RTZapper

Songcheck

Dienstag, den 10. Mai 2022
Tags: ,

MO 09.05.2022 | 0.45 Uhr (Di.) | NDR

Man kann über den NDR und das Treiben rund um den Eurovision Song Contest viel meckern – eine Sendereihe sticht da echt heraus, weil sich dort alle Beteiligten echt viel Mühe geben: Der “Songcheck”.
Der läuft zwar im NDR selbst nur sehr unprominent viermal im Nachtprogramm, und das auch erst in der ESC-Woche selbst. Live ging das Ganze aber schon im April auf eurovision.de über die Bühne.

Im “Songcheck” werden in vier Sendungen alle 40 ESC-Beiträge des Jahrganges unter die Lupe genommen. In den Reactionvideos äußern sich u.a. Constantin Zöller, ESC-Teilnehmerin Jane Comerford, Satiriker El Hotzo, Nilz und Maria Lorenz-Bokelberg, Bürger Lars Dietrich und sein Sean, Benjamin Hertlein und Douze Points von “ESC kompakt”, die NDR-ESC-Experten Thomas Mohr und Irving Wolter und viele mehr. So ergibt sich bei jedem Song ein ganz gutes Bild – und das auch noch flott und witzig zusammengeschnitten, und von den Songs selbst bekommt man auf diese Weise auch schon vieles mit.

Alina Stiegler und Stefan Spiegel führen durch die vier Sendungen, kommentieren, ordnen ein, lästern – und vergeben Punkte. In der Live-Sendung konnte das Publikum ebenfalls kommentieren und voten – interaktives Fernsehen, wie es Spaß macht.
So sind die Songchecks ein echtes Highlight in den Wochen vor dem Eurovision Song Contest, und es ist toll, dass der NDR die Sendung nach einem Jahr Pause auch wieder macht. Und vielleicht – und wieso eigentlich nicht? – kann die Sendung ja 2023 sogar mal live im Fernsehen laufen. Für solche Shows wäre doch one ideal.

-> Die Sendung in der ARD-Mediathek

Hits: 106

RTZapper

Germany 12 Points: Die Pressekonferenz

Montag, den 14. Februar 2022
Tags: ,

DO 10.02.2022 | 11.00 Uhr | Eurovision.de

Der NDR kriegt es einfach nicht hin. Oder besser: Der NDR findet einfach keine Leute, die ein Händchen für den Eurovision Song Contest haben. Eine Community schäumt vor Wut. Nein, eigentlich sind es sogar zwei Communitys. Und ganz genau genommen schäumen noch viel mehr Leute.
Der NDR hat seine sechs Kandidaten für die deutsche Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest 2022 vorgestellt. Am Donnerstagvormittag fand die Pressekonferenz für “Germany 12 Points” statt, die live bei eurovision.de übertragen worden ist. Und festhalten kann man in der Tat: ein Trauerspiel.

Nachdem wir 2018 beim ESC in Lissabon einen tollen 4. Platz erreicht haben, sah es 2019, 2020 und 2021 sehr mau aus. 2019 und 2021 gingen wir am Ende der Tabelle baden, 2020 wäre das auch passiert, hätte der ESC stattgefunden – dass der Auftritt von Ben Dolic eine Katastrophe geworden wäre, war in der damaligen Corona-Ersatzshow ziemlich deutlich zu sehen.
Dabei wollte es der NDR doch besser machen. Man startete unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein Casting. Man hatte eine Jury, deren Namen unter Ausschluss der Öffentlichkeit standen. Man hatte ein Auswahlverfahren, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Man wählte einen Sieger, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Öffentlichkeit teilte man dann 2020 und 2021 freundlicherweise mit, wer es denn nun geworden ist: Hier, nimm! Werd glücklich! Das hat nicht funktioniert. Im Fall von Jendrik 2021 lag es nicht wirklich am Song selbst. Aber bei der Bühnenshow und beim Arrangement wäre mehr drin gewesen – man muss bedenken: Die Konkurrenz beim ESC ist extrem stark.

2022 wollte man beim NDR vieles besser machen. Dabei sind sie allerdings nicht zwingend in die richtige Richtung gelaufen. Zwar gibt es in diesem Jahr wieder eine Vorentscheidungsshow, allerdings schiebt man sie zu one und in alle Dritten Programme und tut, als sei das das ganz große Ding, weil ja angeblich in den Dritten viel mehr Leute zusehen würden als im Ersten. Es ist eine Degradierung, Punkt.
Wieder hat man ohne Transparenz “So viel Heimlichkeit” gespielt. Die Jury öffentlich machen? Die könnte ja beeinflusst werden! Sagen, welche Musiker sich beworben haben? Oh Gott, nein, die Musiker könnten ja Schaden nehmen, wenn sie nicht dran kommen.
Am Donnerstag nun ging der NDR an die Öffentlichkeit.

Was wir nun wissen: Die Jury besteht aus Radiomachern. Denn wie wir ja alle wissen, machen Dudelsender wie NDR2, WDR2 oder die Antenne Brandenburg ja die großen Hits.
Also, eigentlich spielen sie die großen Hits, wenn schon alle anderen erkannt haben, dass es große Hits sind. Oder anders gesagt: Sender wie Antenne Brandenburg oder das seichte NDR2 sind für die Öffentlich-Rechtlichen kein Ruhmesblatt. Und diese Dudelfunk-Chefs haben über die sechs Act für den deutschen Vorentscheid entschieden. Heraus kam: Dudelfunk. Radiotaugliche Songs. Songs, die so nebenbei im Hintergrund laufen können.
Denn die sechs Acts laufen nun in diesen Radiosendern rauf und runter, die Radiohörer haben demnächst ein eigenes Voting.

Nicht falsch verstehen: Jeder der sechs Acts macht gute Musik. Eros Atomus ist mein Favorit, seine Musik geht ins Ohr, macht gute Laune. Aber auch Malik Harris kann überzeugen, und die Songs von Felicia Lu, Mael & Jonas, Emily Roberts und Nico Suave feat. Team Liebe wären jeder für sich auch gute bis “okaye” Beiträge.
Das Problem ist ein anderes: Es gibt keine Genre-Vielfalt. Es sind alles radiotaugliche Songs. Es ist eingängiger Pop. Es fehlen außergewöhnliche Songs, es gibt keinen Schlager, keinen Rock – und besonders viel Ärger gibt es, weil die Band Eskimo Callboy fehlt. Die war im Casting, kam auch recht weit – wurde aber nicht genommen, weil Hörer von NDR2 oder Antenne Brandenburg einen Herzinfarkt bekommen könnten, wenn die schnellen, harten Klänge von Eskimo Callboys “Pump it” im Dudelfunk gelaufen wären.
Das ist extrem schade, und es ist vor allem einfallslos und mutlos. Und das, obwohl die ARD nicht nur Dudelfunk hat. Warum werden die Jugendradios nicht an den ESC herangeführt? Warum ist sich radioeins vom rbb zu fein für den ESC?

Momentan laufen in vielen anderen Ländern die großen Entscheidungsshows für die nationalen ESC-Acts. In Italien traten zig Künstler auf, in Schweden ebenso, und in vielen weiteren Ländern sind das große Musikfeste, bei denen sich die Künstler auch nicht schämen müssen, wenn sie nicht auf Platz 1 landen. Im Gegenteil: Sie kommen immer wieder zu diesen Shows – weil sie die nationale Musik und ihre Musikschaffenden immer wieder aufs Neue feiern – ganz im Gegensatz zu Deutschland. Wo wir das einfach nicht hinbekommen wollen.

-> Die Pressekonferenz auf Youtube

Hits: 152

RTZapper

Kevin Kühnert und die SPD

Sonntag, den 10. Oktober 2021
Tags: ,

DI 05.10.2021 | 0.00 Uhr (Mi.) | NDR

Inzwischen ist er Vize-Parteivorsitzender der SPD. Kevin Kühnert gilt als eine der Nachwuchshoffnungen der Sozialdemokraten. Der Typ ist recht klein, aber in den vergangenen Jahren ist er dennoch gewachsen.
“Kevin Kühnert und die SPD” heißt eine 6-teilige Doku des NDR. Sie lief am sehr späten Dienstagabend und ist auch in der ARD-Mediathek zu sehen. Drei Jahre lang hat ein NDR-Team Kühnert dafür begleitet.

Viele spannende Momente bietet diese Dokureihe. So sieht man, dass es Kevin Kühnert war, der Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken coachte, als die beiden sich zur Wahl um die Parteispitze stellten. Kühnert war der Mann hinter diesem Team, und als klar war, dass Olaf Scholz als Parteivorsitzender verhindert worden ist, da jubelte Kevin Kühnert. Ganz am Ende ist es wieder Kühnert, der zwar nicht jubelt, aber extrem erleichtert ist, dass die SPD die Wahl mit eben jenem Olaf Scholz gewonnen hat.

Die Kamera ist bei Konferenzen dabei, bei Interview-Vorbereitungen und wenn er in seinem Büro arbeitet. Vorher war vereinbart, dass die Doku erst nach der Bundestagswahl veröffentlicht werden darf – nichts durfte vorher gezeigt werden.
Die Langzeitbeobachtung hat sich gelohnt, man bekommt spannende Einblicke in den Politikbetrieb, auch in das Wirken dieses Kevin Kühnert. Und eigentlich ist es ein bisschen schade, dass es keinen 7. Teil gibt: die Koalitionsverhandlungen und Kühnerts eventuelle Rolle im Machtzentrum.

-> Die Doku in der ARD-Mediathek (bis 29. September 2031)

Hits: 240

RTZapper

Sound of Germany – Eine Deutschlandreise mit Olli Schulz

Sonntag, den 26. September 2021
Tags:

FR 24.09.2021 | 0.00 Uhr (Sa.) | NDR

Wut. Sehnsucht. Spaß.
Das sind die drei Stichworte, mit denen der Musiker Olli Schulz durch Deutschland gereist ist. Er hat Musiker getroffen, die mit ihm ihre Stimmungslage erörterten.
Herausgekommen ist eine 3-teilige Dokumentation, die am Mittwoch und Freitag im NDR zu sehen war: “Sound of Germany”.

In Bad Bentheim trifft er sich mit fünf Jugendlichen, die sich “5 B” nennen. In ihren Deutschrap-Texten geht es um ihre Wut über Gewalt, um Rassismus, aber auch um ihre Kriegserfahrungen. Es sind vollkommen unterschiedliche Jugendliche, aber sie haben sich zusammengefunden, sie sind befreundet. Aber sie erzählen auch von ihrem Frust mit der Gesellschaft. Gemeinsam radeln sie durch den Ort – bis es beginnt, in Strömen zu regnen. Im Regen gibt es dann noch eine nasse Live-Performance.
Schulz trifft auf Menschen, die kein Vertrauen mehr in die Regierung haben, sie sind wütend. Eine junge Frau sagt hingegen, dass Wut auch eine wichtige Emotion sei. Alle eint sie, dass sie durch Corona lange nicht auftreten konnten.
Es geht um eine Frau, die als Partysängerin durch die Lande zieht, und schließlich hat Olli Schulz selbst einen Auftritt im “ZDF-Fernsehgarten”. Dort unterhält er sich mit Gerry Friedle, besser bekannt als DJ Ötzi. Er sagt, dass jetzt die Zeit sei für wahrhaftige Unterhaltung. Einerseits mit einer Haltung, andererseits Positivität. Es sei jetzt nicht mehr die Zeit für Zynismus und Ironie, sagt er. Die Dokureihe endet mit Schulz’ Auftritt im ZDF, gut gelaunt performt er vor den Kameras.

“Der gemeinsame Nenner ist die Liebe zur Musik”, sagte Olli Schulz in einem BR-Interview zu seiner Reihe. “Vor allem die Liebe zur Musik, die da abgelichtet wird, zeigt, dass die Menschen immer noch Hoffnung haben. Denn wer Musik hört, der hat Hoffnung, finde ich. Wenn du keine Musik mehr hörst, sieht es düster aus.”
Recht hat er – Musik verbindet.

-> Die Doku in der ARD-Mediathek

Hits: 184

RTZapper

Real Life Guy – Der Youtuber und der Tod

Freitag, den 15. Januar 2021
Tags: ,

MI 13.01.2021 | 0.05 Uhr (Do.) | NDR

Er hat nur noch zwei Wochen zu leben. Vielleicht zwei Monate.
Was ihm die Ärzte da gesagt haben, ist ein Schock. Krebs. die Lymphdrüsen.
Aber Philipp Mickenbecker beschließt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Wieder und wieder.

Der 23-Jährige ist unter Jugendlichen kein Unbekannter. Mit seinem Zwillingsbruder Johannes betreibt er seit einigen Jahren den Youtube-Kanal “The Real Life Guys”. Sie haben mehr als 1,3 Millionen Abonnenten und zeigen in ihren Videos, wie sie verrückte Konstruktionen bauen und sie ausprobieren.
Sie können von den Videos leben, und sie haben Spaß dabei.

Philipp war 16, als er zum ersten Mal die Krebsdiagnose bekam. Bestrahlung, Therapie. Er konnte den Krebs besiegen. Es hat jedoch ein Jahr gedauert. Ein Jahr voller Strapazen.
Drei Jahre später: Der Krebs ist zurück. Eine zweite Chemo lehnt er ab. Zu schlimm war es damals.
Nicht genug: Seine Schwester stirbt in dieser Zeit beim Absturz eines Kleinflugzeuges. Ein Schock. Der Tod kam plötzlich, er kündigte sich nicht an, wie bei Philipp.
Wieso weiß niemand: Aber Philipp wird wieder gesund, zum zweiten Mal.
Im Sommer 2020 aber, da kehrte der Krebs wieder zurück, und diesmal mit voller Wucht. Endstadium. Alles, was noch machbar ist, kann nur palliativ sein.

Philipp nimmt das hin. Seine Kraft schöpft er aus seinem Glauben. Er kommt aus einem streng gläubigen Elternhaus, selbst betete er aber nie. Aber in seinem Schmerz, in seiner Angst hat er ein Zeichen bekommen, sagt er.

Der NDR zeigte am (viel zu) späten Mittwochabend die berührende Doku über diesen starken Typen, über den “Real Life Guy – Der Youtuber und der Tod”. Denn der Tod ist ein zentrales Thema im Leben des Youtubers. Auch wenn es ihm gelingt, es ab und zu zu verdrängen. In der Doku kommen auch sein Bruder und seine Freunde zu Wort. Auch sie müssen stark sein, und nicht immer gelingt es ihnen, ihre Anspannung, ihre Angst um den Bruder, um den Freund zu verbergen. Und den Schmerz, sich in so jungen Jahren überhaupt noch damit beschäftigen zu müssen.
Diese Doku geht unter die Haut. Macht aber in gewisser Hinsicht auch Mut.
Nach der jüngsten Diagnose sind inzwischen gute drei Monate vergangen.

-> Die Doku in der ARD-Mediathek (bis 14. Januar 2022)

Hits: 288

RTZapper

Gösta

Mittwoch, den 6. Januar 2021
Tags: ,

MO 04.01.2021 | 3.40 Uhr (Di.) | NDR

Der junge Kinderpsychologe Gösta meint es nur gut. Immer. Und mit allen. Er kann einfach nicht Nein sagen, und Konfrontationen sind ihm zuwider.
Er wohnt ganz weit draußen, mitten auf dem Land, und eigentlich wohnt er dort alleine.
Bis er einen Flüchtling aufgenommen hat. Bis plötzlich sein Vater bei ihm vor der Tür steht, weil er Probleme hat. Bis seine Freundin vor der Tür steht, die irgendwie mehr will als er selbst. Bis seine Ex vor der Tür steht, die nicht Ex sein will. Bis seine Mutter vor der Tür steht, die ein neues Filmprojekt im Wald umsetzen will. Bis der Vater einen Hund ins Haus schleppt. Bis sein Kumpel vor der Tür steht, der einfach mal raus wollte.

“Gösta” heißt die 12-teilige Serie aus Schweden, die im Dezember am Stück bei one zu sehen war und am Sonntag und Montag mitten in der Nacht beim NDR versendet worden ist.
Allerdings macht es Gösta – der Typ und die Serie – es einem als Zuschauer nicht ganz einfach. Denn Gösta ist nett, aber eigentlich viel zu nett, weil er sich von allen ausnutzen lässt.
Er holt sich mitunter unfassbare Egoisten ins Haus. Alle scheinen sie nur an sich zu denken. Ich, ich, ich – das ist das Motto, wenn es darum geht, was denn jetzt das Beste für alle ist.
Das ist mit der Zeit immer schwerer auszuhalten, weil auch Göstas Gäste immer krasser und psychotischer zu werden scheinen. Es ist ein langer Zeit bis Gösta mal auf den Tisch haut.
Das ist tatsächlich irgendwie interessant, aber dieses Gefühl, dass man sich eigentlich viel ärgert über diese Leute – auch über Gösta – das ist kein Wohlfühlfernsehen.

-> Die Serie in der ARD-Mediathek (bis 5. Februar 2021)

Hits: 255

RTZapper

Ferdinand von Schirach: Feinde

Dienstag, den 5. Januar 2021
Tags: , , , , , , , , , , ,

SO 03.01.2021 | 20.15 Uhr | Das Erste / one / Dritte Programme

Ein Film, zwei Blickwinkel, elf Sender. Die ARD ist ja eher selten wirklich experimentierfreudig, aber am Sonntagabend hat sie es mal wieder gewagt.

Ein junges Mädchen wird entführt. Der Entführer fordert von der reichen Familien viel Geld für die Freilassung. Kommissar Nadler ermittelt und fokussiert sich auf das Umfeld der Familie. Sicherheitsmann Kelz wird verhört, und Nadler ist sich sicher: Kelz hat das Mädchen entführt. Weil aber Kelz nichts zugibt und auch nicht sagt, wo das Mädchen ist, greift er zu drastischen Mitteln.
Strafverteidiger Biegler muss sich vor seiner Frau rechtfertigen, weil er Kelz verteidigen wird. In der ausführlichen Befragung seines Mandanten bringt er Ungeheuerliches ans Licht.

Das Thema von “Ferdinand von Schirach: Feinde” ist extrem spannend. Denn der Zuschauer war bei der Entführung dabei, und man kann ziemlich sicher sein, dass Kelz ein Täter ist. Ziemlich. Aber nicht hundertprozentig.
Nadler foltert Kelz während des Polizeiverhörs, um ein Geständnis zu erpressen. Ist diese Art der Folter legitim? Sind alle Mittel recht, um ein Mädchen aus ihrer Gefangenschaft zu befreien?
Die Antwort ist sehr eindeutig, denn der Strafverteidiger nimmt Nadler während der Gerichtsverhandlung regelrecht auseinander. Nadler hatte keine Beweise, die Spurensicherung war quasi nicht vorhanden, es war lediglich ein Gefühl, dass Kelz es gewesen sei. Dass Nadler Kelz gefoltert hat, fliegt dem Ermittler um die Ohren.

Bjarne Mädel spielt in “Feinde” den Ermittler Nadler, und das macht er hervorragend. Einmal mehr zeigt er, dass er ein fantastischer Schauspieler ist. Ebenso aber Klaus Maria Brandauer, der den Strafverteidiger spielt.

Es gibt zwei Versionen dieses Films. In Version 1 geht es vor allem um die Sichtweise des Ermittlers. Der Zuschauer ist dabei, wenn Nadler zunächst im Dunkeln tappt und später beim Verhör, das dann eskaliert. Diese Version lief im Ersten.
In Version 2 verfolgen wir, wie Strafverteidiger Biegler arbeitet, wie er hadert und sich dann seiner Aufgabe widmet, wie er schließlich Kelz verhört und auf die Tatsache der Folter stößt. Die erstengut 15 Minuten sind deckungsgleich, die letzten 25 Minuten auch – zumindest fast. Denn im Prozess ist die Kameraführung vor allem auf Biegler fokussiert, und am Ende erfährt der Zuschauer auch mehr über die Urteilsbegründung, während in Version 1 der Zuschauer mit Nadler relativ zügig nach der Urteilsverkündung den Saal verlässt. Version 2 lief bei one und in allen neun Dritten Programmen.

Das Experiment: Die beiden Filme laufen parallel, und der Zuschauer kann entscheiden, aus welcher Sicht er das Ganze sehen will. Oder er konnte hin- und herschalten, um zwischendurch zu schauen, was der Strafverteidiger ermittelt.
Ich habe das probiert und habe gezappt. Gut ist, dass man tatsächlich nicht nennenswert etwas in den jeweils anderen Versionen verpasst hat. Allerdings verliefen die Handlungen nicht immer wirklich parallel. So gab es in Version 1 ein Zusammentreffen von Nadler und Biegler, das aber da nicht gleichzeitig in Version 2 gab.
Andererseits gab es in Version 1 die Folterszenen, während Kelz in Version 2 die Szenen schilderte und der Anwalt darauf reagierte. Das war ein spannender Gegensatz, der auch nur so unmittelbar funktioniert.
Wer dagegen die beiden Filme hintereinander sah – weil viele den Eindruck hatten, es habe sich um einen zweiten Teil gehandelt – sah dagegen viele Doppelungen, die dann langweilig erschienen.

Version 1 im Ersten. Version 2 auf one, im WDR, NDR, radiobremen tv, BR, SWR, SR. hr, mdr und im rbb. Ein Film auf zehn Sendern. War das wirklich nötig? Die ARD hielt das offenbar für nötig, und sicherlich ist dabei zu bedenken, dass wahrscheinlich nicht jeder Fernsehzuschauer wirklich jedes Dritte Programm und one empfängt. Es heißt, dass über DVB-T nur bestimmte Dritte zu empfangen sind. Um also sicherzustellen, dass wirklich alle Zuschauer am kompletten Experiment teilnehmen können, wurde der Film also durchgeschaltet.
Ob es grundsätzlich den zweiten Film gebracht hätte, ist eine andere Sache. Das Experiment war spannend, aber mit 120 statt 90 Minuten Länge hätte man auch alles erzählen können. Was dann aber vermutlich wieder weniger Aufmerksamkeit bekommen hätte, weil es dann eben nur ein Film im Ersten gewesen wäre.

Der Umgang mit dem Experiment in der ARD war jedoch lausig. Man hat den Zuschauer mit den Filmen leider sehr allein gelassen. Man hat sich darauf verlassen, dass alle vorher informiert waren, was denn da jetzt passiert.
Nicht nur, dass der Film in den meisten Dritten nicht zeitgleich mit dem Film im Ersten startete, sondern schon etwas früher. Er startete ohne Info an die Zuschauer.
Eigentlich hätten alle elf Sender zu Beginn wirklich zusammengeschaltet werden müssen. Ein(e) Ansager(in) (ja, sowas gibt es ja leider nicht mehr) hätte den Zuschauern erklären müssen, was jetzt passiert und was die Zuschauer machen können. Auch während des Films hätte es ab und zu Einblendungen geben müssen. An bestimmten Stellen hätte man “Umschalthilfen” geben können, in dem man sagt, was gerade in der anderen Version passiert. Dazu hätte man während des Films vielleicht zwei oder drei Punkte schaffen müssen, wo sich die Storys kreuzen und man dem Zuschauer das durch entsprechende Einblendungen sagen können.
Aber die Mühe hat man sich dann leider nicht gemacht, so wirkte das ganze wie eine gute Idee, die man aber nicht zu Ende gedacht hat.

Fast elf Millionen Menschen haben am Sonntagabend zur Primetime einen der beiden Filme gesehen. Das ist ein Erfolg, und solche Experimente könnte es gern mal wieder geben. Dann aber bitte noch mehr durchdacht.

-> Die Filme in der ARD-Mediathek (bis 3. April 2021)

Hits: 333