RTelenovela

Leipzigs hässliche Antisemitismus-Fratze

Mittwoch, den 6. Oktober 2021
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“Packen Sie Ihren Stern ein.”
Willkommen in der Messestadt Leipzig. Willkommen im Westin am Leipziger Innenstadtring. Das heißt, einer war nicht Willkommen, jedenfalls nicht mit einem Davidstern an seiner Halskette.

Der Musiker Gil Ofarim erzählte seine schockierende Geschichte in einer Story auf Instagram. Er wollte ins besagte Hotel einchecken. Aber erst habe man ihn in der Schlange ignoriert, dann habe er auf sich aufmerksam gemacht.
Aber erst rief jemand von der Seite, dass er den Stern abnehmen solle, so sagte es dann auch der Typ am Empfang. Der Davidstern, den Ofarim am Hals trug, sorgte dafür, dass er nicht ins Hotel gelassen werden sollte.
Antisemitismus von der übelsten Sorte, in Deutschland, 2021.
Gil Ofarim kämpfte zwischenzeitlich mit den Tränen, als er das erzählte.

Schockierend ist auch, dass es sich um einen Hotelangestellten handelte. Ein Typ, der internationale Gäste empfängt, der für ein an sich weltoffenes Haus arbeitet. Wie konnte er glauben, dass er mit dieser Aktion durchkommt.
Vermutlich kannte er Gil Ofarim nicht. Vielleicht hätte er den Promi Ofarim nicht behelligt. Was aber das perfide Denken des Hotelangestellten erst recht zeigen würde.

Das Westin hat reagiert, die betroffenen Mitarbeiter sind beurlaubt. In der Leipziger Volkszeitung wird die stellvertretende Hotelmanagerin Antje Reichstein so zitiert: „Wir sind ein weltoffenes Hotel und lehnen jede Form von Intoleranz, Diskriminierung und Antisemitismus auf das Schärfste ab. Deshalb sind wir über die unerträglichen Vorwürfe von Herrn Ofarim besorgt und alarmiert. Antisemitismus ist nicht entschuldbar und wird in ihrem Hotel nicht geduldet.”

Nun gibt es vielleicht einige, die sagen, die Sache werde aufgebauscht. Nein, wird sie nicht. Denn der Fall zeigt: Wenn so etwas einem Promi passiert, der seine Reichweite nutzt, um seine Geschichte zu erzählen und zu erreichen, dass sie bekannt wird – wie es muss es erst den vielen Menschen gehen, die Ähnliches erleben, aber nicht die Bühne bekommen, es öffentlich zu machen?
Antisemitismus ist und bleibt ein deutsches Problem. Dem müssen wir uns entgegen stellen. Immer wieder.

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RTelenovela

Kreisch! Merkel ist geizig!

Sonntag, den 26. September 2021
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Was wäre Deutschland nur ohne die BILD? Bäckereien würden pleite gehen. Der Niedergang wäre nicht aufzuhalten. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche!

Das Unglaubliche geschah am Sonnabend, als Angela Merkel und Armin Laschet in einer Dortmunder Bäckerei Espresso und Wasser getrunken haben. Preis: 20,10 Euro.
Die Schnüffler von der BILD haben das natürlich beobachtet, denn wenn Merkel und Laschet Espresso trinken, ist es natürlich ein Weltereignis. Als die beiden weg waren, hat BILD noch mal nachgefragt: Wie hoch denn das Trinkgeld gewesen sei.
Und der Schock: Null!

NULL!!!
N U L L ! ! ! ! ! ! !
Bei der BILD war man – nicht zum ersten Mal – empört!
Merkel geizig!!! Laschet geizig!!!
Es ist zwar nicht ungewöhnlich, dass man, wenn man am Tresen bestellt und bezahlt, kein Trinkgeld gibt, aber bei der BILD ist man dennoch empört. Schließlich wäre die BILD nicht die BILD, wenn es nichts zum Empören gebe.
Und weil man so empört, empört und empört war, hat die BILD einfach mal das Trinkgeld übernommen und einen Fünfer über den Tresen gereicht. Mensch, Mensch, die sind ja so gut bei der BILD. Und so heuchlerisch.

Später tauchte Laschet übrigens selbst noch mal beim Bäcker auf und zahlte auch noch mal ein Trinkgeld. Schließlich hatte er keine Lust auf weitere empörte Schlagzeilen.
Was für ein Zirkus. Wird Zeit, dass gewählt wird.

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Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor – Ein Jahrebuch

Dienstag, den 8. Dezember 2020
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Wie ich meine Zeitung verlor. Das klingt wie ein Abgesang auf ein ganzes Medium. Vielleicht auch wie eine Analyse der Situation der Zeitungslandschaft.
Das alles ist dieses Buch nicht. Sondern eine persönliche Abrechnung mit der Süddeutschen Zeitung, bei der der Autor arbeitet.

Birk Meinhardt hat seine Journalistenkarriere in der DDR, bei der “Wochenpost” gestartet, was im Buchumschlag in der Kurzvita vorsichtshalber nicht so richtig erwähnt wird, weil es vielleicht nicht so gut klingt wie die Autorenschaft bei der SZ. Er erwähnt es aber immerhin im Buch selbst.
Zweimal bekam er Kisch-Preise für Artikel, ansonsten arbeitete er sich auch bei der SZ hoch und schien ein angesehener Autor zu sein.
Allerdings, so beschreibt er, gab es dann immer wieder Probleme. Einer seiner Artikel sollte noch mal überarbeitet werden, letztlich gab es darum Streit, und der Text ist nie erschienen. Später ärgerte er sich über einen aus seiner Sicht einseitigen Beitrag über die US-Streitkräfte in Deutschland und verfasste einen Gegentext.
Überhaupt habe sich die SZ sehr einseitig entwickelt, er wirft der Redaktion vor, bestimmte Meinungen nicht mehr zuzulassen.

Fast möchte man ein bisschen weinen, wenn man das alles liest. Übermedien hat dazu recherchiert und einen langen Beitrag dazu veröffentlicht, der auch die andere Seite mal beleuchtet.
Das tut Meinhardt nicht. Muss er auch nicht, denn es handelt sich ja um ein Buch, das seine Erlebnisse widerspiegelt.
Dennoch fällt auf, dass der Autor Vorwürfe in den Raum stellt, einseitig zu berichten, um es dann selbst zu tun. Wie Übermedien berichtet und aufzählt, steht dieser Vorwurf zudem auf sehr wackligen Füßen, kann schnell widerlegt werden.
Unverschämt wird Meinhardt, als er davon berichtet, wie ihm mitgeteilt wird, dass er erst mal nicht mehr für die Zeitung schreiben darf. Er schwurbelt rum, warum das jetzt passiere – um dann ein paar Seiten später lapidar zu erzählen, dass der Grund ganz woanders lag.
Meinungen kann man dem Autor nicht nehmen. Aber in diesem Buch wirkt vieles so, als stünden da eher diverse Kränkungen im Raum. Und wenn man seine Behauptungen, die tatsächlich erst mal für Staunen sorgen, so widerlegt sieht – dann bleibt letztlich nicht mehr viel übrig. Und das ist dann nur noch: ärgerlich. Genauso wie übrigens die 15 Euro für gerade mal 143 Seiten.

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor – Ein Jahrebuch
Das Neue Berlin, 143 Seiten
1/10

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So zynisch und bitter endet ein Leben

Mittwoch, den 5. August 2020
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“Ob ein Lkw mit einem Abbiegeassistenten ausgestattet ist, ist (…) keine Frage der Bequemlichkeit oder der Kosten. Es ist eine Frage von Leben und Tod.”
Das schrieb mein Journalistenkollege Mathias Puddig am 11. Juli 2018 in einem Zeitungskommentar.
In seinem Beitrag ging es um die meist fehlenden Abbiegeassistenten in Lastkraftwagen. Sie müssten rasch her, forderte er. “Ein Brummifahrer sitzt höher als die meisten Autodächer, sein Wagen ist fast so breit, wie ein Smart lang ist, er muss sechs Seitenspiegel im Blick behalten – und einen toten Winkel gibt es trotzdem noch. Steht dort ein Radfahrer oder auch ein Fußgänger, ist er beim Rechtsabbiegen des Lasters chancenlos – egal, ob er sich an die Straßenverkehrsordnung hält oder nicht.”
Zehn Jahre werde es dauern, bis die Dinger überall eingebaut sein würden. “Bedenkt man, dass fast im Wochentakt ein Radfahrer in Deutschland umkommt, weil ein Lkw-Fahrer ihn nicht gesehen hat, ist das viel zu lang.”

Am 3. August 2020 um 13.15 Uhr erfasst an einer Kreuzung in Berlin-Adlershof ein Lkw einen Radfahrer. Der stirbt noch an der Unfallstelle.
Mathias Puddig wurde nur 35 Jahre alt.

Er begann als Jugendlicher beim Oranienburger Generalanzeiger, machte ein Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung, arbeitete zuletzt in der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft, die diverse Zeitungen wie die MOZ mit Beiträgen beliefert. Der Berliner Korrespondent führte erst vor ein paar Tagen ein Interview mit SPD-Chefin Saskia Esken.

Und dann dieser grauenvolle, tragische Tod. Wenn man sich dann noch den zwei Jahre alten Kommentar ins Gedächtnis ruft, dann läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken. So zynisch und bitter endet ein Leben. Viel zu jung.
Mein Beileid gilt den Kollegen, seinem Partner, seiner Familie und seinen Freunden.

-> Kommentar vom 11. Juli 2018
-> Nachruf der Märkischen Oderzeitung

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Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus

Sonntag, den 1. Dezember 2019
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Der Name Claas Relotius steht für den größten Fälschungsskandal der deutschen Journalismusgeschichte. Es war nicht die eine Geschichte, die von vorn bis hinten erlogen war. Es waren zig Artikel in diversen Zeitungen. Es waren weniger Artikel wahrhaftig, aber viel mehr davon reine Fantasie.
Aufgeflogen ist das System Relotius im Dezember 2018, als er gemeinsam mit dem ebenfalls freien Autor im “Spiegel”, Juan Moreno, eine Reportage über die Zustände an der Grenze zwischen den USA und Mexico veröffentlicht. Moreno kommt schon während der Entstehung vieles seltsam vor, und später kommt den den vielen Ungereimtheiten des Textes auf die Schliche.

In seinem Buch “Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus” beschreibt nun Juan Moreno, wie es zu dieser Reportage gekommen ist, wie er auf die Ungereimtheiten stieß und wie er schon vor Veröffentlichung im “Spiegel” versuchte, die Chefetage im “Spiegel” zu informieren.

Wäre es kein Sachbuch, dann könnte man das Buch gut und gerne in die Abteilung mit den Thrillern stellen. Denn “Tausend Zeilen Lüge” ist eine echte Kriminalgeschichte – und sie macht über weite Strecken geradezu fassungslos.
Denn Moreno deckt das System Relotius auf. System bedeutet, dass er mitunter systemisch seine Texte gefälscht hat. Er reiste oft gar nicht zu den Stätten, über die er berichtete. Er dachte sich Geschichten drumherum aus, falls doch mal Fragen auftauchen. Er schuf sich eine regelrechte Lügenwelt.
Und er kam damit durch, bekam einen Journalistenpreis nach dem nächsten. Und er war hochgeachtet – überall. Er stand kurz davor, Ressortleiter beim “Spiegel zu werden. Andere Obere sollten noch weiter hochrücken. Und in dieser Situation kam der Skandal. Leute hatten Angst um ihre Aufstiege, und überhaupt konnten sie sich nicht vorstellen, dass der gute Claas gar kein Guter war.
Moreno sammelte Beweise für die Lügen, aber in der Chefetage schien es kaum jemanden zu interessieren, und der gute Claas konnte ja eh alles widerlegen. Die Faktenchecker beim “Spiegel” haben ebenfalls versagt, denn sie hätten durchaus drauf kommen können, dass das was nicht stimmt. Dass da immer wieder was nicht stimmt.
Letztlich war es eine US-Journalistin, die endgültig alles ins Rollen brachte.
Es ist ein wichtiges Buch, es ist eine Mahnung, auf Leute wie Relotius nicht mehr reinzufallen. Es ist aber auch eine Mahnung, den Schreihälsen, die von der Lügenpresse faseln, nicht noch mehr Futter zu geben. Beim Lesen überwiegt neben der Wut aber auch der Unglaube, was eigentlich möglich ist.

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus
Rowohlt Berlin, 287 Seiten
9/10

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RT Zapper: Wir sind empört! Sex, Politik und andere Skandale. Und wie das Fernsehen sie noch ein bisschen schlimmer macht – Kolumnen 2016 bis 2018

Donnerstag, den 4. April 2019
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(1) -> 12.6.2016

Das Fernsehen könnte so gut sein. Wenn es nicht so oft so schlecht wäre.
Wie war das eigentlich, als das ZDF aus Versehen einen Horrorfilm im Kinderprogramm sendete? Und als Jan Böhmermann wegen seines Erdogan-Zoffs plötzlich in der Tagesschau war? Als wir über den Nachbarn Boateng diskutierten? Und die Reporter plötzlich inmitten der G20-Krawalle in Hamburg standen?
Masturbierende Promis im Big-Brother-Haus, ein lieblos durch die Meere gleitendes Traumschiff und Nachrichten im Breaking-News-Modus. Es waren drei aufregende Medienjahre.

Nach dem 20-Jahre-Überblick kommt nun das zweite Buch mit weiteren Medienkolumnen von RT Zapper. Es sind 230 Texte aus den Jahren 2016 bis 2018.
Es geht um Fernsehskandale, um tolle Sendungen, um Sendungen zum Vergessen, um denkwürdige Augenblicke und darum, wie Themen von den Medien zunehmend skandalisiert werden. Und natürlich, wie Populisten das ausnutzen.
Diese 230 Texte sind auch so was wie ein Rückblick auf drei Medienjahre.

RT Zapper: Wir sind empört! Sex, Politik und andere Skandale. Und wie das Fernsehen sie noch ein bisschen schlimmer macht – Kolumnen 2016 bis 2018
Books on Demand, 312 Seiten
10000/10

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Die Wende war seine aufregendste Zeit

Donnerstag, den 21. März 2019
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Wolfgang Krüger lebt seit 1993 in Bärenklau – Journalist, Staatssekretär, Wirtschaftler, Politiker

MAZ Oberhavel, 21.3.2019

Bärenklau.
Es war Anfang der 90er, da fuhr Wolfgang Krüger auf der Autobahn. Auf dem Weg von Berlin nach Schwerin sah er ein Schild, auf dem Grundstücke in Bärenklau angeboten worden sind. „Ich fand den Namen witzig“, erzählt er. Sowieso wollte er mit seiner Frau raus aus Berlin. Im April 1993 sind sie in ihr Haus gezogen. Immerhin kommt er aus der Gegend. 1950 ist er in Hennigsdorf geboren worden – allerdings zog er mit seiner Familie schon ein Jahr später nach Düsseldorf.

Wolfgang Krüger ist heute Gemeindevertreter für die CDU in Oberkrämer, aber wenn man in seinen Lebenslauf schaut, dann hat er schon viel erlebt und getan. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie, sein Vater war Autoschlosser. Nach der Volksschule besuchte er das Aufbaugymnasium. „Das war damals eine schwierige Entscheidung, das Geld war knapp.“ Er sei seiner Mutter sehr dankbar, dass sie es möglich gemacht habe. 1970 machte er sein Abitur.
Er selbst spricht von einem „meandernden Lebenslauf“. Nach dem Abi begann er ein Praktikum bei der Rheinischen Post in Ratingen und stellte fest: „Journalismus – das isses.“ Später bekam er ein Volontariat bei der Westfälischen Rundschau. Die stellte damals auch eine Wohnung. „Ich wollte endlich weg von zu Hause und landete bei einer über 80-jährigen Dame mit Hausaltar im Flur, immer beobachtend.“ Bis er versetzt wurde.
Nach seiner Ausbildung wechselte er zur „Bild“, wo er aber nach zwei Jahren eine Sinnkrise bekam. „Will ich immer nur Fotos von Verstorbenen beschaffen?“, fragte er sich. Er sagt aber auch: „Ich habe da wahnsinnig viel gelernt.“ Er begann stattdessen ein Geschichte- und Germanistik-Studium in Düsseldorf. Er schrieb an einer Doktorarbeit zum Thema Entnazifizierung in Nordrhein-Westfalen. Um Geld zu verdienen, arbeitete er nebenher beim WDR und bekam dort später eine Festanstellung, war später Chef vom Dienst der Magazin-Sendung „Aktuelle Stunde“ und bekam dann das Angebot, persönlicher Referent von Intendant Friedrich Nowottny zu werden.
Inzwischen hatte er seine Frau kennengelernt. Sie sagte zu ihm: „Ich folge dir überall hin, nur nicht nach Berlin.“ Genau aber dorthin führte der Weg 1987. Er bekam das Angebot, Chefredakteur des damals in Gründung befindlichen Rias-TV zu werden. Er hat den Vertrag unterschrieben – und seiner Frau erst danach davon erzählt. Im August 1988 ging Rias-TV in Berlin und Umgebung auf Sendung. Am Abend des Mauerfalls am 9. November 1989 war Wolfgang Krüger auf Sendung. „Das war journalistisch die aufregendste Zeit.“ Als Rias-TV 1992 in das neue Auslandsfernsehen der Deutschen Welle aufging, blieb Wolfgang Krüger dort weiter Chefredakteur. Unterdessen zog es ihn aber auch in die Politik. Er war in die CDU eingetreten. Helmut Kohl habe ihn beeindruckt. 1993 schaffte er den Sprung ins Gemeindeparlament von Bärenklau, er begleitete auch den Übergang zu Oberkrämer.
2004 wurde er Staatssekretär im Brandenburgischen Wirtschaftsministerium und 2008 folgte für gute zehn Jahre der Hauptgeschäftsführerposten bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Cottbus. Seit fünf Jahren sitzt er zudem nach einer Pause wieder im Gemeindeparlament von Oberkrämer.

Inzwischen ist er 69, und wenn man ihn in seinem Haus in Bärenklau sprechen hört, schwingt sehr viel Zufriedenheit mit. Ist er jetzt Rentner? Er lächelt: „Ich gebe zu, ich tue mich schwer damit. Es ist eher ein Unruhestand.“ So sitzt er weiter im Aufsichtsrat für den BER, den Flughafen Berlin-Brandenburg in Schönefeld. Viele Akten liegen in seinem Büro. Außerdem ist er im Beirat eines Energieversorgers. Für fünf Jahre will er auch noch mal im Gemeindeparlament mitmischen. „Wichtig ist für mich die Frage: Wie organisiert man im Alter Lebensqualität? Ich beschließe mein Leben nicht auf Kreuzfahrten“, sagt er. Er bleibe ein politischer Mensch. „Ich mische mich weiter in Debatten ein.“ Und er sagt auch: „Radikaler Egoismus bringt uns nicht weiter.“ Er bedauert, dass Diskussionen kaum noch möglich seien. „Zu allem nur Nein zu sagen, ist einfach. Aber man muss dann schon sagen, wo man hin will.“
Oberkrämer beispielsweise sei in „bemerkenswert guter Verfassung. Wir sind eine schuldenfreie Kommune.“ Was nicht heiße, dass es keine Probleme gebe. „Durch den Zuwachs wird sich Oberkrämer verändern, und wir müssen fragen: Was bedeutet das für uns?“ Man müsse über Schulen und den Nahverkehr sprechen. Was er nicht gut findet: Dass die Politik sich oft nur punktuell an Themen abarbeite, die großen Zusammenhänge aber oft Außerachtgelassen würden.

Langweilig wird es Wolfgang Krüger auch in Zukunft nicht werden. „Ich möchte mir bis ins hohe Alter meine Neugier bewahren.“

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