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Kitz

Mittwoch, den 5. Januar 2022
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DI 04.01.2022 | Netflix

Die schillernden Insta-Sternchen treffen auf die Dorfjugend. Reich trifft auf Arm – wobei die sich wahrscheinlich gar nicht als arm bezeichnen würden.
Normalerweise kommen solche Serien aus den USA oder neuerdings aus Spanien – jetzt ziehen Deutschland und Österreich auf Netflix nach. Und die sechs Folgen der Serie “Kitz” sind sehenswert!

Ort des Geschehens: Kitzbühel in Österreich. Schnee und Berge – ein wunderschöner Fleckchen Erde, auf dem aber spannende Dinge passieren. Zum Jahreswechsel findet sich die Münchner Schickeria in den Bergen ein. Darunter: das Instagram-Model Vanessa von Höhenfeldt, ihr Freund Dominik und ihre besten Freunde Kosh und Pippa. Es ist eine rauschende Silvester-Party mit Alkohol, Musik und Drogen.
Die einheimische Lisi Madlmeyer hat dort einen Job als Kellnerin. Sie wollte ihn unbedingt, und das hat einen Grund: Es ist ein Jahr her, dass ihr Bruder Joseph sich totgefahren hat – und Lisi gibt Vanessa die Schuld daran. Gemeinsam mit Jospehs bestem Freund Hans schmiedet sie einen Racheplan.
Blöd nur: Lisi verknallt sich in Dominik, und Hans verliebt sich in Kosh.

Klar, “Kitz” ist am Ende eine von immer mehr Jugend-Soaps, die sich mit Crime, mit Liebeskarussells, Sex, Drogen und Alkohol befassen. Die österreichisch-deutsche Produktion ist aber auf jeden Fall einer der guten Serien. Bildgewaltig werden die Zuschauer in den Rausch der Silvesternacht geführt, und die Fronten scheinen klar zu sein: Lisi aus dem Dorf, die ein Jahr getrauert hat, will Rache. Hans bewirtschaftet den Hof, schließt sich Lisi an, aber beginnt eine Affäre mit Kosh. Kosh wiederum tut sich schwer damit, dass sich jemand in ihn verlieben kann, weil er doch selbst nicht mit sich klar kommt. Und ob Vanessa wirklich das Doofchen ist, wird sich auch noch zeigen.
Die Serie ist locker, sie ist divers, und das, ohne näher darauf einzugehen.
Alle scheinen sich immer weiter in die Sch… zu reiten, was die sechs Folgen an keiner Stelle langweilig machen.
Ob es eine 2. Staffel gibt, ist unklar – und eigentlich wirkt die letzte Folge nicht so, trotz eines Cliffhangers, denn eigentlich ist die Geschichte am Ende erzählt, aber man weiß ja nie…

-> Die Serie bei Netflix

Hits: 129

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Das war 2021!

Freitag, den 31. Dezember 2021
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So ruhig hat ein Jahr noch nie begonnen – selbst vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Das ZDF sendet seine große Silvesterparty ohne Publikum vor Ort. Es muss zu Hause bleiben.
Es beginnt das Corona-Jahr 2.

Corona wird die Menschen und die Medien auch 2021 durchgehend beschäftigen – nur im Sommer gibt es eine kleine Verschnaufpause. Die eigentlich eher ein Wegignorieren ist.
Das Programm ist geprägt von Sondersendungen, vom “ARD extra”, “ZDF spezial”, und auch die Privaten sind dazu übergangen, wieder aktuellen Nachrichten einen höheren Stellenwert zu geben.
Die großen Shows müssen lange ohne Publikum auskommen. Die “Fastnacht in Franken” im BR ist zu einer leise-lahmen Veranstaltung geworden, der Karneval fällt gleich ganz aus. In der “heute show” lacht keiner mehr. Die großen Silbereisen-Shows werden zu Studio-Produktionen, bei denen die Gäste selbst für Stimmung sorgen müssen. Das Dschungelcamp in Australien wird abgesagt, stattdessen ziehen die Stars in ein Tinyhouse in Hürth. Erst später kehrt Publikum zurück, und auch der Eurovision Song Contest kann stattfinden – und wird zu einer großen Wiedersehensparty. Auch wenn Australien zu Hause bleiben muss und Island in Rotterdam in Quarantäne ist – und auch der Vorjahressieger wegen Corona ausfällt.
Laufende Programme werden unterbrochen, um die Pressekonferenzen mit Merkel zur Corona-Lage zu übertragen – nur wenn die Beratungen bis nachts um 2.35 Uhr hinziehen, verzichten die Sender, bis auf tagesschau24.

Corona zerrt an den Nerven – bei allen Leuten. Kritiker der Coronamaßnahmen und überhaupt der Politik der Regierung und der Gesellschaft, die ihr folgt, werfen auch den Medien Einseitigkeit vor. Vom Regierungsfernsehen ist die Rede, von Staatsmedien – ein schwieriger Vorwurf, wenn davon die Rede ist, man werde die Journalisten aus den Medienhäusern jagen, wenn man erst mal, nun ja, an der Macht sei. Was immer das auch heißt. Aber es klingt nicht gut. Bei Demonstrationen werden Journalisten zunehmend angegriffen.

Nicht nur in Deutschland. Auch in den USA. Als im Capitol in Washington die Wahlniederlage von Donald Trump endgültig besiegelt werden soll, stürmen Trumps Anhänger das Gebäude. Und auch dort gehen sie auf Journalisten los. Prügeln und zerstören Technik. Es trifft auch ein Team des ZDF.

Den Hatern in Deutschland passt die Youtube-Kampagne “#allesdichtmachen” gut ins Anti-Corona-Stimmungsmache-Konzept. Mehr als 50 mehr oder viel weniger bekannte Schauspielende sprechen in den Clips über Corona und die Folgen. Ricky Müller atmet in eine Tüte, weil ausatmen gefährlich sei. Jan-Josef Liefers findet, dass man in den Medien nicht so richtig informiert worden sei. Unterschiedliche Meinungen zum Coronavirus und zu dessen Eindämmung würden nicht gehört. Diskussionen fänden nicht statt. Oder erst seit Neuestem wieder. Es heißt, das sei Satire. Weil man Liefers ansonsten ja fragen müsste, wo er in den Monaten davor gelebt habe. Später sagt er in einer Talkshow, er habe alle Zeitungen abbestellt. Einer der Urheber ist der Schauspieler Volker Bruch, dem Verbindungen zu den Querdenkern und zur Partei Die Basis nachgesagt werden.

Auch Michael Wendler dreht in der Coronakrise ab. Von den USA aus hetzt er gegen die Coronamaßnahmen, leugnet das Virus und spricht von einem KZ Deutschland. Laut Wendler: Krisenzentrum. Schon klar. RTL sendet trotzdem die erste Folge der Castingshow “Deutschland sucht den Superstar”, wo der Wendler in der Jury sitzt. Als der ehemalige Schlagerstar weitere Hetze absetzt, schreitet RTL ein – und schneidet das Jurymitglied aus der Sendung. Zunächst sehen die Zuschauer eine abenteuerlich bearbeitete Sendung, in der Wendler überblendet wird, später fehlt er ganz.

Das mag man kaum glauben, aber RTL will seriös werden. Und da passt Dieter Bohlen leider nicht mehr ins Konzept. In den beiden Live-Shows von “DSDS” fehlt nun schon das zweite Jurymitglied. DAS Jurymitglied. Nachdem RTL Bohlen gefeuert hat, meldet der sich krank. Thomas Gottschalk springt ein. Am Ende gewinnt… also, keine Ahnung, wer gewonnen hat. War am Ende auch nicht mehr wichtig. Auch beim “Supertalent” wird Bohlen rausgeschmissen, und RTL bekommt im Herbst dafür die bittere Quittung. Die Show versinkt im Quoten-Nirvana.
Zum neuen RTL gehören mehr Nachrichten. Auch am Nachmittag gibt es nun “RTL aktuell”, im Spätprogramm taucht Jan Hofer wieder auf – mit “RTL direkt”. Vor allem die älteren Zuschauer will RTL wieder erreichen. Was nur sehr schwer gelingt.

Und was ist mit dem Trashfernsehen? Auch da will die RTL-Gruppe seriöser und braver werden. Als sich in der Datingshow “Princess Charming” bei VOX zwei Frauen prügeln, bekommen wir das nicht zu sehen, stattdessen nur einen Hinweis darauf, dass da was passiert sei und beide Damen gehen mussten. Das hätte es bei meinem RTL früher nie gegeben, da hätte man draufgehalten.
Bei Sat.1 ist man da nicht so zimperlich. Bei den “Promis unter Palmen” haben sie wieder alle Krawallschachteln eingeladen, die Trash-Deutschland zu bieten hat. Es gibt ordentlich Zoff, die Kameras halten drauf, auch bei schlimmsten homophoben Entgleisungen. Nur einer schreitet ein: Willi Herren. Sat.1 bekommt trotzdem und zurecht einen Shitstorm, die nächste Folge läuft stark gekürzt – und dann ist nach Folge 2 Schluss. Nach der Nachricht lässt Sat.1 die Ausstrahlung ruhen: Willi Herren ist tot.

In Trauer sind sich Sat.1 und RTL einig: In beiden Frühstücksfernsehsendungen trauern die Teams um Jan Hahn. Er erliegt einem Krebsleiden. Als die Meldung bekannt wird, fließen bei der RTL-“Exclusiv”-Moderatorin am Ende die Tränen, und “RTL aktuell” endet mit einer stummen Trauertafel.
An seinem 100. Geburtstag kündigt die “TV Spielfilm” einen alten DDR-Film mit dem Schauspieler Herbert Köfer an – mit dem Hinweis, dass er heute 100 geworden wäre. Dabei IST er 100 geworden. Aber leider nicht älter – Herbert Köfer stirbt wenige Monate danach.
Mit ihm verlassen 2021 weitere Schauspielende die Bühne: der Komiker Mirco Nontschew, Jean-Paul Belmondo, Heide Keller, Aschenbrödel Libuše Šafránková, “Golden Girl” Betty White, der Lindenstraße-Grieche Kostas Papanastasiou, Arved Birnbaum, “Love Boat”-Käptn Gavin MacLeod, Lindenstraße-Doktor Ludwig Haas, Thomas Fritsch und Christopher Plummer. Die Musiker Françoise Cactus, Volker Lechtenbrink, Baccara-Sängerin Maria Mendiola, Steve Bronski, Ted Herold, Charlie Watts, John Miles, Milva, Mikis Theodorakis, DMX, Barby Kelly, Bill Ramsey, Komponist Siegfried Matthus und Nick Kamen. Die Journalisten und Moderatoren Alfred Biolek, Larry King, Bettina Gaus, Gerd Ruge, Wolf-Dieter Poschmann, Christopher Plass, Hans-Eckart Eckhardt und Jürgen Engert. Peter R. de Vries wird in den Niederlanden ermordet. Die Sportler Horst Eckel und Gerd Müller. Der Youtuber Philipp Mickenbecker. Die Politiker Kurt Biedenkopf, Donald Rumsfeld und Colin Powell. Prinz Philip. Die Zirkusleute Gerd Siemoneit-Barum und Siegfried Fischbacher, der Nobelpreisträger Desmond Tutu. Die Autoren Noah Gordon und Uta Ranke-Heinemann. Comiczeichner Martin Perscheid und Kabarettist Ludger Stratmann.

Sie verkünden ihren Abschied: Petra Gerster verlässt “heute”, Claus Kleber das “heute-journal”. Nach fast 30 Jahren verabschiedet sich Claus-Erich Boetzkes von den Nachmittagsausgaben der “Tagesschau”. Der rbb streicht sein Vorabendmagazin “zibb”. Aus Geldgründen. Und wegen schlechter Quoten. Außerdem streicht der rbb ausgerechnet die “Abendshow” – ein sehenswertes Satireformat. Nun läuft dort das “Riverboat”. Beim rbb findet man das vermutlich innovativ. Antenne Mecklenburg-Vorpommern gibt es nicht mehr – auf den Frequenzen im Norden dudelt jetzt 80s80s. Und einige Hörer fragen sich vielleicht, wie man das ausspricht. Emotional ist die Übertragung des Großen Zapfenstreiches für Angela Merkel, die sich vom Orchester “Du hast den Farbfilm vergessen” spielen lässt – über zehn Millionen Menschen schauen zu.

2021 wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Eigentlich haben sich die Grünen schon als Wahlsieger gesehen – aber Annalena Baerbock fliegt ihr schnell zusammengeschustertes Buch um die Ohren. Unter anderem. Die Medien sind unerbittlich. Dann wähnt sich die CDU vorn – aber Armin Laschet fliegt sein Gelächter während einer ernsten Rede von Bundespräsident Steinmeier im Hochwassergebiet um die Ohren. Und ein Kinderinterview bei Joko und Klaas, bei dem Laschet gegenüber den Kindern ziemlich patzig wird.
Diesmal gibt es nicht nur ein Duell. Sondern ein Triell. Äh, drei Trielle. Bei RTL, bei ARD und ZDF und bei ProSiebenSat.1. Wobei das Triell bei ARD und ZDF in Wirklichkeit das Duell der beiden Moderatoren Oliver Köhr und Maybrit Illner ist – die zusammen so gar nicht können und sich ständig gegenseitig ins Wort fallen. Und dissen.

Apropos Hochwasser: Als die Flut über das Ahrtal reinbricht, sendet der WDR – nichts. Also nicht nichts, aber auch keine Sondersendungen. Weil es nachts eben keine Sondersendungen gibt. Auch nicht im Radio. Als in NRW die Katastrophe geschieht, lässt der WDR seine Leute allein. Und der SWR macht es kaum besser. Die reichlichen Sondersendungen beginnen erst am Tag danach.

Bei der Bild sind sie stundenlang auf Sendung – Bild macht nämlich jetzt auch Fernsehen. Genau genommen gibt es die gestreamten Sondersendungen schon sehr lange, aber im August startet die Fernsehversion von Bild auch offiziell. Oft mit dabei: Julian Reichelt, der Chefredakteur. Bis zu seinem Aus. Reichelt steht schon mal im Rampenlicht. Sein Umgang mit Mitarbeiterinnen wird angeprangert, bleibt aber folgenlos. Zunächst. Dann aber gibt es Recherchen von Journalisten der Ippen-Gruppe. Die werden aber zunächst nicht veröffentlicht, Verleger Dirk Ippen will Springer nicht an den Karren fahren. Er lässt die Story zurückziehen. Sie erscheint dann im Spiegel. Aber auch die New York Times berichtet über Springer und Reichelt. Er muss seinen Platz räumen. Und bei Bild im Fernsehen wird geschluchzt.

Gibt es denn über 2021 gar nichts Gutes zu sagen? Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt überraschen die Zuschauer mit einer siebenstündigen Doku über den Klinikalltag einer jungen Krankenschwester. Hautnah erleben wir alles aus ihrer Perspektive mit. Joko unterhält die Leute zudem mit “Wer stiehlt mir die Show”. Eine extrem unterhaltsame Sendung, und am Ende kann jemand aus dem Panel Joko beim nächsten Mal die Showleitung abnehmen. Das gelingt zum Beispiel Thomas Gottschalk, Bastian Pastewka und Elyas M’Barek, die was ganz Eigenes draus machen.
Kurt Krömer überrascht in seiner rbb-Talkreihe “Chez Krömer” Gast Torsten Sträter mit dem Geständnis, dass er mit Depressionen in der Klinik gewesen sei. Ein ernstes, rührendes Gespräch entwickelt sich.
2021 steht auch für Retro: “Wetten, dass…?” ist zurück, und 14 Millionen schauen zu. “Geh aufs Ganze” auf Sat.1 mit Jörg Draeger und dem Zonk ist wieder da. Ebenso “TV total” auf ProSieben – nicht mit Stefan Raab, dafür mit Sebastian Pufpaff. Und ABBA bringt ein neues Album raus. Thank you for the Music. Aber wäre doch nicht nötig gewesen.
Ganz offenbar immer noch nötig: sich zu positionieren. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung outen sich 185 Schauspieler*innen als schwul, lesbisch, bisexuell, queer, nicht-binär und trans. Hashtag: #actout. Erstmals wird über Diskriminierung von queeren Menschen in bestimmten Berufen diskutiert.

Und sonst so? Bei ProSieben lernen Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind, dass man Politikern in der eigenen Talkshow am Ende nicht beklatscht. Die ARD freut sich über die erste schwule Serie und versendet “All you need” vor Freude im Spätprogramm bei one. Bei “RTL aktuell” gehen die Lichter aus. Also, nur einmalig. Vermutlich. Netflix schafft mit “Squid Game” den Hype über die Streaminggrenzen hinaus. Die Russen starten ihren Propagandasender RT DE und bekommen schnell Gegenwind. Bei ORF1 geht ein beschwipster Nachrichtenmoderator auf Sendung – und wird danach beurlaubt. Die ZDF-Serie “Kommissarin Heller” endet überraschend: Frau Heller wird vom Blitz getroffen.
Und die bitterste Erkenntnis des Jahres: Evelyn Burdecki ist schlauer als ich. Und Anne Will und alle anderen Medienheinis merken sich endlich mal: Reiner Haseloff. Haseloff. Haseloff! David Hasselhoff macht keine Politik. Noch nicht. Man weiß ja nie, heutzutage.

Hits: 238

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Coming Out Colton

Donnerstag, den 30. Dezember 2021
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MI 29.12.2021 | Netflix

Er war der Bachelor. Er flirtete mit 30 Frauen. Am Ende kam er mit einer der Frauen zusammen. Sie führten eine Beziehung.
Dabei wusste Colton Underwood schon als Junge, dass er anders ist als die anderen Jungs. Er wusste eigentlich immer, dass er Männer mag, dass er schwul ist. Mit 28 spricht er es aus. Vor seiner besten Freundin. Vor seinen Eltern. Vor dem Bruder. Vor Freunden. Vor den anderen.

Es ist eine erstaunliche Geschichte, die in einer sechsteiligen Doku auf Netflix erzählt wird. Colton Underwood war Profi-Footballspieler in der NFL. 2019 war er in der gleichnamigen Kuppelserie der Bachelor auf der Suche nach einer Frau. Damals wurde er der jungfräuliche Bachelor genannt. Er hatte noch nie Sex, was vielleicht auch mit seiner katholischen Erziehung zu tun hatte. Er fand eine Frau, war mit ihr zusammen. Aber er war eifersüchtig und ein Kontrollfreak. Die Frau trennte sich von ihm, und er verfolgte sie daraufhin mit teils miesen Methoden.
Er sagt, er habe das getan, um nicht über sich selbst nachdenken zu müssen, nicht sich mit der Wahrheit über sich befassen zu müssen.
Aber es sei dann auch der Momente gewesen, die Flucht nach vorn anzutreten.

Die Geschichte hat in den USA im April 2021 für Wirbel gesorgt. Sein öffentliches Outing hatte er in einem Interview mit “Good Morning America”. Und jetzt gibt es die Netflix-Doku-Serie.

Vorab: Es ist im Laufe der Serie nicht immer klar, welche Szenen gescriptet sind und welche nicht. Welche Reaktionen echt sind und welche nicht. Letztlich ist das aber gar nicht so wichtig – denn am Ende geht es dann doch um den Inhalt an sich. Denn Colton Underwoord zeichnet in der Serie sein Coming Out bei verschiedenen Menschen nach. Er erzählt seine Geschichte.
Das sorgt für rührende Momente, wenn er mit großen Augen vor seiner Mutter sitzt und sich outet. Bei seinem Bruder, seinem Vater. Später redet er mit seinem ehemaligen Football-Trainer, wo Colton dann auch darüber erzählt, wie es war, als beim Training oft eine homophobe Atmosphäre geherrscht habe.
Denn Colton sagt, dass sich die NFL zwar offen für schwule Spieler zeige, die Stimmung in Wirklichkeit so aber nicht sei. Es herrsche keine Atmosphäre, in der schwule Männer sich outen könnten.
Bitter ist auch, als er sich bei seinem Priester outet, der zwar sagt, er könne machen, was er wolle, aber auch, dass er das nicht unterstütze, und er solle doch beten.

Die Doku macht einerseits Mut, andererseits zeigt sie aber auch, wie schwer so ein Outing auch heute immer noch sein kann. Zu sehen, dass ein gestandener Mann sich erst mit 28 öffnet, ist tragisch. Zu sehen, wie er aufblüht, ist dagegen schön zu sehen. “Coming Out Colton” ist ein wichtiger Beitrag, auch zu möglichen und künftigen Coming Outs von Sportlern.

-> Die Reihe bei Netflix

Hits: 102

RT im Kino

The Hand of God

Donnerstag, den 23. Dezember 2021
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Neapel in den 80ern. Fabietto (Filippo Scotti) liebt Fußball. Er schaut jedes Spiel des SSC Neapel. Die Freude ist riesengroß, als klar wird, dass sein Verein den Weltklassespieler Diego Maradona unter Vertrag nimmt. Fabietto kann es kaum fassen. Allerdings wird dieses Ereignis bald von einem tragischen Zwischenfall überschattet.
Für Fabrietto beginnt eine harte Zeit – traurige und freudige Momente wechseln sich in seinem Leben ab. Er wird älter, die Fußball-Leidenschaft bleibt – aber er entdeckt auch die große Welt des Kinos. Könnten vielleicht Filme seine Zukunft bedeuten?

“The Hand of God” ist kein Film über Diego Maradona, auch wenn man das wegen des Titels meinen könnte. Vielmehr erzählt Paolo Sorrentino eine Geschichte über den steinigen Weg des Erwachsenwerdens. Es sind Episoden im Leben von Fabietto, mit Humor und Tragik.
Was anfangs irgendwie noch nicht so richtig reinzieht, wird aber mehr und mehr interessant. Fabietto muss mit Trauer umgehen, sich mit seiner Zukunft auseinandersetzen, auch mit der Liebe. Der erste Sex mit einer Frau gerät ziemlich speziell. Fabietto sucht den Sinn im Leben, Paolo Sorrentino setzt das mitunter recht bildgewaltig um.
“The Hand of God” wird von Italien ins Oscar-Rennen geschickt.

-> Trailer auf Youtube

The Hand of God
Italien 2021, Regie: Paolo Sorrentino
Netflix, 130 Minuten, ab 12
7/10

Hits: 123

RT im Kino

Don’t look up

Samstag, den 11. Dezember 2021
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K.I.Z. und Henning May haben einst gesungen: “Hurra, die Welt geht unter!” Die interessierten sich wenigstens noch für den bevorstehenden Weltuntergang.
Im Film “Don’t look up” interessiert sich zunächst nicht mal die amerikanische US-Präsidentin für die nahende Kastastrophe.

Das ist ein Schock. Die beiden Astronomen Kate (Jennifer Lawrence) und Randall (Leonardo DiCaprio) machen eine grauenvolle Entdeckung: ein riesigen Asteroiden. Er ist etwa 10 Kilometer groß. Und er rast direkt auf die Erde zu – in einem halben Jahr ist es so weit. Alles Leben auf der Erde wäre ausgelöscht.
Für die beiden ist klar: Mit dieser Information müssen sie an die Öffentlichkeit. Doch sie bekommen kein Gehör. Weder bei den Medien und schon gar nicht bei US-Präsidentin Orlean (Meryl Streep) finden sie Gehör. Sie werden quasi ausgelacht.
Weil es im Wahlkampf schlecht läuft, und weil davon ablenken will, beginnt sich die Präsidentin dennoch darauf einzulassen. Es sollen Maßnahmen ergriffen werden. Als dann aber ein Unternehmer entdeckt, dass man mit den Stoffen des Asteroiden viel Geld verdienen kann, kommt dann doch alles anders.
Und unterdessen bildet sich die Bewegung “Don’t look up” – sie wollen nicht glauben, dass da was auf die Erde zurast. Man glaubt der Wissenschaft nicht.

Der Film von Adam McKay wurde bereits vor zwei Jahren angekündigt, aber er scheint inhaltlich fast schon von der Realität eingeholt worden zu sein. Nicht weil auch im wahren Leben keiner an den Asteroiden glaubt. Aber auch jetzt meinen viele Menschen, dass die Wissenschaft in Sachen Corona keine Ahnung habe.
So lustig viele Momente in diesem Film sind, so absurd viele Momente sind, wenn die Präsidentin irgendwie andere Prioritäten hat als die Rettung der Welt oder in einem TV-Magazin alles verlacht wird, weil da halt alles verlacht wird, so traurig ist dieser Film in Wirklichkeit. Weil wir es momentan in anderer Form alles so erleben. Weil die Menschheit im Film sehenden Auges in die Katastrophe rennt.
Leonardo DiCaprio spielt in dem Film einen Wissenschaftler, der an sich und den Menschen verzweifelt. Inklusive Panik- und Schreiattacken – toll gespielt. Meryl Streep sieht man die Spielfreude als Präsidentin an. Timothée Chalamet spielt Kates Freund, zwischen Coolness und Religionsgläubigkeit.
Hinzu kommt ein toller Soundtrack, dazu ein mitunter flotter und interessanter Schnitt.
“Don’t look up” ist von Netflix produziert worden, dort läuft er nur zwei Wochen nach Kinostart auch schon an. Aber diesen Film sollte man auf der großen Leinwand sehen.

-> Trailer auf Youtube

Don’t look up
USA 2021, Regie: Adam McKay
Netflix, 142 Minuten, ab 12
8/10

Hits: 131

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Squid Game

Sonntag, den 21. November 2021
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FR 19.11.2021 | Netflix

Netflix hat mal wieder seinen Serien-Hype. Das Problem ist nur: Bei Netflix weiß man nie genau, was das bedeutet. Wenn es heißt, die “Squid Game” sei innerhalb der ersten vier Wochen von 142 Millionen Netflix-Accounts aufgerufen worden, bedeutet das nur wenig. Wie lange und wie viele Folgen wurden gesehen – man weiß es nicht. Und wie das in Deutschland aussieht, weiß man schon gar nicht.
Dennoch ist aber klar: Gerade unter Jugendlichen hat die südkoreanische Serie offenbar eine große Bekanntheit – mit Folgen.

Gi-hun ist hochverschuldet. Glücksspiele haben ihm das Genick gebrochen. Da kommt ihm eine Einladung gerade recht, bei einem Spiel viel Geld gewinnen zu können.
Es wird ein großes Geheimnis darum gemacht, worum es denn gehen könnte. Vor Ort muss er aber feststellen: Er ist nicht allein. Mit ihm kämpfen 455 andere Männer und Frauen um das Geld.
Klar wird auch: Es wird mehrere Spiele geben, immer werden weitere Mitspieler disqualifiziert.
Spiel 1: “Rotes Licht, grünes Licht”. Die Mitspieler müssen in fünf Minuten einen Fläche überqueren. Sie dürfen sich aber nur bewegen, wenn eine Roboterpuppe sich wegdreht und „Rotes Licht, grünes Licht“ singt. Dreht sie sich wieder um, und jemand bewegt, kommt es zur Disqualifikation.
Das Grauenvolle erfahren die Spieler erst im Spiel: Disqualifikation heißt, man wird erschossen. Sofort.
Heißt: Man gewinnt ganz am Ende das Geld – oder man stirbt.

Dieses Spiel 1, diese erste Folge von “Squid Game” ist auch schon die fesselnste der neun Folgen. Sie ist fesselnd, aber auch abstoßend. Denn die brutale, gewissenlose Gewalt lässt einem den Atem stocken. Die restlichen Folgen ziehen sich teilweise ein wenig dahin, erst später nimmt die Spannungskurve wieder zu.
Das Besondere an dieser Serie ist die Unerbittlichkeit. Die Ausnutzung von Menschen in Not. Aber auch, dass man beobachten kann, wie die Mitspielenden mit der Lage umgehen. Bünde schmieden. Sich helfen – aber auch Abgrenzung und Verstoßung. Gunst und Missgunst. Alle menschlichen Abgründe.
Das sorgt für Furore. Auffallend sind die völlig in Pink gekleideten, gesichtslosen Aufseher. Die sind mitunter sogar bei Jugendlichen und Kindern (!) zum Karnevalshit geworden. Dabei ist die Serie zu recht ab 16, aber scheinbar kennen auch Jüngere die Serie sehr gut und feiern sie. Dass scheinbar ahnungslose Eltern das zulassen, dass sie in lustiger Runde gewissen- und Skrupellose Mörder spielen, ist bemerkenswert.
So bemerkenswert, dass die Serie auch über Netflix und Mediendienste hinaus eine Berichterstattung bekommt. Was die Serie natürlich noch bekannter macht und noch mehr Zuschauer zuspült.
Und der Rubel muss rollen: Obwohl es in Südkorea bei solchen Serien nicht üblich ist, dass eine Staffel 2 folgt, bricht “Squid Game” mit dieser Tradition.

-> Die Serie auf Netflix

Hits: 126

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Your Life is a Joke

Donnerstag, den 11. November 2021
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DI 09.11.2021 | Netflix

Erst einen ganzen Tag miteinander verbringen. Zusammen Spaß haben. Sich gut miteinander unterhalten. An Orte fahren, die einem wichtig sind.
Es war also alles gut, und dann kommt der Schlag ins Gesicht. Der Moment, wo dich der andere niedermacht, sich über dich lustig macht. Um dir dann zu sagen: “Your Life is a Joke”. Und um dir zu sagen, was du doch für ein toller Mensch bist.

“Your Life is a Joke” heißt auch die (bislang leider nur dreiteilige) Reihe auf Netflix. In jeder Folge trifft sich Comedian Oliver Polak mit einem Promi. Mit Christian Ulmen war er in Potsdam unterwegs – in dem Restaurant, wo Ulmen einst das erste Mal in Potsdam essen war. Sie gingen zusammen baden und redeten. Mit Jennifer Weist war er an der Tankstelle in Berlin, die sich unweit des Studios befindet, wo sie einst eines der Alben für Jennifer Rostock aufgenommen hatte.
Es sind durchaus tiefgehende Gespräche, die Polak mit seinen Gästen führt. In denen beide Seiten durchaus Persönliches von sich preisgeben. Polak erzählt Ulmen von seinem behandelten Hodenkrebs. Ulmen von der Taufe seiner Kinder im Restaurant. In seinem Auto begrüßt Polak seine Gäste übrigens mit dem immer selben Begrüßungslied.

Jede Sendung gipfelt mit einem Stand-up im Berliner Quatsch-Comedy-Club, zu dem auch der Gast kommt. Erst roastet Oliver Polak seinen Gast, zieht so ziemlich alles durch den Kakao, was sie an diesem Tag gemacht haben. Aber dann spricht er dem Gast seine volle Zuneigung zu, sagt ihm, was er oder sie ausmacht.
Das Leben ist ein Witz, aber eben auch sehr wertvoll.

Der Roast, das Niedermachen, ist zwar erst mal ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber schnell entdeckt man den wahren Sinn dahinter. Und deshalb ist “Your Life is a Joke” eine wunderbare, herzensgute Reihe, von der bitte in nächster Zeit noch weitere Folgen produziert werden sollten.
Ähnliches hat Oliver Polak auch schon gemeinsam mit Micky Beisenherz im WDR gemacht. Bei “Das Lachen der anderen” begleiteten sie 2018 behinderte Menschen, um die am Ende ebenfalls mit einem Roast zu erfreuen. Das Projekt ging leider nicht weiter. Umso schöner, dass es bei Netflix nun diese Reihe gibt.

-> Die Reihe bei Netflix

Hits: 301