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In der AGA (12): Sechs Kilometer

Mittwoch, den 16. September 1998
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Zwei Wochen sind wir nun schon beim Bund. Zwei anstrengende Wochen. Der heutige Tag soll aber relativ ruhig verlaufen. Meinte zumindest der Hauptmann J. beim heutigen Morgenantritt. Wir sollen uns Zeit lassen, uns um Gottes Willen nicht fertig machen.
Heute findet der Sechs-Kilometer-Eingewöhnungsmarsch statt. Und da macht man sich ja überhaupt gar nicht fertig. Zumindest wenn man nicht laufen muss, sondern wie zum Beispiel Oberfeldwebel S. Unser Zugführer fährt die Strecke lieber mit seinem Jeep ab.
Wir nicht. Wir müssen laufen. Schwer bepackt. Auf dem Rücken ein etwa 30 Kilo schwerer Rucksack, der Seesack, mit allem drin, was wir an Bundeswehr-Sachen zwar heute nicht brauchen, aber der Sache wegen trotzdem mitschleppen sollten. Dazu natürlich das Gerödel mit der Munition um die Hüften geschnallt und das G3 an der Schulter liegend.

So marschieren wir also in unseren Gruppen mit je zwölf Mann in einer Zweierreihe. Hier beim Bund nennt man so etwas „Schützenreihe“. Die elf anderen Pioniere meiner Gruppe gehen mit vollem Elan an die Sache ran. Wie die Blöden rennen sie los, als ob es gilt, einen neuen Rekord aufzustellen.
Lustig wird es auch jedes Mal, wenn ein Auto am Horizont auftaucht. Denn die Autofahrer könnten einen Schock bekommen, wenn sie uns Heinis sehen. Oder der böse Feind könnte da gerade in dem Trabant angebraust kommen. Aus diesem Grund müssen sich Soldaten in so einem Fall in die nächste Böschung schmeißen.
Aber eigentlich kann man uns gar nicht erkennen. Schließlich sind ja unsere Stahlhelme getarnt. Da unser Sechs-Kilometer-Weg durch einen Wald führt, muss der Helm dementsprechend bearbeitet werden. Gräser, Blätter, Dreck und was sonst noch so rumliegt werden am Tarnnetz befestigt und schon sind wir getarnt, nicht mehr zu erkennen. So rauscht der Trabi glatt an uns vorbei, ohne dass der Fahrer auch nur Notiz von uns nimmt…

Mann-oh-Mann, sechs Kilometer können ganz schön lang sein. Zumal es hieß, die sechs Kilometer beziehen sich auf den Hin- und Rückweg. Im Moment habe ich das Gefühl, dass sich da wohl irgendjemand gewaltig vertan hat. Oder uns belogen hat. Und wie ich den Laden hier kenne, trifft sowohl das eine als auch das andere zu.
So latschen wir in unserer Schützengruppe, jeder mit seinem schussbereiten G3 in der Hand, durch Feld und Flur.
Ziel unserer kleinen Reise ist der Truppenübungsplatz Nitzow. Und langsam komme ich zur Überzeugung, dass zwischen Havelberg und Nitzow doch ein wenig mehr als sechs Kilometer liegen.

Nun könnte man ja denken: Okay, der Weg ist weit, die Soldaten sind erschöpft und das Tempo drosseln. Wer das denkt, hat nun wirklich keine Ahnung. Mit einem Affenzahn geht’s weiter. Ich bin das letzte Glied in der Schützenreihe und kann nicht mehr lange mithalten. Ich bin völlig am Ende. Der blöde Rucksack liegt mir wie ein Stein auf dem Rücken, meine Hand und mein Arm sind durch das Gewehr, das auch nicht gerade leichter wird mit der Zeit, schon ganz taub.

Doch das Highlight liegt noch vor uns. Durch den Wald führt ein Weg mit wunderbaren Zuckersand, der vermutlich als Schutz vor Waldbränden dient. Ich meine, das mal gehört zu haben. Jetzt denke ich allerdings, dass er ausschließlich dazu dient, uns junge Wehrpflichtige zu quälen.

Aus dem Augenwinkel sehe ich am Wegesrand einen Jeep herumstehen. Eindeutig die Karre von Oberfeldwebel S., der wohl beobachten will, ob seine Methode uns fertig zu machen, funktioniert hat. Mit verschränken Armen und einem Grinsen lässt er uns an sich vorüberziehen.

Und dann, oh Wunder, gehen wir auf eine Schranke zu. Wir haben den Truppenübungsplatz erreicht. Ich bin zwar nicht mehr so ganz Herr meiner Sinne, aber eines weiß ich: Das waren nie und nimmer sechs Kilometer! An meinem rechten Fuß scheint sich eine Blase zu bilden. Angesichts dessen, dass wir den ganzen Weg heute Nachmittag auch wieder zurück müssen, könnte das zu einem echten Problem werden.

Natürlich sind wir nicht hierher gelaufen, um Urlaub zu machen. Wir haben hier auch wichtige Aufgaben zu erfüllen. Doch zu allererst müssen wir unser Gruppennest beziehen. Oder besser gesagt: Wir müssen es erst mal herrichten. Und das heißt in erster Linie: tarnen. Um unser gesamtes Nest müssen Äste, Zweige und Blätter so herumgebaut werden, dass es einen abgeschlossenen Raum ergibt. Ein Nest eben.
Natürlich dürfen wir unsere Waffen nicht aus der Hand legen – es könnten ja irgendwelche Räuber aus Sachsen vorbeikommen, die die modernen Geräte klauen könnten. Also schnallen wir uns die Teile auf den Rücken und machen uns auf, um im Wald nach Ästen und Zweigen zu suchen. Pilze gibt’s auch, die haben wir aber gefälligst stehen zu lassen, wie G. uns vorher klarmachte.
Am Ende ist unser Gruppennest so abgeschottet, dass es von außen nicht einsehbar ist. Aber es kommt ja sowieso niemand vorbei. Es hat sich jedenfalls keine Touristengruppe angemeldet – und Volker kommt auch nicht.

Rückweg. Nach wunderschönen Stunden auf dem Truppenübungsplatz Nitzow geht es nun wieder die garantiert mehr als sechs Kilometer zurück nach Havelberg.
Und ich habe die Schnauze gestrichen voll. Ich kann nicht mehr. Ich weiß überhaupt nicht, wo die anderen bloß die Energie hernehmen, auch dieses Mal mit einem Wahnsinnstempo durch die Natur zu hetzen.
In der Schützenreihe war ich auch jetzt wieder das letzte Glied, die Bezeichnung „letzter Arsch“ würde allerdings besser passen. Nach und nach haben sich Unteroffizier Beständig und meine elf Kameraden von mir abgesetzt. Tja, dann kann ich mir ja auch Zeit lassen. Und das mache ich jetzt auch. Ich drossele mein Tempo so, dass ich wieder einigermaßen atmen kann. Die anderen verschwinden unterdessen hinter der nächsten Kurve. Toll, das war’s! Im Krieg würde ich jetzt wahrscheinlich den feindlichen Kräften in die Hände fallen. Nun gut, wenn sie dann aber mitbekommen, dass ich zu nix tauge, würden sie mich vielleicht wieder freilassen… oder töten. Vielleicht sollte ich doch noch einen Antrag stellen, dass ich hier rauskomme. Das bringt ja alles nix. Ich weiß ja nicht mal, ob und wann ich heute überhaupt wieder in die Kaserne zurückkomme… So ganz allein…
Hinter der Kurve empfängt mich die Gruppe. Einige sehen aus, als ob sie über die zusätzliche Pause extrem dankbar sind. Andere sind eher genervt.
Ich muss nun ganz nach vorne. Und irgendwie ging es dann doch noch. Die Elb-Havel-Kaserne hat uns wieder. Und das StoSanz muss Überstunden machen. Ein Großteil der Soldaten hat sich nämlich eine gehörige Blase am Fuß zugezogen. Oder zwei. Manche auch drei. Da habe ich mit meinem Fuß noch Glück gehabt. Es war wohl ganz richtig, einen Gang zurückzuschalten. Da sehen sie, was sie davon haben, so zu hetzen!

Mittwoch. Beim morgendlichen Antreten auf dem Flur gibt es einige Neukrank-Meldungen!

Glücklicherweise werden unsere Füße heute geschont. Heute müssen die Waffen gereinigt werden, die wir gestern durch die Weite Sachsen-Anhalts schleppen durften. Das ist ein netter Zeitvertreib, wenn man mit kleinen Fläschchen Öl, Läppchen und Kettchen hantieren dürfen. Okay, die G3s sind nicht wirklich dreckig, es sei denn, man hat sie während unseres gestrigen Ausfluges zwischenzeitlich irgendwo hingeschmissen. Wenigstens rostet das G3 nicht so schnell, wenn wir es einölen…