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Wald zwischen Beetz und Grieben wird Experimentierplatz

Samstag, den 11. Juni 2016
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Fläche ist Naturerbe und soll renaturiert werden – inklusive eines Hochmoores

MAZ Oberhavel, 11.6.2016

Beetz.
Der Wald zwischen Beetz, Rüthnick, Grieben und Linde wird renaturiert. Es handelt sich dabei um eine 3850 Hektar große Naturerbefläche, die bislang größte in Brandenburg. Dort soll in den nächsten Jahren herausgefunden werden, unter welchen Bedingungen sich aus einem Wirtschaftswald möglichst schnell ein naturnaher Laubmischwald entwickelt.
Schon jetzt ist der Wald ein Naturidyll. Bis zur Wende sind Teile davon von der NVA genutzt worden. Er diente als Übungsgelände für die Soldaten – für die Grenztruppen und eine Raketeneinheit. „Dort befanden sich ein Übungsplatz, eine Infanterieschießbahn und eine Kaserne“, sagt Katja Behrendt, die Pressesprecherin bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Man sehe noch vereinzelte Splitterbestände in den Bäumen, es handele sich aber nicht um Geschosse, die noch gefährlich seien. „Was eventuell aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden liegt, weiß man nicht.“
Ziel sei es, die Flächen im Wald wieder zu entsiegeln. Die einsturzgefährdeten Baracken, die teilweise noch im Wald in der Nähe von Beetz stehen, sollen weg. „Wir prüfen, welche Firmen vor Ort das übernehmen können“, so Katja Behrendt.

Momentan haben die Kiefern im Wald einen Anteil von 90 Prozent. Langfristig soll ein Mischwald daraus entstehen. Deshalb startet dort bald ein Waldrenaturierungsexperiment. Verschiedene Maßnahmen sollen dafür erprobt werden. In einer ersten Variante wird untersucht, ob sich der Wald nach einer Holzernte ohne weitere Einflussnahme zu einem Laubmischwald entwickelt.
In Variante zwei werden kleinflächige Sturmschäden nachgeahmt, indem Kiefern umgeworfen werden, um den Anteil an liegendem Totholz zu erhöhen. Stehendes Totholz soll auch entstehen, indem einige Kiefernstämme entrindet werden. In einer dritten Variante werden in die entstandenen Lücken zusätzlich Eichen, Buchen und Linden gepflanzt. Andere Zonen dienen als Kontrollflächen, die ganz ohne Maßnahmen sich selbst überlassen werden.
Es handelt sich vermutlich um das deutschlandweit größte Experiment dieser Art. „Für uns ist das unheimlich spannend“, sagt Katja Behrendt.

Darüber hinaus könnte sich das Möllersche Luch wieder zu einem richtigen Hochmoor entwickeln. Dafür startet ein Wiedervernässungsversuch, daran ist die Berliner Humboldt-Universität beteiligt. „Der Wasserpegelstand wird immer wieder gemessen“, so die DBU-Pressesprecherin. Hochmoore seien hierzulande selten, die momentane Trockenheit aber eher ein Problem.

Insbesondere für die Regionen Kremmen und Löwenberger Land könnte dieser Wald also noch sehr interessant werden. „Es gibt Regionen, die einen Naturerbe-Wald in ihr Tourismuskonzept aufgenommen haben“, sagt Katja Behrendt. So etwas sei auch dort denkbar. Es werde darüber nachgedacht, an zwei Punkten Infotafeln aufzustellen: an der L 19 an einer Waldeinfahrt nahe Ludwigsaue sowie an der B 167 an einem Abzweig zwischen Grieben und Linde.

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1991: Plan für Großflughafen Berlin – in Sommerfeld

Dienstag, den 25. Januar 2011
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Dezember 1990 II -> 28.12.2010

Rückblick: Überraschung für das Dorf im Januar 1991 / Viele Proteste gegen den drohenden Golfkrieg

MAZ Oranienburg, 25.1.2011

Was passierte vor 20 Jahren im Altkreis Oranienburg – und was stand in der MAZ? Diesmal: die erste Hälfte im Januar 1991.

OBERHAVEL
Elf Oranienburger Ärzte starten Anfang 1991 einen neuen Lebensabschnitt. Die Poliklinik II in der Straße des Friedens (Bernauer Straße) wird zum „Ärztehaus Zentrum“. Die Patienten finden im Haus einen Allgemeinmediziner, einen Internisten, Frauen-, Kinder-, Augen- und Hautärzte.

Der Landkreis startet eine Spendenaktion für die Menschen im weißrussischen Witebsk. Die Lager sind so voll, dass die Hilfslieferung früher startet als geplant. In der Oranienburger Staatsreserve stehen zwei Lkw bereit. Ein B1000 transportiert Waren aus sieben Orten im Kreis heran. Die LPG-Tierproduktion Schmachtenhagen spendet 10.000 Mark, die Oranienburger Kita Süd 80 Mark.

Ein Engpass droht auch hierzulande. Der Streit um Arzneimittelpreise in den neuen Bundesländern führt zu einem Boykott der westdeutschen Pharmahersteller. Unter den Kunden im Landkreis herrscht große Unsicherheit. Vor allem westliche Präparate sind kaum noch zu bekommen. Die Leute machen ihrem Ärger Luft, sagt ein Apotheker aus Hohen Neuendorf.

Die Oranienburger können unterdessen aufatmen: Das Pharmawerk wird leiser. Das lärmende Kesselhaus erhält einen Schalldämpfer. Der Lärmpegel sinkt von 110 auf 78 Dezibel.

Erleichtert sind auch die Kremmener: Dea eröffnet an der B273 eine der ersten Tankstellen in Ostdeutschland. Sie ist eine der modernsten im Land – und eine Konkurrenz zum Minol-Monopol.

Verunsichert sind dagegen die Bungalowbesitzer: Acht Einbrüche geschehen an einem Wochenende. In Bergfelde hebeln Diebe eine Tür auf und stehlen Werkzeuge. In Hohen Neuendorf geht eine Scheibe zu Bruch, auch Oranienburg und Birkenwerder sind betroffen.

Der Landkreis schafft sich zwei neue Multispeed-09-Geräte an: Blitzer. Die Autofahrer sind nicht amüsiert. „Wir sind es den Bürgern schuldig, dem Chaos auf unseren Straßen entgegenzutreten“, sagt dagegen Wolfgang Toppel, Leiter des Polizeikreisamtes.

Schock im Oranienburger Kaltwalzwerk: Der Bereich Konsumgüterproduktion steht vor dem Aus – 118 Mitarbeiter sind betroffen.

Und auch die Friedrichsthaler Gemeindevertreter sind schockiert: Ein Unbekannter ruft in der Verwaltung an und droht, das Haus mit Brandsätzen in die Luft zu jagen.

Die Menschen in Sommerfeld sind ebenfalls alarmiert. Es kursieren neue Spekulationen um einen Großflughafen für Berlin. Sommerfeld ist dabei ins Visier der Planer gerückt. Der Ort liege günstig in Autobahnnähe, die Bahnanbindung sei gut, und es gäbe kein Naturschutzgebiet. Der Flughafen „Berlin International“ – in Sommerfeld?

Schlechte Laune haben auch die Bewohner von Neuendorf. Das 3500 Hektar große Rüthnicker Übungsgelände der Armee ist freigegeben, aber die Sperrschilder auf dem Neuendorfer Gebiet stehen immer noch. Laut Bürgermeister Manfred Bathe seien sie nur einige hundert Meter weitergerückt worden.

Die Monatsmitte ist geprägt vom Protest gegen den drohenden Golfkrieg. Die Oranienburger bilden eine Menschenkette. Schüler setzen sich für eine Lösung der Konflikte ein. In den Kirchen finden Gebete für den Frieden statt. Zum Ablauf des US-Ultimatums schreibt die MAZ: „Erstmals gibt es in der Weltgeschichte einen Tag, der unsere Existenz in ein Davor und ein Danach trennen kann. Ein solches Datum gab es bisher nicht.“
Die Angst, dass der Krieg auch auf Europa und die Region übergreift, treibt die Menschen auch im Kreis Oranienburg auf die Straße.