satire. Weil man Liefers ansonsten ja fragen müsste, wo er in den Monaten davor gelebt habe. Später sagt er in einer Talkshow, er habe alle Zeitungen abbestellt. Einer der Urheber ist der Schauspieler Volker Bruch, dem Verbindungen zu den Querdenkern und zur Partei Die Basis nachgesagt werden.

Auch Michael Wendler dreht in der Coronakrise ab. Von den USA aus hetzt er gegen die Coronamaßnahmen, leugnet das Virus und spricht von einem KZ Deutschland. Laut Wendler: Krisenzentrum. Schon klar. RTL sendet trotzdem die erste Folge der Castingshow “Deutschland sucht den Superstar”, wo der Wendler in der Jury sitzt. Als der ehemalige Schlagerstar weitere Hetze absetzt, schreitet RTL ein – und schneidet das Jurymitglied aus der Sendung. Zunächst sehen die Zuschauer eine abenteuerlich bearbeitete Sendung, in der Wendler überblendet wird, später fehlt er ganz.

Das mag man kaum glauben, aber RTL will seriös werden. Und da passt Dieter Bohlen leider nicht mehr ins Konzept. In den beiden Live-Shows von “DSDS” fehlt nun schon das zweite Jurymitglied. DAS Jurymitglied. Nachdem RTL Bohlen gefeuert hat, meldet der sich krank. Thomas Gottschalk springt ein. Am Ende gewinnt… also, keine Ahnung, wer gewonnen hat. War am Ende auch nicht mehr wichtig. Auch beim “Supertalent” wird Bohlen rausgeschmissen, und RTL bekommt im Herbst dafür die bittere Quittung. Die Show versinkt im Quoten-Nirvana.
Zum neuen RTL gehören mehr Nachrichten. Auch am Nachmittag gibt es nun “RTL aktuell”, im Spätprogramm taucht Jan Hofer wieder auf – mit “RTL direkt”. Vor allem die älteren Zuschauer will RTL wieder erreichen. Was nur sehr schwer gelingt.

Und was ist mit dem Trashfernsehen? Auch da will die RTL-Gruppe seriöser und braver werden. Als sich in der Datingshow “Princess Charming” bei VOX zwei Frauen prügeln, bekommen wir das nicht zu sehen, stattdessen nur einen Hinweis darauf, dass da was passiert sei und beide Damen gehen mussten. Das hätte es bei meinem RTL früher nie gegeben, da hätte man draufgehalten.
Bei Sat.1 ist man da nicht so zimperlich. Bei den “Promis unter Palmen” haben sie wieder alle Krawallschachteln eingeladen, die Trash-Deutschland zu bieten hat. Es gibt ordentlich Zoff, die Kameras halten drauf, auch bei schlimmsten homophoben Entgleisungen. Nur einer schreitet ein: Willi Herren. Sat.1 bekommt trotzdem und zurecht einen Shitstorm, die nächste Folge läuft stark gekürzt – und dann ist nach Folge 2 Schluss. Nach der Nachricht lässt Sat.1 die Ausstrahlung ruhen: Willi Herren ist tot.

In Trauer sind sich Sat.1 und RTL einig: In beiden Frühstücksfernsehsendungen trauern die Teams um Jan Hahn. Er erliegt einem Krebsleiden. Als die Meldung bekannt wird, fließen bei der RTL-“Exclusiv”-Moderatorin am Ende die Tränen, und “RTL aktuell” endet mit einer stummen Trauertafel.
An seinem 100. Geburtstag kündigt die “TV Spielfilm” einen alten DDR-Film mit dem Schauspieler Herbert Köfer an – mit dem Hinweis, dass er heute 100 geworden wäre. Dabei IST er 100 geworden. Aber leider nicht älter – Herbert Köfer stirbt wenige Monate danach.
Mit ihm verlassen 2021 weitere Schauspielende die Bühne: der Komiker Mirco Nontschew, Jean-Paul Belmondo, Heide Keller, Aschenbrödel Libuše Šafránková, “Golden Girl” Betty White, der Lindenstraße-Grieche Kostas Papanastasiou, Arved Birnbaum, “Love Boat”-Käptn Gavin MacLeod, Lindenstraße-Doktor Ludwig Haas, Thomas Fritsch und Christopher Plummer. Die Musiker Françoise Cactus, Volker Lechtenbrink, Baccara-Sängerin Maria Mendiola, Steve Bronski, Ted Herold, Charlie Watts, John Miles, Milva, Mikis Theodorakis, DMX, Barby Kelly, Bill Ramsey, Komponist Siegfried Matthus und Nick Kamen. Die Journalisten und Moderatoren Alfred Biolek, Larry King, Bettina Gaus, Gerd Ruge, Wolf-Dieter Poschmann, Christopher Plass, Hans-Eckart Eckhardt und Jürgen Engert. Peter R. de Vries wird in den Niederlanden ermordet. Die Sportler Horst Eckel und Gerd Müller. Der Youtuber Philipp Mickenbecker. Die Politiker Kurt Biedenkopf, Donald Rumsfeld und Colin Powell. Prinz Philip. Die Zirkusleute Gerd Siemoneit-Barum und Siegfried Fischbacher, der Nobelpreisträger Desmond Tutu. Die Autoren Noah Gordon und Uta Ranke-Heinemann. Comiczeichner Martin Perscheid und Kabarettist Ludger Stratmann.

Sie verkünden ihren Abschied: Petra Gerster verlässt “heute”, Claus Kleber das “heute-journal”. Nach fast 30 Jahren verabschiedet sich Claus-Erich Boetzkes von den Nachmittagsausgaben der “Tagesschau”. Der rbb streicht sein Vorabendmagazin “zibb”. Aus Geldgründen. Und wegen schlechter Quoten. Außerdem streicht der rbb ausgerechnet die “Abendshow” – ein sehenswertes Satireformat. Nun läuft dort das “Riverboat”. Beim rbb findet man das vermutlich innovativ. Antenne Mecklenburg-Vorpommern gibt es nicht mehr – auf den Frequenzen im Norden dudelt jetzt 80s80s. Und einige Hörer fragen sich vielleicht, wie man das ausspricht. Emotional ist die Übertragung des Großen Zapfenstreiches für Angela Merkel, die sich vom Orchester “Du hast den Farbfilm vergessen” spielen lässt – über zehn Millionen Menschen schauen zu.

2021 wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Eigentlich haben sich die Grünen schon als Wahlsieger gesehen – aber Annalena Baerbock fliegt ihr schnell zusammengeschustertes Buch um die Ohren. Unter anderem. Die Medien sind unerbittlich. Dann wähnt sich die CDU vorn – aber Armin Laschet fliegt sein Gelächter während einer ernsten Rede von Bundespräsident Steinmeier im Hochwassergebiet um die Ohren. Und ein Kinderinterview bei Joko und Klaas, bei dem Laschet gegenüber den Kindern ziemlich patzig wird.
Diesmal gibt es nicht nur ein Duell. Sondern ein Triell. Äh, drei Trielle. Bei RTL, bei ARD und ZDF und bei ProSiebenSat.1. Wobei das Triell bei ARD und ZDF in Wirklichkeit das Duell der beiden Moderatoren Oliver Köhr und Maybrit Illner ist – die zusammen so gar nicht können und sich ständig gegenseitig ins Wort fallen. Und dissen.

Apropos Hochwasser: Als die Flut über das Ahrtal reinbricht, sendet der WDR – nichts. Also nicht nichts, aber auch keine Sondersendungen. Weil es nachts eben keine Sondersendungen gibt. Auch nicht im Radio. Als in NRW die Katastrophe geschieht, lässt der WDR seine Leute allein. Und der SWR macht es kaum besser. Die reichlichen Sondersendungen beginnen erst am Tag danach.

Bei der Bild sind sie stundenlang auf Sendung – Bild macht nämlich jetzt auch Fernsehen. Genau genommen gibt es die gestreamten Sondersendungen schon sehr lange, aber im August startet die Fernsehversion von Bild auch offiziell. Oft mit dabei: Julian Reichelt, der Chefredakteur. Bis zu seinem Aus. Reichelt steht schon mal im Rampenlicht. Sein Umgang mit Mitarbeiterinnen wird angeprangert, bleibt aber folgenlos. Zunächst. Dann aber gibt es Recherchen von Journalisten der Ippen-Gruppe. Die werden aber zunächst nicht veröffentlicht, Verleger Dirk Ippen will Springer nicht an den Karren fahren. Er lässt die Story zurückziehen. Sie erscheint dann im Spiegel. Aber auch die New York Times berichtet über Springer und Reichelt. Er muss seinen Platz räumen. Und bei Bild im Fernsehen wird geschluchzt.

Gibt es denn über 2021 gar nichts Gutes zu sagen? Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt überraschen die Zuschauer mit einer siebenstündigen Doku über den Klinikalltag einer jungen Krankenschwester. Hautnah erleben wir alles aus ihrer Perspektive mit. Joko unterhält die Leute zudem mit “Wer stiehlt mir die Show”. Eine extrem unterhaltsame Sendung, und am Ende kann jemand aus dem Panel Joko beim nächsten Mal die Showleitung abnehmen. Das gelingt zum Beispiel Thomas Gottschalk, Bastian Pastewka und Elyas M’Barek, die was ganz Eigenes draus machen.
Kurt Krömer überrascht in seiner rbb-Talkreihe “Chez Krömer” Gast Torsten Sträter mit dem Geständnis, dass er mit Depressionen in der Klinik gewesen sei. Ein ernstes, rührendes Gespräch entwickelt sich.
2021 steht auch für Retro: “Wetten, dass…?” ist zurück, und 14 Millionen schauen zu. “Geh aufs Ganze” auf Sat.1 mit Jörg Draeger und dem Zonk ist wieder da. Ebenso “TV total” auf ProSieben – nicht mit Stefan Raab, dafür mit Sebastian Pufpaff. Und ABBA bringt ein neues Album raus. Thank you for the Music. Aber wäre doch nicht nötig gewesen.
Ganz offenbar immer noch nötig: sich zu positionieren. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung outen sich 185 Schauspieler*innen als schwul, lesbisch, bisexuell, queer, nicht-binär und trans. Hashtag: #actout. Erstmals wird über Diskriminierung von queeren Menschen in bestimmten Berufen diskutiert.

Und sonst so? Bei ProSieben lernen Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind, dass man Politikern in der eigenen Talkshow am Ende nicht beklatscht. Die ARD freut sich über die erste schwule Serie und versendet “All you need” vor Freude im Spätprogramm bei one. Bei “RTL aktuell” gehen die Lichter aus. Also, nur einmalig. Vermutlich. Netflix schafft mit “Squid Game” den Hype über die Streaminggrenzen hinaus. Die Russen starten ihren Propagandasender RT DE und bekommen schnell Gegenwind. Bei ORF1 geht ein beschwipster Nachrichtenmoderator auf Sendung – und wird danach beurlaubt. Die ZDF-Serie “Kommissarin Heller” endet überraschend: Frau Heller wird vom Blitz getroffen.
Und die bitterste Erkenntnis des Jahres: Evelyn Burdecki ist schlauer als ich. Und Anne Will und alle anderen Medienheinis merken sich endlich mal: Reiner Haseloff. Haseloff. Haseloff! David Hasselhoff macht keine Politik. Noch nicht. Man weiß ja nie, heutzutage.

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