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Die Elbe. Ganz in Ruhe. Von Hamburg bis zur Nordsee

Montag, den 10. Juni 2019
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SO 09.06.2019 | 11.30 Uhr | NDR

Etwas mehr als 100 Kilometer. Das Segelschulschiff “Alexander von Humboldt II” braucht etwas mehr als fünf Stunden von Hamburg bis nach Cuxhaven.
So lange dauerte am Pfingstsonntag auch die entsprechende Übertragung im NDR. Stichwort: Slow-TV.

“Die Elbe. Ganz in Ruhe. Von Hamburg bis zur Nordsee” hieß die Sendung, von der allerdings nicht so ganz klar war, ob sie live oder eine Aufzeichnung war. Sie sah jedenfalls live aus.
Moderator Arne-Torben Voigts begrüßte die Zuschauer, als sich das Schiff noch im Hamburger Hafen befand. Wir beobachteten das Ablegen, hörten, was die beiden Schiffsführer sagten. Wir sahen, wie die Landungsbrücken immer weiter abrückten und das Schiff an Fahrt aufnahm.

Es dauert, bis ein Schiff von A nach B gelangt, und diese Langsamkeit sollte auch in dieser Sendung vorherrschen. Lange Einstellungen, wenige Schnitte. 16 Kameras waren auf dem Schiff verteilt, außerdem offenbar eine Drohne.
Es gab Interviews, Berichte darüber, was auf dem Schiff passiert und wer da so arbeitet. Es ging um Entschleunigung, Ruhe und Achtsamkeit – und oft wurde auch minutenlang gar nicht geredet, und wir sahen die Elblandschaft an uns vorüberziehen. Manchmal mit Musik unterlegt oder auch mit Hörfunkbeiträgen, während wir weiter die Schiffsbilder sahen.

In Skandinavien ist Slow-TV wohl eine große Nummer, und dass der NDR so was auch probiert, ist toll. Dass das auch nicht nur im Nachtprogramm zu sehen ist, noch besser. Man konnte sich Zeit nehmen und einfach mal genießen, ganz ohne Hektik.

Fortsetzung sollte folgen! Norddeutschland hat noch viele Flüsse oder andere Dinge, die man in Echtzeit begleiten könnte.

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Für immer jung – 25 Jahre N-JOY

Donnerstag, den 2. Mai 2019
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FR 26.04.2019 | 0.00 Uhr (Sa.) | NDR

1994 ist man auch beim NDR aufgewacht. Mit dem N-Joy-Radio ging im April das fünfte Radioprogramm des NDR auf Sendung, und alles war sehr cool.
Am späten Freitagabend zeigte der NDR zum 25. Geburtstag der Jugendwelle eine Doku über die Anfänge des Senders und darüber, wie sich das Programm bis heute entwickelte. Das war in vielerlei Hinsicht interessant.

1994 war der NDR schon ziemlich angestaubt, und die Privatsender machte dem öffentlich-rechtlichen Sender im Norden zu schaffen. Eine junge Welle musste her, und der NDR kam da relativ spät aus dem Mustopf.
Radio Bremen hatte schon seit 1986 ein Jugendradio. Selbst der DDR-Hörfunk hatte das mit dem Jugendradio DT 64. ORB und SFB machten dann auch Jugendprogramme, und schon 1993 ging mit Fritz der gemeinsame Jugendsender on Air.
Als N-Joy-Radio 1994 startete, ging tatsächlich ein Ruck durch den NDR.
Die Moderatoren waren jung, es herrschte scheinbar ein fröhliches Chaos, und es wehte ein frischer Wind. Die Jugendlichen bekamen ihre Musik, aber auch das Wort kam nicht zu kurz – auch wenn man im Gegensatz zu Fritz vom ORB/SFB mehr auf den Mainstream setzte.
Das zu sehen, macht Spaß.

Umso merkwürdiger ist das, was N-JOY offenbar 2019 ausmacht. Der Senderchef ist 45 und macht seinen Job gut 20 Jahre lang. Die Moderatoren der Morningsendung gehen auch auf die 50 zu und machen das auch schon seit 20 Jahren. Und das Senderlogo ist inzwischen brav in die extrem biedere Logofamilie des NDR eingegliedert worden und wirkt wie eine versteinerte Betonwüste.
Sehr viele andere heutige Moderatoren hat die Doku nicht gezeigt. Und das wirft nicht das beste Licht auf diesen Sender. Jung bleiben ist ja eine schöne Sache, und ganz sicher sind die beiden Morningshow-Herren bei N-JOY irgendwie Kult. Aber müsste man nicht selbst mal erkennen, dass auch da eine Verjüngung mal gut tut? Sollten Moderatoren eine Jugendsenders nicht auch halbwegs zur Zielgruppe gehören?

Beim rbb sind viele Fritz-Moderatoren später zum “älteren” radioeins gewechselt, und im Idealfall sollte das genauso ablaufen. Denn der Jugendsender muss jung bleiben und die heutige Jugend ansprechen.
Den Absprung hat man beim NDR offenbar verpasst, auch wenn die Herren sich nun selbst mit dem Smartphone filmen und sich dadurch für jugendlich frisch halten. Aber eigentlich wirkt das ein bisschen peinlich. Vor allem wenn man diese Momente der Doku mit denen aus den 90ern vergleicht. Da standen junge Leute am Mikro, die frisch waren, jung und für die damalige Zeit unangepasst.

Kein Wunder dass die Doku vor allem nostalgisch wirkte. Als ob die Macher des Filmes sagen wollten: Hey, schaut auf 1994, wie aufregend das damals alles war! 2019 gibt es zwar immer noch Aktionen, die Aufmerksamkeit erregen. Aber N-JOY wirkte in der Doku im Jahr 2019 erstaunlich bieder.
Da ist der rbb mit Fritz merklich weiter, und daran sollte sich der NDR ein Beispiel nehmen. Damit N-JOY wirklich “Für immer jung” bleibt.

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Lebenslieder

Sonntag, den 27. Januar 2019
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FR 25.01.2019 | 1.15 Uhr (Sa.) | NDR

Eines muss man dem NDR echt lassen: 1.15 Uhr ist wirklich eine hervorragende Zeit, um eine neue Show zu starten. Wenn man möchte, dass die niemand sieht, dann sollte man sie in der Nacht verstecken.
Am sehr, sehr, sehr späten Freitagabend lief im NDR also erstmals “Lebenslieder”. Im Festsaal Kreuzberg in Berlin begrüßte Siham El-Maimouni den Schauspieler Christian Berkel. Er berichtete aus seinem Leben, und es ging vor allem um die Lieder, die ihn geprägt haben.
Der Clou: Der Musiker Max Mutzke spielte diese Lieder auf der Bühne mit seiner Band an.

Warum diese nette Sendung im tiefsten Nachtprogramm versteckt werden muss, weiß man vielleicht nicht mal beim NDR selbst. Denn “Lebenslieder” ist eine schöne Mischung aus Talkshow, Porträt und Musik. Dass sie vor Publikum aufgezeichnet wird, macht es einerseits weniger intim, andererseits durch die Live-Musik braucht es ja ein bisschen Stimmung in der Bude. Deshalb darf die Sendung gern auch 60 statt 45 Minuten dauern. Dann müsste sie sicherlich auch nicht so stark geschnitten werden. Leider fallen diese Kürzungen sehr auf.

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Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss

Freitag, den 11. Januar 2019
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MI 09.01.2019 | 22.00 Uhr | SWR-Fernsehen

Als “Holocaust” 1979 erstmals im deutschen Fernsehen lief, da löste der US-Vierteiler einen Gefühlserdrutsch aus. Vorher waren die Verbrechen im Dritten Reich und die organisierte Tötung der Juden kaum ein Thema in der Bundesrepublik. Dann kam “Holocaust”, und die Skepsis vorher war groß: Kann eine eher soapige Darstellung der Geschichte für Aufklärung sorgen? Müssen das nicht Dokus und Diskussionssendungen leisten?
In der ARD war die Skepsis so groß, dass man sich nicht dazu durchringen konnte, den Vierteiler im Ersten Programm ausstrahlte. Stattdessen liefen die Filme in den zusammengeschlossenen Dritten.
Das Echo war riesig. Die Leute waren berührt, entsetzt und beschämt. Sie litten mit, sie trauerten mit. “Holocaust” sorgte dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema nicht nur in Deutschland eine andere wurde.

Ich habe “Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss” irgendwann Anfang der 90er gesehen, ich war ein Teenager. Aus der Oranienburger Bibliothek lieh ich mir die Videokassetten aus.
Bald war ich gebannt. Es war spannend zu sehen, was mit den Menschen in diesem Vierteiler passiert, und in Teil 4, wenn das Ende naht und die Familie quasi ausgelöscht wird… Ich habe an einigen Stellen sehr geweint. Es hat mich extrem getroffen, was dort geschah. Ich konnte diesen Wahnsinn – der ja in diesem Fall fiktiv ist, aber ja auch in Wirklichkeit stattfand – nicht fassen.

2019. NDR, WDR und SWR wiederholen “Holocaust” zum 40. Austrahlungsjubiläum. Der SWR ist am Mittwochabend eingestiegen. Leider haben die Dritten dafür nur Sendeplätze am späteren Abend.
Denn auch nach 40 Jahren sind diese Filme wichtig. Um zu zeigen, was war. Aber auch um zu zeigen, was nie mehr passieren darf. Und das in Zeiten, in der die Rechtsextremen wieder in die Mitte der Gesellschaft rutschen, in der Andersdenkende schleichend wieder diskriminiert und mundtot gemacht werden sollen. Denn so hat es damals auch angefangen, bevor der eigentliche Wahnsinn begann.

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Der Tatortreiniger: Einunddreißig

Samstag, den 22. Dezember 2018
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MI 19.12.2018 | 22.30 Uhr | NDR

Der Tatort ist gereinigt, alle Tatorte sind gereinigt, und Schotty ist mit dem Fahrstuhl nach unten abgerauscht. Ins Nirgendwo, so genau weiß man das nicht.

Am Mittwochabend lief im NDR die letzte Folge vom “Tatortreiniger”, und dieser Abgang ist in mehrerlei Hinsicht ungewöhnlich. Denn in diesem Fall war es nicht der Sender, der die Serie abgesetzt hat. Der NDR hätte gern weitere Folgen produzieren lassen. Auch Bjarne Mädel hätte durchaus weiter gemacht. Es war die Autorin der Serie, die gesagt hat: Jetzt ist Schluss. Mizzi Meyer hält Schotty für auserzählt, man solle aufhören, wenn es am schönsten ist.

Mit zwei grandiosen Folgen machte man den Fans den Abschied schwer: Erst hatte es Schotty mit einem Mann im Wachkoma zu tun, mit dem er erst nicht klar kommt. Aber nach einer Sturz befindet er sich plötzlich im Kopf des Mannes wieder. In der zweiten Folge hat im Büro-Hochhaus keiner eine Aufgabe für ihn, dafür trifft er auf diverse Bekannte und plötzlich auf eine Frau, die ihm sagt, es sei Aus. Er kann es nicht fassen, aber sie verstößt ihn, und Schotty rast mit dem Fahrstuhl nach unten. Weg.
Ein echt surreales Ende für eine ungewöhnliche Serie, die zwar zum Kult geworden ist, aber dennoch immer ein wenig im NDR-Drittes-Programm-Schatten stand. Der Titel “Einunddreißig” war nicht nur eine gesuchte Zimmernummer, sondern auch eben Folge 31.

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Unsere Geschichte: Der Flugzeugabsturz von 1986 und die Stasi

Freitag, den 21. Dezember 2018
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MO 17.12.2018 | 22.00 Uhr | NDR

Es sind noch längst nicht alle Geschichten über die DDR erzählt. Über diesen Staat, seine Überwachungsmethoden und die Art, mit Katastrophen umzugehen.
Davon erzählte am Montagabend “Unsere Geschichte” im NDR. Aufgerollt wurde ein Flugzeugabsturz im Dezember 1986 in Bohnsdorf bei Schönefeld.
Die Katastrophe fand zwar den Weg in die “Aktuelle Kamera”, aber dennoch passte so ein Unglück ganz und gar nicht zum Selbstverständnis des sozialistischen Staates.

In der NDR-Doku ist das sehr anschaulich und berührend dargestellt worden. Plötzlich standen die Menschen im Fokus der Stasi, die in Schwerin mit ihnen zu tun hatten. In Schwerin wurde fast eine komplette Schulklasse ausgelöscht.
Anteilnahme? Kannte die Stasi nicht. Trauer in der Schule? Nicht gestattet. Stattdessen: weitermachen.
Trauerfeier? Ja, aber ohne die trauernden Schüler. Weil das Westfernsehen da war und Emotionen nicht gewollt waren, wurden einfach Jugendlicher anderer Schulen dazugeholt. Fast wären die Trauernden nicht mal auf den Friedhof gekommen. Angehörige wurden bespitzelt, weil man drängende Nachfragen befürchtete.

Auch an solchen Filmen zeigt sich, was für ein Staat die DDR war. Einer in dem eher Misstrauen gegenüber den eigenen Leuten herrschte. Wo nur die perfekte Außenwirkung zählte und nicht das, was in den Menschen vorging.
Gut, dass es die Doku gibt.

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Die Nordreportage: Schöne Bescherung – Paketprofis im Weihnachtsstress

Donnerstag, den 20. Dezember 2018
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MO 17.12.2018 | 18.15 Uhr | NDR

Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit ist in den Facebook-Foren das Gemotze groß: Wo bleibt der Paketzusteller? Warum ist das Paket immer noch nicht da? Wieso konnte nicht zugestellt, obwohl der Empfänger zu Hause war? Und überhaupt: Was sind diese Zusteller eigentlich für Flachpfeifen?
Ja, so wird sehr oft geredet über die Zustelldienste. Aber so ist das mit der persönlichen Gemütlichkeit. Man will nicht mehr in die Läden, und dann regt man sich auf, wenn die Gemütlich durch Nichtzustellung oder eine verspätete Zustellung durchbrochen wird.
Da könnte ja mal eine Reportage zeigen, was denn die Zustelldienste so alles zu tun zu haben und wie es denn kommt. dass es Fehler und Unmut gibt.

Der NDR hat sich stattdessen entschieden, eine Ziemlich-heile-Welt-Doku zu zeigen. “Die Nordreportage: Schöne Bescherung – Paketprofis im Weihnachtsstress” zeigte einen DHL-Fahrer, der seinen Job liebt. Immer gut gelaunt fährt er durch Hildesheim, alles ist schick, wenn auch stressig. Alle finden ihn gut, wirkliche Probleme hat er nicht. Ach ja, und natürlich wird er nach Tarif bezahlt. Alles dufte.
Oder im Postladen in Hannover. Ja, da müssen die Leute ein wenig länger anstehen, und die Pakete treffen verspätet ein, aber eigentlich ist alles gut und erträglich. Total dufte.
Oder bei Amazon in Winsen/Luhr. Die im Film gezeigte Mitarbeiterin liebt ihren Beruf, Stress hat sie eigentlich auch nicht, sie liebt das, was sie macht, und die anderen Mitarbeiter sind auch total gut drauf. Alles so richtig dufte, und warum bei Amazon gestreikt wird – tja, keine Ahnung.

Der NDR hätte die Chance gehabt, mal zu zeigen, wie mies der Job auch sein kann. Wie mies bezahlt Angestellt von Subunternehmern bezahlt werden, was sie für einen Stress haben, wie sie am Rande ihrer Möglichkeiten sind. Aber nein, das wollte man keinem zumuten, ein bisschen kritische Berichterstattung war einfach nicht drin.
Eine echt schöne Bescherung. Ja, wirklich sehr schön. Die ziemlich heile Postwelt des NDR.

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